Von Joachim Penzel

Eine Skizze aus Sicht der Integralen Theorie (Ken Wilber zum siebzigsten Geburtstag)

Versucht man den gegenwärtigen Wandel gesellschaftlicher Organisationsformen und das damit eng verbundene Aufkommen neuer Bewusstseinsformen zu verstehen, dann rückt automatisch der in jüngster Zeit wiederholt gebrauchte Begriff SYNERGIE ins Zentrum des Interesses. Dabei handelt es sich um mehr als nur eine Form der Zusammenarbeit oder eine projektbezogene Kooperation. SYNERGIE ist verständnisvolles Miteinander und gemeinsames Wachsen – kurz: es ist ein spezifisches ethisches Sozialverhalten. Das Potential dieses Begriffs liegt in der Beschreibung sozialsystemischer und mentaler Veränderungen einer Weltgesellschaft im Übergang von der Post- in die Transmoderne.

Man kann das aus dem Griechischen abstammende Wort SYNERGIE im metaphorischen und durchaus poetischen Sinn mit Kraftbündelung und Gemeinschaftswerk übersetzen. Das Möglichkeitsspektrum dieses Potenzwortes, in dem die Energie sich ballt, liegt allerdings in seinem Wandel zum Begriff für spezifische soziale und mentale Strukturen der Gegenwartsgesellschaft. In diesem Kontext verstehe ich SYNERGIE als Form der Zusammenarbeit, bei der die kooperierenden Akteure nicht nur ein gemeinsames Ziel verfolgen, sondern auch eine gegenseitige Förderung erfahren. SYNERGIE ist also mehr als nur projektbezogene Kooperation. Es ist verständnisvolles Miteinander und gemeinsames Wachsen – kurz: es ist ein spezifisches ethisches Sozialverhalten. Das Potential dieses Begriffs liegt in der Beschreibung sozialsystemischer und mentaler Veränderungen einer Weltgesellschaft im Übergang von der Post- in die Transmoderne.

 

SYNERGIE als gesellschaftliche Organisationsform

a) Autonome Sozialsysteme der Moderne (systemische Funktionalität)

Die Vorstellung der Ausdifferenzierung autonomer Sozialsysteme im historischen Aufstieg der Moderne gehört heute zum Grundkonsens der Sozialwissenschaften. Die einzelnen gesellschaftlichen Teilsysteme (bspw. Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kunst usw.) sind jeweils für die Steuerung und Umsetzung spezifischer sozialer Funktionen verantwortlich – die Wirtschaft für Güterproduktion und -distribution, die Wissenschaft für Wissensproduktion und -kommunikation, die Politik für Machtkonstitution und -administration, die Kunst für Produktion und Kommunikation von ästhetischem Sinn in Gestalt von Kunstwerken (LUHMANN 1995, 1997, 2000, 2002). Die systemische Schließung und funktionale Ausdifferenzierung erfolgt unabhängig von einzelnen Menschen und Objekten. Das bedeutet unter anderem, dass ein Objekt gleichzeitig in verschiedenen Sozialsystemen verankert ist und dort kommuniziert wird. Beispielsweise wird der symbolische Sinn eines Kunstwerkes im Kunstsystem diskursiviert; dessen monetärer Wert wird auf dem Kunstmarkt, der nach den Regeln des Wirtschaftssystems operiert, verhandelt; das Copyright oder Nachlassfragen von Werken werden als juristische Probleme im Rechtssystem der Gesellschaft behandelt; und der Bedeutungswandel eines Werkes im historischen Verlauf wird in der Kunsthistoriografie als Spezialgebiet der Wissenschaft untersucht (LUHMANN 1995). Diese Ausdifferenzierung von funktionalen Leistungen in verschiedenen Sozialsystemen und deren funktionale Autonomie erscheint als die wohl wichtigste Errungenschaft der Moderne, da in der Folge ein hohes Maß an Verfahrensrationalität und gesellschaftlicher Stabilität garantiert werden konnte und wird.

b) Öffnung der Sozialsysteme in der Postmoderne (grenzüberschreitende Kooperation/Kollaboration)

