Logo Integrale Perspektiven23. März 2020

Beste Wünsche aus Deutschland

Liebe Freundin, lieber Freund,

die aktuellen Zeiten sind hart – weltweit, überall. Die Corona-Pandemie trifft uns alle in allen Aspekten unseres Lebens. Egal wo du dich befindest, während du diesen Artikel liest, wirst du mit ähnlichen Phänomenen konfrontiert sein, die wir hier im folgenden berichten werden.

Mack corona krise integral betrachtet

In diesen Zeiten erleben wir – neben der gesundheitlichen und ökonomischen Krise, die der Ausbruch des Coronavirus weltweit verursacht – eine bislang nie dagewesene Informationsüberflutung. Es kursieren viele verlässliche Informationen – aber eben auch viele mehr oder weniger hilfreiche Meinungen und Überzeugungen, Spekulationen, irreführenden Beiträge, Fake News, urbane Legenden und Verschwörungstheorien – kurz gesagt: sehr viel Rauschen in diesem unablässigen Informationsstrom und dazwischen verlässliche Information. Sich verlässlich zu informieren gleicht dem Versuch, eine Nadel im Heuhaufen zu finden. Daher ist diese Krise, neben ihrem gesundheitlichen und ökonomischen Aspekten, auch eine Krise der Information und Orientierung für unser Denken, Fühlen und Handeln – und für unsere Seele.

Im folgenden zeigen wir anhand der Corona-Krise, wie praktisch das Integrale Modell des US-amerikanischen Philosophen Ken Wilber angewendet wird, um mehr Klarheit und Orientierung zu gewinnen. Immer wieder meinen Menschen, dieses Modell sei so „theoretisch“ – wir sehen darin keinen Widerspruch und halten es mit Kurt Levin: „Nichts ist praktischer als eine gute Theorie!“ Wir zeigen hier, wie praktisch es ist, die zahllosen Puzzleteile einer chaotisch-dynamischen globalen Lage systematisch analysieren und zu einem profunden Gesamtbild zusammenfügen zu können – eine entscheidende Kulturpraxis in unserer komplexen Welt.

Wir bieten dir im folgenden eine primär deutsche Perspektive auf die Corona-Krise an – und hoffen dabei, dass diese vielleicht auch für andere Länder hilfreich sein kann. Aus integraler Sicht muss es sich naturgemäß um eine „Vor-Ort“- Perspektive handeln. Über andere Orte können wir keine zuverlässigen Beobachtungen beisteuern. Der artige Perspektiven, sollten von Inländern in anderen Ländern bereitgestellt werden. Wir sind schon neugierig, diese kennen zu lernen und von ihnen lernen zu können. Integrale Neugier fördert den internationalen, inter-kulturellen Austausch – und so interessiert uns natürlich ebenfalls, wie die Situation in andern Ländern der Welt ist.

Eins noch – Vielleicht erscheint dir diese Darstellung recht lang erscheint, vielleicht zu lang – wir bitten um deine Nachsicht und vertrauen auf deine Neugier. Wir versuchen im folgenden die Corona-Krise – ein globales, „böses Problem“ – von allen Seiten zu betrachten und daher passt unsere Zusammenfassung naturgemäß nicht auf eine Seite. Damit unterscheidet sich unser Bericht auch von den unzähligen Informations-Schnipseln, die derzeit mehr oder weniger zusammenhanglos und entkontextualisiert in den sozialen Medien frei herumflotieren. „Böse Probleme“ wie die gegenwärtige Corona-Krise erweisen sich auch gerade dadurch als langwierig in böse, weil die Übersicht über akkurate, verlässliche Informationen abhanden kommt und Menschen dadurch zusätzlich in Panik verfallen können – und dies wollen wir vermeiden.

Wer hätte sich das vorstellen können?

Die weltweite Corona-Pandemie hält uns aktuell alle in Atem. In diesen Tagen überschlagen sich die Ereignisse überall auf der Welt, in Europa und in Deutschland. Seit Ende des Jahres 2019 verbreitet sich der Coronavirus SARS-CoV-2, ausgehend von Wuhan in der Provinz Hubei in China rund um die Welt. Am 30. Januar 2020 rief die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die internationale Gesundheitsnotlage aus. Nur sechs Wochen später, am 11. März 2020 erklärte die WHO die bisherige Epidemie offiziell zu einer Pandemie (COVID19-Pandemie).

In Deutschland traten erste Erkrankungsfälle erst Ende Januar 2020 auf, aber seit Ende Februar wuchs die Zahl der täglich neu dokumentierten Fälle rasch an und betraf immer mehr Bundesländer. Am 17. März 2020 stufte das Robert Koch-Institut (RKI) seine Bewertung der Risiken für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland von „mäßig“ auf „hoch“ ein. Seit ihrem ersten Auftreten in Deutschland wurden in den vergangenen Wochen (Stand 23. März 2020) rd. 22.670 Fälle gemeldet, darunter rd. 90 Todesfälle. Und die Fallzahlen steigen täglich, begleitet von einer Dunkelziffer, die von Experten mit dem 10-fachen der bekannten Fälle eingeschätzt wird.

Und seit wenigen Tagen ist in Deutschland ein deutlicher Bewusstseinswandel zu beobachten, der sich im Denken, Fühlen und Handeln der Menschen zeigt. Wir können diese Krise nicht weiter ignorieren oder als saisonale Grippewelle abtun. Stattdessen spüren wir alle die ganzen Wucht der Krise am eigenen Körper, Geist und in unserer Seele.

Die Corona-Krise ist ein aktuelles Beispiel für ein so genanntes „böses Problem“, wie Alan Watkins & Ken Wilber es definieren: Die Krise ist multidimensional – sie betrifft jedes Individuum, jede Kultur und unsere objektiven Lebensgrundlagen), sie hat viele Ursachen – nicht nur medizinische – und viele Symptome – nicht nur medizinische – , es sind viele Akteure davon betroffen und darin involviert und es gibt viele Lösungen, die Pandemie einzudämmen, und darüber hinaus entwickelt sie sich kontinuierlich weiter, so dass Erkenntnisse und Einschätzungen von gestern heute bereits überholt sein können.

Und du?

Wie geht es dir gerade mit der Corona-Krise? Wie behältst du den Überblick, wie hältst du dich informiert? Wie denkst du über die Corona-Krise? Wie interpretierst du die unterschiedlichen Reaktionen deiner Mitmenschen und dein eigenes Verhalten? Welche Gefühle herrschen gerade vor, bei dir, bei deinen Angehörigen, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz? Welche Gedanken und Überzeugungen beherrschen dieser Tage deinen Alltag?

Vielleicht wunderst du dich über die Sorglosigkeit und Unbekümmertheit einiger Mitmenschen – oder ärgerst dich gerade über die Rücksichtslosigkeit anderer. Vielleicht fällt es dir gerade schwer, dem politischen und gesellschaftlichen Diskurs noch aufmerksam zu folgen. Vielleicht ist dein Kopf gerade voll von sorgenvollen Gedanken in Bezug auf die nahe und weitere Zukunft. Und vielleicht verbringst du auch gerade viel Zeit damit, dir ein klares Bild zu machen von der aktuellen Lage und deinen Informationsstand täglich aktuell zu halten.

Polynesisches Segeln in unsicheren Gefilden

Dir ist sicher klar, dass es mit Blick auf ein solches „böses Problem“, keine klaren Ziele geben kann, du nicht als unbeteiligter Beobachter am Rand aller Turbulenzen stehen bleiben kannst, sondern dich stattdessen bereits selbst mitten darin befindest. Dass du nicht darauf warten und hoffen kannst, dass diese Krise von anderen Mitmenschen oder „der Regierung“ oder „dem Gesundheitssystem“ oder „deiner Versicherung“ für dich bewältigt wird, sondern dass du mit deinem eigenen kreativen Potential selbst gefragt bist und dich aktiv beteiligen wirst, um diese gemeinschaftliche Krise zusammen mit deinen Mitmenschen zu überwinden.

