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1. Auf dem Weg zu einer ganzheitlichen Philosophie

Zeit ist Sein und Sein
Zeit, ist alles eine Sache,
das Leuchten, das Sehen,
die Dunkelheit im Überfluss.

Ursula K. Le Guin

STTWJean Gebser (1905-1973) war ein deutsch-schweizerischer Kulturphilosoph, intellektueller Mystiker, Dichter und Gelehrter der Evolution des Bewusstseins. Viele kennen ihn im englischsprachigen Raum für seinen meisterhaften Text Ursprung und Gegenwart (1949-1952), ein riesiger Band, der Kunst, Sprache und Menschheitsgeschichte mit viel Liebe zum Detail umspannt. Obwohl vielleicht weniger bekannt als C. G. Jung, Erich von Neumann (Ursprungsgeschichte des Bewusstseins), Pierre Teilhard (Der Mensch im Kosmos) oder Sri Aurobindo Ghose (Das göttliche Leben), bietet Gebser dennoch immense Einblicke in die Evolution des Bewusstseins für Wissenschaftler und Studenten gleichermaßen. In der Mitte des 20sten Jahrhundert lebend betrachtete Gebser seine Zeit, die wohl auch unsere ist, als eine durch Krisen ausgelöste Zeit enormer Potenzierung. Und die Möglichkeit einer Lösung in der Auflösung und der latenten spirituellen Mutation in der Menschheit, die auf eine Verwirklichung hinarbeitet. Dieses beginnende integrale Zeitalter – den Begriff der ‚integrale Aperspektivität‘ werde ich in diesem Band vorzustellen und dem Leser zu vermitteln suchen – ist nichts anderes als ein Sprung aus der Zivilisation, wie wir sie kennen (zu was, wissen wir noch nicht). Es ist ein für uns unergründliches, aber notwendiges Zeitalter, in Bezug auf das Gebser meint, dass hier ‚der geteilte Mensch durch den ganzen Menschen ersetzt wird‘. Der Schlüssel zum Verständnis dieses Sprungs ist nicht nur das intellektuelle Verständnis allein, sondern eine Form der spirituellen Klarheit, eine Anerkennung der Ganzheit, eine Warnung vor Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zu Beginn ist das Integral eine Intensivierung der ursprünglichen Präsenz im Menschen.

Im rollenden Donner der immanenten Gegenwart ist alles, was wir sind, alles, was wir waren und was wir sein könnten, stets radikal bei uns.

Die Zeit ist ganz und deshalb bist auch du ganz.

Obwohl Gebser Anfang der 1930er Jahre in einem ‚leuchtenden‘ Geistesblitz dazu kam, musste seine integrale Einsicht durch viele Jahre der Reifung und des persönlichen Wachstums sorgfältig artikuliert werden. Was als Beschreibung der gegenwärtigen Mutation begann – nach dem Zusammenbruch Europas mit dem Ausbruch des Faschismus und zwei Weltkriegen, sowie der gleichzeitigen Verheißung einer neuen Bewusstseinsform, die sich in der Poesie von Rainer Maria Rilke oder der nach-newton´schen Wissenschaft der Quantenphysik ausdrückte –, erweiterte sich um die Studie über andere epochale Veränderungen in der Menschheitsgeschichte. Zum Beispiel: Der Sprung von der mythischen zur mentalen Struktur am Beispiel von Sokrates im antiken Griechenland (Marshall McLuhan, jener Medientheoretiker, der für das Diktum „das Medium ist die Botschaft‘ bekannt ist, wurde mit Gebser verglichen, und hatte ähnliche Schlussfolgerungen über einen Sprung in ‚Sinnesverhältnissen‘ durch das Aufkommen der griechischen Schrift und der Schriftsysteme gezogen). Gebser würde diese qualitativ unterschiedlichen Welträume, die nicht weniger real sind als unsere eigenen, mit phänomenologisch einzigartigen Beziehungen zu Zeit und Raum als die Strukturen des Bewusstseins beschreiben. Dies sind kurz gesagt die archaischen, magischen, mythischen, mentalen und integralen Strukturen – wobei jede eine grundlegende Erweiterung dessen darstellt, was es bedeutet, in der Welt zu sein, und was die Welt für uns ontologisch (das heißt, in der Philosophie, eine Studie über die Natur des Seins) ist. Die Strukturen sind nicht nur kategorisch (d.h. wie etwa im Strukturalismus von Claude Lévi-Strauss und den Sozialwissenschaften), sie sind lebendige Realitäten, die in sich selbst unmittelbar fassbar sind. Tatsächlich ist eine der Voraussetzungen für das integrale Bewusstsein Gebsers die gelebte Erfahrung der Konkretisierung, d.h. das Bewusstsein, dass sich die bisherigen Strukturen sehr lebendig, wenn auch latent, in der Gegenwart befinden. Wie William Faulkner im Requiem für eine Nonne bemerkte: „Die Vergangenheit ist niemals tot, sie ist nicht einmal vergangen.“

