Logo Integrale Perspektivenvon Joachim Wetzky & Susanna Machowinski

Einleitung

… Kalu Rinpoche, Eido Shimano, Marc Gafni, Bentinho Massaro, Sogyal Rinpoche, Bikram Choudry, Buddha Boy, Adi Da, Chögyam Rinpoche, Andrew Cohen, Thich Thien Son, Joshu Sasaki, Teal Swan, Robert Spatz, William Lloyd Karelis, Sakyong Mipham Rinpoche, Robert Augustus Masters, Richard Baker Roshi…

… die Liste der gefallenen Gurus oder guruesk auftretenden LehrerInnen ist lang.

Es scheint, als erlebe die spirituelle Community aktuell ein Erwachen in Bezug auf den jahrtausendealten LehrerInnen-SchülerInnen-Schatten, der für viel Verwirrung, Leid und Missbrauch gesorgt hat.

 

Das kommt nicht überraschend - schließlich ist es eine der Würden der Postmoderne, auf kulturelle Missstände hinzuweisen und Rassismus, sexuelle Belästigungen oder ungerechte Behandlungen nicht länger zu tolerieren. Gleichwohl ist es einer der Pathologien der Postmoderne, diese Errungenschaften in ein Dogma zu verwandeln, bis der Impuls der Befreiung selbst eine Form der Unterdrückung geworden ist, sodass es aus einer integralen Perspektive heraus notwendig erscheint, die Balance zwischen Errungenschaft und Pathologie zu halten.

Es ist also an der Zeit, die Dynamiken guruesk erscheinender LehrerInnen-SchülerInnen- Beziehungen zu durchleuchten, da jene auf einer jahrtausendealten Dominanzhierarchie beruhen, die nicht so ohne Weiteres in transrationale Entwicklungshierarchien transformiert werden können. Es lohnt sich, Sprachmuster, Duktus und Manipulationsschemata zu erkennen und zu benennen, um eine integrale Sichtweise bezüglich der Rolle des Gurus zu erarbeiten.

Definition des Gurus

Doch was ist ein Guru überhaupt und wie kann eine integrale Perspektive auf dieses Phänomen aussehen? Wie Tom Amarque ausführt, ist die einige tausend Jahre alte soziale Rolle des Gurus „in einer prämodernen Zeit entstanden, als die Menschen in das mythische Zeitalter ihrer Entwicklung eintraten, einer Entwicklungsphase, in der - das muss man betonen - die Menschen noch an Geister und Mythen, Engel und Götter glaub(t)en und lange bevor Freud die bis dahin als irgendwie extern - und sei es nur als Teil der platonischen Welt reiner Ideen - begriffenen Gestalten in die Psyche, genauer ins Unterbewusstsein des Menschen verlegte.“1

Im Hinduismus wird der Guru dabei als Gott selbst gesehen, „der sich in einer persönlichen Gestalt manifestiert, um den Aspiranten zu führen. Die Gnade Gottes nimmt die Gestalt des Gurus an. Den Guru zu sehen heißt, Gott zu sehen.“2
Im Vajrayana Buddhismus wird der Guru als Buddha gesehen, „wodurch die Begegnung mit dem eigenen Buddha-Geist (in der zweiten Person) ermöglicht wird. Diese Selbstaufgabe ist unabdingbar für die Ausübung des Vajrayana, bei der man sich selbst als eine erleuchtete Buddha-Gestalt visualisiert und mit sehr kraftvollen Energien arbeitet.“3

Inwieweit nun lassen sich diese mythologische Definitionen eines Gurus integral kommunizieren? Welche traditionellen Funktionen müssen zurückgelassen und welche bewahrt werden? Kann sich ein Guru überhaupt über das Mythologische hinaus entwickeln?

Wie Silvio Wirth ausführt, ko-kreiert der Guru „zusammen mit seinen Schülern eine Situation, in der er der unumstrittene Herrscher seiner Welt ist, umgeben von Menschen, die in der (Bewusstseins-) Hierarchie unter ihm stehen, also einer absolutistischen äußeren Situation, die nach und nach immer mehr gegen Feedback immunisiert, wenn ein solches überhaupt noch gegeben wird.“4 Diese Immunisierung könnte theoretisch minimiert, aber wohl nie ganz aufgelöst werden, indem der Guru seinen Wirkungskreis auf den innerlich-individuellen Bereich des Menschen beschränkt. Sobald ein Guru über Evolution, Kultur, Politik, Gesellschaft oder Trauma spricht, verlässt er das Terrain seiner Kompetenz, dem „Sein“, und befindet sich wie alle anderen Menschen auch auf dem Marktplatz kollidierender Meinungen und Debatten. Doch anders als diese kann der Guru sich jenen Debatten durch seinen Status als unhinterfragbare Autorität, deren Wort für die SchülerInnen Gesetz ist, gleichzeitig wesentlich leichter entziehen als Menschen, die nicht den Status eines Gurus haben. Dass viele Gurus der Verlockung erliegen, auch in diesen Bereichen massiv auf ihre SchülerInnen einzuwirken (selbst wenn sie behaupten, sich dort herauszuhalten), zeigt die Erfahrung in unzähligen Fällen mit nicht selten tragischem Verlauf.