Das Meistern der aktuellen Herausforderung gleicht eher dem, was Gunter Schmidt Polynesisches Segeln nennt. Polynesisches Segeln heißt für ihn, mit einem einfachen Boot ins Ungewisse aufzubrechen (am Horizont sind keine verlässlichen Orientierungspunkte zu sehen, nur der weite Ozean), alle notwendigen Ressourcen und Kompetenzen an Bord zu haben und eigenständig und eigenverantwortlich – und mit Zuversicht aber nicht Übermut – los zu segeln.

Und die Wirklichkeit dabei umsichtig zu beobachten und nüchtern nach Orientierungs-Hinweisen Ausschau zu halten: in welcher Richtung wird wohl die nächste Insel liegen? Wie ist das Wetter, wie steht der Wind? Wie beeinflusst die Strömung meinen Kurs? Wer kann welche Aufgaben übernehmen? Wer hat welche Ressourcen und Fähigkeiten, um die Reise trotz Unsicherheiten sicher zu machen? Welchen Kurs lege ich als nächstes an und wann muss ich nachsteuern?

Die Integrale Landkarte hilft dir bei der Navigation

Der Integrale Ansatz des amerikanischen Philosophen Ken Wilber gibt dir eine herausragende – einzigartige – Orientierungshilfe dafür an die Hand, nämlich die Integrale Landkarte. Diese Karte integriert alle bekannten Erkenntnisse, alles verfügbare Wissen über menschliche Entwicklung in einem Meta-Modell. Damit bekommst du eine Navigationshilfe an die Hand, die sicherstellt, dass du jede Situation so umfassend und vollständig wie möglich betrachten und begreifen kannst – so auch die Corona-Krise.

Sie beschreibt insgesamt fünf Dimensionen in deinem eigenen Bewusstseinsfeld, die wir im Folgenden praktisch auf die Corona-Krise anwenden werden: Entwicklungslinien, Strukturen, Quadranten, Typen, Zustände. Ausführlich stellen wir diese Karte in unserem Blog-Artikel „Die Integrale Landkarte“ vor.

Wichtig bei der Anwendung der Integralen Landkarte ist natürlich, die Karte nicht mit dem kartierten Gebiet zu verwechseln. Die Karte ist nur eine Karte, ein Modell der Wirklichkeit – nicht die Wirklichkeit selbst. Mit Blick auf die Corona-Krise kann diese Karte selbstverständlich nicht jedes einzelne Detail dieser weltweiten Krise beschreiben – aber, sie kann dir hilfreiche, Sinn stiftende und richtungsweisende Orientierungen in diesen unsicheren Zeiten geben.

Nun also: Leinen los… wir legen ab und stechen in See…

Entwicklungslinien – Facetten der Persönlichkeit

Ein guter Start für ein besseres Verständnis Corona-Krise sind Entwicklungslinien.

Entwicklungslinien berücksichtigen den Umstand, dass wir verschiedene Aspekte – Facetten – unserer Persönlichkeit zeigen, die jeweils unterschiedlich weit entwickelt sein können und unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen beeinflussen oder beherrschen.

In manchen dieser Disziplinen, die dir das Leben stellt, wirst du überdurchschnittlich gut und kompetent sein, in anderen wirst du eher im Mittelfeld mitspielen und wiederum andere spielen in deinem Leben eine allenfalls untergeordnete oder gar keine Bedeutung. Jede dieser Linien beschreibt eine besondere Facette deiner Persönlichkeit und beantwortet eine bestimmte Frage.

Für ein besseres, umfassenderes Verständnis der Corona-Krise kannst du zunächst einmal selbst folgende Fragen für dich beantworten:

Dies sind nur einige ausgewählte Linien, die dir helfen können, dein Verständnis der Corona-Krise zu erweitern – und gleichzeitig helfen sie dir zu verstehen, dass dein Verständnis auch davon abhängt, wie weit diese Linien im Einzelnen bei dir und deinen Mitmenschen entwickelt sind.

Strukturen des Bewusstseins

Der zweite Aspekt, der dir helfen wird, die Corona-Krise besser zu verstehen, betrifft – einfach gesagt – die gegenwärtige Ausdehnung der Strukturen des Bewusstseinsraums (wir sprechen oft auch von Stufen, Ebenen oder Wellen des Bewusstseins), auf den du selbst und deine Mitmenschen zugreifen können.

Diese für uns unsichtbaren Strukturen des Bewusstseins definieren die verschiedenen, aufeinander aufbauenden Bewusstseins- oder „Welträume“, die bestimmen, wer (also welches Subjekt genau) die Wirklichkeit beobachtet und wie diese Wirklichkeit von dem beobachtenden Subjekt interpretiert wird.

Im Laufe des Lebens entwickelt sich unser individuelles Bewusstsein weiter und unser Horizont weitet sich mit jeder erreichten Struktur mehr aus. Wir wachsen in diese neuen Strukturen hinein, werden „erwachsen“ (bestenfalls). Haben wir eine Wachstums- oder Entwicklungsstufe erst einmal stabil erreicht, steht uns das volle Potenzial dieser Struktur praktisch jederzeit zur Verfügung. Wenn wir z.B. Lesen gelernt haben, können wir lesen. Die Fähigkeit, einmal erlernt, bleibt uns dauerhaft erhalten.

Für ein umfassenderes Verständnis der Corona-Krise ist entscheidend dir bewusst zu machen, dass die Population der in Deutschland (und auch weltweit) lebenden Menschen mit Blick auf den Grad ihres „Erwachsen-Seins“, also auf die ihnen verfügbaren Bewusstseinsräume und Strukturen, in verschiedene Teilpopulationen untergliedert werden kann.

Dies erklärt dir auf einen Schlag (ohne dies zu rechtfertigen), weshalb sich einige Mitmenschen aus deiner Sicht sehr unvernünftig, vielleicht sogar rücksichtslos oder gar egoistisch verhalten, während wiederum andere schon fast übertrieben auf das Einhalten der behördlichen Regeln und Vorgaben pochen.

Ego-zentrisches Selbst – „Ich“ (Rot)

Menschen mit einem egozentrischen, roten Selbst sind nicht in der Lage, für andere Verantwortung zu übernehmen, da sie sich nicht in die Lage anderer hineinversetzen können. Ihnen fehlt schlichtweg die Perspektive der zweiten Person, sie können sie kognitiv einfach nicht erfassen. Sie kennen nur „Ich/mir/mein“, aber noch kein „Du/dir/dein“ und somit auch noch kein „Wir/uns/unser“. Das einzige, was für sie zählt, sind sie selbst (und ihr Selbst-Schutz und Wohlbefinden) und die ganze Welt scheint sich um sie selbst zu drehen. Entsprechend uneinsichtig zeigen sie sich und ihr Verhalten ist oft impulsiv und von Lust und Begehren motiviert.

Zwei typische innere Haltungen oder Äußerungen solcher egozentrisch-roten Menschen mit Blick auf die Corona-Krise sind:

Es hat mir niemand etwas zu sagen“ – Diese Mitmenschen leben nach dem Motto „Ich mache mein Ding“, ignorieren soziale Regeln und Vereinbarungen und verhalten sich generell – oder auch als Trotz-Reaktion auf die Corona-Krise – oft ohne Rücksichtnahme auf die Belange anderer Mitmenschen.

Ich muss mich wappnen (ggf. bewaffnen)“ – Ihr Bedürfnis nach Selbst-Sicherheit und ihr Erleben einer für sie bedrohlichen, gefährlichen Umwelt (und wer von uns fühlt sich von der Corona-Pandemie aktuell nicht bedroht oder wenigstens beeindruckt?) treibt diese Menschen dazu an, sich angesichts dieser bedrohlichen Umwelt zu rüsten und auf alle denkbaren Notlagen gut vorzubereiten. Gemäß dem Zitat von Bertold Brecht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ decken sie sich durch Hamsterkäufe mit Vorräten für viele Wochen ein (oder haben dies in weiser Voraussicht bereits vor der Corona-Krise getan, wie in der Prepper-Szene üblich). Nicht wenige von ihnen sind latent gewaltbereit, wie bestürzende Videosclips aus Supermärkten im Internet zeigen, wo sich Menschen um Waren prügeln als gäbe es kein Morgen. Gerne (falls möglich) bewaffnen sie sich auch, um marodierenden Mitmenschen notfalls mit Waffengewalt abwehren zu können. Dies zeigen insbesondere die sprunghaft ansteigenden Umsätze der Waffengeschäfte seit Ausbruch der Corona-Krise in den USA.