Die aus dieser systemischen Organisationsform resultierende Abgrenzung der einzelnen sozialen Teilbereiche und das damit aufs Engste verbundene berufliche Spezialistentum haben sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als problematisch erwiesen. Einerseits war/ist die Einheit der modernen Gesellschaft aufgrund ihrer systemischen Komplexität für den einzelnen Menschen nicht mehr erfahrbar, andererseits waren/sind die Leistungen der hochspezialisierten Teilsysteme für das persönliche Erleben nicht mehr nachvollziehbar. So ist es heute unwahrscheinlich, dass Laien die komplexe Rechtslage diverser Lebensprobleme durchdringen. Ebenso ist es nahezu unmöglich, dass ein Laienpublikum die metareflexiven Strategien der Werkästhetik im aktuellen Kunstsystem auch nur annähernd erschließt, oder dass für private Anleger die Entwicklung am Aktienmarkt sachgerecht einzuschätzen ist.

Außerdem sind die produktiven Leistungen innerhalb der einzelnen Funktionssysteme an ihre innere Grenze gestoßen, sodass systemische Probleme nicht mehr gelöst und fortschreitende Innovationen nicht mehr gewährleistet werden können. Unter diesen Umständen erscheint die temporäre Grenzüberschreitung einzelner Akteure in ein anderes Sozialsystem als Erweiterung situativer Handlungsoptionen. Wenn Politiker*innen nicht nur als Funktionselite innerhalb der Administration, sondern auch als Schausteller im System der Massenmedien agieren, in denen sozialer Sinn kommuniziert wird, so erhöht sich der konkrete Machteinfluss beträchtlich. Wenn Künstler*innen die Arbeitsformen von Wissenschaftler*innen adaptieren, verändern sich der Kunstbegriff und damit die Möglichkeiten ästhetischer Erfahrungen (KUNSTFORUM 144/1999). In diesen Zusammenhang gehören genauso die Deregulierung des Arbeitsmarktes und die damit verbundene Flexibilisierung von Berufsbiografien. Grenzöffnung und Grenzüberschreitung erscheinen daher als neue soziale Organisationsprinzipien der Postmoderne. Sie ermöglichen eine projektbezogene Funktionsverknüpfung, die entweder von einer Kooperation (bzw. Kollaboration) von Akteuren aus unterschiedlichen Sozialsystemen praktiziert oder durch ein isoliertes Vorgehen einzelner Akteure geleistet wird. In diesem Sinne zielt die postmoderne Grenzüberschreitung nicht auf eine Auflösung der bestehenden funktionalen Organisation der Gesellschaft, sondern verkörpert eine Strategie der Ausweitung der jeweiligen Einfluss- und Handlungsmöglichkeiten der einzelnen Akteure (Personen, Institutionen). Das heißt, die Überschreitung der Grenzen zu anderen Sozialsystemen steht in einem engen Zusammenhang mit ökonomischen und individuellen Wachstumsstrategien mit der Durchsetzung von individuellen und institutionellen Partialinteressen, weshalb ich sie auch als eine spezielle Spielart von Postkolonialismus interpretiere. Während die Moderne von der gleichsam rationalen wie funktionalen Logik geschlossener Sozialsysteme und damit von Autonomie geprägt ist, kennzeichnet die Postmoderne eine strategische Kooperation/Kollaboration innerhalb offener Sozialsysteme.

c) Strukturelle Kopplung der Sozialsysteme in der Transmoderne (SYNERGIE)

Die ökologische Krise (vielleicht sollte man besser Desaster schreiben), die Krise der Demokratie (des traditionellen Parteienwahlsystems) sowie die globalen kulturellen, religiösen und machtpolitischen Krisen zeigen zu Beginn des 21. Jahrhunderts, dass die modernen und postmodernen Organisationsstrukturen der Gesellschaften nicht mehr in der Lage sind, mit den ihnen zur Verfügung stehenden Verfahren die aufgelaufenen Probleme zu lösen. Um es pointierter zu formulieren: In den akuten Krisen zeigen sich die Auswirkungen der Moderne und der Postmoderne von ihren Schattenseiten (WILBER 2017). Die fundamentalen Probleme können nur sehr eingeschränkt mit denselben Strategien gelöst werden, die sie verursacht haben. Ein weiterer Wandlungsprozess der gesellschaftlichen Organisation ist folglich unvermeidlich und hat, wie einzelne Bemühungen zeigen, seit längerem begonnen.