Der innerlich-kollektive, äußerlich-individuelle sowie der äußerlich-kollektive Bereich des Menschen müsste demnach unberührt bleiben. Dies ist in der Praxis nicht umsetzbar, da dies den Wirkungskreis der Sangha (und damit den innerlich-kollektiven und der äußerlich-kollektiven Bereich) ausschließen würde. Ein Guru wirkt, ob er es nun will oder nicht, auf alle Bereiche des Menschen ein. Dieser Umstand jedoch ist einer der problematischsten in der Guru-SchülerInnen-Beziehung. Ken Wilber schreibt dazu, „dass Meditation oder spirituelle Praxis im Falle von neurotischen Mustern oft die Abwehrmechanismen der Spaltung, Verleugnung und Verdrängung noch fördert. Da die Schatten mit zunehmender Entwicklung immer stärker werden, erklärt das auch die oft vorhandenen eklatanten Charakterfehler bei „erleuchteten Gurus“, die den Anspruch haben, ohne Fehl und Tadel zu sein.“5 (Oder die, wie weiter unten ausgeführt, zwar deklarieren, Schatten zu haben, um sich aufklärerisch und integral positionieren zu können, jedoch keine wirkliche Schattenarbeit leisten.)

Da bislang jeder selbsternannte Guru an diesem Punkt gescheitert ist, bräuchte es eine transparente und verbindliche „Supervision“ des Gurus bei einer Instanz, die er weder kontrollieren noch manipulieren kann. Die Ergebnisse dieser „Supervision“ müssten offen einsehbar sein. Da jedoch, wie weiter unten ausgeführt, Narzissmus eine überdurchschnittlich häufige Charaktereigenschaft eines Menschen ist, der sich selbst als Guru bezeichnen will, wird dies kaum in der Praxis umsetzbar sein.

Der Guru könnte demnach Sinn in einem traditionellen, mythologischen Milieu ergeben, da er kraft seiner Autorität SchülerInnen auf der egozentrischen Stufe helfen kann, sich von ihrer Fixierung auf sich selbst und den eigenen Vorteil zu lösen und den Radius ihres Mitgefühls zu erweitern. Gehorsamkeit, Rituale und Unterordnung mögen für ein egozentrisches Individuum ein geeignetes Mittel sein, um sich auf die ethnozentrische Stufe weiterzuentwickeln.

Doch spätestens im modernen und postmodernen Milieu lässt sich der autoritäre Definitionsstil eines Guru nicht mehr ohne Weiteres praktizieren. Denn egal wie sanft oder aufgeklärt ein Guru sich auch geben mag - das Amt des Gurus verlangt die komplette Hingabe und damit Unterordnung des Schülers. Dies kollidiert mit der modernen bzw. postmodernen Psyche des Menschen, die einen feinfühligen, demokratisch-konsensuellen Prozess verlangt, um sich verstanden zu fühlen und um sich weiter entwickeln zu können. Auf dieser Stufe könnte der Guru maximal auf den innerlich-individuellen Bereich wirken. Ein willensorientierter Fokus wie auf der mythologischen Ebene würde kontraproduktiv wirken und wäre wenig vielversprechend. An dieser Stelle ist es auch fraglich, ob der traditionelle Begriff „Guru“ überhaupt noch angebracht wäre. Hier kommt es sicherlich darauf an, welchen Spielraum man der Definition dieses Begriffs zugesteht. Aufgrund der Assoziationen, die er weckt, würde es allerdings Sinn machen, ihn fallen zu lassen und durch Begriffe wie „LehrerIn“ oder „BegleiterIn“ zu ersetzen.

Uns sind bis dato keine praktischen Beispiele dazu bekannt, aber im synthetischen und synergetischen Milieu schließlich könnte man sich vorstellen, dass spirituelle Lernbeziehungen aufgrund der hohen vertikalen Entwicklung aller Akteure auf Augenhöhe stattfinden würden. Spätestens hier würden mythologisch aufgeladene Begriffe und die damit verbundenen statischen Beziehungen endgültig fallengelassen, es würde eine schlichte und würdevolle Atmosphäre in der Begegnung herrschen. Phänomene aller Wirkungsbereiche würden transparent kommuniziert, die Beziehungen wären flüssig und würden damit das jeweils situationsbedingt sinnvollste Verhalten erlauben. Kult, Autorität und Unterwerfung wären überflüssig geworden. Es könnte die reine Kraft einer Transmission wirken, ohne sich in den Schatten und narzisstischen Ansprüchen des Gurus und des Schülers verlieren zu müssen.

Verantwortung des Gurus

Ein Guru übt einen immensen Einfluss auf den Schüler aus. Da die Devise des Gurus lautet „Vertraue mir mehr, als du dir selbst vertraust“, gibt der Schüler freiwillig einen wesentlichen Part seiner Autonomie an den Guru ab.

Oftmals versuchen scheinbar aufgeklärte Gurus diesen Umstand zu übertünchen, indem sie auf die ständige Selbstverantwortung des Schülers hinweisen. Doch ist zum Einen diese Selbstverantwortung psychologisch betrachtet in einem Guru- SchülerInnen-Kontext nur partiell möglich. Zum Anderen entbehrt sie nicht einem gewissen Zynismus, denn die Werte der (Post-)Moderne sind nicht ohne Weiteres auf dieses traditionelle Beziehungskonstrukt, das an sich ja im Kern bestehen bleibt, übertragbar, auch wenn es für den Guru eine verführerische Möglichkeit der Verantwortungsabgabe darstellt: Während der Guru einerseits von seinem definitionsgemäßen Recht Gebrauch macht, tief in die Psyche und die Lebensgestaltung seiner SchülerInnen zu intervenieren, immunisiert er sich dadurch andererseits gegen jegliche Verantwortlichkeit für die Folgen dieser Interventionen.
Dazu kommt noch der Umstand, dass ein Mensch, der einen anderen Menschen als Gottesverkörperung ansieht, ihm mehr vertraut als sich selbst und sich einer Ego- Dekonstruktion hingegeben hat, die massiv in alle vier Quadranten einwirkt, mit fortschreitender Dauer der Schülerschaft zunehmende Schwierigkeiten damit hat, einen eigenen Willen aufzubringen bzw. Missstände zu bemerken oder gar zu kritisieren. Dies belegen eindrücklich hunderte Erfahrungsberichte ausgestiegener SchülerInnen. Auch wenn die Selbstverantwortung und eigenmächtige Entscheidung von SchülerInnen, sich einem Guru anzuvertrauen, klar benannt werden muss, so ist aus integraler Perspektive zu sagen, dass aufgrund der hierarchischen Beziehung der Guru mehr Verantwortung zu tragen hat. Er sollte es sich daher gut überlegen, ob er diese Verantwortung annehmen will. Wie die Liste der gefallenen Gurus offenbart, scheitern viele an den mannigfaltigen Versuchungen, die der Status des Gurus zu bieten hat.

