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Tom Amarque

Vorwort

W a s ist Spiritualität? Diese Frage, obwohl sie zunächst einfach zu beantworten scheint, wirft einige Schwierigkeiten auf. Wissen wir wirklich, was wir damit meinen, wenn wir von Spiritualität sprechen? Als ein Sammelsurium von Weltanschauungen und Praktiken unter dem Banner der S e l b s t t r a n s z e n d e n z scheint sie sich einer gewissen Klarheit zu entziehen. Was ist es genau, dieses spirituelle Leben? Ist es eine Art lebensweltlicher Bricolage, sowohl konzeptionell als auch in Ausübung, oder ist da gewisse geheime Architektur oder auch eine Ganzheit, die das Spirituelle zu etwas denkwürdigem, womöglich zu etwas essenziellem der menschlichen Natur erhebt. Ist sie vielleicht mehr als die Summe seiner aus allen Teilen der Welt zusammengewürfelten Teile? Können wir überhaupt von der Spiritualität sprechen, als einem Ding an sich, als etwas, das über Struktur und Form verfügt, dass sich über bestimmte Kommunikationen und Praktiken stabilisiert und andere dabei ausgrenzt? – so wie sich auch die Wissenschaft über Methoden zur Ermittlung von Tatsachen und der Kommunikation über Wahrheit und Falschheit von anderen Domänen des Lebens abgrenzt.

Ist da, noch einmal anders formuliert, ein größerer Sinn der Spiritualität erkennbar, und damit, ihr innewohnend, eine generelle Richtung, ein T e l o s, ein allgemeines Ziel, ja, eine Weise des Seins, gar eine allgemeine Praxis? Wenn ja, müsste dies bedeuten, dass sie, wie etwa die Wissenschaft oder Wirtschaft auch, in einem wechselseitigen Bezug mit allen anderen Bereichen des Lebens steht. Mehr noch, unser Menschsein, sowohl psychologisch als auch kulturell, müsste eng mit der Spiritualität verflochten sein, und das alltägliche Leben müsste durch sie nutznießen. Die Wissenschaft erhält u.a. auch ihre Legitimation, indem sie den praktischen Nutzen ihrer Arbeit Gesellschaft als solches zur Verfügung stellt und kulturell anschlussfähig ist. Können wir einen ähnlichen Anspruch für die Spiritualität wagen? Ist die Spiritualität etwas, was nicht nur einer internen Dynamik folgt, sondern auch in einen kulturellen Gesamtzusammenhang eingebettet werden kann?

Womöglich – und ich bin Anhänger der piaget´schen Idee – wissen wir noch gar nicht, was die Spiritualität ist, oder was sie sein kann. Hatte Jean Piaget, dieser große Seelenkundige, nicht gezeigt, dass wir gewisse Dinge erst ausleben müssen, b e v o r wir sie verstehen? Spielt nicht etwa ein Kind, bevor es die Regeln des Spiels beschreiben kann? Müssen wir nicht träumen, bevor wir den Traum analysieren und verstehen können? Folgt der Säugling nicht seinen biologisch mitgegebenen Instinkten, bevor es Konzepte und Vorstellungen über sein Verhalten entwickeln kann? Handeln wir nicht häufig und verstehen erst später – gerade weil wir gehandelt haben – unsere Motive? Es sind die Iterationen einer Sache, diese wiederholten Anwendungen des gleichen Prozesses, die seine Form nach und nach klärt, seine Kanten schärft und seinen Sinn enthüllt. Was Piaget und andere zeigten war, dass wir durch diese sich wiederholenden und sich entwickelnden Verhaltensiterationen gehen müssen, um nach und nach uns und die Welt zu verstehen. Und wir wissen dies auch aus der frühen Psycho-Analyse: Das, was noch im Unterbewusstsein verweilt, weil es noch nicht bewusst gemacht wurde, wird unser Leben auf subtile Weise kontrollieren und bestimmen. Es ist dieselbe Idee.

In der Tat, warum sollte es sich mit kulturellen Phänomenen anders verhalten? Was für die Psyche gilt, muss auch für die Kultur gelten. Müssen wir nicht durch die mannigfaltigen Erscheinungsformen des Spirituellen gehen – den schamanischen, religiösen, mystischen, esoterischen Formen –, um zu erkennen, was ihr eigentlicher Sinn ist? Womöglich hat sich die Spiritualität bislang tatsächlich nur in Fragmenten gezeigt, danach drängend, als Ganzes verstanden zu werden und über ihre eigene zerfasernde Form hinauszuwachsen, um ihren Sinn und ihren Telos zu enthüllen. D i e s soll unser Ausgangspunkt sein; ich werde es wiederholt erwähnen, damit es nicht in Vergessenheit gerät: Womöglich träumten wir in den letzten Millennien die Spiritualität, betrachteten sie fragmentarisch, ohne sie richtig zu verstehen, so wie sich ein Traum auch manchmal einer klaren Deutung entzieht. Womöglich waren wir in ihren Symbolismen und kulturellen Ausformungen gefangen. Vielleicht offenbart sie ihren Kern erst jetzt, nachdem alle archaischen, vormodernen, modernen und postmodernen Iterationen durchgespielt wurden, und alle religiösen Formen ihr Ende gefunden haben. Vielleicht können wir erst jetzt sehen, was es ist, was sie ermöglicht. Sogar die Philosophia Perennis, einen gemeinsamen Ursprung der Weisheit postulierend, konnte sie noch nicht klar erkennen, legte sie ihr Augenmerk auf metaphysische Zusammenhänge und kulturelle Gemeinsamkeiten und nicht grundlegend biologische – oder allgemeiner: existenzielle – Bedingungen und kognitive Architekturen.

