Auf der Integral European Conference 2016 in Siofok, Ungarn, gab es drei Hauptschwerpunkte: Teal[1] Businessmodelle, die Anwendung von Spiral Dynamics und die Flüchtlingskrise. In seiner Keynote betonte Ken Wilber die Bedeutung explizit integraler Ansätze gegenüber aktuellen europäischen Entwicklungen wie der europäischen Schuldenkrise, dem Wiedererstarken des Nationalismus und dem IS Terror. Ich präsentierte dazu eine Spiral Dynamics Analyse der schwedischen Reaktion auf die Flüchtlingskrise und nahm an einem Panel zum Thema teil. In diesem Beitrag möchte ich einige wesentliche Vorstellungen und Einsichten vermitteln, die dabei helfen können die Entwicklungen in Schweden gegenüber der Flüchtlingskrise zu verstehen. Manches davon ist wahrscheinlich auch auf die Situation in Deutschland anwendbar. Ich beginne dazu mit der Erläuterung der Entwicklung der schwedischen Einwanderungspolitik der letzten Jahre.

Die Verschiebung des Meinungskorridors

In Schweden gibt es ein Vor und ein Danach was die Verschiebung eines “Meinungskorridors” betrifft, der sich auf den Raum akzeptabler Meinungen bezieht, die man besser für sich behalten sollte, um nicht als geistig unzurechnungsfähig zu gelten. Dieser Begriff wurde von dem Politikwissenschaftler Henrik Oscarsson geprägt. Er ist Professor und Direktor des SOM-Instituts der Göteborg Universität, das sich mit dem Studium der öffentlichen politischen Meinung beschäftigt. Im Hinblick auf das Thema Einwanderung und Flüchtlingskrise ist der “Meinungskorridor” der Raum, innerhalb dessen Toleranz, Akzeptanz und eine grundsätzlich positive Haltung gegenüber Migranten zum Ausdruck kommt für eine großzügige Einwanderungspolitik und einen Multikulturalismus. In integralen Begriffen ist dies das postmoderne grüne[2] Wertesystem, welches die schwedische politische Landschaft und auch die Mainstream-Medien dominierte.

Vor der Verschiebung des Meinungskorridors betonte der Premierminister Stefan Löfven, dass “mein Europa nicht seine Grenzen dicht macht” und der stellvertretende Premierminister Åsa Romson verglich die Fluchtbewegungen über das Mittelmeer mit Auschwitz. Die Debatte war extrem polarisiert und jeder, der sich nicht den postmodernen Werten anschloss, wurde als böse und intolerant bezeichnet und der schwedischen populistischen Partei zugeordnet. Vergleichbar mit Angela Merkels “Wir schaffen das!” hatte Löfven versichert, dass alles unter Kontrolle wäre und es keine Obergrenze hinsichtlich der Aufnahme von Flüchtlingen gäbe. Doch es war nur eine Frage der Zeit, wann der Flüchtlingsstrom die Kapazitäten des Asylsystems sprengen würde. Es gibt eine Grenze. In einer berühmt gewordenen Pressekonferenz im Oktober 2015 gaben Löfven und Romson, letzterer in Tränen, bekannt, dass Grenzkontrollen eingeführt werden würden, um den Flüchtlingszustrom deutlich zu reduzieren. Dasjenige, was vorher von vielen als rassistisch und Ausdruck von Intoleranz gesehen wurde, war plötzlich Einwanderungspolitik der Regierung. Diese Wende war eine große Niederlage der bisherigen hegemonistischen postmodernen Werte.