Ein Beispiel: In einer integral informierten Gemeinschaft, die sich auf „Schattenarbeit“ spezialisiert hat, wird sogenannter „Heilungs-Sex“ von einem guruesk auftretenden Leader praktiziert. Abgesehen davon, dass hier schon gegen integrale Standards verstoßen wird (Sex zwischen Lehrenden und SchülerInnen), ist zu beobachten, dass Frauen in diesem Kontext bereitwillig diesem „Heilungs-Sex“ zustimmen. Doch in Gesprächen mit ausgestiegenen Schülerinnen offenbarte sich, dass sich diese durch die manipulativen Psychotechniken des charismatischen Leaders und der geschickten Ausnutzung von Gruppendynamiken, den großen Druck und scheinbaren Verlockungen des sogenannten "Heilungs-Sex" kaum entziehen konnten. Vor allem, da wiederholt darauf hingewiesen wurde, dass nur dies wirklich eine Aussöhnung mit ihrer Sexualität bringen könne. Dies ist ein typisches „Guru-Kippbild“: Solange man in einem Kult lebt, werden pathologische Verhaltensweisen als „wahr“ oder gar „heilig“ betrachtet. Doch sobald man aus dem Kult austritt, offenbart sich der bizarre Charakter dieser Handlungen.

Der Heilige-Mensch-Narzissmus

Es wird niemanden überraschen, dass Narzissmus einer der häufigsten Begriffe ist, wenn über gefallene Gurus gesprochen wird. Seit der Boomer-Generation entwickelt sich der Narzissmus als eine kulturelle Epidemie und hat längst die spirituelle Community und auch das Phänomen „Guru“ und „spirituelle/r Lehrer/in“ infiltriert. Das Streben nach Erleuchtung ist in die Sackgasse narzisstischer Selbstbeschäftigung abgedrängt worden und dient bestenfalls dazu, sich selbst besser zu fühlen und dabei noch möglichst heilig und barmherzig zu wirken. Auch viele LehrerInnen und Gurus selbst haben sich in einer Social- Media-Bestätigungsmaschinerie verloren und definieren sich über den Radius, den sie mit Hochglanzfotos ihres Konterfeis erzeugen können.

Merkmal eines narzisstischen Gurus ist der Drang nach Großartigkeit, sich also abheben zu müssen von der Riege „gewöhnlicher Gurus“. So ist es für Gurus und ihre kleinen neureligiösen Gemeinschaften, von denen es allein in Deutschland mehrere hundert mit immer ähnlicher Struktur gibt, durchaus üblich, mit Superlativen um sich zu werfen, indem man sich beispielsweise als „Speerspitze der Evolution“, oder „Verzückungsspitze“ betitelt - man möchte zum „Symbol des neuen Menschen“ werden oder gar die „Menschheit mit der Wahrheit der Existenz konfrontieren“. Gerne werden auch „neue Lehren“ angeboten, die als omnipotent und noch nie da gewesen gepriesen werden, die „so neu“ sind, dass sie „schockieren und sich jedem Versuch der Kategorisierung entziehen“ und die „einfach alles integrieren“. In der Regel handelt es sich dabei um nichts weiter als einen Synkretismus verschiedener Glaubensrichtungen. Es werden geistige Techniken und religiöse Theorien für die eigenen Zwecke instrumentalisiert und zu einem postmodernen Glaubensbrei zusammengerührt, der dann als „neue Religion“ präsentiert wird.6

Bedauerlicherweise zeigen die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte, dass narzisstische Gurus in der Regel weder über Einsicht noch Scham oder Reue verfügen. Sie scheinen vollständig absorbiert zu sein von dem Gefühl ihrer eigenen Bedeutsamkeit, sodass es ihnen nicht möglich ist, eine Meta-Perspektive auf ihr Handeln einzunehmen. Selbst wenn sie guten Willens wären - eine Einsicht in ihre Pathologie kann aufgrund deren tiefgreifenden Struktur nur in den seltensten Fällen gelingen.

Das Perfide und auch Gefährliche an narzisstischen Gurus ist der Umstand, dass sie die Grundwerte der Religionen und spirituellen Traditionen wie Transzendenz, Nächstenliebe und Mitgefühl für sich benutzen. So sind viele ihrer Formulierungen durchaus stimmig und können tiefe Resonanzen bei SchülerInnen auslösen. Doch haben diese verkündeten Wahrheiten mehr gemein mit einem Sirenengesang, der Menschen in die hungrige Aura des Narzissten lockt denn in die Freiheit.