Denn erweitert man experimentell den Zeithorizont und betrachtet alle historischen Formen von den frühmenschlichen Begräbnisriten über die archaischen Formen des Schamanismus, hin zu den mesopotamischen, ägyptischen und griechischen und östlichen Kulten zu den großen Weltreligionen und Traditionen, dem Christentum, dem Hinduismus und Buddhismus, hin zur Alchemie, dem Hermetismus hin zu der Lebensreform und dem New Age als Iterationen dieser einen und derselben Grund-Bedingung, so muss man fragen: Was ist es eigentlich, was sich hier ausdrücken und gewusst werden will? Was ist es eigentlich, das iteriert, was ist sein Kern, sein Motiv, sein Sinn? Können wir vielleicht etwas über die menschliche Natur und das menschliche Bewusstsein verstehen, wenn wir all diesen Ansatz wählen?

In diesem Zusammenhang muss gesagt werden, dass eine erste Konsequenz dieses Ansatzes wäre, deutlich zu machen, dass ich mich verweigere, in Bezug auf all die erwähnten kulturellen Phänomene oder Strömungen als religiöse Phänomene zu sprechen, wie es zuweilen getan wird. Nicht nur, weil der ursprüngliche lateinische Begriff religio im Kontext der quasi-spirituellen Gesamthistorie von mindestens dreihunderttausend Jahren des Menschen ein relativ junger Begriff ist; nicht nur, weil er sich bis heute einer eindeutigen Definition entzieht; nicht nur, weil eben dieser Begriff schon bald scheitern sollte, östliche Traditionen und Weisheitslehren angemessen zu erfassen; nicht nur, weil eine zugeschriebene Hinwendung, Bindung oder auch Abhängigkeit von einem vorausgesetzten Gott nicht notwendiger Teil aller prä- und auch postmodernen Formen des Spirituellen war; – sondern auch und vor allem, weil gewisse geistig-‚spirituelle‘ Phänomene überlebt haben, während ihre mythologischen und ihre religiösen Aspekte längst gefallen sind, oder explizit von dem bedeutendsten Philosophen der Neuzeit schlicht umgebracht wurden. Überdies: Was auch immer ein Gott heute sein soll, so verletzt doch jedwede Anbiederung an ihn als Entität schon unser Ehrgefühl. Der Turm – das Gotteshaus selber – ist tatsächlich gefallen, wie vom Christentum vorausgesagt. Und nicht nur in diesem Fall hat die christliche Geschichte ihr eigenes Ende vorausgesehen – oder hat, wie im Falle der Wissenschaft: e x p l i z i t darauf hingearbeitet, entstand doch das rational-empirische Denken durch die Arbeit religiöser Hände. Und dennoch stehen wir trotz allem und in bemerkenswerter Weise nicht mit leeren Händen da.

Doch dies soll kein Abgesang auf zweitausend Jahre christlicher Kulturgeschichte sein. Ganz im Gegenteil können wir womöglich – so glaube ich! – das Wesen des Spirituellen besser verstehen, wenn wir uns dem Religiösen erneut zuwenden, unsere automatische Aversion überwinden, die Tugenden integrieren und prämodernen und prärationalen Irrtümer ablegen, um ihren wahren Gehalt – womit ich meine: ethischen und erzählerischen Gehalt – zu würdigen. Gerade das Christentum hat sich ja eh nur wenig mit wirklich metaphysischen Fragestellungen beschäftigt; die Frage etwa, was ein Gott sei oder woher er kommt, bleibt im Buch der Bücher interessanterweise ungeklärt. Es ist dabei ja nicht nur die christliche Moral, die wir im Westen heute ausnahmslos internalisiert haben. Wir müssen unseren Blick erneut auf die Tatsache richten, dass die narrative Geschichtsstruktur der Bibel mehr denn je etwas über unser alltägliches Leben aussagt. Dein Mann, deine Frau hat dich verlassen: du hast den Fall aus dem Paradies noch nicht verstanden! Verzweifelst du am Leben, der Erfolg wird dir versagt – so lese erneut die Geschichte von Kain und Abel! Die Bedeutung dieser Geschichten muss gerade im Zeitalter der Psychologie einer neuen Einschätzung unterworfen werden. Wir wissen: Wir leben durch Narrationen und Geschichten, ohne diese ergäbe unser Leben buchstäblich keinen Sinn. Haben die postmodernen Denker erkannt, dass es unendlich viele Interpretationen und Sichtweisen gibt, so hilft uns diese Mannigfaltigkeit nicht, unser Leben zu leben. Wir benötigen konkrete Geschichten, die wir in Handlung reproduzieren, variieren und neu erleben können. Und in dieser Hinsicht ergeben die biblischen Geschichten ebenso Sinn wie die Heldenmythen der griechischen Sagenwelt oder die Grimm´schen Märchen, die wir – warum wohl? – immer und immer wieder unseren Kindern vorlesen. Wer niemals die Faszination von Kindern studiert hat, mit der sie ein und dieselbe Geschichte immer und immer wieder in sich aufnehmen, kann auch nicht die psychologische Bedeutung biblischer Geschichten verstehen.