Ethno-zentrisches Selbst – „Wir“ (Bernstein)

Menschen mit einem ethno-zentrischen, bernstein-farbenen Selbst reagieren anders auf die Corona-Krise. Da sie über eine Perspektive der zweiten Person verfügen, sind sie in der Lage für die Mitmenschen ihrer eigenen Gruppe (Familie, Clan, Gemeinde, Gemeinschaft, Firma, Ethnie, Kultur, Nation etc.) Verantwortung zu übernehmen, aber oft nicht darüber hinaus. Sie zeigen sich tendenziell eher uneinsichtig, da sie die Zusammenhänge kognitiv nicht erkennen und verstehen (und akzeptieren) können; dazu wäre eine Perspektive der dritten Person erforderlich, die bislang jedoch nicht ausgeprägt wurde. Sie verhalten sich aber meist folgsam und befolgen Gesetze, Regeln und Verbote von „oben“ aus Loyalität und Gehorsam gegenüber jenen Autoritäten, denen sie sich zugehörig fühlen.

Typische innere Haltungen oder Äußerungen dieser ethno-zentrischen, bernstein-farbenen Menschen mit Blick auf die Corona-Krise sind:

Nur zusammen schaffen wir es!“ – Ein hohes Maß an Verbundenheit und anpackender Solidarität mit Mitmenschen in ihrer unmittelbaren Umgebung, die von der Corona-Krise besonders betroffen sind. Aus dem Wunsch heraus, seinen Mitmenschen zu helfen, entstehen derzeit überall lokal und regional tätige Bürger-Initiativen, z.B. Nachbarschaftshilfen, „Jung hilft Alt“ etc.

Wir sind für euch hier – bitte bleibt ihr dafür zuhause!“ – der Wusch, seinen Mitmenschen zu helfen, führt angesichts der Corona-Krise bei vielen Ärzten, Pflegekräften, Sanitätern aber auch bei Polizisten, Behördenmitarbeitern, LKW-Fahrern und in zahlreichen anderen Berufsgruppen dazu, sich bis an die Grenze der eigenen körperlichen und psychischen Erschöpfung für das Gemeinwesen einzusetzen bzw. aufzuopfern.

Ich kann/darf doch jetzt nicht meine Angehörigen im Stich lassen!“ – Manche ethno-zentrierte Mitmenschen ringen derzeit sehr mit dem Dilemma von „Zugehörigkeit durch Distanz“, welches Angela Merkel in ihrem Appell vom 18. März 2020 an die Bevölkerung als dringende Bitte formulierte: „Wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten.“ Es sei „existentiell“, das öffentliche Leben so weit es geht herunterzufahren – und damit meinte sie u.a. auch räumlichen Abstand zwischen Familienangehörigen, wie z.B. zwischen Kindern, Eltern und den Großeltern, die bislang jedoch in vielen Familien aktiv und regelmäßig in den Alltag eng eingebunden waren. Da ist vielleicht die Großmutter, die regelmäßig ihre Enkelkinder betreut, damit die Mutter einer Arbeit nachgehen kann. Oder der regelmäßige Besuch der eigenen auf Fürsorge und Pflege angewiesenen Eltern etc. – dies plötzlich alles aufgeben zu sollen und den Kontakt entsprechend einzuschränken ist für manche Menschen „undenkbar“, „ungehörig“ oder schlichtweg „falsch“ (auch wenn ihnen durchaus andere und dennoch risiko-minimiertere Formen des Kontakts möglich wären) – und daher gibt es immer noch viele Mitmenschen, die ihre Angehörigen regelmäßig oder gar täglich besuchen, und dabei bestenfalls darauf achten, auf intime Begrüssungen (Umarmen, Küssen etc.) zu verzichten, einen gewissen räumlichen Mindestabstand einzuhalten und sich regelmäßig zu desinfizieren etc.

Wir müssen uns an die Regeln halten!“ – Für ethno-zentrierte Menschen ist das Einhalten von gesellschaftlich oder gemeinschaftlich vereinbarten Regeln wesentlich, da ihnen die Zuverlässigkeit der Regeleinhaltung hilft, sich in dieser angesichts der Corona-Krise sehr unübersichtlichen, chaotisch wirkenden Welt zu orientieren. Daher pochen manche Mitmenschen sehr lautstark und vehement darauf, dass Regeln eingehalten werden. Delinquenten werden von ihnen manchmal oberlehrerhaft, manchmal moralisierend mit ihren Regelverstößen konfrontiert oder – in besonders schweren Fällen – gar angezeigt. Dies umfasst auch den Aspekt, neue Regeln dort, wo noch keine Regeln existieren, von den zuständigen Autoritäten einzufordern, damit keine ungeregelten Lücken bestehen bleiben: „Die da oben sollen sagen, was wir machen dürfen/sollen und was verboten ist“. Und anschließend sollen diese Autoritäten darauf achten, dass diese Regeln mit „voller Härte“ konsequent eingehalten werden. Diese Haltung umfasst bei manchen Menschen allerdings auch eine gewisse selbst in Anspruch genommene Willkür bei der Gestaltung ungeregelter Aspekte nach dem Motto: „Solange mir niemand offiziell verbietet, mich mit meinen Freunden zu treffen, mein Fitness-Center, meinen Friseur oder ein Konzert zu besuchen, werde ich dies weiterhin tun.“

Wir haben einen Anspruch auf staatliche Unterstützung“ – eine ähnliche Erwartung vieler ethno-zentrierter, bernstein-farbener Menschen an die zuständigen Autoritäten ist, dass diese Autoritäten selbstverständlich für sie Sorge zu tragen haben. Die Verantwortung für die eigene Fürsorge wird von ihnen an die Autoritäten verwiesen und es ist für sie unvorstellbar, dass sie (zumindest teilweise) selbst dafür verantwortlich sind. Entsprechend ist von solchen Mitmenschen angesichts jeder Notlage – auch der Corona-Krise – schnell der Ruf nach Sozialleistungen, Staatshilfen, Garantien und das Einfordern sozialer Gerechtigkeit zu vernehmen (sofern sich die Gerechtigkeit auf die eigene Gruppe bezieht).

Wir müssen unsere Grenzen schützen und dafür sorgen, dass infektiöse Menschen draußen bleiben“ – Aus Angst vor einer Ansteckung durch „Fremde“ oder auch aus einer allgemeinen Angst vor Überfremdung (die dabei mitschwingen kann, insbesondere angesichts der parallel bestehenden Migrationskrise in Europa) sind ethno-zentrierte Menschen sehr schnell dafür zu gewinnen, das eigene Land vom Rest der Welt abzuschotten und die Grenzen rigoros zu schließen. Die mit dieser Wagenburg-Mentalität verbundene Hoffnung dabei ist, dass dadurch Ausbrüche lokal eingedämmt werden können bzw. Neuinfektionen durch Menschen jenseits der Grenzen unterbunden werden können.