Gebsers Strukturen bieten uns ein weites Bild der Menschheit: vom Ereignishorizont der Hominisation im Archaischen zu den vitalistischen Träumen und Verweben paläolithischer Höhlenmalereien von Chauvet und Lascaux des Magischen, zu der Kathedrale von Chartres und der himmlischen, eingehüllten Kosmologie des Mythischen, bis hin zur entstehenden räumlichen und messbaren Wachwelt des Mentalen. Man beachten jedoch, dass der Traumzustand und der Wachzustand einander weder unterlegen noch überlegen sind, sondern Mitkonstituenten einer größeren Realität sind. Das Integrale, bei Gebser, wird mit Klarheit verglichen. Transparenz. Es gehört weder zum Tages- noch zum Dämmerungsverstand, sondern erreicht vielmehr ein klares Durchschauen dieser Welten, da sie unerschöpfliche Aspekte des Realen, des spirituell-geistigen Ursprungs, widerspiegeln.

Was ist der Ursprung für Gebser? Das deutsche Wort ‚Ursprung‘, wie der verstorbene Yogalehrer und Gebser-Biograph Georg Feuerstein feststellte, bedeutet wörtlich ‚der erste Sprung‘: Gebser ist hier manchmal schwer fassbar und versucht, sowohl symbolisch mythische als auch präzise, rationale Sprache zu vermeiden (es ist weder das mythische Bild eines ‚Ur-Funkens‘ noch das mentale, hegelsche ‚Sein‘). Ursprung ist weder zeitgebunden noch raumgebunden, sondern der Urheber oder die Quelle von allem, was an Zeit und Raum gebunden ist. „Wir könnten sagen, es ist reine Präsenz“, schreibt Feuerstein. Gebser hat den Ursprung auch als das ‚an sich‘ oder ‚das, was alles durchdringt oder durchleuchtet‘, bezeichnet. Feuerstein findet seine Entsprechung im ‚Überbewusstsein‘ des Hinduismus. „Für die erleuchteten Wesen des Hinduismus ist Atman, das richtig als das ‚an sich‘ wiedergegeben werden kann, ein makelloses Bewusstsein oder der ‚Zeuge‘, nach ihrem Zeugnis ist dieser Zeuge völlig unspezifisch, transpersonell, absolut.“ Das Integral ist also eine Aktualisierung dieser ursprünglichen Präsenz im menschlichen Bewusstsein – ein Gewahrwerden – und die Integration aller bisherigen Strukturen. Wir könnten auch feststellen, dass Bewusstsein für Gebser die Fähigkeit des Menschen ist, diese Strukturen zu integrieren, die letztlich nicht auf die Synthesefähigkeiten des Mentalen, sondern auf die ursprüngliche spirituelle Präsenz zurückzuführen ist – daher die Notwendigkeit einer Intensivierung der Präsenz als Vorläufer ihrer Integration und Verwirklichung.