Es ist damit klar, in welche Richtung diese Überlegungen gehen sollen. Wir wollen uns von allem metaphysischen Ballast, jeder esoterisch-schwammigen, jeder allzu spekulativen Vorannahme befreien und das Problem der Spiritualität vom Standpunkt des Bewusstseins und der Evolution selber angehen. Wir stoßen dabei schnell auf jenes Hauptproblem, mit dem die zeitgenössische Spiritualität im Grunde seit ihrem ersten – sollte ich sagen: spät-modernen? – Auftauchen im 19ten Jahrhundert und dann besonders mit ihrem Erstarken während der Kulturrevolution der 60er zu kämpfen hatte, und zwar nämlich ihrer vollkommenen I n k o h ä r e n z, sowohl was ihr Programm als auch ihre Methode angeht. Denn was will diese zeitgenössische Spiritualität eigentlich? Geht es um den Pfad der Selbst-Disziplinierung und Mäßigung oder darum, voll im ‚Hier und Jetzt‘ zu sein? – zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze, die sich bei genauerer Betrachtung gegenseitig ausschließen. Geht es darum, mitfühlend oder radikal ehrlich zu sein? Eine schwierige Frage, denn der radikal ehrliche Selbstausdruck ist nämlich zuweilen alles andere als mitfühlend. Oder geht es darum, Entwicklungsstufen zu erklimmen oder Energiearbeit zu machen? Geht es um ‚Heilung‘ oder um ‚Erleuchtung‘? Wir wollen hier noch nicht einmal die Kontroversen berühren, die einen Begriff wie dem der Erleuchtung anhaften. Dreht sich Spiritualität darum, das Individuum in seiner Auseinandersetzung mit der Welt zu stärken, oder geht darum, in eine Art von Kollektivbewusstsein einzutauchen? Geht es um Glück oder darum, die Stärke zu gewinnen, das Leid unserer Existenz ertragen zu können?

Es scheint fast, diese D i f f u s i v i t ä t der Spiritualität schreckt nicht nur nicht die Menschen ab, sondern macht ein Großteil ihrer Attraktivität aus. Spiritualität scheint zu sein, was man aus ihr machen kann. Es gibt kein einheitliches Programm, keine verifizierten Methoden, kein klar deutbares Ziel. Ob nun Shakti-Pooja, Reiki oder Tantra-Seife, alles scheint dazuzugehören. Es ist kein Telos sichtbar, etwas, über das die anderen institutionalisierten einzelnen Gesellschaftssysteme, wie Luhmann gezeigt hat, durchaus verfügen. In der Tat treten als Konsequenz dieser strukturellen Inkohärenz – oder sollte man sagen: wegen dieses funktionellen Vakuums – seltsame Trugschlüsse oder Irrtümer zutage, die einen Großteil des spirituellen Lebens zu durchdringen scheinen. Wir werden uns mit diesen Trugschlüssen und Pathologien im dritten Kapitel beschäftigen; ebenso dort mit dem Versuch, den Nährboden zu untersuchen, aufgrund dessen diese Irrtümer überhaupt entstehen konnten, und welche Konsequenzen wir deshalb zu tragen haben. Wie wir sehen werden ist diese Inkohärenz mitsamt ihren Irrtümern vor allem eines: l e b e n s f e i n d l i c h, und stört so vehement die Entwicklung von Psyche und Kultur.

Tatsächlich muss, und auf diese These werden wir auch mehrfach zurückkommen, diese Inkohärenz mit denen ihr verbundenen Irrtümern automatisch auftauchen, sofern die Spiritualität durch ihre spät- oder postmoderne Iteration hindurchgeht. Die hier aufzuwerfende Frage ist dann, ob dies eine angemessene Deutung des Phänomens des spirituellen Lebens an sich ist, oder ob in der Spiritualität nicht existenziellere Problemstellungen zum Ausdruck kommen können, die uns seit der Menschwerdung und dem Auftauchen des Bewusstseins selbst begleiten, die wir aber nicht beobachten können, weil wir eben in ihrer zeitgenössischen Spielform zu sehr verwickelt sind.

Das Argument, das ich hier entfalten werde, ist, dass die Rolle, die das Bewusstsein und seine Architektur in der Entwicklung der Spiritualität spielt, noch nicht ausreichend bewertet wurde. Das historische Auftauchen des Bewusstseins in der Menschheitsgeschichte – aufgrund welcher Faktoren auch immer – musste nämlich eine ganze Reihe von neuen und existenziellen Problemen aufwerfen, die gelöst werden mussten; jede Entwicklung, sei sie jetzt biologisch, sozial oder psychologisch, bringt stets eine Reihe von neuen Problemen mit sich. Dieses Buch wäre insofern ein Versuch zu zeigen, dass die Spiritualität Lösungen für diese existenziellen und neuen Probleme anbot, die mit dem Auftauchen des Bewusstseins entstanden. Ebenso werde ich zeigen, dass sie diese Funktion auch immer noch erfüllen kann, wenn wir nur durch den Nebel der postmodernen, esoterischen Spiritualität blicken könnten. Das heißt, dieses Buch ist damit auch ein Versuch, die evolutionäre Funktion der Spiritualität herauszulösen. Ich befürchte nur, dass wir, um diese grundlegenderen existenzielleren Motive zu untersuchen, einen Großteil unserer Vorstellungen, was wir heute unter Spiritualität verstehen, ablegen müssen.

