Logo Integrale PerspektivenUnsere Überlegungen zur Spiritualität waren bislang mit den Argumenten zum Chaoskampf auf gewisse Weise einseitig, fehlte da doch ein vitales Element, welches unser Verständnis der Spiritualität erst vervollständigt, und ohne das der Chaoskampf selbst weder zu verstehen, noch praktisch umzusetzen ist. Man könnte sagen, dass der Chaoskampf selbst ein forsches, exploratives – man könnte sagen: m a s k u l i n e s – Unternehmen ist, die geordneten Bereich des Seins zu verlassen, um stets komplexere Ordnungen aufzubauen; dies muss aber letztlich scheitern, wenn es nicht durch ein eher f e m i n i n e s Element ausgeglichen oder ergänzt wird, um bei dieser Metapher zu bleiben. Ohne dieses feminine Agens kann sich das eher maskuline Agens des Chaoskampfes weder voll verwirklichen, noch verstanden werden. Wie können wir uns diesem femininen Agens annähern?

Zumindest bis zu einem gewissen Ausmaße muss Spiritualität durch grundlegende biologische Wirklichkeiten informiert worden sein, durch gewisse maskulinen und femininen Kompetenzen und Archetypen, die sich sowohl im Mann wie der Frau ausdrücken können. Auf einer rein endokrinologischen Ebene ist man sich etwa seit einiger Zeit durchaus klar, dass die beiden Hormone Dopamin und Serotonin bei der Bildung von geschlechtsspezifischen Interessen eine bedeutende Rolle spielen, ist doch für exploratives ‚maskulines‘ Verhalten das Hormon Dopamin verantwortlich, während Serotonin dazu führt, unsere Aversion dagegen zu stärken, andere zu verletzten und die soziale Ordnung zu stören; Serotonin fördert eher feminine Verhaltensweisen und Interessen. Diese beiden Strategien müssen sich in den frühmenschlichen und archaischen Gemeinschaften als gewinnbringend erwiesen haben, wo Männer im Wesentlichen für die Produktion und Frauen für die Verteilung der Produkte verantwortlich waren.

Wie dem aber auch sei, kein freiwilliger Sturz in das Chaos, kein Chaoskampf wäre vollkommen, würde in ihm nicht das Element der Selbstaufgabe, der Fürsorge und der Hoffnung auf Erneuerung und Überleben zum Ausdruck kommen. Hier finden wir die biologischen Bedingungen der Ethik, und wollen wir über Spiritualität sprechen, kommen wir nicht umhin, auch ihr Fundament in der Biologie zu integrieren. Um zu etwas Neuem zu streben, muss man die alten kognitiven Strukturen von Selbst und Welt zurücklassen; tatsächlich können wir diese beiden Aspekte als zwei Seiten einer Münze betrachten. Der reine spirituelle Akt setzt sich so gleichermaßen aus explorativen Verhalten und der Loslösung von alten Selbst- und Weltstrukturen zusammen. Wir wollen uns diesem Aspekt einmal zuwenden.

§ 2

Wir sind zukunftsgezogene Lebewesen; die Zukunft macht uns zu Menschen. Doch neben der Erfindung der Zukunft musste vor vielen tausend Jahren eine weitere Erfindung auftauchen – vielleicht war es auch mehr eine Erkenntnis – damit wir beginnen konnten, unser Potenzial zu entfalten: Nämlich die Idee, dass wir die Zukunft verändern können, dass wir auf die Zukunft einwirken können, oder noch genauer: Dass wir die Menge möglicher Zukünfte durch bestimmte Verfahrensweisen auf eine Bestimmte engführen können. Die Erfahrungswerte zeigten schnell, dass durch geeignete Verhaltensweisen das Unbestimmte plötzlich bestimmbar wurde. Und wir wurden plötzlich zu Wirklichkeitsakteuren, die ihren eigenen Einfluss auf die Umwelt und Zukunft plötzlich aus Ausgangspunkt weiterer Handlungen auf die Umwelten und Zukünfte realisieren und gestalten konnten. Wir wurden zukunftsgesteuert, oder besser: Sich auf die Zukunft hin selbst-steuernde, in dem Sinne ‚autopoietische‘ operierende Lebewesen, die sich als solche erkannten und definierten. Wir sind Möglichkeitsverwirklicher.