Wie aus der Narzissmusforschung bekannt ist, sind Narzissten zudem Meister der Täuschung und Tarnung. Je nach Kontext können sie sich chamäleonartig in einen anderen Menschen verwandeln, wenn es die Umstände erfordern. Sie sind Meister des Umschmeichelns und der Vernebelung. Ein narzisstischer Guru wird einen Menschen solange mit Liebe und Zuneigung überschütten, bis er ihm hoffnungslos ergeben ist. Wenn der narzisstische Guru sich dann seiner Liebe sicher ist, wird er beginnen, immer höhere Forderungen zu stellen und immer mehr Verehrung und Bewunderung zu verlangen. Dies ist in der Sektenforschung ein weithin bekanntes und gut dokumentiertes Phänomen.

Man kann sich den Schüler eines narzisstischen Gurus als einen Luftballon vorstellen, in den der Guru unablässig warme Luft pustet (das sogenannte Love Bombing), bis sich der Schüler schließlich derartig „erfüllt“ und zufrieden lächelnd im Guru-Kokon niederlässt. Hier zeigt sich die Tendenz narzisstischer Persönlichkeiten zum Overachievement: Unablässig muss er die SchülerInnen-Ballons nachfüllen, da ihnen logischerweise ständig die Luft ausgeht. Der Guru leistet hier ohne Zweifel enorme Arbeit. Als Gegenleistung erhält er eine ununterbrochene Verehrung und Zuwendung (sowohl geistiger als auch physischer Art) von seinen SchülerInnen, die mittlerweile abhängig geworden sind von seiner „Liebeszuwendung“. Dieser Mechanismus ist ebenfalls sowohl in der Narzissmusforschung als auch Sektenforschung hinreichend bekannt.

Der Guru und der Pandit

In der Diskussion um den narzisstischen Guru wird im integralen Kontext vermehrt die Rolle Ken Wilbers kritisch betrachtet. Für viele Integrale ist Wilber mitverantwortlich für eine erstaunlich unhinterfragte Unterstützung missbräuchlicher oder kritisch zu betrachtender LehrerInnen. Angefangen von einer prärational anmutenden Romantisierung der „Crazy Wisdom“ Bewegung7, über eine zweifelhafte Zusammenarbeit mit Marc Gafni8, über eine prärational anmutende Huldigung von Mahendra Kumar Trivedi9, bis hin zu schwärmerischen Statements über das missbräuchliche Verhalten eines Andrew Cohen10 (“He is a Rude Boy. He is not here to offer comfort; he is here to tear you into approximately a thousand pieces”11).

Wilber wirkt in der Beurteilung von Gurus insgesamt ambivalent. Wie weiter unten zu lesen sein wird, benennt Wilber auf der einen Seite sehr präzise die Merkmale eines destruktiven Gurus oder Kultes, wendet seine eigenen Kriterien jedoch nicht immer selbst an. Es darf kritisch gefragt werden, ob hier nicht ein „Nathan-von-Gaza-Komplex“ vorliegt, eine sehr eigenwillige Interpretation des integralen/integren Gurus. Auffallend ist, dass Wilber Gurus protegiert, die sich wie er selbst an der „Spitze der Evolution“ sehen, und die schließlich dann doch als narzisstische Persönlichkeiten anstatt als evolutionäre Gurus in die Geschichte eingehen.

Die Guru-Echokammer

Mit dem Begriff „Echokammer“ wird das Phänomen beschrieben, dass Menschen dazu neigen, sich mit Gleichgesinnten zu umgeben und sich dabei gegenseitig in der eigenen Position und Realitätswahrnehmung zu verstärken. Dadurch bildet sich in Guru-Kulten eine fatale Dynamik, denn durch das konsequent erhaltene positive Feedback entsteht für die jeweiligen Menschen in einer Guru-Gruppe der Eindruck, keine Minderheit zu sein, sondern eine kulturell relevante Mehrheit.

Guru und Anhänger leben schließlich in einer Blase, in der nur noch Inhalte geteilt und geliked werden, die das eigene, meist magisch-mythologische Weltbild untermauern. Die Gruppe lebt in einem Informationskokon, in dem derjenige Anhänger am stärksten gefeiert wird, der es schafft, die Überzeugung der Gruppe am lautesten widerzuspiegeln.

Auch die integrale Szene muss sich dem Vorwurf der Echokammer aussetzen. Wie Matthias Thiele ausführt, wird außerhalb der integralen Szene die integrale Theorie kaum oder als unseriös wahrgenommen. Dies liegt neben der speziellen Terminologie und dem fehlenden Link zum öffentlichen Debattenraum der Wissenschaft auch an ihrer Tendenz zur Selbstreferenzialität. „Diskurse beziehen sich oftmals auf theorieinterne Angelegenheiten.
Damit entsteht zwar eine horizontale Interpretationsweite, nicht aber eine vertikale Weiterentwicklung und schon gar nicht eine Anschlussfähigkeit an andere wissenschaftliche und philosophische Standpunkte.“12

Oder wie es Frank Visier formuliert: „That's the culture in the integral world: hey we agree, integral confirms integral confirms integral.“13

Oder wie es Be Scofield ausdrückt: „But it actually is a silly game they all play because they all defend and support each other. It goes something like this. Patten, Hamilton, Gafni and Wilber support Cohen. Cohen, Wilber, Hamilton and Patten support Gafni. Cohen, Gafni, Hamilton and Patten support Wilber. Wilber and Cohen support Patten and Hamilton. Wilber and Patten support Adi Da….etc. And they all appear on each others integral programs, websites, conferences, book chapters, magazines and platforms.“14

Die destruktive Guru-Sangha

Ken Wilber benennt klar die Konturen einer destruktiven Guru-Gemeinschaft15:

  1. Hervorheben eines prärationalen Bereiches: Hier behauptet der Guru, über ein Wissen zu verfügen, das außerhalb oder jenseits des Verstandes liegt. Perfiderweise wird gerade in integral beeinflussten Guru-Gemeinschaften gerne (vermeintlich) transrational argumentiert, dass der Verstand zwar notwendig, aber im Grunde doch ein Hemmnis für die Erleuchtung sei. Auf diese Weise kommt es sehr schnell zu einer Gruppen-Regression, da jeder in der Gruppe darum bemüht ist, nur nicht zu viel Verstand und Rationalität an den Tag zu legen, da dies nicht „transrational“ sei bzw. nicht zur Erleuchtung führe.
  2. Berufung auf eine permanente Autoritätsfigur: Hier führt Ken Wilber aus, dass eine „gute Autorität“ phasenspezifisch und zeitweilig ist. Einen destruktiven Guru erkennt man auch daran, dass er seine Schüler jahrelang oder gar jahrzehntelang an sich bindet und dass nur wenige (wenn überhaupt) SchülerInnen erwachen (wobei das Kriterium des Erwachens ein sehr diffuses und schwer zu bestimmendes Kriterium ist).
  3. Legitimierung durch einen einzelnen Garanten und Urheber: Hier wird auf die Problematik selbsternannter Gurus hingewiesen. In der Regel sind spirituelle LehrerInnen, die eine jahrzehntelange und klar belegbare Ausbildung in einer spirituellen Tradition erhalten haben, weniger anfällig für Manipulation, Missbrauch und Größenwahn. „Eine intakte Übermittlungslinie oder eine ungebrochene Tradition ist also eine der besten Versicherungen gegen betrügerischen Umgang mit Legitimität.“16 Oder wie es John Welwood formuliert: „Der Prozess der formalen Übertragung und die Überprüfung fungieren als eine Art „Qualitätskontrolle“, die verhindern soll, dass ein Lehrer die Lehren aus persönlichen Motiven heraus verfälscht.“17 Wenn wir einen Blick auf die Missbrauchsfälle werfen, die von traditionellen Lehrern verübt worden sind (z.B. Sogyal Rinpoche), ist zu erkennen, dass sich diese ein Subsystem innerhalb ihrer Linie erschaffen haben, in dem sie nicht mehr zu kontrollieren waren.

Wie Wilber ausführt, ist es typisch, dass sich Guru-Gruppen am Anfang ihrer Entwicklung auf einer rationalen Ebene befinden und ihr Interesse auf eine authentische transrationale Entwicklung ausgerichtet ist. Durch klassische Gruppenregression, die immer auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zustrebt, jedoch landen diese Gruppen dann in prärationalen Sphären. Ken Wilber gibt ein Beispiel:

„Die Beteiligten befanden sich zu Anfang auf der Stufe der Selbstachtung und interessierten sich für die höheren Bereiche der Selbstverwirklichung und Selbsttranszendenz. Als die Aufwärtsbewegung zum Stillstand kam, wurden die Mitglieder der Gruppe nicht nur ihren eigenen Bedürfnissen nach Selbstachtung nicht mehr gerecht, sondern sie regredierten überdies auf die Stufe der Bedürfnisse nach Konformität, Zugehörigkeit und Konventionalität. Individualität spielte keine Rolle mehr und das „Gruppen-Ich“ forderte in zunehmendem Maße Loyalität. An die Stelle von rationaler Individualität und logischer Urteilsbildung trat die Gruppenzugehörigkeit der mythischen Ebene und es wird eine „Mauer des Schreckens“ errichtet, die von den Mitgliedern absolute Loyalität forderte. Konformität mit einer bestimmten Weltsicht wurde zum Maßstab für Legitimität; die Gruppe zu verlassen bedeutete „zu sterben“. Das Außergewöhnliche daran ist, dass die Beteiligten allesamt sehr gebildet waren und als Ärzte, Rechtsanwälte und in anderen akademischen Positionen arbeiteten. Die Gruppe bewegte sich allmählich auf prärationale Bereiche zu, und niemandem war es gestattet, die Lehren auf rationale Weise in Frage zu stellen. Noch schlimmer war es, dass eine einzige Person die alleinige Autorität in der „Lehre“ war, was einer Regression von einer potentiell noch phasenabhängigen Autorität zu einer praktisch permanenten Autorität, die alle Aspekte des Gruppenlebens umfasste, gleichkommt.“ Für Ken Wilber ist dieses Muster so allgemeingültig, „dass man es als paradigmatisch bezeichnen kann.“18

Guru-Greenwashing

So wie das menschliche Bewusstsein sich weiterentwickelt, entwickeln sich auch die Manipulationsmethoden narzisstischer Persönlichkeiten weiter. Eine immer beliebtere Vorgehensweise destruktiver Kulte und guruesk auftretender LehrerInnen ist es, sich rational aufgeklärt, oder gar integral/evolutionär zu geben.

Guru-Greenwashing beinhaltet die Behauptung eines Gurus, integral zu sein, ohne jedoch integral zu wirken oder zu handeln. So entkräftet ein Guru beispielsweise Kritiker, indem er auf die Notwendigkeit von Schattenarbeit oder auf sein eigenes Trauma hinweist, in der Praxis hingegen keines dieser Phänomene integriert und weiterhin gewohnt autoritär und nicht hinterfragbar agiert.