Das integrale Milieu

Die Leserinnen und Leser von Ursprung und Gegenwart werden sofort die große Sorgfalt spüren, die der ästhetischen Gestaltung bestimmter Kunstwerke innewohnt: eine paläolithische Maske ohne Mund und was wir daraus über die auditive Umgebung der magischen Struktur entnehmen können, zum Beispiel, oder was ein minoisches Fresko Bände über die Entstehung der Seele aussagt, oder sogar wie sich die Dimension der Zeit in einem Picasso-Bild verwirklicht. Diese Detailtreue ist zumindest teilweise auf Gebsers eigenen biographischen Kontext zurückzuführen. Letzteres war nicht nur ein Zufall: Er war in der Tat mit Pablo Picasso und vielen anderen Persönlichkeiten der damaligen Zeit befreundet. Dazu gehörten Federico Garcia Lorca und Werner Heisenberg, sowie Religionswissenschaftler und Psychologen wie C. G. Jung, Lama Anagarika Govinda und Daisetsu Teitaro Suzuki (letzterer bestätige Gebsers Satori-Erfahrung in Sarnath, Indien, auf die wir später in diesem Band näher eingehen werden). Er besuchte auch die berühmten Eranos-Vorträge in der Schweiz. Durch diese Korrespondenz und diese wissenschaftlichen Bekanntschaften schlug Gebser in seinem Werk unmittelbar vor Ursprung und Gegenwart, nämlich in Der grammatische Spiegel, erstmals die ‚drei europäischen Welten‘ des Unperspektivischen, Perspektivischen und Aperpektivischen vor. Diese drei Welten bieten einen breiteren Überblick über das kommende Gewahrwerden von Raum und Zeit, und diese Strukturen können uns konkretere Details bieten. Denken Sie zum Beispiel an die Transformation von der unperspektivischen mittelalterlichen Ikonographie zum perspektivischen Realismus in der Renaissance-Malerei (die in den folgenden Kapiteln näher erläutert wird). Darüber hinaus entdeckte Gebser später die ‚herausragenden‘ Werke von Teilhard und Aurobindo und hob ihre unabhängige Bestätigung des neuen Bewusstseins hervor. Sowohl Aurobindos Werk als auch sein eigenes würde den Begriff ‚integral‘ verwenden, obwohl Aurobindo dieses neue Bewusstsein als das Supramentale beschreiben würde. Wir können hier also ein aufkommendes integrales Milieu beobachten, das in der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts seinen Anfang nahm.

1985 und zwölf Jahre nach Gebsers Tod wurde Ursprung und Gegenwart durch die Kommunikationsprofessoren Algis Mickunas und Noel Barstad ins Englische übersetzt und erreichte in den Vereinigten Staaten die weitläufige Bewusstseinskultur. Ken Wilber, ein in Colorado ansässiger Philosoph, hat geholfen, die Philosophie des Integralen wiederzubeleben und enorm zu popularisieren und hatte dabei sogar Gebsers Terminologie (Magisch, Mythisch, Mental usw.) für seine eigene Integrale Theorie in Texten wie Halbzeit der Evolution, Das Atman Project und Eros, Kosmos, Logos übernommen. Was Gebser jedoch in all dem wohl einzigartig macht, ist sein besonders phänomenologischer Ansatz für das integrale Bewusstsein und die Strukturen – er ist nicht entwicklungsorientiert. Es ist auch kein Werk anspruchsvoller metatheoretischer Abstraktion. Tatsächlich wird Gebser in den meisten Fällen von Ursprung und Gegenwart immer wieder versuchen, den natürlichen Machenschaften des kategorischen Geistes zu entkommen. Ein Großteil der zeitgenössischen Studien zum Integralen hat sich, wie die Bereiche der transpersonalen Psychologie, überwiegend auf die Stufen-zentrierten Modelle der metatheoretischen und psychosozialen Entwicklung gestützt, um ein neues Bewusstsein zu beschreiben (wobei dieses Metadenken auf den höheren Ebenen dieser Modelle angesiedelt ist). Während ich diese zeitgenössischen Ansätze respektiere und meine, dass sie in persönlichen, therapeutischen und manchmal organisatorischen Umgebungen sehr hilfreich sind, spüre ich doch, dass es auch andere Modi gibt, um die Komplexität der kulturellen Evolution auszudrücken, ohne mit dem belastet zu werden, was Gebser als die Probleme der späten Phase der mentalen Struktur (der mentalen Rationalität) bezeichnen würde: ein räumlich fixiertes Bewusstsein, das seine Abläufe quantifiziert und schließlich die lebendige Realität in singuläre, totalisierende Karten festlegt. So etwas wie ein phänomenologischer Ansatz ist notwendig, ein Ansatz, der mit dem vergleichbar ist, was William Irwin Thompson und der Mathematiker Ralph Abraham als ‚komplex-dynamische Mentalität‘ oder Gebser als Aperspektivität beschreiben. Das heißt, eine Form des Denkens, die prozessorientiert und deskriptiv ist, die ununterbrochene Ströme des Werdens bewohnt und nicht segmentierte und lineare (oder sogar multi-lineare) Reifungen. Gebsers Methodik liegt irgendwo angrenzend an metatheoretischen Ansätzen wie der Integrale Theorie, die uns von Kritik und Reaktion weg und auf Anderssein zubewegt, neue Ausdrucksformen und neue Ausdrücke auf dem Gebiet der zeitgenössischen integralen Wissenschaft suchend. Wie Octavia Butler sagte: „Es gibt neue Sonnen.“

