von Werner Kaiser

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Die Metamoderne versteht sich als neue philosophisch-kulturelle Strömung, welche die Moderne (1500-1950) und die darauf folgende Postmoderne (ca. 1950 bis heute) ablöst. Die Moderne war ein Gesellschaftssystem, das auf Vernunft, Wissenschaft und Technologie aufbaute. Die Postmoderne war eine philosophische und künstlerische Reaktion, die dieses rational-technische Denken in Frage stellte. Sie dekonstruierte die historisch gewachsenen Gewissheiten und entlarvte sie als kulturell oder sprachlich bedingt. Die Metamoderne nun will ihnen eine Denkweise und Lebensform entgegensetzen, die auf das digitalisierte, postindustrielle, globale Zeitalter reagiert.

Soweit trifft sich ihr Anliegen mit jenem der Integralen Theorie von Ken Wilber. Wie verhalten sich aber Metamoderne und Integrale Theorie zueinander? Ist die Metamoderne einfach eine neue Ausdrucksform der Integralen Theorie, oder ist sie bereits das nächste Mem, welches das integrale Bewusstsein integriert und transzendiert?

Die Metamoderne ist keine in sich geschlossene Lehre. Es gibt sie in verschiedenen Ländern in verschiedener Ausprägung. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit und umfassende Interpretation zu erheben, sollen hier die wichtigsten Exponenten der Metamoderne vorgestellt werden.

 

 

Rückkehr einer romantischen Sensibilität?

2010 erschienen die „Notes on Metamodernism“ [1]. Darin schrieben T. Vermeulden und R. van den Akker, die Postmoderne mit ihrer Auflösung fester Werte habe durch Ereignisse wie Klimawandel, Finanzkrisen, soziale Unruhen und die digitale Revolution um die Jahrtausendwende ihr Ende gefunden. Seither sei eine Art Romantik zurückgekehrt. Engagement, Emotionen und Erzählungen hätten wieder ihren Platz. Starre Positionen wie in der Moderne und ironische Distanz wie in der Postmoderne würden ihre Bedeutung verlieren. Eine „Struktur des Gefühls“ würde entstehen, die wie ein Pendel zwischen unzähligen Polen schwinge.

Schwingung, die natürliche Ordnung der Welt.

Im „Metamodernistischen Manifest“, erschienen 2011, vertrat auch Luke Turner die Ansicht, die Metamoderne sei eine romantische Reaktion auf unsere krisengeschüttelte Zeit. Die Trägheit, die aus der Auseinandersetzung zwischen Moderne und Postmoderne entstanden sei, weiche einer neuen Haltung. Die Welt sei wesentlich Oszillation (Schwingung). Sie fusse nicht auf starren Positionen, verliere sich aber auch nicht in Dekonstruktionen, sondern werde in Bewegung gehalten durch ein Oszillieren zwischen den oft diametral entgegengesetzten Standpunkten. Metamoderne sei „der quecksilbrige Zustand zwischen und jenseits von Ironie und Aufrichtigkeit, Naivität und Wissen, Relativismus und Wahrheit, Optimismus und Zweifel, auf der Suche nach einer Vielzahl von disparaten und schwer fassbaren Horizonten.“ [2]

Eine Gesellschaft des Hörens und des Tiefgangs

Die „Nordic School of Metamodernism“ entwickelte sich in den nordischen Ländern Europas. Der Ausdruck „Nordic School“ verweist auf den in diesen Ländern verbreiteten „grünen Sozialismus“, der metamodernem Gedankengut den Weg bereitet habe. Führender Kopf ist Daniel Görtz (Pseudonym Hanzi Freinacht). Er versteht die Metamoderne als eine „aktive intellektuelle, soziale und politische Bewegung, die sich entwickelt, um Krisen zu begegnen, die potentiell aus der Globalisierung entstehen“ [3].