Die psychologische und soziale Bedeutung der Erkenntnis dieser Veränderbarkeit der Zukunft ist kaum zu unterschätzen: Da ist nicht nur eine Zukunft, sie ist auch veränderbar! Aus einer Vielzahl möglicher Zukünfte ist eine kondensierbar, eine realisierbar. Diese Erkenntnis bildet das Fundament unseres Alltagserlebens. Mit jeder Zukunft, die sich bildet, mit jeder bewussten Geste, schwindet (und öffnet sich gleichzeitig) die Zahl anderer Zukünfte, die auch sonst möglich waren. Wir wurden plötzlich zu Gestaltern unserer Wirklichkeiten. Wir wurden historisch zu etwas, was die Zukunft verändern, sich gegen die Natur schützen, die Kultur aufbauen und das Leid reduzieren konnten. Wir wurden von jenen, die schutzlos der Komplexität der Welt ausgesetzt waren und das Leid erfahren konnten, zu denen, die Schutzwälle gegen das Leid aufbauen konnten.

Bleiben wir im Rahmen dieser Überlegungen, können wir mutmaßen, dass mit dem Auftauchen der vier grundlegenden Handlungsdomänen auch unterschiedliche Weisen entstanden, die Vielfalt möglicher Zukünfte auf Bestimmte engzuführen, abhängig davon, ob man künstlerische, technische, soziale oder geistige Strategien wählte. Man kann eben Feuer entwickeln und die Ernährungsweise ändern, Hütten bauen, Landwirtschaft entwickeln und komplexere soziale Mechanismen entwickeln, um zu überleben. All dies definiert und sichert die Zukunft. Spirituell, proto-religiös bzw. proto-psychologisch sind dann aber jene Strategien, die versuchen, über die Konditionierung und Steuerung des psychischen Binnenraums und unseres Selektionsmechanismus diese Kondensation möglicher Zukünfte in Bestimmte einzuleiten und das kommende Leid zu minimieren.

Das Ziel und Objekt der Beobachtung der Spiritualität ist immer das Bewusstsein, und es musste sich auch im Verlaufe der Kultur- und Menschbildung zeigen, dass man das Bewusstsein verändern konnte, um die Wirklichkeit, oder zumindest die Weise, wie wir Wirklichkeit beobachten, zu verändern: Auch das eine unglaublich einflussreiche Erkenntnis in der Menschheitsgeschichte, mit der Änderung des Denkens auf den kognitiven Selektionsprozess möglicher Zukünfte einzuwirken. Lange bevor die Psychologie und die Sozialwissenschaften sich dieser Einsicht annähern konnten, waren es die spirituellen Praxen, die diese Einsicht ermöglichten. Nicht nur durch Werkzeuge und soziale Regeln, sondern auch durch die Veränderung des Bewusstseins konnte die Zukunft bestimmt und gestaltet werden. Es ist daher kein Zufall, dass am Kern vieler, wenn nicht aller mystischen und religiösen Traditionen die magischen Techniken und ‚Kräfte‘ lagen, seien es Siddhis, seien es westliche ‚magische‘ Rituale oder höhere mentale Techniken. Wir müssen hier berücksichtigen, dass ‚Magie‘ in diesem Sinne nichts anderes meint als jene mentalen Gymnastiktechniken, durch die wir von vielen Zukünften eine in die Wirklichkeit bringen, denn alles, was Magie ermöglicht, ist, mit der Zukunft zu verhandeln. Thoth, der ägyptische Gott der Magie, war etwa gleichzeitig der der Gott der Schrift: Für alle Uneingeweihten musste z.B. die Schriftkommunikation wie eine magische, göttliche Technik wirken. Wer schreiben konnte, war Herr über die Zukunft. Die alten, prärationalen Techniken, um Zukunft zu bündeln, legten das Fundament unserer heutigen Zukunftstechniken: Wir schreiben zwar nicht mehr auf Papyrus, um unsere Zukunft in die Wirklichkeit zu bringen, sondern auf Computern, und sichern so buchstäblich unsere Karrieren. Aber wir schreiben! Und jedes Wort, sei es nun achtsam oder unachtsam gesprochen, ja jedes Symbol, das wir denken, hat einen Einfluss auf unseren internen Selektionsprozess der Zukunft, wie klein oder auch wie groß dieser Einfluss manchmal sein mag. Wir alle wissen, dass ein achtsam gesprochenes Wort zur rechten Zeit, sei es in guter oder boshafter Absicht, gravierende Folgen haben kann. Das gesprochene Wort – das sorgfältig gewählte Symbol – erzeugt unsere Welt. Daher auch die Ethik der rechten Rede im Buddhismus. Am Beginn der menschlichen Kultur und Bewusstseins liegt daher nicht nur das Symbol (‚Am Anfang war das Wort‘), sondern die Erkenntnis und die Bewusstheit, dass ein gesprochenes Wort oder das sorgfältig gewählte Symbol Folgen erzeugen wird.