Die Chinesen / die Italiener / die Regierung etc. haben es verbockt!“ – Derartige Äußerungen mancher ethno-zentrierter, bernstein-farbener Menschen sind meist ein in seinen Auswirkungen verheerender Ausdruck des Wunsches, einen Verantwortlichen für all das Schlechte benennen zu können. Die Medizingeschichte ist voll von solchen Zuschreibungen, in denen ein bestimmter Sündenbock für den Ausbruch oder die Existenz einer Krankheit verantwortlich gemacht wurde. So wurde z.B. die Syphilis u.a. als neapolitanische, italienische, französische, spanische, kastilische, englische, schottische oder polnische Krankheit benannt, je nachdem, aus welchem Land die Erkrankung in den jeweiligen Sprachkreis vermeintlich eingeschleppt wurde. Eine derartige Haltung rechtfertig entsprechende Gegenmaßnahmen gegen bestimmte Gruppen – eine Haltung, die in erschreckender Weise an menschenverachtendes Denken und Handeln in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert. Entsprechend kritisch ist z.B. der Versuch des amerikanischen Präsidenten Donald Trump zu bewerten, das Corona-Virus kurzerhand zu einem „chinesischen Virus“ umzutaufen, um deutlich zu machen, wer für die ganze Malaise verantwortlich ist: „China hat dies getan“, wie unlängst u.a. CNN und die Washington Post am 20. März 2020 berichteten.

Welt-zentrisches Selbst – „Wir alle (Menschen)“ (Orange)

Noch ganz anders reagieren Menschen mit einem Welt-zentrischen, orange-farbenen Selbst auf die Corona-Krise. Ihnen steht eine Perspektive der dritten Person zur Verfügung, und somit die Fähigkeit rational und „vernünftig“ von konkreten Gegebenheiten kognitiv-intellektuell zu abstrahieren und somit unterschiedliche Zukunfts-Szenarien mental zu durchdenken und entsprechend zu bewerten. Mit dieser Perspektive sind sie zudem in der Lage sich für alle Menschen verantwortlich zu fühlen. Entsprechend gilt ihre wohlwollende Aufmerksamkeit und Fürsorge nicht nur jenen Menschen, die sie unmittelbar umgeben, sondern allen Menschen. Zudem vertrauen diese welt-zentrisch, rational-orangen Menschen auf die Einsichtsfähigkeit und Vernunft ihrer Mitmenschen und die Zuverlässigkeit und den unaufhaltbaren Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnisse, die für die Entwicklung von wirksamen Therapieformen und eines Impfstoffes gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 von entscheidender Bedeutung sind.

Typische innere Haltungen oder Äußerungen solcher Welt-zentrischen, orange-farbenen Menschen mit Blick auf die Corona-Krise sind:

Die Corona-Pandemie (und auch andere Epidemien / Pandemien) lassen sich mit Vernunft, Aufklärung und Wissenschaft wirksam eindämmen.“ – in einer solchen Haltung kommt die Überzeugung von Welt-zentrischen Menschen zum Ausdruck, dass es durchaus wirksame Lösungen für die Corona-Krise gibt, wenn die begrenzten zur Verfügung stehenden Mittel zur Bewältigung dieser Krise effizient und effektiv und mit Vernunft eingesetzt werden, intensiv geforscht wird und die Vernunft unserer Mitmenschen in diesen außerordentlichen schwierigen Zeiten die Oberhand behält.

Wir können diese Epidemie nur verlangsamen, wenn wir uns an die Spielregeln halten: Distanzierung, Abstand halten! Das Virus wird in erster Linie von Mensch zu Mensch übertragen. Jeder muss verstehen, dass er mindestens 1,5 m Anstand halten soll, damit er keinen anderen ansteckt!“ – diesen emotionalen Appell richtete der Präsident des Robert Koch-Instituts Prof. Lothar H. Wieler am 20. März 2020 in einer Pressekonferenz, sichtlich um Fassung ringend, an die deutsche Bevölkerung: „Wir alle sind in einer Krise, die ein Ausmaß hat, dass ich mir selber nie hätte vorstellen können – und wir tun alles so gut wie Mögliche, dass wir die Krise wirklich meistern.“ – Gerade welt-zentrische Mitmenschen, zu denen viele ansonsten sehr nüchtern wirkende, führende Virologen und andere Experten gerechnet werden können, die in den Medien über den aktuellen Stand der Corona-Krise informieren, werden ausgesprochen emotional, wenn sie das aus ihrer Sicht „unverständliche“ und „verantwortungslose“ Handeln vieler Mitmenschen beklagen, die offenbar immer noch nicht „den Ernst der Lage verstanden haben“. Was diese orange-farbenen Menschen dabei kognitiv selbst übersehen (weil für sie unvorstellbar) ist, dass sie annehmen, alle ihre Mitmenschen würden über eine ähnlich weit entwickelte Perspektive der dritten Person verfügen, die Welt „zu verstehen“, wie sie selbst. Und dies ist bedauerlicherweise nicht der Fall, wie wir am Beispiel der ego-zentrischen und ethno-zentrischen Mitmenschen bereits gezeigt haben – wir sprechen dabei über eine erhebliche Teilpopulation der deutschen Bevölkerung, die dies schlichtweg nicht verstehen kann (selbst wenn sie dies wollte), da ihr genau diese Perspektive der dritten Person nicht zur Verfügung steht, auf deren Grundlagen auch jenes Selbst-Verständnis, Selbst-Bewusstsein und somit auch jene Selbst-Verantwortung entsteht, die orange-farbene, rational-vernünftige Menschen typischerweise verkörpern und in ihrem Verhalten auch ausdrücken. Welt-zentrische Menschen sind in der Lage, das Dilemma „Nähe durch Distanz“ kognitiv zu durchdringen und können eine notwendige, räumliche Distanzierung zu ihren Mitmenschen einsehen und akzeptieren.

Die Welt ist ein (globales) Dorf.“ – welt-zentrische, orange-farbene Personen wissen um die komplexen und dynamischen politischen, ökonomischen, sozialen, ökologischen und technologischen Vernetzungen von Ländern, Kulturen, Institutionen, Kontexten, Systemen und Infrastrukturen in einer globalisierten Welt. Insofern sind diese orangenen Menschen auch weniger überrascht als andere Mitmenschen über die rasche, rasante interkontinentale Verbreitung des Coronavirus wie auch über die globalen Auswirkungen auf alle Lebenswelten global – und dies erfüllt sie natürlich ebenfalls mit großer Sorge für alle Menschen.

Internationale Zusammenarbeit ist entscheidend und hat sich bereits oft bewährt.“ – aus eigener beruflicher oder persönlicher Erfahrung wissen welt-zentrische Menschen den Wert von grenzüberschreitender und interdisziplinärer Zusammenarbeit sehr zu schätzen. Da „jedes Menschenleben zählt“, weil aus ihrer Sicht jeder Mensch als einzigartiges Individuum wichtig und wertvoll ist (Menschenrechte), versuchen sie die begrenzten Ressourcen für eine rasche und effiziente Entwicklung von wirksamen Therapieformen und Impfstoffen einzusetzen und die Folgen der Corona-Krise auch an vielen anderen Stellen in Politik, Ökonomie und Gesellschaft etc. wirksam und verantwortungsbewusst einzudämmen.

Der soziale Frieden muss gewahrt bleiben.“ – welt-zentrische, orange-farbene Menschen verstehen auch, dass der soziale Frieden einer Gesellschaft weit mehr ist als die Abwesenheit (oder gar die Unterdrückung) von Unruhen. Sie sehen ihre Mitmenschen als mündige Mit-Bürger an, welche die Folgen und notwendigen Einschränkungen infolge der Corona-Krise verstehen und entsprechend selbst-bewusst und verantwortlich mittragen werden – und zwar über sämtliche Partikular-Interessengruppen hinweg.

Gesund und fit bleiben.“ – mit Blick auf ihr eigenes Wohlbefinden und das Aufrechterhalten der eigenen Gesundheit, achten welt-zentrische Menschen oft bereits allgemein auf eine gesunde Ernährung (Gemüse, Obst, Ballaststoffe etc.) und auf ausreichend und regelmäßige körperliche Betätigung, Sport und Fitness. Die Corona-Krise hat für sie in dieser Hinsicht ambivalente Folgen: Einerseits steht vielen Menschen mehr Zeit als sonst u.a. für sportliche Aktivitäten zur Verfügung. Andererseits sind viele ihrer Trainingsmöglichkeiten durch behördliche Anordnungen, z.B. der Schließung von Fitness-Studios, eingeschränkt.