Die Bedeutung von kulturellem Kontext und Entwicklung

Vor dieser Wende grenzten sich die schwedischen Werte von anderen Werten ab, resultierten aus äußeren Einflüssen oder existierten nicht. Die Kritik der bestehenden Normen und Konventionen war die neue postmoderne Norm und Konvention. Mit dieser Entwicklung und der Wende entstand ein breites Interesse gegenüber den Werten und Meinungen aller Parteien. Um diese Polarisierung zu verstehen, wurden Modelle wie das GAL-TAN Modell (grün-alternativ-liberal versus traditionell-autoritär-nationalistisch) des Sozialwissenschaftlers Jonathan Haidt öffentlich diskutiert. Kulturelle Spannungen zwischen Migranten anderer Kulturen, wo Stamm und Sippe die Grundlage gemeinschaftlicher Identität bilden, gegenüber der schwedischen Kultur mit ihrem hohen Vertrauen in den Staat, wurden durch den World Value Survey (WVS)[3] deutlich. Danach nimmt die schwedische Kultur eine Extremposition ein, als die am meisten säkulare und auf Selbstausdruck ausgerichtete Kultur gegenüber traditionellen Werten und Werten des Überlebens. Ein positiver Aspekt der Dynamik eines sich Konfrontierens mit anderen Kulturen ist die mehr oder weniger freiwillige Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und warum man diese hat und ob sie auch die besseren Werte sind. Das Verstehen und die Reflexion der eigenen kulturellen Werte ist ein – in den Worten Robert Kegans – Heraustreten aus dem eigenen Eingebundensein. Dazu gehören auch das Kennen und Verstehen der eigenen Geschichte. Nach der Wende gab es mehr Stimmen, die von einer Reihe von gemeinschaftlichen Werten als Basis für den sozialen Zusammenhalt sprachen. Dies würde Unruhen vorbeugen und Migranten dabei helfen sich in dem neuen Land zu orientieren. Und dabei kann die Entwicklungsperspektive eines Modells wie Spiral Dynamics wertvolle Einsichten liefern.

Integrale Kernkonzepte

Hier nun einige integrale Kernkonzepte, die für mich speziell bei der Flüchtlingskrise einen besonderen Wert haben. Sie kommen aus dem Spiral Dynamics Modell und aus dem Forschungsfeld der Erwachsenenentwicklung insgesamt.

Die aktuellen Werte sind in einem historischen Kontext zu sehen

Um unsere kulturellen Reaktionen zu verstehen und damit den Konflikt zwischen dem schwedischen Wertebereich gegenüber dem anderer Kulturen, müssen wir ein Stück zurücktreten und uns fragen, woher diese Werte kommen. Postmoderne Werte sind nicht endgültig und aus sich heraus allein gut, und sie sind auch nicht das Ende der Geschichte. Jedes Wertesystem ist zu einem Teil eine Folge der Begrenzungen vorangegangener Werte. Traditionelle Werte traten hervor, als Stabilität und Ordnung gebraucht wurde. Individualistische und fortschrittsorientierte moderne Werte gingen über das Statisch-Traditionelle hinaus. Die Postmoderne wiederum brachte Umweltthemen auf, ebenso wie die Gender-Diskussion und eine Überwindung des Rassismus. Die gegenwärtige Wertelandschaft kann daher als eine Reflexion gegenüber unserer Geschichte gesehen werden, so wie einer Stadt die Spuren ihrer Vergangenheit in ihrer Architektur eingeprägt sind. Mit einem Verständnis und der Annahme der eigenen kulturellen Geschichte entsteht oft eine Demut hinsichtlich dessen, dass Transformationen nicht so einfach sind und wir unser kulturelles Erbe immer mit uns tragen, egal woher wir kommen. Wir haben Fortschritte gemacht, auch wenn wir etwa 1000 Jahre gebraucht haben um uns vom Zeitalter der Wikinger bis in die heutige Zeit zu entwickeln. Nach meiner Analyse ist das Modell Spiral Dynamics, welches in den Vereinigten Staaten entwickelt wurde, ebenso anwendbar auf die historische Entwicklung der schwedischen Kultur.

Werte sind eine wesentliche Konsequenz der Lebensbedingungen

Werte sind zum Teil eine Folge vorangegangener Werte und eines sozio-technologischen Fortschritts, doch in den Begrifflichkeiten von Clare Graves sind sie im Wesentlichen eine Folge der Wahrnehmung der eigenen Lebensbedingungen. Die Haupterklärung für die Krise der postmodernen Werte liegt in der Veränderung dieser Lebensbedingungen. Die vorherrschenden grünen Werte unterstützen eine großzügige Einwanderungspolitik, Toleranz, Anti-Rassismus und ein offenes Herz. Konkrete Faktoren die soziale Ordnung, Wohnungsnot und die Aufrechterhaltung des sozialen Systems betreffend fanden dabei kaum Berücksichtigung. Dies wurde offensichtlich, wo eine Integration nicht gelang, es zu sozialen Unruhen kam und die Polizei die öffentliche Ordnung nicht aufrechterhalten konnte (als etwas, wofür die blau-traditionellen Werte besser geeignet sind). Gleichzeitig wurden das soziale System und der Wohlfahrtsstaat insgesamt stark belastet, vor dem Hintergrund, dass es viele Jahre braucht bevor ein Flüchtling Arbeit bekommt und sich selber unterstützen kann (es sind überwiegend männliche Migranten, die den langen Weg quer durch Europa antreten). Die postmodernen Werte gründen auf der Basis einer gesunden Ökonomie und sozialen Stabilität, wo alle grundlegend sozialen Bedürfnisse erfüllt werden können. Doch wie realistisch ist die Ansicht, dass wir alle die postmodernen Werte verinnerlicht haben sollten?