Es ist an der Zeit, die integrale Aperspektivität Gebsers für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts wiederzuerlangen. Es muss wiederholt werden, dass die Zeit Gebsers auch unsere Zeit ist. Er erkannte eine Krise in der Zivilisation, und in den Jahrzehnten, die ihm folgten, hat sich diese Krise nur noch verschärft. „Eine solche Reaktion, die Reaktion einer Mentalität, die auf einen Sturz zusteuert“, schreibt Gebser zu Beginn von Ursprung und Gegenwart, „ist nur zu typisch für den Menschen im Übergang.“ Dies spiegelt unsere eigenen Ängste am Ende des Zeitalters der fossilen Brennstoffe und zu Beginn einer jahrhundertelangen Epoche wider, die mit den planetarischen Folgen des Klimawandels konfrontiert ist. Wir müssen die Möglichkeit sowohl unseres Verderbens und unseres Werdens bezeugen, wenn wir unsere Zeit wirklich verstehen wollen. Wenn das integrale Milieu – das ein neues Morgen verspricht – irgendeine Bedeutung haben soll, um in diesem Zeitalter des Übergangs zu sprechen, muss es dies mit uns tun.

Wie ich klarstellen möchte, ist ein integraler aperspektivischer Ansatz eben ein Ansatz, bei dem wir mehr Raum für den Dialog mit den Entwicklungen postmoderner Philosophen wie Gilles Deleuze und Félix Guattari haben; um den Durationalismus (die Philosophie der Zeit) von Henri Bergson konkretisieren; um die Machenschaften der späten mentalen Strukturen im entlaufenen Spätkapitalismus zu durchschauen; um das Janus-Gesicht der chaos-dynamischen Systeme von Teilhards Planetisierung wahrzunehmen; oder sogar um die Transformationen in den Geisteswissenschaften durch die Transparenz von Objekten in objektorientierten Ontologien (OOO) oder dunklen Ökologien mit den zeitgenössischen Philosophen Graham Harman und Timothy Morton zu verstehen.

Die Zeit von Gebser ist, glaube ich, wieder einmal gekommen: um uns in Zeiten existenzieller und ökologischer Krisen zu helfen, an eine planetare Zukunft zu denken.

Oder, besser gesagt, um zu erkennen, wie die Zukunft uns bereits denkt.

Zeit-Freiheit oder aperspektivisches Werden

Ein integraler Ausdruck von Emergenz, Evolution und Transformation ohne ein lineares oder gar multi-lineares Modell fordert uns heraus, nach Öffnungen zu suchen, um den Linien in das Neue zu folgen. Mit einem Wort von Deleuze können wir sagen, dass wir unsere Denk- und Ausdrucksformen deterritorialisieren und uns von einer verknöcherten mentalen Bewusstseinsstruktur befreien müssen, die nicht der Aufgabe gewachsen ist, das Ganze zu erfassen. Diese neuen Aussagen müssen auf einen aperspektivischen Ausdruck des Vielfältigen, von den Sirenengesängen der Umrahmung[1] von Meta-Narrativen oder kluger Synthese entfernten Liedern hinarbeiten (tatsächlich sind ‚generalistische‘ Denkformen schwer zu erreichen, ohne dieser Tendenz zu erliegen, und wir Modernen sind immer für sie anfällig). Solche Ansätze können die Welt deshalb nicht beherrschen, weil sie selbst versagt haben. Die Welt kann jedenfalls nicht mit dem rationalen Verstand gemeistert werden.