Was also will die Spiritualität? Vielleicht offenbart sich gerade in den Sümpfen der zeitgenössischen Spiritualität – Visita Interiora Terrae Rectificando Invenies Occultum Lapidem Veram Medicinam – etwas, was gewusst werden will, ein wahrer, goldener Kern also, der sich nur in den Niederungen des Irdischen und dem Beginn des Menschlichen demjenigen offenbaren wird, der den Mut hat zu schauen. Gerade in Abgrenzung zur postmodernen Spiritualität kann und muss man dann fragen: Was wäre dann ihr nützliches Element? Was der ethische Kern einer solchen evolutionären Spiritualität? Und was ihre eigentliche psychologische und soziale Funktion? Insofern wir uns dann auf eine solche Herangehensweise einzulassen vermögen, können wir auch hoffen, uns einem Telos, einem Ziel der Spiritualität anzunähern.

Um uns überhaupt diesem Bereich annähern, dürfen wir allerdings eine Angelegenheit nicht unerwähnt lassen, nämlich das Problem der Sprache. Wir dürfen nicht fragen, was die Spiritualität oder was Transzendenz – wenn nicht gar Selbsttranszendenz – sei, sondern stattdessen, was denn genau im Akte der Transzendenz zu geschehen vermag und, noch grundlegender, wodurch sich genau spirituelles Handeln kennzeichnet. Es gibt so etwas wie die ‚Spiritualität‘ nämlich nicht, dies ist eine linguistische Objektivierung von etwas, was wir tun oder praktizieren. Es wurde schon eine Menge über dieses Problem geschrieben, Prozesse als Dinge zu identifizieren; Bewusstsein selbst ist ein gutes Beispiel; auch Bewusstsein ist kein Ding, sondern vielmehr ein Modus gelebter Erfahrung. In dieser Hinsicht gibt es auch keine ‚Bewusstseinsstufen‘ der kognitiven Entwicklung, sondern nur unterschiedliche Weisen, subjektive Erfahrungen zu erschaffen und zu bewerten.

Dies ist eine grundlegende Veränderung in unserer Ausgangsposition, denn wir fragen nicht nach dem Ding, sondern nach dem Prozess. Spiritualität ist etwas, was wir tun, nicht etwas, was an sich ist; eine Nominalisierung erzeugt stets Verwirrungen. Wenn ich also im Folgenden von ‚Spiritualität‘ spreche, tue ich das nur aus Konvention, aus Einfachheit! Gemeint ist stets das spirituelle Handeln, also das, was wir de facto tun, und welche Konsequenzen und Wirkungen durch dieses Handeln erzeugt werden. Wir nähern uns mit diesen Vorüberlegungen langsam dem Ausgangspunkt unserer Betrachtungen. Denn wenn wir das spirituelle Handeln als unseren Ausgangspunkt nehmen, müssen wir fragen, was es denn genau ist, was wir tun, wenn wir spirituell handeln? Man könnte nun annehmen, eine Definition der Techniken und ihrer Anwendung könnte ausreichen, um das spirituelle Leben beschreiben zu können. Spirituell handeln würde dann zum Beispiel derjenige, der Yoga übt. Ich halte aber diesen Ansatz, der sich an gewissermaßen externen und tradierten Verfahren orientiert, für problematisch, denn Verfahren und Techniken ändern sich bekanntlich, und es gibt Menschen, die Yoga üben, sich aber nicht als spirituell bezeichnen würden. Außerdem würde es uns auch nicht helfen, eine postmoderne Spiritualität von einer grundsätzlicheren, existenzielleren Spiritualität abzugrenzen, in denen dieselben Techniken verwendet werden. Wir müssen also ein wenig tiefer schauen. Wenn diese ‚externalisierten‘ oder ‚kulturalisierten‘ Techniken und Methoden nicht das spirituelle Leben definieren, was denn dann?
Aus diesem Grund werden wir zunächst einen Blick auf das Bewusstsein werfen als Agens spirituellen Handels. Weniger sind die Techniken ausschlaggebend als das erfahrene und sich verändernde Bewusstsein, während es erfolgreich diese Techniken anwendet. Spirituell zu handeln heißt dann, etwas Bestimmtes mit seinem Bewusstsein zu tun. Was das ist, oder sein kann, wollen wir in Kapitel 1 und 2 betrachten. Dies also soll das Programm dieses Buches sein: Spiritualität als postmodernes Zeitgeistphänomen zu trennen von einer Spiritualität, die gewissermaßen der Architektur des Geistes und dem auftauchenden Selbstbewusstsein entspringt. Dementsprechend werden wir in Kapitel 1 und 2 diese Architekturen oder Prozesse betrachten, bevor wir im dritten Kapitel auf eine Kritik des postmodernen spirituellen Lebens eingehen, und ihren Nährboden und ihre Leistungen wie auch ihre Irrtümer, Fehlleistungen und Möglichkeiten betrachten.

I. Der Chaoskampf

§1

Offensichtlich, so können wir gefahrlos beginnen, hat Spiritualität etwas mit dem menschlichen Bewusstsein zu tun, und die Frage, was spirituelles Handeln sei, muss im Kontext des Bewusstseins beantwortet werden. Wir wollen hier aber, wie einleitend erwähnt, nicht fragen, was genau Bewusstsein ist. Wenden wir uns also dem Bewusstsein in dieser Weise zu, und nehmen dies als Ausgangspunkt, wollen wir stattdessen im Sinne pragmatischer Nützlichkeit fragen: Was kann man mit dem Selbst-Bewusstsein tun, sobald es der Geschichte des Menschen auftaucht – wiewohl ihn erst zum Menschen macht. Wir fragen hier also zunächst nicht, was das Bewusstsein oder konkreter: Selbstbewusstsein ist, sondern zu welchen Perspektiven und Handlungen und Prozessen es in der Lage ist, sobald es historisch auftaucht. Diese kleine Veränderung in der Fragestellung wird, wie wir sehen werden, gravierende Resultate mit sich bringen.