Auch transrational verbrämte Argumente gegen Rationalität und Vernunft sind ein typisches Beispiel für Guru-Greenwashing: So wird Erwachen als ein Mysterium definiert, das nicht mit dem Verstand zu erfassen ist, um ein prärationales und mythologisches Verhalten zu legitimieren. Auch wird im Stile eines Donald Trump von „Fake News“ gesprochen, sobald Kritik am Guru öffentlich wird. Statt auf Kritikpunkte einzugehen, wird behauptet, es fände eine moderne Hexenjagd unter dem Deckmantel der Objektivität und Rationalität gegen den Guru statt. In Wahrheit aber seien Kritiker jedoch bösartig und hegten Hass und Neid auf die durch den Guru verkörperte Liebe19. Hier ist dann meist, ganz charakteristisch für den übersteigerten Geltungsdrang der narzisstischen Persönlichkeit, auch ein Vergleich mit historischen Persönlichkeiten wie Jesus, Anne Frank, Moses, Gandhi oder Nelson Mandela nicht mehr weit - auch sie seien schließlich für ihr Engagement für Liebe, Wahrhaftigkeit und Gerechtigkeit verleumdet und verfolgt worden.

Leider erreicht auch in diesem Kontext das Opfer-Blaming einen traurigen Höhepunkt. Der Guru und seine Anhänger klagen darüber, dass er zu Unrecht kritisiert werde und es ist im Zusammenhang von Aussteigern, die über die Vorgänge eines Kults aufklären, von aggressiven Opfer-Egos und in ihren Projektionen gefangenen verletzten Kindern die Rede, die sich hinterher über exakt das beschwerten, was sie selbst bestellt hätten. Dass der Guru jedoch gerade genau dies selbst tut, also sich darüber zu beschweren, dass er kritisiert wird und sich als komplett unschuldiges Opfer einer bösartigen Verleumdungskampagne zu wähnen, fällt ihm gar nicht auf - ein typisch postmoderner Widerspruch.

Und nach wie vor scheint die „Mohrrübenköder-Methode“ bei vielen SchülerInnen zu funktionieren: „Die Währung im Reich des Kultführers ist das Versprechen. Der Führer verspricht seinen Anhängern, dass sie die Erlösung oder einen besonderen Status erreichen werden, der sie über die restliche Welt erhebt, wenn sie nur der gemeinsamen Sache treu bleiben. Diese „Mohrrübenköder-Methode“ spricht eher die Gier, die Eitelkeit und die geschwächte Selbstachtung der Anhängerschaft an als ihre grundlegende Intelligenz oder ihr angeborenes Gefühl der Positivität des eigenen Daseins.“20

Der charismatische Prophet

Len Oakes schildert in seinem Buch „Prophetic Charisma“21 die typisch narzisstische Persönlichkeitsstruktur eines charismatischen Propheten, Gurus oder einer sonstigen „revolutionären religiösen Persönlichkeit“. Oaks ergründete fünf miteinander verbundene
Stufen, durch die hindurch sich ein prophetischer Guru entwickelt.

1. Die initiale Periode „früher Narzissmus“
Oakes setzt den Beginn der narzisstischen Entwicklung in der Kindheit an. Wenn ein Kind auf extreme und unangemessene Weise von seinen Eltern, nach Oakes insbesondere seiner Mutter, überschätzt, idealisiert und gelobt wird, besteht die Gefahr dass sich das kindliche Selbst aufbläht und eine Selbstachtung entwickelt, die weit über ein gesundes Maß hinausgeht.

Generell lässt sich sagen, dass die sich entwickelnde egozentrische Weltsicht durch eine kindlichen Anhaftung an eine Mutter entspringt, die das Kind über alle Maßen vergöttert. Daraus resultiert im Kind die innere Haltung, dass die Welt nur deshalb existiert, um die eigenen Bedürfnisse zu stillen.

Die Abschirmung des Kindes vor der Realität, zusammen mit der Vergötterung und Bewunderung des Kindes, führen auch dazu, dass das Kind sich selbst als göttlich oder heilig wahrnimmt. Mit dieser Prägung betritt der junge Guru eine Welt, in der er „sein eigenes Universum ist, und ausschließlich seinen Körper, seine Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle wirklich als real erlebt. Andere werden intellektuell wahrgenommen, jedoch ohne emotionale Gewichtung, ohne Substanz.“22

2. Inkubation

Die Adoleszenz ist für den heranwachsenden Guru eine Zeit der Beschwernis, durchdrungen von Konfusion und Krisen. Während dieser Zeit lernt das narzisstische Individuum einige schmerzhafte Wahrheiten über sich selbst kennen. Es entdeckt, dass es „irgendwie anders“ als die anderen ist. Doch anstatt zu lernen, wie das Individuum seine Persönlichkeitsstruktur und sein Verhalten anpassen und verändern kann, um auf befriedigende Weise an Kultur und Gesellschaft teilhaben zu können, erfindet der junge Guru einen göttlichen Mythos für sich, um diese Diskrepanz auf eine Weise zu integrieren, die sein bisher gewonnenes Selbstbild nicht angreift. Sein Mantra in dieser Phase wird “Ich bin nichts und sollte alles sein.”23

3. Awakening

In der dritten Phase findet der heranwachsende Guru schließlich eine endgültige Rechtfertigung für seine Rolle als Gottes Botschafter oder Gottesverkörperung. Dies kann entweder durch eine finale, vermeintliche Erwachenserfahrung oder eine Sequenz aus aufeinander aufbauenden transformativen Ereignissen geschehen, durch die der Guru ein neues Verständnis der Natur der ultimativen Wahrheit gewinnt.