Konkret heißt dies: Wir können Wirklichkeit gestalten, wenn wir einen internen Selektionsprozess verwenden, der die Menge möglicher Zukunft eben auf eine reduziert. Wir erreichen dies, indem wir uns so verhalten, dass wir alle anderen Möglichkeiten und Zukünfte, die wir nicht wollen, und damit zusammenhängend alle sprachlichen Begleiterscheinungen, alle Verhaltensweisen und Sprechakte ablegen und unberücksichtigt lassen. Und wir können diese Strategie ‚das Opfer‘ nennen. Denn wir opfern hier das Gegenwärtige und die kognitive Vielfalt an zukünftigen Möglichkeiten für das Eine, was zukünftig in Erscheinung treten soll. Wir opfern das Viele für das Eine.

Wenn die Erfindung der Zukunft die die Menschheit definierende Erfindung war, so muss die, dass wir die Zukunft durch das Opfer beeinflussen oder verändern können, eine ähnlich gravierende evolutionäre Relevanz haben. Diese Erfindungen liegen so tief in der Architektur des menschlichen Geistes verborgen, dass sie notwendigerweise eine grundlegende Rolle dabei spielen, wie sich die Menschheit und die Kulturen entwickelten. Denn ohne diese Technologie kann nichts erreicht und gestaltet und keine Zukunft verwirklicht werden. Jeder Lebensbereich und jede Lebenspraxis, die wir in den letzten Millennien entwickelten, hängt davon ab. Mensch sein heißt, internalisiert zu haben, dass wir dem Wandel der Zeit nicht vollkommen passiv ausgesetzt sind, sondern dass wir zu handeln vermögen und durch unser Handeln die Zukunft gestalten können. Man kann die kulturhistorische Bedeutung der Idee des Opfers damit nicht überschätzen. In seiner sprachlichen Form Ich tue etwas, damit ich zukünftig weniger leide, und verzichte im selben Zug auf anderes, entreißt sich das Bewusstsein von seiner unmittelbaren Seinsempfindung und projiziert nicht nur etwas zunächst Unbeschreibbares in einen Raum jenseits des Jetzt, sondern erfindet ein Heilmittel, um das drohende Chaos, das kommende Urteil Gottes, oder das Schicksal selbst zu bändigen. Nicht die biblische Geschichte, dass Kain Abel erschlug, soll hier von Interesse sein, sondern d a s s beide ein Opfer erbrachten und dass das eine Opfer offenbar mehr wert war als das andere. Dass Kain in seinem Ärger, dass sein Opfer offenbar weniger Bedeutung hatte als das seines Bruders, diesen erschlug, ist in diesem Sinne nur eine Bestätigung, dass das Opfers in der christlichen Frühzeit schon längst als funktionale Anthropotechnik anerkannt worden war.