Indem wir diese Frage so formulieren, werden wir für einen Moment annehmen, dass es einen bestimmten Moment gab, als die Menschen selbstbewusst wurden; doch die Frage, ob dies über einen längeren Zeitraum hinweg geschah oder in einer Art von Emergenzsprung – wie es mittels der Theorie komplexer Systeme konzeptualisiert werden kann, in denen sich Systeme nicht nur über lange Zeitperioden entwickeln, sondern relativ spontan höhere Ordnungsebenen ausbilden können – spielt für unsere Überlegungen nicht wirklich eine Rolle. Dieses Auftauchen von selbst-reflexiven Bewusstsein musste jedoch nicht nur eine Lösung für gewisse evolutionäre Probleme gewesen sein, die es unseren Ahnen ermöglichte, neue Dinge zu tun, und das ganz allgemein die darwin‘sche Fitness erhöhte. Es musste auch eine ganze Reihe neuer Probleme erzeugt haben. Bewusstsein musste, soviel können wir mutmaßen, sowohl Lösung von alten als auch Ursache von neuen Problemen gewesen sein.

Betrachten wir auf diese Weise das sich selbst bewusst werdende Bewusstsein des Menschen insofern wie von außen und fragen, zu welchen Permutationen und Handlungen es den Menschen befähigte, so fällt die generelle Überschaubarkeit der Angelegenheit auf. Die Frage also ist, zu welchem evolutionären Vorteil führt das Auftauchen des Selbst-Bewusstseins im Gegensatz zum Tiere. Oder, man könnte noch konkreter fragen: Zu welchen Anthropotechniken, um diesen Begriff von Peter Sloterdijk zu verwenden und zu erweitern – durch den er nicht nur eine ausschließlich menschliche Art des Handels bezeichnet, sondern eine autopoietische Weise, die darin besteht, so zu handeln, die Ausgangsbedingungen für die nächste Handlung (oder ‚Übung‘) zu verbessern – führte das Auftauchen des Bewusstseins, und zwar auf der höchsten Ebene der Abstraktion? Und wir können feststellen, dass die Anzahl der möglichen Anwendungen des Bewusstseins relativ begrenzt ist. Was also kann man tun, sobald Bewusstsein, aufgrund von welchen evolutionären Funktionen auch immer, in der Geschichte auftaucht, welche Probleme wirft es auf, und welche Lösungen generiert es?

Zunächst: Die Welt, und mit ihr das Selbst – man gestatte mir diese Verdinglichungen! – wird verhandelbar. Wer über ein, könnte man argumentieren, reflexives Bewusstsein verfügt, vermag zunächst R e p r ä s e n t a t i o n e n der eigenen subjektiven Selbst- und Weltwahrnehmung anzufertigen, so einfach oder rudimentär diese zunächst auch sein mögen. Bewusstsein ist eben auch stets subjektive Repräsentation von sensorischen Wahrnehmungen, und als solches ermöglicht und erlaubt das Bewusstsein eben auch, internale Verzerrungen dieser subjektiven Repräsentationen anzufertigen. Wir können uns, zum Beispiel, eine Zukunft vorstellen, wir können vergangene Erfahrungen verzerren und uns einen rosaroten Elefanten vorstellten. Selbst in seiner rudimentärsten Form wird diese auftauchende Handlungsebene ein Bereich des K ü n s t l e r i s c h e n sein, der also genau dann auftaucht, sobald menschlich selbstreflexives Bewusstsein auftaucht. Ohne reflexives Selbst-Bewusstsein offensichtlich keine Kunst. Selbst wenn wir den Begriff des Bewusstseins in seiner gröbsten, allgemeinsten, ja sogar unklarsten Form verwenden, können wir konstatieren: Sobald da ein Bewusstsein ist – selbst ein Proto-Bewusstsein über sich selbst und die Welt – so kann und wird eine Domäne des Handelns auftauchen, die als das Künstlerische beschreibbar ist. Anthropologische Studien und die Sichtung frühester Höhlenmalereien scheinen dies zu bestätigen. Die frühsten uns bekannten Höhlenmalereien deuten ganz deutlich auf Selbst-Bewusstsein hin; man denke an die Malereien der Pettakere-Höhle, die Hände zeigen und die, intuitiv interpretiert, eine künstlerische Darstellung der Selbsterkenntnis an sich darstellen. Mit dem Menschsein an sich emergierte die Kunst. Kunst besteht immer in der Repräsentation – und Verzerrung – dessen, was wahrgenommen wird, selbst wenn das, was wahrgenommen wird, vollkommen innerhalb der des phantasierenden Subjektes selbst liegt. Und welchen Nutzen soll schon ein Bewusstsein haben, dass nicht zur Kunst fähig ist? Insofern wollen wir hier Kunst – auf der höchste Ebene der Abstraktion – als eine der grundlegendsten Anthropotechniken verstehen, die sich entfalten, sobald menschliches Bewusstsein auftaucht.

