Ken Wilber

Aus: The Three Principles of Integral Thinking, 2017

Diese drei Prinzipien – Nichtausgrenzung, Entfaltung und Inszenierung – wurden aus der Gegebenheit heraus abgeleitet, dass zahlreiche unterschiedliche und auch in „Konflikt“ miteinander stehende Paradigmen bereits seit langer Zeit weltweit praktiziert werden. Daher stellt sich nicht die Frage, welche dieser Paradigmen richtig und welche falsch sind, sondern die Frage, was sie alle in diesem Kosmos überhaupt erst hervorgebracht hat.

Drei Prinzipien integralen DenkensPrinzip 1:
Nichtausgrenzung – „Jeder hat Recht.”

Nichtausgrenzung bedeutet, dass wir die Geltungsansprüche akzeptieren (d.h. die Wahrheitsansprüche, welche die Gültigkeitstests innerhalb ihres eigenen Paradigmasin ihrem eigenen Feld bestehen, sei es in der Hermeneutik, in der Spiritualität, der Naturwissenschaft usw.). Das bedeutet, ein Paradigma kann 
kompetente Beurteilungen innerhalb seines eigenen Welt-Raumes machen, jedoch nicht über Räume, die im Rahmen anderer Paradigmen zum Vorschein gebracht (und gesehen) werden.

Prinzip 2:
Entfaltung – “Einige haben mehr Recht als andere.”

Jeder hat Recht und manche Sichtweisen haben mehr Recht als andere. Keiner hat Unrecht, doch einige sind umfassender, holistischer, integrierender, tiefer, transzensierender-und-bewahrender – ohne ein Ende. Doch die Tatsache, dass Moleküle umfassender als Atome sind, bedeutet nicht, dass wir uns damit der Atome entledigen könnten oder dass diese uns keine wirkliche Wahrheit anzubieten hätten, so wie sie sind. Eine teilweise Wahrheit ist immer noch eine Wahrheit.

Prinzip 3:
Inszenierung/Hervorbringung – „Wenn du dies wissen willst, musst du jenes tun.“

Die meisten „Paradigmenkonflikte“ entstehen aus „Unvereinbarkeiten“. Das bedeutet, es gibt keinen Weg sie zusammenzubringen. Doch das liegt lediglich daran, dass sich die Menschen auf die Phänomene konzentrieren und nicht auf die Praktiken. Erkennen wir jedoch, dass Phänomene durch Praktiken inszeniert, hervorgebracht und aufgedeckt werden, dann wird uns auch klar, dass die im „Widerspruch stehenden Phänomene“ oder Erfahrungen lediglich unterschiedliche, aber voll miteinander zu vereinbarende Erfahrungen darstellen, die durch unterschiedliche Praktiken hervorgebracht wurden. Übernimmt man diese Praktiken, dann wird man die gleichen Phänomene sehen, die vorher bei der Betrachtung der Paradigmen „unvereinbar“ schienen. Daher ist die Unvereinbarkeit nicht ‚unüberwindbar‘ und auch keine Grenze für eine wirklich integrale Umarmung.

Diese drei Prinzipien unterstützen uns darin, unterschiedliche Ansätze zusammenzubringen und in jedem von ihnen einen Teil von Wahrheit zu finden. v

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