Atman ProjektAus: Ken Wilber, Das Atman Projekt, 1980

Ist dieses trügerische, individuelle und separate Einzel-Wesen erst einmal aus der uranfänglichen Ganzheit entstanden, so sieht es sich mit zwei Hauptbestrebungen konfrontiert: die eigene Existenz fortzusetzen (Eros) und alles das zu vermeiden, was zu seiner Auflösung zu führen droht (Thanatos). Dieses inwärtige isolierte Pseudo-Wesen wird einerseits heftig gegen den Tod, Auflösung und Transzendenz (Thanatos) verteidigt, während der betreffende Mensch andererseits nach Kosmozentrizität, Allmacht und Unsterblichkeit strebt (Eros). Es handelt sich hier ganz einfach um die positive und negative Seite des Atman-Projekts: Leben und Tod, Eros und Thanatos, Vishu und Shiva.

So entstehen als Funktion der Grenzziehung zwischen Subjekt und Objekt die beiden wichtigsten dynamischen Faktoren: Leben und Tod. Eros ist letztlich der Wunsch, jene uranfängliche GANZHEIT wiederzuerlangen, die verdunkelt wurde, als die Grenze zwischen Eigenem und Anderem geschaffen wurde. Um jedoch wirklich eine Wiedervereinigung von Subjekt und Objekt, Eigenem und Anderem zu erreichen, ist der Tod und die Auflösung des ausschließenden Einzel-Seins erforderlich – und genau dagegen richtet sich der Widerstand. So kann der Eros nicht zur wahren Einheit finden, zur wahren GANZHEIT, sondern wird statt dessen dazu angetrieben, symbolischen Ersatz für das verlorene Ganze zu finden, und diese Ersatzlösungen müssen, um ihren Zweck erfüllen zu können, den Wunsch nach der anfänglichen EINHEIT als erfüllt darstellen. Eros wird nie befriedigt, da er nur Ersatzlösungen findet. Eros ist ontologischer Hunger.

Solange ein Mensch sich an seiner Isolation festhält, muss er den Tod und die Furcht vor dem Tode verdrängen.

Nun zu Thanatos – Tod und Angst vor dem Tode. Die westliche Psychologie hatte große Schwierigkeiten, zu begreifen, dass es zwei wichtige, aber sehr verschiedene Formen von Angst und Furcht gibt. Die eine ist pathologisch oder neurotisch: Alle Arten von Angst, die berechtigterweise auf „Geisteskrankheit“, pathologische Abwehrmechanismen oder neurotische Schuldgefühle zurückzuführen sind. Die andere Form der Angst hingegen beruht nicht auf einer geistigen Fehlentwicklung oder auf einer neurotischen Erkrankung, sondern auf einer Art, die Wahrheit wahrzunehmen – dies ist eine grundlegende, unvermeidbare, unausweichliche Angst, die jedem Einzel-Wesen inhärent ist. Die ursprüngliche NATUR des Menschen ist das GANZE, doch sobald der Mensch diese NATUR in ein separates Eigenes und ein äußeres Anderes aufteilt, sieht sich das Individuum zwangsläufig mit dem Gewahrsein des Todes und mit dem Schrecken des Todes konfrontiert. Solange die Grenze zwischen Subjekt und Objekt besteht, ist dies existentiell, vorgegeben und inhärent – und die Wahrnehmung dieser Angst ist eine Wahrnehmung der Wahrheit der Situation, keine Wahrnehmung geistiger Krankheit. In den Upanischaden ist dies wundervoll ausgedrückt: „Wo immer Anderes ist, da ist Furcht.“
Diese Todesangst ist dem Individuum, dem separaten Subjekt inhärent, und sie entsteht in der einen oder anderen Form überall da, wo es Grenzen gibt. Alle Männer und Frauen haben nur zwei Wahlmöglichkeiten angesichts des Todes und angesichts von Thanatos: Sie können ihn leugnen und verdrängen oder sie können ihm im überbewussten ALL(EN) transzendieren. Solange ein Mensch sich an seiner Isolation festhält, muss er den Tod und die Furcht vor dem Tode verdrängen. Die Todesfurcht ist nur zu überwinden, indem man die Vereinzelung transzendiert. Das heißt, dass das Individuum nichts tun kann, um sich tatsächlich vom Schrecken des Todes zu befreien, weil es selber diese Todesfurcht ist – beide entstehen zusammen und vergehen auch nur gemeinsam wieder.

So wird Eros – der Wunsch nach mehr Leben, der Wunsch, alles zu besitzen, das Zentrum des Kosmos zu sein – von der richtigen Intuition angetrieben, dass man in Wirklichkeit ALL(ES) ist. Wenn man diese Intuition jedoch auf das Individuum bezieht, so wird sie zu dem Wunsch pervertiert, ALL(ES) zu besitzen. Statt alles zu sein, strebt man nur danach, alles zu haben. Dies ist die Grundlage jeder Ersatzbefriedigung.
Ebenso beruht die Leugnung des Todes auf der richtigen Intuition, dass die eigene ursprüngliche NATUR tatsächlich zeitlos, ewig und unsterblich jenseits aller Formen ist. Doch wenn diese Intuition der Zeitlosigkeit auf das Individuum bezogen wird, so wird sie pervertiert zu dem Wunsch, ewig zu leben, immer weiter, dem physischen Tod dauerhaft und auf alle Zeit zu entkommen.

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