Als er aus erster Hand von einigen der Gräueltaten des Europas des 20. Jahrhunderts Zeugnis ablegte, war Gebser verständlicherweise kritisch bezüglich großer Erzählungen, die sich um positivistische Rationalisierungen des Fortschritts drehten (ich vermute, dass er kein Fan von Steven Pinkers Buch ‚Gewalt‘ sein würde).[2] Wie Deleuze schreibt, „ist es nicht der Schlaf der Vernunft, der Monster hervorbringt, sondern Selbstjustiz und wahnsinnige Rationalität“.[3] Doch Gebsers tiefe spirituelle Einsicht – dass man sehen kann, wie das Bewusstseins über die Spanne der Geschichte etwas tut – hinderte ihn daran, sich ganz dem dekonstruktiven Milieu des Nachkriegseuropas zu ergeben. Gebser hat die Postmoderne mit ihrer Tendenz zur intellektuellen Fragmentierung intuitiv insofern vorrausgenommen, da er erkannte, dass das mentale Bewusstsein sich in seiner kranken und späten mangelhaften Form des Geistigen-Rationalen befand (Ratio bedeutet, natürlich: Teilen). Tatsächlich hatte der Kalte Krieg das Atomzeitalter eingeleitet, und der Abwurf der ersten Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki zeigte die verheerende Realität und die völlige Auflösung der räumlichen, atomisierten mentalen Welt selbst.

Was Gebser dann noch blieb, war, sich in die Zukunft zu lehnen und zu versuchen, für sie zu sprechen.

Dies ist die Form der Integralität, die ausgedrückt werden muss: Wenn die mentale Welt von der Verwirklichung des Raumes abhängt, ist die integrale aperspektivische Welt in der Lage, die Zeit in ihren vielfältigen Formen zu verwirklichen – dem Auftreten der Zeit, siderischer Zeit, Zeitlosigkeit, Dauer, Uhrzeit, rhythmischer Zeit usw. in die Erkenntnis, dass Zeit gleichbedeutend mit Ursprung ist. Zeit ist Zeit-Freiheit. Und wie kann das sein? Der stets gegenwärtige Ursprung ist nicht vom Werden, von Zeitformen getrennt, sondern produziert sie und begründet sie und ist ihnen radikal immanent. „Wir werden nicht nur von heute und gestern, sondern auch vom morgen geformt“, schreibt Gebser.[4] Die Toten sprechen und auch die Kinder unserer Kinder – beide sind in uns verborgen. Vergangenheit und Zukunft spielen in der Gegenwart eine große Rolle. „Der Ursprung ist immer präsent … er ist immer präsent, eine Leistung voller Integration und ständiger Erneuerung“.[5] Und wie wäre es, so zu leben? Um es in gewisser Weise in uns selbst zu verwirklichen? Diese Erkenntnis der Zeit-Freiheit entspricht dem Streben des integralen Menschen: der Ich-Freiheit. Diese Aussagen implizieren weder eine Ablehnung der Zeit noch des Egos. Diese müssen erhalten bleiben. Durchdrungen von einer Diaphanie hören sie auf, zu Fixierungen zu werden und verwandeln sich in Öffnungen und Weiten. Nur ein integraler Mensch, der das Ganze in sich aufgenommen hat, ist in der Lage, seine eigene Fragmentierung zu überwinden und von der planetarischen Krise zum planetarischen Bewusstsein zu gelangen. Das ist unsere individuelle und kollektive Aufgabe.