2017 erschien sein Buch „The Listening Society“. Er erwartet darin das Entstehen einer Gesellschaft, die sensibel ist für die inneren Dimensionen des Menschen. Politik sei dann nicht mehr von Parteiinteressen geleitet, sondern baue darauf, dass Politikerinnen und Politiker auf die Menschen hören und sich für deren inneres und äusseres Wachstum einsetzen. Als Bildungselement empfiehlt Görtz die Vipassana-Meditation, die auch in der Schule geübt werden soll.

In seinem zweiten Buch, „The Nordic Ideology“, fordert er ein neues Denken. Um mit einer komplexeren Welt umgehen zu können, würden wir die Fähigkeit brauchen, in die eigene Tiefe zu gehen. Die persönliche Sichtweise müsse zudem ausgeweitet werden ins Nationale und Globale. Die Politik soll sich von unten nach oben, von den betroffenen und gereiften Menschen zu den Abläufen der Politik hin bewegen.

Säkulare Spiritualität – der goldene Schlüssel der Politik

Linda C. Ceriello lehrt in den USA vergleichende Religionswissenschaften. Sie will die Metamoderne mit spirituellen Werten in Verbindung bringen. Die Moderne habe die Innerlichkeit des Menschen vernachlässigt, es gehe nun darum, sie durch eine „säkulare Spiritualität“ zu fördern. Das erfordere eine neue Art von Bildung, welche den Kontakt mit dem eigenen Innern und mit andern Menschen fördere. Dazu sucht sie die mystischen und kontemplativen Traditionen und zeitgenössischen Formen der Spiritualität mit der metamodernen Theorie zu verbinden.

Auch der US-Amerikaner Brandan Graham Dempsey beschäftigt sich intensiv mit der spirituellen Seite der Postmoderne. Seine Arbeiten konzentrieren sich auf die Sinnkrise und die Wiederbelebung von Spiritualität. Auf seiner Website fasst er zusammen: „Heute, wo sowohl die Geschichten der Tradition als auch die der Moderne an ihre Grenzen stossen, interessiert mich, wie wir neue Konzeptionen des Heiligen miterschaffen können, die uns helfen, unsere Welt zu heilen.“ Dabei sei von Bedeutung, den „Kern der spirituellen Weisheitstraditionen und die Bedeutung spiritueller Erfahrungen ernst zu nehmen“ [4].

Löst die Metamoderne das Integrale Bewusstsein ab?

Die Beziehung der Metamoderne zur Integralen Theorie war in den USA teilweise heftig umstritten. Meist anerkannte man die Integrale Theorie als Vorläuferin der metamodernen Strömungen. Sie wurde aber auch angegriffen oder einfach ignoriert. Man warf Ken Wilber vor, er sei esoterisch, er verbinde sich mit konservativen und esoterischen Kreisen. Man kritisierte, er bleibe beim Individuellen stehen, er kümmere sich nicht um die Welt. Daniel Görtz bekennt sich zwar zu seinen Wurzeln in der Integralen Theorie, grenzte sich aber zunehmend von ihr ab. Zak Stein fand, Wilber sollte aufhören, Konzerninteressen zu bedienen und anfangen, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen.

Die ganze metamoderne Philosophie ist noch sehr in Bewegung. Endgültige Aussagen zu machen, ist nicht möglich. Doch können wir bereits ein paar Punkte festhalten:

[1] Timotheus Vermeulen; Robin van den Akker: Notes on Metamodernism. Journal of Aesthetics & Culture 2010

[2] Luke Turner, Metamodernist Manifesto, in: metamodernism.org 2011

[3] Daniel Görtz, The Listening Society, in: Metamoderna ApS 2017

[4] https://www.brendangrahamdempsey.com/

Übersetzung der Zitate: DeepL Translater

 

Über den Autor
Kaiser Werner

Werner Kaiser ist Theologe und Gründungsmitglied der IP. Er war Mitglied der IP-Kerngruppe und lebt in Thun. Werner ist Autor von „Integrale Politik. Neue Politik für eine neue Zeit“ (2011) und „Ist es naiv, an eine andere Politik zu glauben?“ (2019).