Dieses neue Verständnis seiner selbst lässt ihn bisher adaptierte Rollen und Verhaltensmuster beenden und ein komplett neues Verhalten annehmen. In dieser Phase findet der Guru schließlich das, was, wie er glaubt, seine höhere Berufung ist - ein „schwer greifbares Etwas“, das seine langgehegte Überzeugung rechtfertigt, von göttlicher Natur zu sein. Oakes: „Das Erwachen löst zwar so manche Probleme für den Propheten - es verändert seine Sicht auf sich selbst und die Welt -, aber es kann auch neue Probleme erzeugen. Als ein Resultat des Erwachens legt der Prophet den Mantel als Gottes Botschafter an - eine Bürde, von der viele anfangs zurückschrecken und inbrünstig fragen: ‚Warum ich, Herr?’“

4. Mission

In der vierten Stufe findet der Guru seine Mission. Um Anhänger zu rekrutieren, behauptet nun der Guru, eine Quelle der ultimativen Göttlichkeit für andere zu sein. Die Dreistigkeit und inbrünstige Überzeugung dieser Behauptung führt oftmals zu dem Effekt, bei anderen Menschen Glaube, Hoffnung und Liebe auszulösen. Doch anstatt eine Gemeinschaft zu gründen, in der Gott der finale Lenker ist, ist der zentrale Fokus immer nur der narzisstische Guru, der von dem Drang angetrieben wird, von Anhängern bewundert zu werden.
Anfänglich wird der narzisstische Guru alles dafür tun, um Anhänger zu bekommen. Er wird seine ganze Expertise und Kompetenz dafür einsetzen. Oakes schreibt: „Er wendet eine Doppelstrategie an, um seine Gefolgschaft zu erhalten und zu vergrößern, erstens, indem er sicherstellt, dass sich um das tägliche Leben und die weltlichen Sorgen seiner Anhänger angemessen gekümmert wird, und zweitens, indem er Rituale entwirft, die die Erfahrung von Transzendenz ermöglichen.“24

In dieser Phase werden die Eigenschaften des Gurus typischerweise als warmherzig, praktisch, erdgebunden, pragmatisch und über allem, als fürsorgliche Führung wahrgenommen.

Durch die nun einsetzende Hingabe und Bewunderung der Anhänger an den Guru ist der Guru nun in der Lage, der ganzen Welt zu demonstrieren, dass er tatsächlich über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt, denn warum sonst sollte man ihn verehren und vergöttern? Oftmals zeigt sich dabei beim narzisstischen Guru eine infantile, magische Weltsicht und es gibt eine Bereitschaft, die Realität zu verzerren.

Interessanterweise geht es dem narzisstischen Guru nicht um Macht. Macht ist lediglich notwendig, um seine göttliche Vision zu realisieren: „Das, was der Prophet als Realität wahrnimmt, weist einige Eigenschaften eines Traumes auf, mit fließenden Grenzen zwischen dem Wirklichen und Unwirklichen, dem Selbst und dem Anderen, der Vergangenheit und Zukunft, zwischen Gott und der Menschheit.“25

5. Rise and fall

In der letzten Phase kommt es oft zu einem Fall des Gurus. Diese ist beinahe immer ein Resultat der “willkürlichen Ausschweifungen“, die von der gottgleichen Verehrung und der damit einhergehenden Selbstherrlichkeit herrühren, die inzwischen das Leben des Gurus bestimmen. In irgendeiner Form kommt es zu einer Kollision mit der Realität, die er so lange durch seine vielen psychologischen Abwehrmechanismen abzuschirmen versuchte.

Wie Erfahrungen zeigen, schaffen es narzisstische Gurus, durchaus jahrzehntelang auf ihrem Thron zu sitzen. Selbst wenn erste kritische Stimmen und Berichte über das Verhalten des Gurus erscheinen, kann es noch Jahre dauern, bis sich ein destruktiver Kult auflöst. An diesem Punkt kann es auch zu besonders tragischen Fällen äußerster Radikalisierung kommen, wie beispielsweise die massenhafte (Selbst-)Tötung der Anhänger Jim Jones’ im Jonestown-Massaker 1978 oder die rituellen Selbstverbrennungen einiger Mitglieder der „Sonnentempler“, die sich in den Jahren 1994 - 1997 ereigneten, zeigen26.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Narzissmus scheint eine der größten Quellen für den Drang eines Menschen zu sein, sich als Guru darzubieten zu müssen. Oder, wie es Geoffrey Falk formuliert: „Ein gemeinsames Element aller Gurus dürfte eine narzisstische Persönlichkeitsstruktur sein: Wissenschaftlichen Studien zufolge waren 80 Prozent der untersuchten Gurus in klinischem Sinne narzisstisch. Es gibt zwar ein paar Figuren, die gegen ihren erklärten Willen in eine Guru-Position gedrängt wurden, solche beispielsweise, die ohne eigenen Machtanspruch von ihrem Guru in dessen Nachfolge eingesetzt wurden, aber das sind Ausnahmen in einem Feld, in dem absolute spirituelle Macht in aller Regel auch absolut korrumpiert.“27

Facebook, Instagram und Co. scheinen dabei heute eine immer wichtigere Rolle für den Guru zu spielen. Hier kann er seiner göttlichen Selbstdarstellung freien Lauf lassen, ohne sich dabei beweisen oder sich unbequemen Debatten stellen zu müssen - Kritiker können hier schlicht gesperrt und unerwünschte Kommentare gelöscht werden. Likes sind die postmoderne Währung des narzisstischen Gurus. In sakral gestalteten Bildern kann eine postmoderne Heiligenlandschaft generiert werden, die Bewunderung und Faszination beim Betrachter auslösen kann. Das Generieren eines virtuellen Heiligenscheins ist eines der wesentlichen Merkmale des postmodernen narzisstischen Gurus.

