Logo Integrale Perspektiven

In den letzten 20 Jahren habe ich mich mit vielen Entwicklungsmodellen beschäftigt (Piaget, Kohlberg, Graves, Beck/Cowan, Cook-Greuter, O’Fallon). In meiner Arbeit als integraler Coach & Berater nutze ich vor allem Spiral Dynamics (Beck/Cowan) und im Coaching zusätzlich StAGES von Terri O’Fallon. Letzteres ist aus meiner Sicht das zurzeit differenzierteste und gleichzeitig praktikabelste Modell, das alle fünf Dimensionen des AQAL-Modells von Ken Wilber integriert hat.

Mit dem Wissen aus StAGES ist Spiral Dynamics an manchen Stellen nicht ganz korrekt. Im Folgenden gehe ich zunächst auf die Wurzeln von Spiral Dynamics ein (das Graves Value System), beschreibe kurz die Stufen und danach die 12 Stufen von StAGES. Im letzten Abschnitt mache ich Vorschläge, wie Spiral Dynamics aus heutiger Sicht beschrieben werden könnte.

Dieser Artikel ist ein unter Zeitdruck entstandener erster Entwurf, der wahrscheinlich noch eine Reihe von Fehlern enthält. Ich bitte dies zu entschuldigen, glaube aber, dass die folgenden Ausführungen für viele Leserinnen und Leser spannend sein können. Weiterhin habe ich mich dazu entschieden, fast ausschließlich die männliche Form zu verwenden und bitte auch dieses mir nachzusehen (der grüne Teil in mir fühlt sich damit auch nicht ganz wohl).

Das Graves Value System

Clare W. Graves, amerikanischer Professor für Psychologie, erforschte von 1952 bis zu seinem Lebensende (1986) zunächst die Veränderung von Konzeptionen (Bewusstsein) über psychologische Gesundheit von Menschen. Später bezog er in sein Modell noch Bedürfnisse (Maslow), Werte und Ethik-Normen mit ein. Ausgangspunkt seiner Untersuchungen war seine Unzufriedenheit mit den Grabenkämpfen innerhalb der Psychologie Anfang der 50er-Jahre. Die ständigen Fragen seiner Studenten, welche der bestehenden Theorien denn nun richtig war, nervten ihn. Und sie motivierten ihn, eine eigene Theorie zu erforschen.

Da er durch seine Lehrtätigkeit nicht viel Zeit hatte, ließ er über viele Jahre die Studenten seines Kurses „Die normale Persönlichkeit“ Aufsätze schreiben über die psychologisch gesunde Persönlichkeit. Danach mussten die Studenten ihre Konzepte präsentieren und sich Fragen und Kritik von Kommilitonen und akademischen Autoritäten stellen. Graves interessierte es dabei, ob sie ihre Konzepte verteidigten oder aufgrund der Kritik anpassten.

Die Ergebnisse wurden durch unabhängige (und jedes Jahr neue) Juroren analysiert und klassifiziert. Schon im ersten Jahr und auch in den darauf folgenden Jahren wurden immer wieder dieselben zwei Hauptkategorien A (wir-orientiert) und B (ich-orientiert) erkannt mit jeweils zwei Unterkategorien a und b:

  1. Es ist förderlich, das Selbst zurückzuweisen/aufzuopfern (Wir-Orientierung)
    1. für spätere Belohnung.
    2. um jetzt Akzeptanz zu bekommen.
  2. Es ist förderlich, das Selbst zum Ausdruck zu bringen (Ich-Orientierung)
    1. in berechnender Weise und auf Kosten anderer.
    2. nicht auf Kosten anderer.

Studenten der Gruppe A-a verteidigten den Aufsatz gegenüber Kommilitonen, änderten ihn aber bei Kritik von Autoritäten. Daraus wurde dann später im Graves Value System die vierte Stufe D-Q (entspricht „blau“ in Spiral Dynamics). A-b-Studenten reagierten genau anders herum (daraus wurde dann die Stufe F-S, „grün“). Kategorie B-a ließ sich weder durch Kommilitonen noch durch Autoritäten beirren (später wurde daraus die Stufe E-R = „orange“). B-b-Studenten hingegen ließen sich sowohl durch Kommilitonen als auch Autoritäten beeinflussen und änderten ihre Konzepte (daraus wurde die Stufe A‘-N‘ = gelb).