Kulturen haben unterschiedliche Merkmale

Das Spiral Dynamics Modell und andere Entwicklungsmodelle kommen allgemein bei der Beschreibung der Entwicklung von Kulturen und Individuen zur Anwendung. Doch Individuen wie auch Kulturen sind einzigartig, haben unterschiedliche Merkmale und können durch kein Modell vollständig beschrieben werden. Eine dieser Charakteristiken für Schweden ist die einer “Konsenskultur”. Wir haben großes Vertrauen in Kooperationen und eine allgemeine Zustimmung für gemeinschaftliche Lösungen nach deren gemeinsamer Diskussion. Schwedische Führung wird oft als antiautoritär charakterisiert und die Entscheidungsfindung geschieht gemeinschaftlich und inklusiv. Diese kulturelle Eigenschaft wurde von Historikern Hunderte von Jahren geschichtlich zurückverfolgt, und sie ist die Quelle unseres Erfolgsweges, von einer der ärmsten Nationen Europas zu einer der reichsten und entwickeltsten Nationen innerhalb eines Jahrhunderts. Als wir uns zu einer modernen Kultur wandelten, war dies eine Aufforderung an alle dem zu folgen. Und als wir dann postmodern worden, war dies eine Aufforderung an alle sich für Gendergleichheit einzusetzen, sich gegen Rassismus zu engagieren und für die Umwelt. Der Nachteil dieser Konsenskultur ist eine Tendenz zur Konfliktvermeidung und damit zu einer Konfliktverstärkung.

Die vielen Facetten des Postmodernismus

Entsprechend dem Spiral Dynamics Modell werden postmoderne oder grüne Werte allgemein psychologisch beschrieben mit Begriffen wie Toleranz, Sensitivität und der Betonung menschlicher Beziehungen. Wilber fügt dem noch A-Perspektivität, Dekonstruktion und kulturellen Relativismus als weitere Facetten hinzu. Für ein Verständnis der vorherrschenden Ideologie eines Feminismus und Antirassismus ist die Perspektive auf Macht ebenso wichtig. Frauen und Migranten mit anderer Hautfarbe wurden aus dieser Perspektive heraus als Opfer struktureller Gewalt gesehen. Wenn Migranten Steine auf das Personal eines Krankenwagens in einem Vorort werfen, dann sind sie nach dieser Logik entschuldigt, weil sie damit lediglich gegen die Unterdrückung durch ein rassistisches System protestieren. Das gleiche gilt für Frauen, die öffentlich ihren generellen Hass gegen Männer zum Ausdruck bringen. Doch wenn junge Migrantinnen Opfer von Ehrenmorden werden oder junge Frauen sexuell auf Konzerten oder auf Feiern zum Jahreswechsel (wie in Köln geschehen) belästigt werden, kommt die postmoderne Perspektive auf das Thema Macht in Schwierigkeiten. Wie kann ein Migranten gleichzeitig ein Unterdrücker und ein Unterdrückter sein? Ereignissen wie diesen wurde in den Medien bisher nicht viel Aufmerksamkeit gegeben, was zu einer Diskussion über die Rolle der Mainstreammedien insgesamt führte und sehr breiten Diskussionen in alternativen Medien, die freudig Themen im Zusammenhang mit Problemen bei der Migration aufnahmen.