Wichtig in unserem Zusammenhang ist nicht nur, dass das Opfer in jeder Religion als Technik genutzt wurde, Gott, Götter oder Geister gütig zu stimmen. Selbst in unserem Sprachgebrauch zeigt sich das, denn das altdeutsche Wort opfern stammt von dem lateinischen operari, was so viel heißt der Gottheit zu dienen – einer Gottheit zu dienen heißt immer auch, einem höchsten Ideal zu folgen, sich unterzuordnen oder aufzuopfern, ob wir nun dabei eine prämoderne, moderne oder postmoderne Geisteshaltung haben: Ideale hegen wir indes alle. Dabei lässt sich die Idee des Opfers bis auf den Gilgamesch-Epos zurückverfolgen. In dieser alten, wenn nicht ältesten Dichtung finden wir die Götter, die den Pestgott Namtar befahlen, die Menschen zu vernichten. Enki, ein Gott, hatte allerdings der Mitleid mit den Menschen und verriet dem Priester Atrahasis ein Ritual, mit dem die Pest zu beenden sei: Die Menschen sollten Namtar mit Opfern überschütten, bis er von seinem Wirken ablässt – was schließlich auch gelang. In diesem Sinne erscheint der Epos als Anweisung für die Methode des Opfers wie auch als Rechtfertigung, dass sie funktional ist.

§ 3

Wie können wir die Zukunft durch das Opfer binden, und damit sicherstellen, dass nicht Chaos, sondern Ordnung herrscht? Uns drängt sich eine prähistorische ‚Urszene‘ auf, wie sie vom Anthropologen Eric Gans beschrieben wurde. Wie etwa handeln wir – oder welche Handlungsoptionen haben wir, so fragte er – wenn das Objekt unserer Begierde g l e i c h z e i t i g das Objekt der Begierde eines Anderen ist? Zunächst konnte nur der blutige Diskurs über diese Frage entscheiden. Doch bald schon musste sich im Verlauf der Menschwerdung die Furcht vor dem eigenen Blut gegenüber dem Drang zur Bedürfnisbefriedigung durchsetzen. Das Objekt der Begierde, gleichzeitig unendlich attraktiv und unendlich gefährlich, wird dem Überleben selbst gegenüber geopfert. Ein Ton wird ausgestoßen, das Objekt repräsentierend; Sprache erhebt sich, und wird von beiden Seiten als Substitut für das Objekt anerkannt, wird heilig durch die ihm innewohnende Kraft, einen Gewaltzyklus auszusetzen. Die prähistorischen Antagonisten wurden in diesem Moment vom Affen zum Menschen, ein heiliges Objekt anbetend, dass sie über den Zyklus der Gewalt und des Instinktiven erhebt. Da sie selbst noch nicht ihre Rolle in der Schöpfung des Heiligen erkennen konnten, wiesen sie dem Objekt indes einen quasi göttlichen Ursprung zu. Gans argumentierte nicht nur, dass dieses neue Zeichen auch als s c h ö n empfunden wurde und die Grundlage der Kunst legte, sondern dass – obwohl wir diese Hypothese nie werden belegen können – unser heutiger Zugang zu dem, was uns heilig erscheint, derselbe ist.

In der evolutionären Lösung des Dilemmas, das der eine will, was der andere hat, repräsentiert das Symbol die Macht, Gewalt zu verhindern, soziale Harmonie herzustellen, Anbetung zu ermöglichen und das Überleben in der Zukunft sicherzustellen: Denn wenn wir uns heute nicht wegen des Objektes töten müssen, müssen wir es morgen auch nicht. Die Zukunft erschien plötzlich in einem vielversprechenden Licht. Vor allem aber: Es gab eine Zukunft! Das nun heilige Objekt hatte uns eine Zukunft geschenkt. Die Dinge konnten weiter ihren Lauf nehmen. Bewusstsein und das Heilige: Womöglich trat es gemeinsam auf. Was dies ermöglichte, war nichts geringeres als der Gewinn der Zukunft. Und was dazu nötig war, war nichts anderes, als unser Bedürfnis nach dem Ding dem Heiligen gegenüber zu opfern.