Bis 1969 erfolgte eine Datenerhebung mit Personen zwischen 18 und 61 Jahren. 1959 begannen einige eine bisher nicht vorhandene Konzeption zu entwickeln: „Selbst zurückweisen/aufopfern für existenzielle Wirklichkeit“. Hier wurde psychologische Gesundheit als Zustand grundsätzlich in Frage gestellt und vermutet, dass es sich um einen offenen Prozess handelte. Dies ging über die Stufe A‘-N‘ hinaus (B‘-O‘, „türkis“) und damit auch über die ultimativen Stufen von Maslow (Selbstaktualisierung) und Rogers (voll funktionierende Persönlichkeit). Schließlich kam noch eine zusätzliche Kategorie „Selbst impulsiv um jeden Preis zum Ausdruck bringen“ (C-P, „rot“) hinzu. Graves stellte fest, dass psychologische Gesundheit ein offener, hierarchischer Prozess ist. Und dass es nicht nur um psychologische Gesundheit geht, sondern jede Kategorie ein eigenes Persönlichkeitssystem ist, das die Welt anders „sieht“ (interpretiert, bewertet) und damit anders agiert. Schließlich beschrieb er acht Stufen in zwei Rängen (eine neunte Stufe wurde von ihm schon angedeutet):

Erster Rang – 1st tier (Subsistenzlevel 1 bis 6

Zweiter Rang – 2nd tier (Seins-Level, Anzahl offen)

Bis zu seinem Lebensende entwickelte er sein Modell ständig weiter. Zunächst fehlte lange Zeit die Stufe B-O (purpur). A‘-N‘ (gelb) war in einem seiner Artikel Stufe 8 und wurde dann später Stufe 7. Im Buch „Clare W. Graves: Sein Leben, sein Werk“ von Rainer Krumm & Benedikt Parstorfer sind viele seiner Artikel der Jahre 1959 bis 1981 nachzulesen. Dieses Buch ist auch die Grundlage meiner bisherigen Ausführungen.

Aus meiner Sicht spannend ist die ständige Anpassung an neue Erkenntnisse und die zunehmende Differenzierung seines Modells. Wie sähe sein System heute aus, wenn er Bücher von Ken Wilber gelesen hätte und ihm die neuesten Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie bekannt wären, insbesondere die Modelle Ego Development (Jane Loevinger, weiterentwickelt von Susanne Cook-Greuter) und StAGES von Terri O’Fallon? Dazu mehr im letzten Teil dieses Artikels.

Spiral Dynamics

Vor 20 Jahren erschien das Buch „Spiral Dynamics“ von Don Beck und Christopher Cowan. Die Beschreibungen basieren weitgehend auf den Erkenntnissen von Graves. Der auffälligste Unterschied ist, dass die Stufen (Level) jetzt mit Farben bezeichnet sind und nicht mehr mit Buchstaben. Hier eine kurze Beschreibung der Level, wobei ich hoffentlich möglichst nah noch am Original bin, was ich aber nicht garantieren kann (Ergänzungen und Kommentare sind in Kursivschrift):

Jeder Mensch, der sich auf einer dieser ersten sechs Stufen befindet (erste Schicht, 1st tier), hält die eigene Sicht für die einzig richtige und bekämpft die anderen. Konflikte sind daher vorprogrammiert. Die Orangen lehnen die Blauen ab, die aus ihrer Sicht Veränderungen blockieren, und sie lehnen Grüne ab, die immer alle Meinungen integrieren wollen und daher endlos diskutieren. Grüne mögen die herzlosen, materialistischen Orangen nicht und misstrauen blauen Herrschafts-Hierarchien, usw.

Ab Level 7 beginnt ein neuer Rang, die Graves Seins-Level genannt hat:

Lutterbeck 1

 

 StAGES von Terri O’Fallon

Terris Modell basiert auf dem Modell Ego Development von Susanne Cook.-Greuter, beschreibt aber die Stufen in neuer Form und differenziert mehr Stufen. Sie beschreibt, dass die Entwicklung des Ich sich im Laufe des Lebens durch drei Schichten läuft, die konkrete, die subtile und die meta-bewusste. Dabei erlangt das Ich immer mehr Perspektiven. Eine erste und zweite Perspektive bilden die erste, konkrete Schicht, die dritte und vierte die subtile Schicht und schließlich die fünfte und sechste die meta-bewusste Schicht.