Kosmos-zentrisches Selbst – „Alle fühlenden Wesen“ (Grün)

Die letzte hier betrachtete Teilpopulation der deutschen Bevölkerung umfasst alle postmodernen Menschen mit einem Kosmos-zentrischen, grünen Selbst. Darunter befinden sich viele freischaffende Künstler und andere Kreative sowie viele Menschen, die eine alternative Lebensweise anstreben oder führen.

Ihnen gemeinsam steht eine Perspektive der vierten Person zur Verfügung. Diese auch „systemisch“ genannte Perspektive ermöglicht es ihnen, nicht nur sich selbst und ihre Interaktionen mit anderen Mitmenschen zu beobachten und mental zu anitzipieren (als Beobachter), sondern sich zudem – als Beobachter des Beobachters – in diesem Prozess der Beobachtung selbst zu beobachten. Sie erkennen (an), dass jeder Mensch eine individuell-einzigartige Perspektive und Vorstellung von der Welt hat und es in allen zwischenmenschlichen Belangen und Beziehungen im Kern darum geht, dieses individuelle Modell ihres Gegenübers (und auch von sich selbst) zu ergründen und zu verstehen, um schließlich eine gelingende, konstruktive und bestenfalls heilsame Verständigung zu ermöglichen.

In ihrer Art und ihrem Verhalten zeigen sich kosmos-zentrische, grüne Menschen sensibel, mitfühlend und sie sind sehr an einem Dialog und einer tiefen und empathischen Verbundenheit mit ihren Mitmenschen und auch anderen fühlenden Wesen interessiert. Ihnen sind u.a. Umwelt- und Naturschutz, Menschenrechte, Gleichberechtigung, Frauenrechte, Gender-Aspekte, der Schutz von Minderheiten und multikulturelle Vielfalt sehr wichtig, wohingegen sämtliche Formen von offenen, verdeckten oder auch nur unterstellten Hierarchien und Bewertungen strikt und vehement abgelehnt werden (im Sinne von: „Wer glaubst du zu sein, dir anzumaßen, dass deine Meinung mehr zählt als meine Meinung – oder die einer bestimmten Minderheit?!“).

Typische innere Haltungen oder Äußerungen solcher Kosmos-zentrischen, grünen Menschen mit Blick auf die Corona-Krise sind:

Wir wollen helfen wo es geht!“ – Als Weltretter mit einem teilweise ausgeprägten Helfersyndrom überfordern Kosmos-zentrische Menschen sich (und ihr Umfeld) leicht mit ihren verzweifelten Versuchen, die Verantwortung für (wirklich) alle fühlenden Wesen zu übernehmen. Angesichts der Corona-Krise bieten sich ihnen viele Möglichkeiten und Gelegenheiten sich in dieser Hinsicht voll auszuleben – auch insgeheim ahnend, dass sie auch dieses Mal scheitern werden bei dem Versuch, die Welt zu retten und alle Leiden zu beseitigen.

Lass mich mal machen.“ – aufgrund ihrer relativistischen Einstellung zu so genannten Fakten, offiziellen Verlautbarungen und wissenschaftlich fundierten Empfehlungen, die vorwiegend von orangenen Experten in die Welt gebracht werden, neigen Kosmos-zentrische Menschen häufig dazu, sich vielmehr auf ihre eigene Intuition, ihr Bauchgefühl zu verlassen statt diesen Experten-„Ratschlägen“ zu folgen („Ratschläge“ werden hier gerne als „Schläge“ gedeutet). Zur persönlichen Bewältigung der Corona-Krise, insbesondere von Corona-Erkrankungen im eigenen Familienkreis werden daher häufig ausschließlich (zumindest aber zusätzlich) alternative Mittel (u.a. Homöopathie, Schamanismus, Fernheilung, energetische Medizin) eingesetzt.

Wenn ich erkranke, dann erkranke ich eben, dann ist dies wohl mein karmisches Schicksal.“ – einige kosmos-zentrische, grüne Menschen, insbesondere wenn diese sich mit spirituellen Praktiken (egal welcher spirituellen Tradition) beschäftigen, sind der Ansicht, dass eine Corona-Erkrankung – wenn sie denn eintrifft – ihnen vom Schicksal oder einer anderen höheren Macht bestimmt wurde und es daher keine Rolle spielt, ob sie sich besonders dagegen schützen – oder es eben lassen. Insofern verhalten sich diese Menschen manchmal leichtsinniger als Menschen anderer Bewusstseins-Strukturen, und erklären ihr eigenes Verhalten sich selbst und anderen gegenüber gerne mit Fragen der Art „Wer weiß, wofür es gut ist?“ oder „Wer weiß, was ich gerade daraus lernen soll?

Durch die Corona-Krise erholt sich die Umwelt“ – bei allem Mitgefühl und aller Wertschätzung, welche die Kosmos-zentrischen Menschen mit den betroffenen Corona-Infizierten und anderen von der Corona-Krise betroffenen Menschen haben (z.B. bis zur Erschöpfung engagierten Krankenhausmitarbeitern) – fällt vielen von ihnen mit Freude auf, dass sich z.B. durch den Rückgang der Wirtschaftsleistung und Logistik-Verkehre Natur und Umwelt rasch erholen. In China können die Menschen in urbanen Gegenden z.B. erstmals seit langem wieder (vergleichsweise) smog-freie Luft atmen und in Venedig tummeln sich plötzlich Delphine und Fische in der Lagune und den Kanäle der Stadt – in nahe zu glasklarem Wasser, um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen.

Ich respektiere deine Meinung zur Corona-Krise und ich habe eine andere, von deiner abweichende Meinung – und beide sind unbestreitbar gültig“ – Kosmos-zentrische Menschen sind von ihrer Natur aus sehr tolerant gegenüber anderen Meinungen, auch wenn diese stark von ihren eigenen Meinungen abweichen. Da es aus ihrer relativistischen Sicht keine „richtigeren“ oder „falscheren“ Meinungen gibt, ermüden sie schnell bei jeder Form von Argumentation und suchen stattdessen oft (aber nicht immer) ihr Heil in dem (Wieder-) Herstellen einer harmonischen Atmosphäre eines gemeinschaftlichen Wir-Gefühls: „Gut, dass wir darüber geredet haben“ – oftmals bleibt aber ein mulmiges Gefühl bei den Beteiligten zurück, den anderen irgendwie doch nicht vollständig erreicht zu haben oder den eigenen Standpunkt eben doch nicht klar genug deutlich gemacht zu haben, dass das Gegenüber ihm zustimmen kann.

Zwischenstopp – um Bisheriges einmal zusammenzufassen

So – nun bist du über die Entwicklungslinien und die Strukturen des Bewusstseins informiert, die unser Denken, Handeln und Fühlen in allen Situationen unseres Lebens lenken – auch in Bezug auf die Corona-Krise. Fassen wir mit Blick auf die betrachtete Corona-Krise kurz zusammen:

Die Corona-Krise ist ein „böses Problem“ – die Krise ist multidimensional, hat viele Ursachen und viele Symptome, viele Akteure, viele Lösungen und entwickelt sich kontinuierlich weiter.

Entwicklungslinien helfen dir zu verstehen, welche Facetten der Persönlichkeit in deinen Mitmenschen mit Blick auf die Corona-Krise besonders überdurchschnittlich entwickelt sind, welche im Mittelfeld ausgeprägt sind und welche kaum oder überhaupt nicht ausgeprägt sind. Die Ausprägung dieser Facetten führt zu sehr unterschiedlichen Reaktionen auf die Geschehnisse der Corona-Krise hinsichtlich der kognitiven, selbst-verständlichen, Werte-bezogenen, moralischen, interpersonalen und emotionalen Möglichkeiten deines Gegenübers.