Mit jeder Entscheidung, etwas zu tun, opfert man, das sah auch schon Kierkegaard, zunächst eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. Mit vielen Entscheidungen, die man fällt, muss man Dinge aufgeben, die einem ebenfalls wichtig sind. Damit: Um bestimmte Wege gehen zu können, muss man andere Dinge aufgeben. Sei es das Menschenopfer, die die Götter günstig stimmen sollten oder bei denen sich Stammesfürsten und Häuptlinge selbst opferten, um den Stamm zu erneuern, seien es Tieropfer oder später heute finanzielle und lebensweltliche Opfer, etwa wenn wir unsere eigenen Bedürfnisse in der Erziehung unserer Kinder hinten anstellen, oder wenn wir unsere eigene Zeit, unsere Kindheit, unsere lustvollen Impulse opfern, um via Studium oder Arbeit unsere Zukunft sichern, in der Hoffnung auf ein gutes, sicheres, bürgerliches Leben: Strukturell haben all diese Opfer denselben Aufbau. Wir können nur etwas erreichen und der Zukunft eine konkrete Form geben, wenn wir anderes dafür hergeben, wenn wir es opfern, wenn wir uns aufopfern. Diese Anthropotechnik ist derart tief in unserem Verhalten eingebettet, dass wir selten darüber nachdenken. Doch sie musste an einem bestimmten Punkt ‚erfunden‘ und wegen ihres evolutionären Nutzens reproduziert worden sein. Denn nichts wird erreicht ohne diese Technik. Sprechen wir über die verschiedenen Relevanzebenen von Anthropotechniken, so sind der Chaoskampf und das Opfer die fundamentalsten Techniken in der Domäne des Geistes. Sie informieren und gestalten immer noch alles, was wir tun.

Überhaupt ergibt die Erfindung von ‚Göttern‘ nur in Hinblick auf die der Zukunft und des Opfers Sinn. Götter sind immer die Mittler zwischen der Gegenwart und der Zukunft, sie bestimmen Schicksale – wie bei Homer, den Ägyptern, der Bibel –, sie gilt es zu beschwichtigen und in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu verehren und Opfer zu bringen. In einem gewissen Sinne sind sie die Zukunft, bzw. archetypische Repräsentationen bestimmter Zukünfte. Wer eine Romanze will, der opfert eben der Aphrodite, wer eine gute Ernte will, der opfert der Demeter. Die unterschiedlichen Götter, Geister und Dämonen unterscheiden sich in dieser Hinsicht dann nur darauf, welche Zukünfte sie elizitieren und ermöglichen. Und war das Opfer erfolgreich, trat die Gottgestalt in Form der Zukunft in Erscheinung.

Das Opfer selbst ist insofern Teil der kulturellen DNA, eine universelle Kulturtechnik, mit der wir suchen unsere Zukunft durch die Opferung der Gegenwart zu beeinflussen. Wir verhandeln mit der Zukunft; manchmal werden unsere Opfer angenommen, manchmal nicht. Aber es sind vor allem die Ablehnungen unserer symbolischen, sozialen, finanziellen oder zeitlichen Opfer, die uns dazu bringen, reifere und ethischere Menschen zu werden, denn wir müssen überlegen, ob wir nicht noch ein tiefer gehendes Opfer erbringen, uns noch mehr aufopfern können, um die Zukunft zu gestalten. Doch einmal mehr: Nichts im Leben kann ohne das Opfer gestaltet werden; nichtsdestotrotz ist das Opfer ein explizit religiöses und spirituelles Konzept. Das zeigt, wie sehr unsere Kultur durch spirituelle Praxen informiert wurde. Opfer konnten heute in allen Bereichen des Lebens erbracht werden, und in vielerlei Hinsicht konnte diese Anthropotechnik nun angewandt werden, um jene Zukunft zu erzeugen, die man für erstrebenswert hielt. Doch während die Domestikation der Zukunft eben in allen Gesellschaftsteilen und allen primären und sekundären Handlungssphären – wie z.B. Ethik und Pädagogik – angewendet werden konnte, gibt es eine besondere Variante des Opfers, die den spirituellen Praxen und Weisheitslehren vorbehalten war. Denn wiewohl Opfer vielfache Formen annehmen können – Zeit, Geld, Lust, Fleischkonsum, etc. –, war da stets ein Opfer, dass alle überragte, nämlich das Selbstopfer.