In jeder Schicht muss ein Mensch erst einmal ein „Ich“ entwickeln, d.h. die 1., 3. und 5. Perspektive sind ich-orientiert. Danach wird das Wir „gelernt“ (2., 4. und 6. Perspektive). Schließlich gibt es bei jeder Perspektive eine frühe und eine späte Stufe. In der frühen Stufe „überfällt“ mich quasi die Perspektive. Sie ist da (man empfängt sie), aber man kann sie nicht steuern (priorisieren). Alles, was mich die Perspektive erkennen lässt ist gleich wichtig (heterarchisches Bewusstsein). In der späten Stufe kann ich die Perspektive aktiv-priorisierend nutzen und mich auf das (in dieser Stufe) Wesentliche fokussieren.

Somit gibt es vier Stufen je Schicht, insgesamt also 12 Stufen:

1. Perspektive: Egozentrische Ich-Perspektive. Es entwickelt sich ein Körper-Ich in der konkreten Schicht. Hier glaube ich, dass jede/r das sieht, was ich sehe. Zeitlich lebt die Person nur in der Gegenwart (Hier & Jetzt), d.h. es gibt keine Er-Innerung an Vergangenes.

2. Perspektive: Soziozentrische (regionale) Du-Perspektive. Die erste bewusste, konkrete Wir-Orientierung. Jetzt nehme ich Rücksicht, beachte Andere und will dazu gehören. Ich kann jetzt in den Schuhen des Anderen stehen („konkrete“ Empathie). Ich erinnere jetzt die Vergangenheit, d.h. jetzt ist ein Lernen aus Fehlern möglich. Die Zukunft ist nachgeplappert bzw. aus Vergangenem abgeleitet (zyklisches Zeitbewusstsein, Jahreszeiten, Bauernregeln). Entspricht dem blauen Level.

3. Perspektive (Subtiles Ich): Weltzentrische Meta-Perspektive (alle Menschen). Analyse, Reflexion, Abstraktion. Die Identifikation mit einem mentalen Seelen-Ich löst das Körper-Ich ab. Entspricht dem orangen Level.

4. Perspektive: Ökozentrische Perspektive umfasst alle fühlende Wesen. Ich werde zum Beobachter des Beobachters, bin kontextbewusst und denke systemisch-konstruktivistisch (Dekonstruktion bisheriger „Wahrheiten“). Erforschung von Innerlichkeit & Gefühlen (viele innere Stimmen). Bewusstes Hier&Jetzt umfasst Vergangenheit/Zukunft.

5. Perspektive (metabew. Ich): Transplanetare Perspektive, unmittelbare Wahrnehmung der eigenen Wahrnehmungs-Konstruktionen (konstruktbewusst) und Projektionen; Zeugenbewusstsein (zeitlos, ewig).

6. Perspektive (metabewusstes Wir): Universelles Kollektiv. Vereinigung aller Polaritäten (bis zur Transzendenz und Immanenz), Ausstieg aus dem Wirbelsturm des komplexen Geistes des Konstrukt-Bewusstseins (Ruhe im Auge des Wirbelsturms). Metavisionen des grenzenlosen, ewigen EINEN.

Lutterbeck 2

 

Revised Spiral Dynamics

Die Entwicklung der einzelnen Stufen von Spiral Dynamics werden verständlicher, wenn man sich bewusst macht, dass eine wachsende Perspektivfähigkeit die Grundlage von unterschiedlichen Stufen bildet. Nach einem archaischen Stadium (beige) beginnt in Purpur sich die erste Wahrnehmungsperspektive in impuls-gesteuerten Verhalten zu zeigen um dann voll ausgeprägt als (bewusste) Egozentrik in Rot zu erscheinen. Die 2. Perspektive (Du/Wir) führt zu Respekt und Anpassung (blaue Stufe). Die 3. Perspektive (sog. Metaperspektive) ermöglicht rationale Erkenntnisse und Reflexion (orange Stufe). Die 4. Perspektive beginnt in Grün (systemisch-konstruktivistische Sicht) und wird in Gelb funktionalisiert. Türkis basiert auf einer 5. Perspektive (awareness of awareness). Ein Pendant zur 6. Perspektive ist in Spiral Dynamics noch nicht definiert.

Was bei Graves und in Spiral Dynamics fehlt, sind die frühe (blaue) Stufe 2.0 und die frühe (orange) Stufe 3.0. Graves erkannte zwar richtig den ständigen Wechsel zwischen Ich- und Wir-Orientierung. In StAGES wird klar, dass die Abfolge ein Ich-Ich-Wir-Wir-Ich-Ich-Wir-Wir-… ist.