Die Transmoderne erscheint nicht am Horizont der Gegenwart sondern mitten in der Gesellschaft. Zunehmend bilden sich im größeren oder kleineren Rahmen temporäre Formen der Zusammenarbeit, die auf die gemeinsame Lösung anstehender Probleme abzielen. Für die einzelnen Akteure (Personen, Institutionen) stehen dabei nicht die eigenen funktionalen Interessen, also der systemische Mehrwert im Vordergrund, sondern die Bündelung unterschiedlicher Fachkompetenzen, die Konzentration unterschiedlicher personeller, kommunikativer, infrastruktureller und ökonomischer Ressourcen, um sachgerecht an der Lösung von Teilproblemen der verschiedenen akuten Krisen zu arbeiten. Diese Zusammenschlüsse sind gekennzeichnet vom Impuls zur Selbstorganisation, sie arbeiten nicht profitorientiert und zielen nicht vordergründig auf symbolisches Kapital in Form von medialer Aufmerksamkeit. Sie sind außerdem gekennzeichnet von einer spezifischen Handlungsethik, denn die beteiligten Partner (Personen, Institutionen) verstehen sich nicht nur als gleichwertig und gleichberechtigt, sondern bemühen sich auch um das Verstehen der unterschiedlichen Professionen mit ihren divergierenden Fachlogiken und Fachsprachen. Das Ideal einer gewaltfreien Kommunikation und der Inklusion als Praxis der Anerkennung aller sozialen und individuellen Unterschiede bestimmen die konkrete Gemeinschaftsarbeit (MYERS 2006; ROSENBERG 2009). Diese Fusion einer gemeinsamen Zielstellung (Handlungsperspektive) mit einem vertrauensvollen Sozialverhalten (Handlungsethik) geht über die strategisch ausgerichteten postmodernen Kooperationen und Kollaborationen hinaus und wird von mir als SYNERGIE bezeichnet. In ihr gründet nicht nur das Potential für die Lösung von Problemen, sondern ebenso für die Fundierung neuer Formen des Zusammenarbeitens und des Zusammenlebens (PETZER 2016). Synergetisch firmierte Gemeinschaften lassen sich auf allen Ebenen der Gesellschaft finden; sie reichen von Staatenverbänden wie der EU (bei allen bisherigen Mängeln), Regierungsbildungen in Form von (immer größer werdenden) Koalitionen, über temporäre Aktionen von Globalisierungsgegner*innen, transnationale und transdisziplinäre Forschungsunternehmungen wie CERN, Volksentscheiden als Form der Basisdemokratie bis hin zu lokalen Bürgerbewegungen und paartherapeutischen Bemühungen von Lebenspartner*innen. Im Unterschied zu Organisationsformen der Moderne (bspw. den Parteien, Gewerkschaften und Vereinen) werden transmoderne Synergien nicht zentralistisch, sondern dezentral hergestellt; sie sind nicht zwangsläufig förmlich (per Statut als Rechtssubjekt) firmiert, sondern informell mit durchaus wechselnden Partnern (Personen, Institutionen) konstituiert; sie sind zumeist nicht auf Dauer angelegt, sondern verstehen sich als temporäre Arbeitspartnerschaften mit zum Teil offener, zum Teil eingegrenzter Zielsetzung (zu einem Bsp. der Kunst. PENZEL 2018).

d) Simultanität von sozialen Organisationsformen als Kennzeichen der Transmoderne (Holarchie)