Vielleicht war das Leid auch hier die treibende Kraft für diese Erkenntnis, dass es ein Inneres gab und dass man seine Inhalte ändern kann; vielleicht war es dieser Leidensdruck, der den Einzelnen nach innen führte, wie auch zu der Realisation, dass man sich bewusst an die Umwelt anpassen konnte. Aber es ist mehr als naheliegend, dass einer der Wege, Leid zu verringern, darin besteht, nach den ‚psychologischen‘ Ursachen für das Leid zu schauen, da das Leid ja offenbar eine psychologische Größte oder Erfahrungswirklichkeit ist. Was liegt also näher, die psychologischen Ursachen für das Auftauchen dieser Erfahrungswirklichkeit zu suchen und sich davon zu befreien. Wenn also Leid ein psychologisches Phänomen ist, welche durch Chaos und die Zukunft hervorgerufen wird, und wenn man dieses Leid durch eine Reorganisation von psychologischen Inhalten oder Prozessen vermindern kann, was liegt näher als die Idee, sich von jenen Elementen zu trennen, die für das Leid empfänglich sind? Durch diese Strategie oder Anthropotechnik können wir das Leid überwinden, nämlich indem wir die alten Strukturen von Selbst und Welt loslassen, um neue zu erzeugen. Das heißt, Leid – das systematisch betrachtet ja nichts anderes ist als das Resultat davon, dass kognitive Strukturen nicht mehr zu neuen Umständen passen oder weil das Chaos alte Strukturen aufgebrochen hat – kann durch psychologisch-symbolische Opferung desjenigen verringert werden, der Leid erfährt. Und genau dies war, lange bevor die Psychologie als Wissenschaft in Erscheinung trat, die Domäne der schamanischen, religiösen und mystischen Traditionen, oftmals kodiert in Geschichten von Tod und Wiedergeburt.

Mit anderen Worten: Es musste bald deutlich werden, dass es – neben der Ausbildung von Wissen und anderen kulturellen Schutzmauern noch einen weiteren Weg gab, die Unwägbarkeiten des Schicksals und der Zukunft, des drohenden Chaos, zu bewältigen, und auch dies war eine Einsicht, die aus der Spiritualität und der Selbstbeschäftigung des Bewusstseins mit sich selbst möglich wurde. Denn die Frage war, wie unser Geworfensein in das Leid selbst überwunden werden kann. Wir mögen Schutzwälle aufbauen durch Sozialisierung und Kulturbildung, Mauern, um das Chaos und die Gefahr und das Unwägbare auszugrenzen, wir mögen Technologien entwickeln und Weisen des sozialen Miteinanders, wir mögen immer feinere Ich- und Persönlichkeitsstrukturen und Weltsichten ausformen; doch unser Geworfensein in das Leid, und der darunter liegende stete Kampf gegen die Komplexität der Welt wird dadurch nicht gelöst, sondern nur verschoben. Die einzige Weise, das Leid selbst zu überwinden, erfordert (so wurde es den Alten klar), sich dem Chaos selbst zuzuwenden, die geordneten Bereich des Lebens (und des Selbst) zu verlassen und das zu konfrontieren, wovor wir instinktiv die meiste Furcht haben. Die evolutionäre Idee: Wir können Leid überkommen, wenn wir denjenigen opfern, der überhaupt nur zum Empfinden von Leid fähig ist, ja wenn wir die Idee von guten und schlechten Erfahrungen opfern; wenn auch die Grenze zwischen Selbst und Welt fällt, wenn da nichts und vor allem niemand mehr ist, der dem subjektiv empfundenen Leid gegenüber einen Widerstand erzeugen kann, ja, wenn die Konzeption von dem, was Leid sei, zugunsten einer Phänomenologie der Ereignisse überwunden wird, in der das vormals als Leid empfundene Ding kein Bedeutung mehr hat. Leid und Chaos konnten überwunden werden, wenn der Mensch zu einem ‚im Leben Toter‘ wurde, den das Leid nicht mehr berühren kann: Hier ist die Transformation vollkommen geworden. Dazu müssen alle Strukturen, alles Wissen von der Welt, alle Selbst-Identifikation, alle Persönlichkeit, aller Widerstand, oder im Duktus der Esoterik: Ego, geopfert werden auf dem Altar der Selbstverbrennung. (Wir wollen uns hier nicht mit den Komplikationen des ‚Ego‘-Begriffs beschäftigen.) Womöglich ist in einzelnen Fällen eine Wiedergeburt im Schoße der Mutter – dem Kosmos – möglich.