Die vielen Facetten persönlicher Reife

Der Überblick, den uns das Spiral Dynamics Modell gibt, ist von großer Bedeutung für ein Verständnis der allgemeinen Trends kultureller Entwicklung. Doch für konkrete Debatten gilt, dass Individuen sehr viel komplexer sind. Eine typische Verallgemeinerung in integralen Kreisen ist die, dass jeder Mensch durch die gleichen Stufen kulturelle Entwicklung geht - traditionell, dann modern und dann postmodern. Dies ist jedoch nicht notwendigerweise so, da wir alle unterschiedliche Entwicklungslinien bzw. Kompetenzen haben. Das gilt auch für Schweden. Seit die postmodernen Werte zu den neuen Konventionen wurden, war es nicht mehr notwendig über sie zu reflektieren und zu ihrer Verteidigung zu argumentieren. In den Medien werden einem als Feministin und Anti-Rassist kaum kritische Fragen gestellt. Im heutigen postfaktischen Klima ist das Vertreten bestimmte Werte wichtiger als die Frage, wie man sie vertritt, wie respektvoll man mit denen umgeht, die anderer Meinung sind, wie vernünftig man argumentiert und wie viele unterschiedliche Perspektiven man einnehmen kann. Dies alles sind jedoch Fähigkeiten, die wir mit persönlicher Reife und hierarchischer Komplexität in Verbindung bringen, entsprechend der Arbeit von Michael Commons und der Ich-Entwicklung nach Jane Loevinger. So kann eine Person mit traditionellen Werten und einer restriktiven Ansicht gegenüber Einwanderung reifer in der Persönlichkeit und komplexer im Denken sein als ein Mensch mit postmodernen Werten, der oder die sich für eine wenig restriktive Einwanderung ausspricht. Eine ähnliche Schlussfolgerung ergab sich aus Lawrence Kohlberg’s berühmter Forschung über moralische Entwicklung. Es kommt nicht so sehr auf die Antwort gegenüber einem spezifischen Dilemma an, sondern auf die Komplexität im Ausdruck und die damit verbundene Einnahme einer sozialen Perspektive. Die Flüchtlingskrise ist extrem komplex. Sie stellt eine nur wenig strukturierte Problemstellung dar, und es gibt mehr oder weniger reife und komplexe Argumente für jede der Meinungen.

Schlussfolgerung

In diesem Beitrag habe ich einige wesentliche Konzepte für ein Verständnis der Dynamiken im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise aufgezeigt, zur Unterstützung unserer kulturellen Entwicklung in eine gesunde Richtung hinsichtlich Komplexität und Reife. Eine Krise der postmodernen Werte bedeutet nicht notwendigerweise eine kulturelle Regression, auch wenn dies eine Möglichkeit darstellt. Die gegenwärtige Situation, auch im Hinblick auf den Brexit, Trump und die russische Expansion ist auf eine Weise alarmierend, sie ist aber auch eine Gelegenheit das Thema von Entwicklung und Perspektiven in die Öffentlichkeit zu bringen, und zu zeigen, dass es einen Weg nach vorne gibt.

In Schweden hat sich das Debattenklima geöffnet und mehr und mehr Menschen erkennen, dass es bei der Flüchtlingskrise nicht um richtig versus falsch oder gut versus böse geht. Die Themen sind komplex und wir sollten auf die reiferen Stimmen derjenigen hören, die eine Fähigkeit für komplexes Denken und Perspektiveneinnahme entwickelt haben. Auch wenn uns diese Situation Gelegenheiten bietet, so haben wir wirtschaftlich und kulturell gesehen einen hohen Preis bezahlt – sowohl finanziell als auch was das Vertrauen und unseren sozialen Zusammenhalt hier in Schweden betrifft.

Eine ausführlichere Analyse mit entsprechenden Quellenhinweisen findet sich in meinem längeren Artikel, den ich auf der IEC Konferenz in Ungarn und auf einer Konferenz über Migration und den europäischen Wohlfahrtsstaat gehalten habe.

Autor: Kristian Stålne

 

[1] A. d. Ü.: Die Farbbezeichnung „teal“ bezieht sich auf eine Entwicklungsstufe, die über die Postmoderne und alle vorangehenden Stufen hinausgeht, im Sinne von Transzendieren und Bewahren.

[2] A.d.Ü.: Die folgenden Farbbezeichnungen beziehen sich auf das Entwicklungsmodell Spiral Dynamics.

[3] A.d.Ü.: Die World Values Survey (dt. etwa Weltweite Werte-Erhebung, kurz WVS) ist die umfangreichste und weiträumigste Umfrage über menschliche Werte, die je durchgeführt wurde. Es ist ein anhaltendes akademisches Projekt von Sozialforschern, um den Status von soziokulturellen, moralischen, religiösen und politischen Werten verschiedener Kulturen der Welt zu ermitteln. Die Ergebnisse sind größtenteils auf der Website des Projekts zu finden. http://www.worldvaluessurvey.org/wvs.jsp (Quelle: Wikipedia, 10.1.2017)

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