Dieses in der Frühgeschichte auftauchende, selbst-reflexive Bewusstsein wird seinen Träger zweitens auch in die Lage versetzen, zielorientiert Welt und ihre Bestandteile durch Handlungen absichtlich zu manipulieren. Dazu müssen Welt und ihre Elemente identifiziert und bewertet werden können, oder der Mensch muss zumindest versuchen, sie zu verstehen. Ohne Bewusstsein können, so könnte man anführen, keine zielführenden Manipulationen der Umwelt, kein Feuer, keine Werkzeuge und keine Behausungen und späterhin auch kein Rad, Buchdruck oder Smartphone auftauchen. Der Mensch wird in zunehmenden Maße in der Lage sein, sich selbst in der Welt zu verorten und bemerken, dass seine eigenen Handlungen nicht nur Einfluss auf die Welt an sich haben, sondern, schreitet die Evolution des Bewusstseins ausreichend fort, rekursiv auf das eigene Selbst. Das heißt, neben Kunst als distinkte Handlungssphäre und Anthropotechnik entsteht eine weitere und vollkommen unterschiedliche Handlungssphäre, nämlich das T e c h n i s c h e, sei es bald in Form von Jagd und Naturgestaltung, sei es bald in den vielfältigen Weisen der Welt-Manipulation, aus der sich im Laufe der Zeit und viel später die konkrete Wissenschaft und Technik entwickeln werden. Medizin, Architektur, Physik – sie alle entwickeln sich aus dieser Handlungssphäre der Technik, des Handelns und der Manipulation der Welt, und nicht umgekehrt. Deshalb zeigt sich der Wert einer wissenschaftlichen Theorie in seinen Anwendungen. Natürlich, und es ist angemessen dies anzufügen, treten im Laufe der Zeit – oder man könnte auch sagen: auf niederer Abstraktionsebene – Überlappungen der generellen Handlungssphären auf; zur Entwicklung neuer Werkzeuge etwa ist immer auch Kreativität notwendig; mithin künstlerische Verzerrung. Doch dies soll uns nicht von den grundsätzlichen Domänen oder Anthropotechniken ablenken, die, wenn zunächst auch als Protoformen, auftauchen, sobald reflexives Bewusstsein auftaucht. Diese Unterscheidungen sind nicht-trivial, der Gegenstand oder Handlungsbereich der einen zur anderen Domäne ist nicht austauschbar. Kunst ist immer Repräsentation des Weltlichen, Technik immer Manipulation des Weltlichen.

Sobald Bewusstsein in seiner selbst-reflexiven Grundstimmung auftaucht, verfügt sich das Bewusstsein auch in Beziehung zu Anderen. Der Metabereich von Verhalten, der sich über das Instinktive erhoben hat, erfährt seine Reziprozität mit Anderen, die dieselbe Erfahrung der Welt machen. Nur so – über einen sozial koordinierten Bereich von Verhalten – kann Sprache entstehen. Als Protoform tritt diese dritte Handlungssphäre oder Anthropotechnik auf, wenn der Mensch mit einem oder mehreren Anderen interagiert, der er selbst sein könnte, und die es erfordern, dass das eigene Verhalten so reguliert wird, dass das Überleben in und mit der Gruppe möglich wird. Kommunikation beginnt, wenn man die Tatsache seiner eigenen Bewusstheit in das Gefäß des Anderen, den Körper, projiziert und damit ein wechselseitiges Verhalten initiiert, was der Organisation und dem Überleben der Gruppe dienen wird. (Dieser übrigens gottähnliche Akt, Bewusstsein in das Gefäß des Körpers des anderen zu projizieren wurde, schon früh in den biblischen Geschichten kodiert, nämlich wenn Gott Adam aus einem Stück Lehm formt und ihm Leben einhauchte; nicht ganz uninteressant, weil Spirit, das englische Wort für Geist und der Stamm des Wortes Spiritualität, vermutlich von dem indo-europäischen (s)peis stammt, was eine Lautmalerei des Atmens und des Flöte-Spielens war) Mit anderen Worten, eine dritte Handlungssphäre, die man das E t h i s c h e nennen könnte, eröffnet sich als essenzieller Teil des Menschseins, gewiss als Protoform und ohne konkreten Namen, als Weise, das unbestimmbar Komplexe des menschlichen Geistes in soziale Einfachheit und Orientierung zu überführen, etwas, was sich im Verlaufe der Jahrtausende der menschlichen Entwicklung viel später in die untergeordneten Anthropotechniken Politik, Moral, Soziales, Pädagogik, Wirtschaft etc. kondensieren wird. Ethik erscheint hier also als die dritte Handlungssphäre oder grundsätzliche Anthropotechnik, zu der sich das Bewusstsein ermächtigt, sobald es erscheint.

Und schlussendlich taucht eine vierte Handlungssphäre mit dem Bewusstsein auf, indem dieses beginnt, sein eigenes Zustandekommen oder die Bedingungen seines Auftauchens und Da-Seins, in welch rudimentärer Form auch immer, zu hinterfragen und zu thematisieren. Es ist dies ein zunächst vorsichtiges Nach-Innen-Schauen, welches das Problem der Rätselhaftigkeit der eigenen bewussten Existenz zu lösen versucht. Mit der Frage nach dem eigenen Dasein muss es notwendigerweise seinen Gegenwert, den des Nicht-Seins, den Tod, kontemplieren, und vielleicht ist diese Erkenntnis des zukünftigen eigenen Todes das Agens, was die Emergenz des Bewusstseins überhaupt in Bewegung setzte. Diese quasi Nach-Innen-Wendung konstituiert jedenfalls eine eigene Sphäre des Handelns. Welchen Sinn sollten frühste Begräbnisrituale und heilige Stätten und Tiere haben, wenn ihnen nicht zumindest das G e f ü h l der Sonderbarkeit des eigenen Seins und die Möglichkeit und Notwendigkeit des zukünftigen Nicht-Seins zu Grunde liegt. So eine vierte Handlungsdomäne könnte man nun das G e i s t i g e nennen, die sich in den folgenden Jahrtausenden in Psychologie und Mystik und Geistesphilosophie und Spiritualität zu differenzieren sucht. In ihr kommt all das zum Tragen, was die eigenständige Koordinierung – und man könnte vielleicht sagen: Selbst-disziplin oder Kontrolle oder Steuerung des sich selbsterfahrenen Bewusstseins – zur Folge hat.