Ausblick

Idealerweise zeichnet sich nach Tom Amarque ein Guru dadurch aus, „dass er aus einer „höheren“ (entwicklungsmäßigen) Position heraus handelt, oder handeln soll, um den Menschen oder Aspiranten den Weg zur Erleuchtung, Vervollkommnung, oder einfach Gott zu ermöglichen. In der Praxis und im Gesamtzusammenhang ist dies allerdings nur selten der Fall; viel häufiger übernehmen, geschichtlich betrachtet, Psycho- und Soziopathen diese Rolle, ohne über einen wie auch immer gearteten Entwicklungsvorsprung zu verfügen.“28 Die Guru-SchülerIn-Beziehung ist und bleibt allerdings angesichts der zahlreichen Fallstricke, die damit einhergehen, eine riskante Angelegenheit, und die Wahrscheinlichkeit, die sprichwörtliche „Katze im Sack“ zu kaufen, ist in dieser Beziehung derartig hoch, dass deren Nutzen, besonders innerhalb unseres Kulturkreises und in der heutigen Zeit, durchaus diskutabel ist.

Es scheint, wie die Erfahrung lehrt, tatsächlich so zu sein, dass die soziale Rolle des Gurus nicht über das mythologische Bewusstseinsniveau hinauskommt und deshalb nur noch partiell eine Rolle in der heutigen kulturellen und spirituellen Entwicklung spielen kann.
Auch haben sich die Psychologie und Geistestechnologie im letzten Jahrhundert enorm weiterentwickelt, sodass der Prozess der Projektion des eigenen wahren Selbst auf einen anderen Menschen in dieser Form antiquiert erscheint - zumal die Erwachens- Erfolgsstatistiken einer Guru-SchülerInnen-Beziehung verschwindend gering sind (abgesehen von der schweren objektiven oder intersubjektiven Verifizierbarkeit dieses Kriteriums ist hier die subjektive Erfahrung der SchülerInnen gemeint).

Dies dürfte auch erklären, warum alle selbsternannten Gurus mit integralem Background in den letzten Jahren und Jahrzehnten gescheitert sind. Das patriarchale Erbe des Gurus und des Kultes scheint ein Auslaufmodell der Geschichte zu sein.

Und nicht nur das: Die kritische Überprüfung aller spirituellen Lehren, Lehrer und Gurus ist für die Weiterentwicklung der Spiritualität im 21. Jahrhundert unerlässlich. Keine spirituelle Behauptung sollte unerforscht und kein selbsternannter Guru kritiklos hingenommen werden. Eine dissoziative Spiritualität führt viele Menschen in die Irre und es gilt daher, jeden Lehrer, jeden Guru und jede Lehre genauestens zu untersuchen, um festzustellen, ob diese ins Verhängnis führt oder tatsächlich dem kollektiven Bedürfnis von Heilung und Transformation dient.

Fußnoten

  1. Tom Amarque (2018). Der Krieg der Seele. Ursprung und Sinn der Spiritualität. Phänomen Verlag.
  2. Swami Sivananda (2010). Die göttliche Erkenntnis. Yoga Vidya Verlag.
  3. https://www.integralesforum.org/medien/integrale-bibliothek/praxis/religion-spiritualitaet/4549-die-rolle-des- spirituellen-lehrers
  4. Silvio Wirth (2011). Integrales Tantra. Phänomen Verlag.
  5. ebda.
  6. vgl. Wetzky & Machowinski (2019). Sacred Human. Ein Report über Sebastian Gronbach und seinen religiösen Kult.
  7. http://www.strippingthegurus.com/stgsamplechapters/trungpa.html
  8. https://www.terrypatten.com/on-marc-gafni/;
    http://www.marcgafni.com/resp/ken-wilber-statement-on-marc-gafni-and-the-center-for-world-spirituality/
  9. http://www.integralworld.net/smith46.html
  10. http://www.integralworld.net/erdmann3.html
  11. http://www.strippingthegurus.com/stgsamplechapters/cohen.html
  12. Matthias Thiele (2019). Am Wendepunkt – Was kommt nach der Theorie? Wege und Perspektiven des Integralen im öffentlichen und inneren Raum. Integrale Perspektiven. Online.
  13. http://www.integralworld.net/visser28.html
  14. http://www.integralworld.net/scofield1.html
  15. Ken Wilber (1987). Das Spektrum des Bewusstseins und Wege der Schulung des Geistes. In: Ken Wilber. Meister, Gurus, Menschenfänger. Über die Integrität spiritueller Wege. Fischer Verlag.
  16. ebda.
  17. John Welwood in: Ken Wilber (1995). Meister, Gurus, Menschenfänger: Über die Integrität spiritueller Wege. Fischer Verlag.
  18. Ken Wilber (1987). Das Spektrum des Bewusstseins und Wege der Schulung des Geistes. In: Ken Wilber. Meister, Gurus, Menschenfänger. Über die Integrität spiritueller Wege. Fischer Verlag.
  19. Exemplarisch sei der Essay von Marc Gafni „The Murder of Eros“ erwähnt, in dem diese Vorgehensweise exakt so beschrieben wird: https://medium.com/office-for-the-future/marc-gafni-murder-of-eros-4753573d5000
  20. John Welwood in: Ken Wilber (1995). Meister, Gurus, Menschenfänger: Über die Integrität spiritueller Wege. Fischer Verlag.
  21. Len Oakes (1997). Prophetic Charisma. Syracuse University
  22. ebda.
  23. ebda.
  24. ebda.
  25. ebda.
  26. https://de.wikipedia.org/wiki/Massenselbsttötung
  27. Geoffrey Falk: (2011). Gurus. Zwischen Sex, Gewalt und Erleuchtung. Aschaffenburg.
  28. Tom Amarque (2018). Der Krieg der Seele. Ursprung und Sinn der Spiritualität. Phänomen Verlag.

 

Autoren

Joachim Wetzky und Susanna Machowinski befanden sich für mehrere Jahre in einem Guru- Kult. Ihre Erfahrungen schildern sie in einem Report, der unter www.sacredhumankult.de nachzulesen ist.

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