Strukturen helfen dir zu verstehen, dass in einer heterogenen Gesellschaft stets unterschiedliche Teilpopulationen ko-existieren werden mit ganz unterschiedlichen und teilweise gar unvereinbaren Bewusstseins- bzw. „Welträumen“. Falls du bei deinen zwischenmenschlichen Begegnungen manchmal den Eindruck hast, dass eine Verständigung mit deinem Gegenüber kaum oder nur mit einem sehr anstrengenden und kraftraubenden Engagement möglich ist, kann es sich darum handeln, dass ihr schlicht – metaphorisch gesprochen – von zwei verschiedenen „Welten“ stammt und es einer bewussten Übersetzungsarbeit bedarf, damit eine Verständigung überhaupt gelingen kann.

Das zu Entwicklungslinien und Strukturen Gesagte gilt natürlich auch für dich selbst.

Nun wenden wir uns dem dritten Aspekt, den Quadranten zu, Im Anschluss daran werden wir noch kurz (versprochen) Typen und Zustände betrachten, bevor wir am Ziel unserer gemeinsamen Reise zu einem besseren, erweiterten Verständnis Corona-Krise gelangen.

Quadranten – vier grundlegende Blickwinkel auf die Wirklichkeit der Corona-Krise

Die Wirklichkeit, wie sie dir augenblicklich erscheint, wird wesentlich durch deine aktuelle Perspektive, den Fokus deiner Aufmerksamkeit bestimmt. Und je nachdem, welchen Ausschnitt der Wirklichkeit du fokussierst, z.B. die Corona-Krise, desto unterschiedlicher fallen deine Eindrücke und deine darauf aufbauenden Interpretationen der Wirklichkeit aus. Indem du auf bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit fokussiert, betonst du bestimmte Aspekte der Wirklichkeit, während du andere Aspekte ausblendest oder diese unberücksichtigt bleiben.

Deine Aufmerksamkeit ist dabei entweder auf die objektive Außenwelt (Materie) oder aber auf deine subjektive Innenwelt (Geist) gerichtet – beides zugleich geht nicht. Zugleich erlebst du dich einerseits als  Individuum und bist zugleich als Teil von Kollektiven mit dem Rest der Welt verbunden – den diversen Kulturen, Kontexten und Systemen, die dich umgeben. Und auch hier bist du meist nur in der Lage, deine Aufmerksamkeit auf einen der beiden Aspekte – Individuum oder Kollektiv – der Wirklichkeit zu richten.

Aus diesen zwei Spannungsfeldern – Subjektiv vs. Objektiv sowie Individuum vs. Kollektiv – ergeben sich vier grundlegende Perspektiven auf die Wirklichkeit, die so genannten Quadranten. Diese bestimmen, welche Ausschnitt der Wirklichkeit, also was du als subjektiver Beobachter betrachtest:

Mit Blick auf die Corona-Krise ergeben sich daraus vier grundlegende, Sinn stiftende Fragerichtungen, die dir helfen, dich und deine Mitmenschen in Bezug auf diese Krise besser zu verstehen. Nimm dir gerne einen Moment Zeit, um über diese Fragen nachzudenken und eine eigene Antwort für dich zu finden:

Nimm dir zur Beantwortung dieser Fragen wirklich einen Moment Zeit, bevor du unsere provisorischen und sicherlich nicht abschließenden Antworten auf diese Fragen kennen lernst – es wäre schade, wenn du dir unsere Antworten im Eifer des Gefechts einfach unreflektiert zu eigen machst, selbst wenn vielleicht viele davon mit deinen eigenen Beobachtungen und Antworten übereinstimmen.

Individuelle Erfahrung – deine individuell-subjektive Perspektive auf die Corona-Krise

Wie tragen dein Selbst-Verständnis und deine Gedanken, Gefühle, Überzeugungen, Werte, deine Motivation und deine körperlichen Empfindungen subjektiv zur Corona-Krise bei?

Soma – Individuelle somatische Erfahrung

Damit sind unsere somatischen Realitäten, also unsere körperlichen Empfindungen gemeint, die wir in Bezug auf die Corona-Krise erleben.

Insbesondere die Sorge um die eigene Gesundheit angesichts einer möglichen Corona-Infektion lenkt unsere Aufmerksamkeit mit magnetischer Zwanghaftigkeit auf ein Hineinspüren in unseren Körper. Bemerke ich in meinem Körper eines der bisher bekannten Symptome einer durch das Coronavirus SARS-CoV-2 verursachten COVID19-Viruserkrankung? Leide ich aktuell unter Fieber, Husten oder Atemnot, oder ist mein Geruchs- oder Geschmackssinn vermindert oder unsensibel?

Die Sorge vor einer COVID19-Viruserkrankung führt bei uns allen, nicht nur bei hypochondrisch veranlagten Menschen, zu einer insgesamt erhöhten Sensitivität für unseren eigenen Körper.

Ebenfalls körperlich bemerkbare Folgen der Corona-Krise (weniger einer direkten Infektion) können diverse stressbedingte psychosomatische Leiden (z.B. spannungsbedingte Kopf- oder Rückenschmerzen, Verdauungsstörungen, Bluthochdruck, Neurodermitis etc.) sein, die infolge der anhaltenden psychischen und körperlichen Dauerbelastung auftreten. Es kann sich auch eine depressive Dynamik bemerkbar machen, durch das Fehlen bisher gewohnter Alltagsroutinen bzw. die hohe Verunsicherung aufgrund plötzlicher nicht mehr gültiger Strukturen im eigenen Leben. Eine entsprechende Affekt- und Antriebslosigkeit kann sich in diesen Tagen im Leben der Betroffenen einstellen.

Psyche – Individuelle psychische Erfahrung

Hierbei betrachten wir die psychische Dynamik unseres Geistes angesichts der Corona-Krise: Wie die Krise auf unsere Identität, unsere Gedanken, Gefühle, Überzeugungen und unsere Motivation wirkt.

Diese psychischen Erfahrungen spielen sich vor allem in unserem denkenden Bewusstsein ab. Nachfolgend einige typische Gedanken (in ungeordneter Folge), die dich und sicherlich viele andere Mitmenschen, uns eingeschlossen, aktuell umtreiben werden:

Individuelles Verhalten – deine individuell-objektive Perspektive auf die Corona-Krise

Wie trägt dein Verhalten objektiv zur Corona-Krise bei?

Bewegung – Physische Bewegungen

Gemeint sind hiermit konkrete körperliche Aktivitäten, physische Bewegungsabläufe, welche dazu beitragen, die Corona-Krise zu fördern oder einzudämmen:

Handlung – Absichtsvolles Verhalten

Mit Handlungen sind alle menschlichen, von Motiven geleiteten und auf ein Ziel gerichteten Tätigkeiten gemeint. Angesichts der aktuellen Corona-Krise gibt es zahlreiche Handlungen, die zuvor kaum oder nur in einem weit geringeren Maße im Alltag vieler Menschen anzutreffen waren. Einige exemplarische Beispiele:

Soziale Systeme – deine inter-objektive Perspektive auf die Corona-Krise

Wie verhindern oder ermöglichen die diversen sozialen Systeme – also SIE – inter-objektiv die Corona-Krise?

Interaktionen – Physische und natürliche Systeme

Unter Interaktionen fassen wir sämtliche Wechselwirkungen und Vernetzungen, Strukturen von physischen und natürlichen Systemen zusammen. Nachfolgend einige exemplarische Beispiele von vielen, die dem aufmerksamen Betrachter der Umwelt sofort auffallen können:

Noetische Systeme – Soziale Systeme

Noetische Systeme (von altgriechisch nous, „Geist, Verstand, Vernunft“) umfassen alle sozialen Systeme, die auf geistigen, abstrakte Ideen, Konzepten und Vorstellungen und auf sozialen Übereinkünften basieren, die ihre dauerhafte Aufrechterhaltung sicherstellen. Sie lassen sich nur verstandesmäßig erkennen, wenngleich viele dieser noetischen Systeme ganz sinnlich erfahrbare, materielle Äußerungen hervorbringen, z.B. „Geld“, „Regierung“, „Gesetze“, „juristische Körperschaften“, „die NASDAQ“ oder „die Wirtschaft“. Der Clou an noetischen Systemen ist, dass alle bzw. möglichst viele Menschen an die (nicht materielle) Existenz dieser Entitäten glauben müssen und darauf vertrauen und entsprechend ihr individuelles Handeln darauf abstimmen, um für ihre Mitmenschen einschätzbar zu bleiben.