Es ist naheliegend anzunehmen, dass sich Spiritualität als solche in dieser Handlungssphäre des Geistigen als eigenständige Anthropotechnik entwickelte. Ohne Geist, ohne Psyche: keine Spiritualität. Aber es ist von großer Bedeutung, Spiritualität als dies zu verstehen, nämlich als Handlungsmodalität! Diese generelle vierte Handlungsdomäne jedenfalls wird sich bekanntlich im Verlauf der kulturellen Gezeiten in Schamanismus und Religion, aber auch Psychologie (wie auch Teilbereiche der Philosophie) differenzieren. Doch all diese Formen sind, vollkommen ungeachtet all ihrer spektakulären Errungenschaften, lediglich ein Wimpernschlag in der Geschichte der Evolution des Bewusstseins selbst, welches, ausgehend vor seinem ersten Auftauchen vor vielen hunderttausend Jahren, sich selbst zu erkennen drängt, zunächst durch Geschichten und Mythen von Tod und Wiedergeburt, später von Göttern und durch Dramen, zuletzt von Unterbewusstsein und Über-Ich und den vielfältigen Theorien und Modellen der Psychologie. Es wäre ein Fehler, etwa sie, die Psychologie, als einzigen Referenzrahmen für dieses grandiose Unternehmen der Selbstuntersuchung dieser vierten Handlungsdomäne zu wählen. Nur weil wir heute eine klare, ja empirische Methode für psychologische Dimensionen haben, heißt dies nicht, dass es den Forschern der Vorzeit, nur weil ihnen ein modernes Vokabular fehlte, in irgendeiner Hinsicht an Einsicht oder Intelligenz fehlte. Es wäre ein grundlegender Fehler, mindestens dreihunderttausend Jahre ‚spiritueller‘ Menschheitsgeschichte für einhundertfünfzig Jahre Psychologie einzutauschen! Psychologie und Religion aus Ausdruck dieser Nach-Innen-Wendung sind geschichtlich betrachtet also relativ junge Erscheinungsformen – ihnen zuvor kommt ein spirituelles Verhaltensspektrum, das mit dem Menschen selbst auftauchte. Hinzu kommt, dass wir trotz der spektakulären Erfolge der Psychologie immer noch nur einen kleinen Teil davon verstehen, was uns als Menschen ausmacht. Wir wissen immer noch nicht, was Bewusstsein an sich ist. Wir sind immer noch im piaget´schen Dilemma gefangen, dass wir handeln müssen, um zu erkennen, was in uns verborgen ist, jedes Individuum und jede Generation aufs Neue, Schritt für Schritt tiefer in das Chaos, um neue Ordnung und neues Wissen zu gewinnen. Wir sollten also die Erkenntnisse der Alten nicht vorschnell übergehen.

Unsere A u s g a n g s s i t u a t i o n, unsere Definition, oder man könnte auch sagen, unser gewähltes Narrativ ist also jenes, dass sich das auftauchende und zart-reflexives Bewusstsein sowohl in Bezug auf die Welt (Technik), als auch in Bezug auf Andere (Ethik), als auch in Bezug auf sich selbst (Geist) steuern sowie künstlerisch repräsentieren kann. Oder auch: Das Bewusstsein kann sich nur auf die Welt, auf Andere, oder sich selbst beziehen und diese Beziehungen künstlerisch zum Ausdruck bringen. Die Menge der Handlungsmöglichkeiten ist begrenzt und bringt gleichzeitig doch die unendliche Komplexität unseres Menschseins hervor. Bewusstsein differenzierte sich in Relation mit diesen vier Domänen aus, und in der Weise, in der sich diese Handlungsdomänen im Laufe der Jahrtausende in konkrete soziale Felder (wie Pädagogik etc.) kondensierte, differenzierte sich das Bewusstsein selbst aus; die Evolution des Psychischen und des Sozialen sind ja bekanntermaßen aneinander gekoppelt. Wir wollen dies hier als narrative Grundvoraussetzung nehmen: Mögen diese grundsätzlichen Unterscheidungen von vier Handlungssphären – Kunst, Technik, Ethik und Geist – letztlich gerechtfertigt sein oder nicht – und die moderne Anthropologie wird für dieses Argument eher unterstützend wirken – so wollen wir diese einleitenden Unterscheidungen zumindest als ein Denkmodell nutzen, um die unterschiedlichen Weisen zu umfassen, wie wir uns verhalten können, auch und vor allem, um den Bereich, in dem Spiritualität auftreten kann, etwas einzugrenzen: Spiritualität speist sich eben durch eine initiale und explorative Nach-Innenwendung des Geistes selbst, und etwa nicht durch künstlerische Bestrebungen, Repräsentationen von der Welt zu erzeugen oder, um soziale Kohäsion zu erzeugen, wie es von einigen Religionswissenschaftlern angenommen wurde. Diese vier Handlungssphären oder Anthropotechniken können eben nur unter Bezugnahme auf das Bewusstsein entstehen, und zwar, indem sich das Bewusstsein auf die Welt, auf Andere oder sich selbst bezieht. Es ist das Bewusstsein, welches sich in bester piaget`scher Manier ausdrücken und manifestieren muss, um seinem ganzen Potential gerecht zu werden, bevor es selbst weiß, was es tut.