Ein Grundproblem der älteren Kultur-, Geschichts- und Sozialwissenschaften war die Frage, wann eine Gesellschaft eine neue Qualitätsstufe erreicht hat, beispielsweise wann die Strukturen der Vormoderne vollständig in die der Moderne sowie die der Moderne vollständig in die der Postmoderne transformiert worden sind. Dieses Denken in geschlossenen Epochen und die damit verbundene Vorstellung eines chronologischen Verlaufs von sozialen und kulturellen Entwicklungen wurde in der Rezeption evolutionstheoretischer Modelle in den letzten Jahren aufgegeben zugunsten der Vorstellung einer Simultanität unterschiedlicher Organisationsmodelle von Gesellschaft. Die Strukturen der Moderne, Post- und Transmoderne existieren gleichzeitig und autonom, allerdings nicht neben-, sondern übereinander. Sie sind hierarchisch stratifiziert im Sinne einer Holarchie, also einem Entwicklungsmodell, bei dem Organisationsformen niederer Komplexität die tragende Basis und existentielle Voraussetzung für Strukturen höherer Komplexität bilden. Die höheren Stufen haben die niederen in ihre Existenz integriert und benötigen diese für ihr eigenes Überleben (WILBER 1996). Diese holarchische Denkweise der neueren Evolutionstheorien erklärt, weshalb die systemische Funktionalität der Moderne, die strategische Kooperation/Kollaboration der Postmoderne und die SYNERGIE der Transmoderne heute gleichzeitig existieren und warum sie mit je verschiedenen Handlungsformen an der Lösung der anstehenden Krisen und ihrer Vielzahl an Einzelproblemen arbeiten. Keine dieser Organisations- und Handlungsformen ist für die globale Gegenwartsgesellschaft verzichtbar. Im Gegenteil – nur das Konzert der unterschiedlichen Strukturen ermöglicht das biologische, politische, ökonomische und kulturelle Überleben der Globalgesellschaften. Ein radikaler Systemwechsel (trivialisierend auch Kurswechsel genannt), wie er von Vertretern der Post- und zum Teil der Transmoderne gefordert wird, vor allem mit Blick auf das politische Erstarken von Strukturen der Moderne und auch der Vormoderne (Stichworte: neuer Rechtsradikalismus, neuer Nationalismus), gefährdet die soziale und existentielle Stabilität erheblich und – ein solcher Systemwechsel ist aus einer evolutionstheoretischen Perspektive unmöglich (WILBER 2017).

Anmerkung: Im Bereich der biologischen Evolution ist es auch nicht möglich, Lebewesen niederer Komplexität, wie beispielsweise Bakterien oder Viren aus der gesamten Evolutionskette auszuschließen, ohne die Lebensformen höherer Komplexität wie Säugetiere zu gefährden. (Das wird allerdings durch den massiven Einsatz von Antibiotika heute durchaus praktiziert und zu Recht massiv kritisiert. AntiBios zu produzieren ist eine typische Denkweise der Moderne, genauso wie die Atombombe, – hier werden funktionale und partiale, aber eben keine ethischen und ganzheitlichen Entscheidungen getroffen; es geht nur darum, ein akutes Problem zu lösen. Die Frage nach den komplexen Auswirkungen menschlichen Handelns ist bereits ein Problem der Transmoderne, egal, ob man deren Beginn in der Mitte oder am Ende des 20. Jahrhunderts ansetzt.)

 

SYNERGIE als Bewusstseinszustand

Die unterschiedlichen Organisations- und Handlungsformen von Moderne, Post- und Transmoderne sind eng verbunden mit und unmittelbar abhängig von spezifischen Bewusstseinsformen derjenigen Akteure (Personen, Institutionen), die sie herstellen und praktizieren. Wie nun zu zeigen ist, kann man SYNERGIE auch als einen spezifischen mentalen Zustand der Transmoderne beschreiben.

a) Autonomie der Moderne

Die Souveränität des einzelnen Menschen, das heißt, sein Recht, über die Gestaltung des eigenen Lebens selbständig zu entscheiden, gehört zur wichtigsten Errungenschaft der Moderne. Allerdings handelt es sich dabei nicht nur um ein juristisches Problem, sondern um den Zustand eines Bewusstseins, das aufgrund der biografischen Umstände überhaupt in der Lage ist, solche Entscheidungen auch selbst treffen zu können, zum Beispiel einen Beruf zu wählen, den eigenen politischen und religiösen Standpunkt in der Gesellschaft zu bestimmen oder eine von Standesgrenzen unabhängige Partnerwahl zu treffen. Für die Hervorbringung von Menschen mit derartigen Bewusstseinszuständen ist die Schaffung spezieller sozialer Voraussetzung erforderlich, insbesondere Bildung, Durchlässigkeit sozialer Schichten (Aufstiegsmöglichkeiten), Zugang zu allen Berufen und natürlichen sowie kulturellen Ressourcen etc. Mit den bürgerlichen Revolutionen am Ende des 18. und im Laufe des 19. Jahrhunderts und der damit verbundenen Einführung des Verfassungsstaates ist diese Entwicklung nicht abgeschlossen. Vielmehr dauert diese bis in die Gegenwart an, denn die Autonomie des Subjekts kennzeichnet einen Entwicklungszustand, den jeder einzelne Mensch im Laufe seiner Entwicklung überhaupt erst erreichen muss. Er ist folglich nicht nur von äußeren (sozialen) sondern auch von inneren (kognitiven, ethischen) Faktoren abhängig. Die nietzscheanische Selbstbefreiung ist nicht nur ein Projekt der Generation um 1900, sondern bis in die Gegenwart ein jeweils individuell zu realisierendes Lebenskonzept.

