Aus: Ken Wilber, the loft series, The feeling of Eros, 2011

Das grundlegende Prinzip der Evolution ist eine Zunahme von Einheit und damit auch von Freiheit. Was die Einheit betrifft, nimmt die Identität menschlicher Wesen auf jeder Entwicklungsstufe und bei jedem Entwicklungsschritt zu, als eine neue Weltsicht, eine neue Wertestruktur oder eine neue ethische Perspektive. Mit der Zunahme und Erweiterung von Perspektiven ist gleichzeitig eine Erweiterung der Identität eines Menschen verbunden, bei der immer mehr andere Menschen und Wesen mit berücksichtigt werden. Das bedeutet, dass man sich anderen so nahe fühlt, dass man sie so behandelt wie man sich selbst behandelt. Es entsteht ein Band der Liebe zu diesen Menschen und Wesen.

Dieses Band beginnt bei einer ersten Person, wo Liebe im Wesentlichen nur für das eigene Selbst gefühlt wird, das eigene Ich-Erleben. Diese Liebe erweitert sich zu einer zweiten Person mit der Fähigkeit die eigene Identität zu erweitern auf meine Familie, meinen Stamm, die Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, und dabei eine Verbindung zu fühlen zu diesen anderen Menschen. Zu Menschen, die nicht zu diesen Gruppen gehören, wird die Verbindung nicht gefühlt. Doch die Entwicklung Gefuehl des Erosgeht weiter durch das Bestreben der Evolution zu immer höheren Einheiten und Identitäten. Wenn wir dann im weiteren Evolutionsverlauf zu einer Perspektive einer dritten Person gelangen, ist damit eine weltzentrische Fähigkeit und Perspektive verbunden. Damit verbunden sind Gefühle von Fairness, Gerechtigkeit und Fürsorge für alle Menschen, unabhängig von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht oder Herkunft. So etwas hat es bis dahin nicht gegeben. Menschen können nun eine grundlegende Identität mit allen Menschen fühlen und ethnozentrisches Denken, Reden oder Handeln löst nun Empörung aus. Eine Perspektive einer vierten Person, als ein weiterer Entwicklungsschritt, ist eine Perspektive auf die Perspektive einer dritten Person, die schaut und prüft, ob diese Perspektive auch in allen Fällen zur Anwendung kommt. Mit der Emergenz einer integralen Perspektive entsteht ein neuer, gewaltiger Entwicklungsschritt, den die Menschheit bisher noch nicht gesehen hat. Es ist eine Perspektive, die den Wert aller vorangegangenen Perspektiven sieht und anerkennt. Das ist etwas unerhört Neues. Man kann nur wild darüber spekulieren, was für eine Gesellschaftsform daraus entstehen kann. Es gab noch nie eine Weltsicht, die nicht nur diese umfassendere Perspektive eingenommen hat, sondern die auch auf eine neue echte und wirkliche Art geliebt und Fürsorge für andere Menschen und Wesen empfunden hat, so als wenn diese Menschen und Wesen zu einem selbst gehören, zum eigenen Selbst und zur eigenen Identität.

Was wir in der menschlichen Evolution erkennen ist, dass sich mit der Erweiterung der Ich- Identität auch die Liebe, die wir für andere fühlen können, ausdehnt. Die Identität entwickelt und erweitert sich von einer ersten zu einer zweiten zu einer dritten zu einer vierten zu einer fünften Person, immer weiter, und unsere Identität erweitert sich hinsichtlich dessen, was wir als uns selbst fühlen. Wir können zu immer mehr Menschen und Wesen eine Verbundenheit fühlen, verbunden mit Wärme und einer liebenden Fürsorge. Diese liebende und fürsorgende Energie erfüllt und erweitert unsere kognitiven, unsere kinästhetischen und unsere ethischen Fähigkeiten. Der emotionale Antrieb dahinter ist liebende Glückseligkeit.

Dies betrifft sowohl die Zustände wie auch die Strukturen des Bewusstseins und es ist eine Variation dessen, was Plato sagt, diese umfassende Liebe und Glückseligkeit, bei der der Kosmos einst ein Ganzes war, doch sich dann aufteilte in viele Einzelteile, und das Verlangen und Bestreben nach der Ganzheit wird Liebe genannt. Dies beginnt mit dem Urknall und treibt die Bildung von Atomen, Molekülen und Zellen voran, weiter zu Organismen und menschlichen Wesen mit immer umfassenderen Weltsichten und Perspektiven. Die Einheit und Ganzheit existierte noch vor der Involution und in der Evolution geht es um die Wiederherstellung dieser Einheit.

Wenn du dich also das nächste Mal mit dem Thema Liebe beschäftigst, vielleicht weil du dich verliebt hast oder auch aus der Liebe herausgefallen bist oder verlassen wurdest, dann reflektiere über einige dieser Themen – es lohnt sich. Sie sind ein Teil dessen, was von Augenblick zu Augenblick erscheint und geschieht.

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