Auch müssen wir hinzufügen, dass selbst wenn diese vier Domänen oder grundlegenden Anthropotechniken heute relativ klar voneinander abgrenzbar sind, dies nicht zwangsläufig vom Anfang der Menschwerdung an so gewesen sein muss; viel eher muss man annehmen, dass sich die Domänen überlappten und erst mit den Millennien immer weiter ausdifferenzierten, und mit ihnen das Bewusstsein an sich. Der archaische Priester war ursprünglich eben auch der Künstler oder derjenige mit den besonderen technischen Fähigkeiten.

Die menschliche Psyche, beziehungsweise der menschliche Geist, beginnt also, auf sein eigenes Zustandekommen empört zu reagieren und sich selbst explorativ zu untersuchen. Insofern mag am Anfang eine Art seltsamer Verwunderung ob des eigenen Daseins bestanden haben. Doch diese reflexive Wendung markierte den Beginn aller mythologischen, religiösen und psychologischen Modellbildungen. Das Bewusstsein ist also das Wesentliche. Sobald also menschliches Bewusstsein sich erhebt, werden notwendigerweise auch die Grundlagen für spirituelle Verfahrensweisen gelegt, und obwohl die kulturellen Ausprägungen der Traditionen in ihren Zeiten variieren, müssen sie sich, weil sie einer bestimmten Bewusstseinsstruktur entspringen, notwendigerweise relativ ähnlich sein.

Amarque Tom Krieg der Seele 

Tom Amarque
Der Krieg der Seele: Urspung und Sinn der Spiritualität
Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Phänomen Verlag (27. Juli 2018)
ISBN-10: 849462847X
ISBN-13: 978-8494628474

  

Tom Amarque

… leitet den Phaenomen Verlag. Seine Philosophie ist eine Subjekt-Philosophie der Selbst- und Weltgestaltung, die psychologische, philosophische und spirituelle Erkenntnisse und Einsichten integriert; er nennt diesen Ansatz „Performanz-Philosophie“, deren Schwerpunkte auf selbst-referenzieller Beobachtung, Wille und bewusster Selbst- und Weltnarration liegt.
Ausgangspunkt seiner Arbeit ist auch die Frage, welche Möglichkeiten und Schwierigkeiten der Übergang von einer postmodernen in eine post-postmodernen Kulturepoche für den Menschen und seine Entwicklung bereitstellen.

Sein Buch „Kampf der Seele“ beleuchtet die Frage: Was ist Spiritualität, wo liegt ihr Ursprung, ihr Sinn und ihre Zukunft? 

Welche Probleme gehen mit der zeitgenössischen Spiritualität einher? Was ist ihr evolutionäres Potenzial, und welche Perspektiven können wir wählen um zu einer reifen Spiritualität zu kommen. Er ist überzeugt: „Genauso, wie sich Kunst fast automatisch entwickelte, als sich in der Geschichte der Menschheit das Bewusstsein erhob, so ist auch unser Drang nach Spiritualität tief in der Architektur unseres Geistes verankert.“ Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit praktiziert Tom Amarque seit über 20 Jahren unterschiedliche Formen der Meditation. Doch er konnte sich nie weder mit New-Age, Esoterik noch mit Religion anfreunden. „Spiritualität spielt wie die Kunst eine wichtige Rolle in der Evolution unseres Bewusstseins. Doch diese Frage wurde noch nicht gestellt: Was ist es denn eigentlich, was das spirituelle Leben im Kern und gewissermaßen Kulturübergreifend ausmacht? Welche Rolle spielt die Emergenz des Bewusstseins bei dem spirituell-religiösen Leben? Und was passiert, wenn wir diese evolutionären Prinzipien, die in der Spiritualität zum Ausdruck kommen, bewusst anwenden?“ 

Sein Buch heißt „Der Krieg der Seele“, weil wir offenbar das Leid und die Krise benötigen, um als Menschen zu wachsen und zu reifen. „Leid ist gewissermaßen in unsere Existenz mit eingebaut, es tritt immer dann auf, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was unseren Erfahrungen und Erwartungen widerspricht.“ Aus diesem Grund haben alle Weisheitstraditionen gewissermaßen Leid-Bewältigungsstrategien oder Immunisierungstechniken entwickelt, nämlich den Chaoskampf und das Selbstopfer, und spirituelles Leben heißt im Wesentlichen, diese beiden Methoden zu verwenden. „Diese beiden Techniken waren evolutionär so erfolgreich, dass wir sie nicht mehr aus unserem gesellschaftlichen Leben wegdenken können, etwa wenn wir für unsere Kinder finanzielle Opfer bringen, damit sie eine bessere Zukunft haben, oder wenn wir etwas Neues probieren, unsere Komfortzone verlassen und das Chaos konfrontieren. Ursprünglich waren dies rein spirituelle Verfahren. Und das symbolische Selbst-Opfer ist es heute immer noch – etwa die Idee, sich ‚vom Ego zu befreien‘ oder alte Persönlichkeitsstrukturen hinter sich zu lassen. Eine Anerkennung dieser Prinzipien kann dabei helfen, zu einer Spiritualität zu kommen, die sich ihrer geschichtlichen Funktion bewusst ist.

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