Anmerkung: Dieses wird entsprechend entwicklungspsychologischer Studien zumeist im Alter zwischen 15 und 30 Jahren, also der Pubertät und der Erlangung wirtschaftlicher Selbstständigkeit, gelebt, weitet sich aber als resistentes biografisches Existenzmodell oft lebenslang aus.

Das autonome Selbst weiß, im Gegensatz zum narzisstischen, um das Vorhandensein anderer autonomer Mitmenschen mit deren vielfältigen Lebensabsichten. Diese werden zwar toleriert, aber in der eigenen Handlungsweise, die auf Selbstoptimierung und auf Selbstausdehnung gerichtet ist, nicht berücksichtigt. Toleranz und Ignoranz sind im autonomen Selbstkonzept strukturell folglich unauflösbar verbunden. Evolutionstheoretiker gehen heute davon aus, dass das souveräne (autonome) Selbst die Trägerbasis der kapitalistischen Konkurrenzwirtschaft bildet.

Anmerkung: Donald Trump ist der exponierte Vertreter dieses autonomen, egoistischen Bewusstseins, das heute prozentual die breiteste soziale Basis in den sogenannten westlichen Demokratien bildet.

b) Relativistischer Pluralismus der Postmoderne

Es ist ein Zeichen individueller Entwicklung, dass sich das autonome Selbst der Konsequenzen, insbesondere der negativen Folgen seines egoistischen und isolierten Handels bewusst wird. In der Folge werden im individuellen Denken und Handeln die Lebenskonzepte, die Wünsche und spezifischen Verhaltensweisen anderer Menschen berücksichtigt. Nur auf dieser Basis sind Kooperationen und Kollaborationen überhaupt möglich. Das sich ausbildende pluralistische Bewusstsein stellt das eigene Denken und Handeln unter den Grundsatz eines ethischen Imperativs. In der Folge erscheint Pluralität als der höchste soziale Wert, der mit kämpferischem Engagement praktiziert und innerhalb sozialer Strukturen auch unter Anwendung juristischer Mittel und der Nutzung politischer Gewalt (der Legislative und Exekutive) gegen den Willen anderer Bevölkerungsgruppen durchgesetzt wird. Das pluralistische Bewusstsein hat allen nichtpluralistischen Bewusstseinszuständen einen leidenschaftlichen, zum Teil einen erbitterten Kampf angesagt. Es verhält sich intolerant gegen jede Form der Intoleranz – und verstößt damit (bewusst und unbewusst) gegen den eigenen fundamentalen Pluralitätsgrundsatz (dazu erstmals WILBER 2000). Das in der Postmoderne in den gesellschaftlichen Institutionen auftauchende pluralistische Bewusstsein fördert in historisch einzigartiger Weise Demokratie, insbesondere durch die Schaffung von Strukturen der Gleichstellung und der Integration (bspw. in Bezug auf Geschlecht, soziale und kulturelle Herkunft, individuelle körperliche und geistige Fähigkeiten etc.). Gleichzeitig desintegriert es allerdings all diejenigen Menschen, die sich noch nicht auf der Entwicklungsstufe des pluralistischen Selbst befinden. So wird Demokratie einerseits strukturell ausgebaut, andererseits aber durch eine Regulierung öffentlicher Sprachformen und Denkweisen auch massiv unterbunden (WILBER 2017). Die desaströse Folge ist eine Desintegration vieler Menschen aus dem politischen Prozess, was das Aufkommen zahlreicher selbstorgansierter Protestbewegungen (Attac, Pegida, Gelbwesten) und neuer (linker wie rechter) Parteien erklärt. Genaugenommen verweist diese Entwicklung, die gekennzeichnet ist von Radikalisierung, nicht auf einen Rückfall in Strukturen der Vormoderne und Moderne, wie das von Vertretern des postmodernen relativistischen Pluralismus dargestellt wird, sondern tatsächlich einen fortschreitenden Prozess der Demokratisierung, der heute unausweichlich erscheint und der auf eine politische Teilhabe der Ausgeschlossenen hinausläuft. Ken Wilber spricht in diesem Zusammenhang von einer „Selbstkorrektur der Evolution“ (WILBER 2017, Kap. 1). Allerdings ist der postmoderne Pluralismus evolutionsgeschichtlich und entwicklungsbiografisch nicht in der Lage, intolerante gleichsam vor- wie auch moderne Lebenskonzepte in den politischen Prozess zu integrieren.