Der integrale aperspektivische Ansatz – der kein totalisierender oder orientierenden Ansatz ist, weil er öffnet – reagiert auf die Fixierung durch Irruption, macht die Versteifung durch Befreiung rückgängig (und nicht nur durch Bruch oder Ratio), erlöst verengte Selbstwahrnehmung in dem Abyss. Doch der Schrecken des Abyss ist auch ein Himmel – leuchtende Leere – für den integralen Menschen. Das aperspektivische ist immanent und ist daher eine Philosophie der Zukunft: den Netzwerken der zukünftigen verteilten Planetisierung. Das Integrale passt zum Konzept des Rhizoms in Deleuze und Guattaris Tausend Plateaus: auf immanente Weise ist das aperspektivische Rhizom unerschöpflich, und so springt es hervor, hebt die Grenzen von Nah und Fern und von gestern und morgen auf, und erfüllt sie doch kreativ, aktualisiert die Bedürfnisse der Gegenwart, ohne in der Segmentierung der Uhrzeit eingefroren zu werden. Das ist, was man als integralen Futurismus bezeichnen könnte (das ist nicht Gebsers Terminologie, sondern meine eigene).

Ein integraler Futurismus wird von einem mangelhaften mental-rationalen Futurismus befreit, der nur zeitgebunden sein kann, von perspektivischer Linearität erfasst wird und eine hohe Geschwindigkeit und Komplexität erreichen muss, um dem Zeitfaktor zu entkommen und ihn zu meistern. Dies drückt sich in dem dromologischen Bild von Paul Virilios Beschleunigungsvektor aus, einem Vehikel, das in den perspektivischen Horizont eindringt; denken Sie an die ikonische Motorradverfolgungsjagd in Katsuhiro Otomos Film Akira aus dem Jahr 1988. Ein integraler Futurismus ist ein Sprechen von der aperspektivischen Verwirklichung der Ganzheit der Zeit; er muss von der Anerkennung des multidimensionalen Ansatzes durchdrungen sein, in dem das Morgen nicht nur Fantasie oder Projektion, sondern eine spürbare Latenzzeit ist.

Die Zukunft muss noch gesprochen werden, und so wird in unserer Zeit, die wir heute Anthropozän nennen – wo Menschen Einfluss auf die geologische Aufzeichnung der Tiefenzeit mit unseren fossilen Brennstoffen haben – die Zivilisation zerstört und unsere Auflösung zu einer anderen Sache. Wir sind das, was der Ökophilosoph Tim Morton als ‚Hyperobjekt‘ beschreibt, verstrickt in ein Netz von Zusammenhängen zwischen der Summe der menschlichen Aktivitäten und dem Klima des Planeten Erde.[6] Der Mensch wird unmenschlich; Städte werden eins mit den Stürmen, die auf sie einwirken. Unterscheidungen schmelzen im Morgengrauen von Teilhards Planetisierung.

Das ist die aperspektivische Welt, vor der uns Gebser gewarnt hat. Die neue Mutation – morgen – ist bereits da. (Buchauszug Jeremy Johnson)

2. Ein katalytisches Lesen

Ursprung und Gegenwart in einem kurzen Band zusammenzufassen ist keine leichte Aufgabe. Es kann nur eine Destillation – eine Tinktur – des viel größeren Textes sein. Dieses Buch kann dem Leser helfen, der sich nicht sicher ist, was er von dem dichten, sorgfältigen und germanischen Stil halten soll, der einen Großteil von Gebsers Schreiben ausmacht. Um das Ganze zu analysieren, sozusagen. Obwohl das Buch eines zutiefst poetischen und spirituellen Ausdrucks fähig ist, ist es nicht leicht zu verdauen (und wohl auch nicht dazu bestimmt). Man könnte sogar argumentieren, dass Ursprung und Gegenwart dazu neigt, eine direkte Begegnung im Leser zu erzeugen. Wie ich mit anderen Gebserianern diskutiert habe, ist es die Art von Buch, die eine Form der katalytischen oder psychoaktive Literatur par excellence darstellt: eine Weise, die beim Leser einen verstärkten Bewusstseinszustand hervorruft.

Der Schlüssel, denke ich, ist eine Leseweise, die provoziert; ein Wechsel von einem Beobachter entfernter mentaler Kategorien zu einem Teilnehmer an gelebten Realitäten. Diese Verletzlichkeit des Textes bietet eine Öffnung, einen Raum, um die Strukturen in uns zu konkretisieren. „Sicherlich“, schreibt Gebser, „bedarf dies der Zusammenarbeit; deshalb ist das Buch so geschrieben, dass eine gewisse Beteiligung des Lesers erforderlich ist.“ Die Strukturen von Gebser, wie Jungs ‚Realität der Psyche‘, sollten in Ihnen etwas bewegen. Sie finden dort etwas, das bereits vorhanden und endlich erkannt ist.