Außerdem entdeckte der Psychotherapeut Kim Barta, der Bruder von Terri O’Fallon, dass sich auf einer Stufe ungelöste Themen (sog. Schatten) der gleichen Stufe auf den vorherigen Schichten zeigen. Z.B. werden auf Stufe 3.5 (Achiever, spätes Orange) „alte“ 1.5er-Themen des roten Egozentrikers reaktiviert (ich glaube, jede/r hat schon 3.5-Manager erlebt, die manchmal sehr rot wirken). Oder bei 4.0 (grün) treten unbearbeitete 2.0-Themen (Angst, nicht dazu zu gehören; Anpassung an Gruppenmeinung) wieder hervor. Dadurch werden die von Graves zu Beginn der Forschungen gefundenen Kategorien (A, B mit Untergruppen a, b) nicht ganz richtig den vier Stufen D-Q (blau), E-R (orange), F-S (grün) und A‘-N‘ (gelb) zugeordnet.

Später entdeckte Graves noch ein „Selbst impulsiv um jeden Preis zum Ausdruck bringen“ und bildete daraus die Stufe C-P (rot). Für mich hört sich das fast wie 1.0 (Purpur) an, was aber bei Psychologie-Studenten unwahrscheinlich ist. Es kann Rot sein oder eine andere Stufe mit 1.0-Pathologie, wie z.B. 3.0 (früh-oranger Experte).

Die Kategorie „Selbst aufopfern für existenzielle Wirklichkeit“ wurde zu B‘-O‘ (türkis). Aus meiner Sicht würde das auch zu einer gesunden grünen Stufe passen. Oder aber zu Gelb.

Meine vorsichtige Hypothese zu Graves ist, dass er vielleicht nicht bei Gelb, sondern im Übergang zu Grün war.

Kommen wir nun zu den einzelnen Spiral Dynamics-Leveln und wie diese an vielen Stellen beschrieben werden:

Eine bildliche Darstellung der erweiterten Spirale könnte folgendermaßen dargestellt werden:

Lutterbeck 3

 

Autor

Lutterbeck Rolf

Rolf Lutterbeck studierte Anfang der 70er-Jahre Informatik an der Universität Dortmund (Abschluss als Diplom-Informatiker). Als Projektleiter von vielen Entwicklungsprojekten und später als Leiter der Software-Entwicklung (in einem internationalen TK-Unternehmen) sammelte er Führungserfahrung. 1990 wechselte er in die Unternehmensberatung (zunächst IT- und Organisationsberatung). Er begann in dieser Zeit zu meditieren und sich mit neuen Themen (NLP, visionsorientierte Veränderungsarbeit) zu beschäftigen. Dies führte dazu, dass er sich 1996 selbständig machte als Berater, Coach und Trainer für Unternehmer, Geschäftsführer, Führungskräfte, Selbständige und Privatpersonen.

Seit dem Jahr 2000 beschäftigt er sich mit Systemischen Strukturaufstellungen nach Prof. Varga von Kibéd und dem Integralen Ansatz von Ken Wilber. Daraus entwickelte er einen eigenen integral-systemischen Coaching- und Beratungsansatz, der auch spirituelle Aspekte umfasst und den er in seinen Seminaren vermittelt. Seine spirituelle Arbeit ist beeinflusst durch Ken Wilber (Integrale Spiritualität), Wulf Mirko Weinreich (u.a. Das neue Totenbuch) und Gerhard Höberth (Die Welt von innen).

Er ist Mit-Gründer und Dozent der DIA (Die Integrale Akademie), Mitglied im Integralen Forum, im infosyon (Internat. Forum für Systemaufstellungen in Organisationen und Arbeitskontexten) und er ist zertifizierter DVNLP-Lehrtrainer und Master Coach DVNLP. Neben Integralen Strukturaufstellungen und integralen Seminaren (z.B. Spiral Dynamics, StAGES, Retreats) bietet er kompakte Ausbildungen zum Integralen Strukturaufsteller (Practitioner- und Master-Stufe), zum Integralen (Business) Practitioner und zum Integralen Coach an.        

Aus- und Weiterbildung

Themenschwerpunkte

Integral-systemisches Coaching

Allparteiliche Lösungsfindung durch Einsatz u.a. von Quadrantenmodell, Spiral Dynamics, StAGES und Integralen Strukturaufstellungen

Ausbildungen, Seminare

Integral-systemische Beratung (für sinnsuchende Unternehmen)

Branchenkenntnisse (Referenzen)

Veröffentlichungen