c) Integraler Pluralismus der Transmoderne

Der pluralistische Relativismus (die Intoleranz gegen Intoleranz) erweist sich als fundamentale Krise der postmodernen Gesellschaft. Diese lässt sich nur lösen, indem auf der höheren Entwicklungsstufe des Bewusstseins die niederen Stufen integriert werden. Dazu ist es erforderlich, von einer Holarchie von Bewusstseinsformen auszugehen, also ein nach mentalen Entwicklungszuständen gestuftes Gesellschaftsmodell vorauszusetzen. Nur ein solches Modell erklärt, warum es evolutionsgeschichtlich und entwicklungsbiografisch unausweichlich ist, dass Individuen mit unterschiedlichen Bewusstseinszuständen zur selben Zeit innerhalb einer Kultur, in einem Staat, in einem Unternehmen und in einer Familie (ko)existieren (WILBER 1996). All diese Entwicklungszustände haben nicht nur eine ethisch bedingte Existenzberechtigung, sondern sind für das Leben und Überleben der Gemeinschaft auch grundsätzlich unverzichtbar. Daher bedarf es einer Integration all dieser divergierenden Bewusstseinszustände in den politischen Prozess und in institutionelle Entscheidungsfindungen (WILBER 2002). Der integrale Pluralismus als Avantgarde der Bewusstseinsentwicklung ermöglicht diese Berücksichtigung heterogener Interessen und der mit ihnen verbundenen Denk- und Handlungsformen. Es ist der ethische Grundsatz der Inklusion, der einen achtsamen Umgang mit Menschen aller sozialer, kultureller, politischer, religiöser und mentaler Diversität in Aussicht stellt (also bspw. auch der Integration der LINKEN und der AfD in Regionalregierungen). Nur in dieser Weise ist es möglich, dass die strategischen Kooperationen und Kollaborationen der Postmoderne, die meist nur der Mehrwertsteigerung von sozialen Akteuren (Personen, Institutionen) dienen, transformiert werden in ethisch fundierte SYNERGIE-Unternehmungen der Transmoderne. Nur ein synergetisch operierendes Bewusstsein (bspw. ein achtsamer Mensch) ist in der Lage, auch mit intolerantem Verhalten, mit abweichenden Meinungen und destruktiven Ideen kooperativ umzugehen und diese in den Prozess einer gemeinsamen Produktion (von Ideen, Handlungen) einzubinden.

Anmerkung: Vor diesem Hintergrund erscheint das politische Modell einer (möglichst) großen Koalition als die einzig zukunftsfähige Form von Politik, da sie zum Erreichen politischer Handlungsfähigkeit nicht nur einen umfassenden Dialog, sondern weiterreichend ein gegenseitiges Verständnis und die damit bedingte wechselseitige Wertschätzung der Verhandlungspartner voraussetzt. Dasselbe trifft auf inter- und transdisziplinäre SYNERGIEN verschiedener Wissenschaften zu, auf panreligiöse und transkulturelle SYNERGIEN (bspw. die Rückgabe von Raubkunst an afrikanische Staaten) oder auf ökonomische SYNERGIEN vor allem im Bereich lokaler und regionaler Wirtschaft (bspw. in Form von Lokal- und Regionalwährung [bspw. brasilianischer Palmas, Exeter Pound oder Schweizer WIR, Strausbourger Le Stück u.a.]).