Betrachten wir kurz „Geld“ als ein exemplarisches Beispiel, um die Eigenschaften eines noetischen Systems zu verdeutlichen: „Geld“ manifestiert sich in der Form von Münzen und Banknoten einer Währung in der materiellen Welt, wenngleich der Wert dieser Währung alleine auf dem Vertrauen beruht, dass damit die gleiche (oder eine annähernd ähnliche) Menge Waren und Leistungen bezahlt werden kann, wie in der Vergangenheit. Alle Käufer und Verkäufer verlassen sich auf die Stabilität ihrer Währung, obwohl diese auf einer vollständigen Fiktion beruht – die jederzeit zusammenbrechen oder von wenigen Menschen oder ausgewählten Institutionen (ihrerseits noetische Systeme, die auf der Basis von Verträgen operieren, welche wiederum noetische Enititäten darstellen) kurzerhand beendet oder aber durch andere fiktive Zahlungsmittel (z.B. Kryptowährungen, Gummibären, Muscheln, Glasperlen etc.) ersetzt oder ergänzt werden kann.

Mit Blick auf die Bewältigung der weltweiten Corona-Krise sind unübersichtlich viele noetische Systeme aktiv eingebunden, von denen wir hier nur sehr wenige nennen können.

Beginnen wir mit einigen exemplarischen Institutionen des Gesundheitswesen, welche primär an der Erforschung des Coronavirus SARS-CoV-2 und an der medizinischen Betreuung von Corona-Patienten beteiligt sind:

Die Lage im deutschen Gesundheitswesen angesichts der Corona-Krise ist überaus kritisch und wird sich vermutlich in den nächsten Tagen, Wochen und vielleicht Monaten weiter zuspitzen. Dazu einige exemplarische Aspekte:

Darüber hinaus sind zahlreiche politische und staatliche Institutionen ebenfalls an der Bewältigung und Eindämmung der Corona-Krise in Deutschland involviert, von denen wir auch hier nur einige exemplarische von vielen nennen können:

Es gibt zahlreiche weitere Institutionen (Universitäten, Forschungseinrichtungen etc.), Körperschaften (Industrie- und Handelskammern, Innungen, Vereine, Aktiengesellschaften etc.), Verbände (z.B. Arbeitgeber-, Arbeitnehmer-, Branchen- und Sportverbände, Gewerkschaften etc.) und andere noetische Systeme, die ebenfalls in die Bewältigung der Corona-Krise eingebunden sind, die hier jedoch unmöglich alle erwähnt werden können.

Viele der beschlossenen und eingeleiteten Maßnahmen dieser noetischen Systeme – insbesondere mit Blick auf die gesundheitlichen Folgen dieser Krise – zielen darauf ab, das exponentielle Anwachsen der Corona-Infektionen zu stoppen, welches eine Verdopplung der Fallzahlen in immer kürzeren Zeitintervallen mit sich bringt. Damit soll die Gesamtdynamik der Corona-Epidemie verlangsamt werden, um die begrenzten Ressourcen des Gesundheitssystems arbeitsfähig zu halten und vor einem Kollaps zu bewahren.

In Deutschland bildet das Infektionsschutzgesetz (IfSG) die wesentliche Rechtsgrundlage, um behördliche Maßnahmen zur Eindämmung der aktuellen Virusepidemie zu veranlassen und umzusetzen. Da diese Maßnahmen zum Teil in die grundgesetzlich verankerten Persönlichkeitsrechte massiv eingreifen (z.B. Ausgangssperren) müssen die Behörden stets die Verhältnismäßigkeit in Frage stehender Maßnahmen erwägen und im Blick behalten.

Da sich die aktuelle Entwicklung der COVID19-Epidemie von Bundesland zu Bundesland unterscheidet, sind die Maßnahmen entsprechend (sinnvollerweise) uneinheitlich. Unter anderem sieht Nordrhein-Westfalen aktuell folgende Maßnahmen vor (Auswahl), die je nach Entwicklung der Situation erlassen oder den veränderten Umständen entsprechen angepasst werden können:

Zudem besteht eine gesetzliche Meldepflicht von Corona-Infektionen.

Bei Verstößen gegen die behördlichen Maßnahmen drohen Bußgelder, in einigen Bundesländern bis zu 25.000 € oder Freiheitsentzug.

Viele deutsche Unternehmen – von kleinen und mittelständischen Unternehmen bis hin zu Großkonzernen – über alle Branchen hinweg leiden ebenfalls erheblich unter den ökonomischen Folgen der Corona-Krise, u.a. aufgrund von der Schließung von Geschäften, gastronomischen Betrieben und Einkaufszentren, der Absage von Veranstaltungen, aufgrund von Auftragsstornierungen, Produktions- und Lieferengpässen etc. Viele Unternehmen werden auf absehbare Zeit auf staatliche Unterstützungsleistungen zurückgreifen müssen, um ihre Existenz und die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiter zu sichern.

Mit Blick auf die deutsche Außenwirtschaft und die internationale Dynamik der Corona-Krise und ihrer Auswirkungen ebenfalls ein paar exemplarische Beispiele:

Kulturen – deine inter-subjektive Perspektive auf die Corona-Krise

Wie verhindern oder ermöglichen die diversen Kulturen – also WIR – inter-subjektiv die Corona-Krise?

Kommunion – Zwischenkörperliche Dimensionen

Mit Kommunion sind hiermit konkrete kulturelle Praktiken mit Anderen und zwischen Menschen geteilte somatische Erfahrungen gemeint. Angesichts der aktuellen Corona-Krise gibt es zahlreiche solcher Praktiken und geteilten Erfahrungen, die einen direkten Bezug zu dieser Krise haben oder sich durch die Krise entsprechend verändern. Dazu einige exemplarische Beispiele:

Gemeinschaft – Gemeinsame Horizonte

Natürlich hat die Corona-Krise auch erhebliche Auswirkungen auf nahezu alle Gemeinschaften. Unter einer Gemeinschaft verstehen wir eine Gruppe von Menschen, die zusammen einem gemeinsamen Zweck oder Sinn folgen, oder – technischer ausgedrückt – deren Kommunikationen sich vorrangig um ein gemeinsames Thema drehen (wir sprechen hier auch von einem „vorherrschenden Modus des Diskurses“). Charakteristisch für jede Gemeinschaft ist, dass sie eine bestimmte Weltsicht, bestimmte Vorstellungen, und ein bestimmtes Wir-Gefühl prägt, welches sich von anderen Gemeinschaften unterscheidet. So werden z.B. von einem Tauchverein andere Menschen angezogen (nämlich Menschen mit einem Interesse am Tauchsport), als von einer bestimmten politischen Partei oder einer bestimmten Glaubensgemeinschaft.

Angesichts der Corona-Krise hat sich der vorherrschende Modus des Diskurses in den meisten Gemeinschaften erheblich verändert. Aktuelle Leitfragen einiger exemplarischer Gemeinschaften machen dies deutlich:

Typen

Der vierte betrachtete Aspekt des Integralen Modells sind Typen. Typen sind Klassen von Aspekten einer Persönlichkeit, die sich praktisch auf jeder Entwicklungsstufe und in jedem Zustand zeigen können – und die wesentlich bestimmen, wie du dich und die Welt um dich herum wahrnimmst, strukturierst, interpretierst und bewertest. Das Besondere an Typen ist ihre Beständigkeit, d.h. sie ändern sich „typischerweise“ nicht, sondern bleiben charakteristisch über die Dauer der Zeit. Das jedem Menschen gegebene biologische Geschlecht ist ein gutes Beispiel: es bleibt typischerweise ein Leben lang als solches bestehen.

In der Psychologie wurden zahlreiche Typologien vorgeschlagen und erforscht. Viele von ihnen könnten auch auf die Corona-Krise angewendet werden. Wir möchten hier jedoch auf zwei grundlegende Typen eingehen, die in jedem von uns mitwirken und entsprechend mit beeinflussen, was uns unbewusst antreibt – nämlich Eros und Agape.