Stets weist Gebser in seinem Werk auf die nichtkonzeptionelle, oder besser gesagt, a-rationale Herkunftsbehauptung hin: „Wir nehmen jeden Moment unseres Lebens an den ursprünglichen Kräften einer letztlich spirituellen Natur teil“, schreibt er.

Ich hoffe, dass die folgenden Kapitel eine faire Zusammenfassung und Einführung in die wichtigsten Konzepte in Gebsers Werk bieten – die unperspektivische, perspektivische und aperspektivische Welt – und ein gutes Verständnis für den Prozess, durch den sich die Strukturen des Bewusstseins in uns selbst verwirklichen.

[1] Siehe Martin Heideggers Essay von 1954, ‚Die Frage nach der Technik‘. Dieser Aufsatz stellt fest, dass die Art und Weise, wie wir die Welt heute sehen, eine gewalttätige ‚Umrahmung‘ der Natur ist, die die Ressourcen, die wir von ihr verlangen, in einem ‚stehenden Reservat‘ ‚herausfordert‘. Aber diese Form des Denkens entfernt uns tatsächlich aus einer Begegnung mit der Welt - wir sehen sie, wie man einen Supermarkt sehen könnte; gefüllte Regale. Das Wahre entzieht sich uns. Dies steht einer Poesis gegenüber, einem schöpferischen Akt mit der Welt, der es der Welt erlaubt, uns einen Aspekt von sich selbst zu offenbaren - obwohl uns kein Objekt jemals ganz offenbart werden kann. Es ist uns immer verschlossen.

[2] John Gray, Steven Pinker is wrong about violence and war, The Guardian: https://www.theguardian.com/books/2015/mar/13/ john-gray-steven-pinker-wrong-violence-war-declining

[3] Gilles Deleuze und Félix Guattari, Anti-Ödipus: Kapitalismus und Schizophrenie (Minneapolis: University of Minnesota Press, 1983), 70.

[4] Gebser, Ursprung und Gegenwart, 7.

[5] Ebenda, xxvii.

[6] Siehe Timothy Mortons Hyperobjects: Philosophy and Ecology after the End of the World (Minneapolis: University of Minnesota Press, 2013), 128. „Der historische Moment, in dem Hyperobjekte für den Menschen sichtbar werden, ist gekommen. Diese Sichtbarkeit verändert alles … Dies ist eine bedeutsame Epoche, in der wir das erreichen, was manchmal als ökologisches Bewusstsein bezeichnet wird … ein detailliertes und wachsendes Bewusstsein für die unzähligen Zusammenhänge zwischen Lebensformen und zwischen Leben und Nicht-Leben …Was es bedeutet, ist, dass je mehr wir über die Verbindung wissen, desto mehr ist es unmöglich, ein Wesen zu bestimmen, das jenseits oder hinter den miteinander verbundenen Wesen existiert …“ Es wird deutlich, dass Mortons Hyperobjekt ein aperspektivisches Konzept ist.

 

 

 

Tom Amarque im Gespräch mit Jeremy Johnson (Podcast in englischer Sprache):

Jeremy Johnson (Jean Gebser and Integral Consciousness)

Johnson JeremyJeremy D Johnson, MA is an author, editor, integral scholar, teacher and podcaster. He has worked as a staff editor for Reality Sandwich magazine, and contributed to publications such as OMNI, Disinfo, Evolve and Ascend, Conscious Lifestyle Magazine, and Evolve Magazine. He is the host of the Mutations-Podcast and author of the fantastic book ‘Seeing Through the World: Jean Gebser and Integral Consciousness ‘
We had a fascinating and in-depth conversation on Gebsers notion of integral consciousness, how it differs from Wilbers view, about modells of linear progess vs non-linear mutations, and about the transcendence of left-right ideologies, and so much more. Enjoy.

 

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