Amarque Tom Krieg der Seele 

Tom Amarque
Der Krieg der Seele: Urspung und Sinn der Spiritualität
Taschenbuch: 206 Seiten
Verlag: Phänomen Verlag (27. Juli 2018)
ISBN-10: 849462847X
ISBN-13: 978-8494628474

  

Tom Amarque

Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit praktiziert Tom Amarque seit über 20 Jahren unterschiedliche Formen der Meditation. Doch er konnte sich nie weder mit New-Age, Esoterik noch mit Religion anfreunden. „Spiritualität spielt wie die Kunst eine wichtige Rolle in der Evolution unseres Bewusstseins. Doch diese Frage wurde noch nicht gestellt: Was ist es eigentlich, was das spirituelle Leben im Kern und gewissermaßen kulturübergreifend ausmacht? Welche Rolle spielt das evolutionäre Auftauchen des Bewusstseins bei dem spirituell-religiösen Leben? Und was passiert, wenn wir diese evolutionären Prinzipien, die in der Spiritualität zum Ausdruck kommen, bewusst anwenden?“

Sein Buch heißt „Der Krieg der Seele“, weil wir offenbar das Leid und die Krise benötigen, um als Menschen zu wachsen und zu reifen. „Leid ist gewissermaßen in unsere Existenz mit eingebaut, es tritt immer dann auf, wenn wir mit etwas konfrontiert werden, was unseren Erfahrungen und Erwartungen widerspricht.“ Aus diesem Grund haben alle Weisheitstraditionen gewissermaßen Leid-Bewältigungsstrategien oder Immunisierungstechniken entwickelt, nämlich den Chaoskampf und das Selbstopfer, und spirituelles Leben heißt im Wesentlichen, diese beiden Methoden zu verwenden. „Diese beiden Techniken waren evolutionär so erfolgreich, dass wir sie nicht mehr aus unserem gesellschaftlichen Leben wegdenken können, etwa wenn wir für unsere Kinder finanzielle Opfer bringen, damit sie eine bessere Zukunft haben, oder wenn wir etwas Neues probieren, unsere Komfortzone verlassen und das Chaos konfrontieren. Ursprünglich waren dies rein spirituelle Verfahren. Und das symbolische Selbst-Opfer ist es heute immer noch – etwa die Idee, sich ‚vom Ego zu befreien‘ oder alte Persönlichkeitsstrukturen hinter sich zu lassen. Eine Anerkennung dieser Prinzipien kann dabei helfen, zu einer Spiritualität zu kommen, die sich ihrer geschichtlichen Funktion bewusst ist.

Klappentext:
Was ist Spiritualität, wo liegt ihr Ursprung, ihr Sinn und ihre Zukunft? Welche Probleme gehen mit der zeitgenössischen Spiritualität einher? Was ist ihr evolutionäres Potenzial, und welche Perspektiven können wir wählen um zu einer reifen Spiritualität zu kommen.

Tom Amarque formuliert eine Philosophie der Transzendenz, durch die wir uns diesen Fragen annähern und ein klares Bild über die Funktion der Spiritualität erhalten können.

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