Eros und Agape bezeichnen die zwei jedem Menschen innewohnenden Kräfte oder Prinzipien, die unser Denken, Handeln und Fühlen unbewusst maßgeblich beeinflussen. Dabei repräsentiert Eros die männliche Kraft, die agieren, handeln will und handlungsfähig sein möchte – während Agape die weibliche Energie verkörpert, Gemeinschaften zusammenzuhalten und im Kontakt mit anderen Mitmenschen zu bleiben.

Beide Kräfte wirken in jeden von uns und sie stimmen nicht mit dem biologischen Geschlecht überein. Du kennst sicherlich sehr männliche Männer und sehr weibliche Frauen – du kennst aber vermutlich auch recht feminin wirkende Männer und recht maskulin wirkende Frauen. Das, was diese Männer „feminin“ oder „maskulin“ wirken lässt, wird durch Eros bzw. Agape hervorgerufen.

Angesichts der Corona-Krise werden die in jedem von uns in einer spezifischen Balance wirkenden Kräfte von Eros und Agape tendenziell eher verstärkt.

Die Energie des Eros, die tendenziell nach vorne strebt und handeln will, hat durch die aktuelle Lage unter Umständen nicht ausreichend Gelegenheiten, sich auszuagieren – hat also ein Problem damit, nicht ausreichend aktiv sein zu können. Stattdessen ist diese Energie mit Gefühlen der Ohnmacht und der Unfreiheit konfrontiert, die den Handlungsdrang bis ins Extreme steigern können. Menschen mit solchermaßen ausgeprägten Eros-Tendenzen gelingt es in diesen Zeiten nur schwer, sich selbst zu beruhigen bzw. die Ruhe zu bewahren oder gar untätig abzuwarten. Für sie kann es sinnvoll sein, sich Projekte zu suchen, die sie in diesen Zeiten aktiv vorantreiben können, z.B. die Wohnung zu renovieren, im Garten zu arbeiten, Reparaturen vornehmen etc.

Die Energie von Agape, die tendenziell Gemeinschaften zusammenhalten und im Kontakt mit anderen Menschen bleiben möchte, leidet ebenfalls sehr unter der aktuellen Krise – aber aus anderen Gründen. Sie hat vielmehr ein großes Problem mit der von allen Experten empfohlenen räumlichen Distanzierung zu Mitmenschen, die vollständig gegen ihre Natur geht. Menschen mit einer ausgeprägten Agape-Tendenz leiden in diesen Tagen vielfach unter dem Frust, sich nicht „verbinden“ zu dürfen sowie unter emotionaler Überlastung, die durch ein empathisches Mitschwingen mit den ebenfalls leidenden Mitmenschen verursacht wird. Für sie kann es sehr heilsam sein, den Kontakt und Austausch mit Freunden, Verwandten und anderen Menschen über das Telefon, Skype oder andere soziale Medien aktiv zu pflegen oder Mitmenschen in der Nachbarschaft zu helfen.

Bewusstseinszustände

Der fünfte und letzte betrachtete Aspekt des Integralen Modells sind Zustände, und hier insbesondere Bewusstseinszustände, die bestimmen, in welchem Zustandsbereich dir Phänomene in deinem Bewusstsein erscheinen, z.B. im Wachen, im Träumen oder im Tiefschlaf.

Das Integrale Modell unterscheidet fünf verschiedene Bewusstseinszustände:

Wie wird nun also die Corona-Krise in all ihren Aspekten aus dem Blickwinkel dieser unterschiedlichen Bewusstseinszustände wahrgenommen?

Im Wachzustand kann das einfache Wahrnehmen und Erkennen von Aspekten dieser Krise über die Sinne durch den anhaltenden Stress eingeschränkt sein, und zu einem verengten Tunnelblick führen. Wir nehmen angesichts der Krise also tendenziell weniger wahr und blenden mehr Aspekte aus als unter normalen Umständen – da sich unser Organismus aktuell vorrangig in einem „Kampf oder Flucht“-Modus befindet.

Der subtile Traumzustand ist bei vielen Menschen angesichts der Krise hoch aktiv. Die aktuell sich überschlagenden Ereignisse und Eindrücke und die überwältigende Informationsflut versetzt viele Menschen in eine Art Dauertrance, in der sie sich auf ihre subtile Innenwelt und die in ihrem Kopf ununterbrochen herumkreisenden Befürchtungen, Erwartungen, Hoffnungen und Sorgen – aber auch konstruktiven Überlegungen, kreativen Lösungsideen für aktuelle Probleme etc. – fokussieren.

Die drei primär durch Meditation zugänglichen Zustände des kausalen, traumlosen Tiefschlafs, des Zeugen- und des nondualen Bewusstseins werden wir hier nicht weiter erörtern, da diese einem Großteil der von der Krise betroffenen Menschen nicht zugänglich sind und in dieser Beschreibung der Krise eher mehr Verwirrung als Klarheit stiften würden.

Die Corona-Krise – mehr Klarheit, mehr Orientierung!

Wir sind nun am Ziel unserer gemeinsamen Reise angelangt. Wie geht es dir am Ziel? Wie wirkt diese Reise auf dich? Lass uns noch einmal kurz auf die Höhepunkte unserer Reise zurückblicken.

Die Corona-Krise betrifft uns alle – ohne Ausnahme.

Diese Krise ist ein „böses Problem“, welches sich mit herkömmlichen Mitteln sicher nicht lösen lässt, da es multidimensional ist, viele Ursachen und viele Symptome hat, viele Akteure involviert und viele unterschiedliche Lösungen hat und sich darüber hinaus kontinuierlich weiterentwickelt.

Vor wenigen Wochen fehlten uns allen noch sehr viele Informationen zum Verständnis vieler Aspekte dieser Krise – vermutlich hat dies viele Menschen daher auch eher passiv abwarten lassen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Nun – im Nachhinein, sind wir alle etwas schlauer.

Inzwischen gibt es auch viele wirklich hilfreiche und verlässliche Informationen zu den zahlreichen Aspekten dieser Krise. Allerdings fehlten uns bislang Orientierung stiftenden Übersichten, die die vielfältigen Puzzleteile zu einem Gesamtbild zusammenfügen. Aus diesem Grund haben wir diesen Artikel verfasst.

Wir haben mit dir gemeinsam den Integralen Ansatz von Ken Wilber auf die Corona-Krise angewandt und sie aus allen möglichen Blickwinkeln des Integralen Modells – Entwicklungslinien, Strukturen, Quadranten, Typen und Zustände – betrachtet. Dadurch ergibt sich ein stimmiges, vollständiges Gesamtbild.

Dieser Bericht unserer gemeinsamen Reise ist sehr ausführlich und umfassend – vielleicht erscheint er dir übertrieben ausführlich. Gleichzeitig zeigt die Anwendung des Integralen Ansatzes auf ein derartig „böses Problem“ die Stärke des Integralen Ansatzes – trotz der ausführlichen Beschreibung ist dies immer noch eine sehr kompakte und vor allem strukturierte Gesamtschau auf die Corona-Krise.

Du kannst mit dem Integralen Modell beliebig chaotische und komplexe Probleme strukturieren und erhältst dadurch neue, Sinn stiftende Orientierungen für dein Verständnis unübersichtlicher Situationen sowie für dein eigenes Handeln.

Wir hoffen, du konntest im Laufe unserer gemeinsamen Reise dein Verständnis der Corona-Krise erweitern und vertiefen. Und damit mehr Orientierung und Klarheit gewinnen in diesen chaotischen unübersichtlichen Zeiten.

Wir wünschen dir und deinen liebsten Mitmenschen in diesen schweren Zeiten viele gute Erfahrungen, tolle Begegnungen mit deinen Mitmenschen, ausreichend Besonnenheit – und vor allem: Bleib gesund – und bleib möglichst zuhause!

Herzlichst, Isa & Julian Mack

www.mack.partners