Die Umsetzung von SYNERGIE als Organisations- und Handlungsform der Transmoderne ist also nur auf der Grundlage eines integralen Pluralismus, dessen Bewusstseinskern die Idee der Inklusion bildet, möglich. Nur dieser ist in der Lage, die sozialen Strukturen der Vormoderne, der Moderne und der Transmoderne in sein Weltbild zu integrieren und im eigenen Handeln zu berücksichtigen. Nur in dieser Weise erhöht sich die Komplexität der globalen Gegenwartsgesellschaften und wird Demokratie möglichst für alle sozialen Akteure erfahrbar und praktikabel.

d) Simultanität von Bewusstseinszuständen

Die Forschungen der integralen und transpersonalen Entwicklungspsychologie haben verdeutlicht, dass ein Mensch innerhalb eines bestimmten Lebensabschnittes, ja nicht einmal in einem zeitlich begrenzten Moment über ein konsistentes Bewusstseinsniveau verfügt. Vielmehr finden im Lebensvollzug, in Reaktion auf äußere Eindrücke, permanent Wechsel zwischen unterschiedlichen Bewusstseinszuständen statt. Allenfalls pegeln sich menschliche Bewusstseine auf einem durchschnittlichen Niveau ein, ohne aber dort fixiert zu sein. Für höhere Bewusstseinszustände (bspw. integrale) bedeutet dies, niedere Zustände im eigenen Selbstkonzept permanent einarbeiten und mit der eigenen (scheinbaren) Widersprüchlichkeit leben zu müssen. Hieraus erwächst eine besondere Form der Ethik – das, was im sozialen Äußeren abgelehnt wird, zeigt sich auch im psychischen Innenraum. Das Selbst kann also spätestens ab der integralen Entwicklungsstufe zum Testfall eines ganzheitlichen, eines integralen und inklusiven Lebens werden. Allerdings gelingt diese Integration erst auf dieser fortgeschrittenen Entwicklungsstufe. Weder ein autonomes noch ein pluralistisches Selbst sind in der Lage, die aus den verschiedenen Lebensphasen stammenden Entwicklungskonzepte mit ihren spezifischen Handlungs- und Denkformen in eine konsistente Persönlichkeit zu integrieren. Ein gewisses Maß an Persönlichkeitsspaltung erscheint daher als normaler Zustand menschlicher Existenz. Nur wenn ein Mensch im eigenen Selbst die Realität der niederen Bewusstseinsstufen akzeptiert und toleriert hat, kann er wahrhafte Mitmenschlichkeit empfinden und damit SYNERGIE praktizieren. Die Gesellschaft der Transmoderne beginnt also im Innenraum des einzelnen Menschen. Daher bedarf es für die Ausbreitung transmodernen Denkens und Handelns heute einer besonderen Form der mentalen Entwicklungshilfe im Erwachsenenalter, für die es, abgesehen von einigen Coaching-Formen, wenigen psychologischen (transpersonalen) und pädagogischen Konzepten, bislang kaum breitenwirksame und gesellschaftlich akzeptierte Ansätze gibt.

Erstellung des Textes: Dezember 2018

 

Literatur
  • NIKLAS LUHMANN: Die Kunst der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1995
  • NIKLAS LUHMANN: Die Gesellschaft der Gesellschaft, Frankfurt am Main 1997
  • NIKLAS LUHMANN: Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000
  • NIKLAS LUHMANN: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, Frankfurt am Main 2002
  • WAYLAND MYERS: Die Grundlagen der Gewaltfreien Kommunikation. Paderborn 2006
  • TATJANA PETZER (Hrsg.): Synergie. Kultur- und Wissensgeschichte einer Denkfigur. Paderborn 2016
  • MARSHALL ROSENBERG: Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Paderborn 2009
  • JOACHIM PENZEL: Das Werk als Synergie. Ein Publikationsprojekt von Dagmar Varady. In: DERS.: Das unerledigte Werk. Gegenwartskunst auf dem Weg in die Transmoderne. Berlin 2018, S. 245-252
  • KEN WILBER: Eros, Kosmos, Logos, Frankfurt am Main 1996
  • KEN WILBER: Einfach: Das. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres. Frankfurt am Main 2000
  • KEN WILBER: Boomeritis. Ein Roman, der dich befreit. Sencelles 2002
  • KEN WILBER: Trump and a Post-Truth World. Seattle 2017

 

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