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Einführung

Die Zukunft?

Stellen wir uns folgende Szene vor, wie sie sich in etwa einhundert Jahren abspielen könnte: ein kleines Mädchen sucht mit ihrer Familie mühsam Schutz vor ständigen Unwettern und gewalttätigen, marodierenden Banden. Sie schaut auf ihren Großvater und fragt ihn vorwurfsvoll: „Opa, warum hast Du nichts dagegen getan?“

Das ist eine erschreckende Zukunftsvision. Ein britischer Film von Franny Armstrong aus dem Jahr 2009 mit dem Titel ‚The Age of Stupid‘, drehte sich um eine ähnliche Idee. Ein alter Mann blickt zurück und sieht in tiefer Reue auf eine Welt, die schief gelaufen ist.

Obwohl wir die Zukunft niemals vorhersagen können, ist es realistisch, sehr besorgt zu sein. Wir müssen Ihnen sicherlich nicht sagen, dass die Probleme unserer Welt im zweiten Jahrzehnt des einundzwanzigsten Jahrhunderts enorm sind: Klimawandel, bizarre Wetterereignisse, verschmutzte Meere, wachsende Wohlstandsungleichheit. Wir werden bedrängt von religiösem Fanatismus, Massenmigration, global agierenden mächtigen Konzernen, endlosen kriegerischen Konflikten, zerfallenen Staaten, eine instabile Europäische Union und unkontrolliertes Bevölkerungswachstum. Eine Politik der Angst, der Schuldzuschreibungen und der Verleugnung verbreitet sich ebenso schnell wie die politische Apathie unter jungen Menschen. Und die neuen Dilemma der Zukunft – wie Algorithmenherrschaft, Gentechnik und Robotik – drohen, sich zusätzlich zu den ungelösten Krisen der Gegenwart aufzutürmen.

Müssen wir mehr dazu sagen? Wir alle wissen, dass diese Probleme alle von uns auf diesem Planeten betreffen. Aber wir scheinen nicht in der Lage zu sein, sie zu lösen, und die Zeit läuft uns davon. Wollen wir wirklich, dass ein zukünftiger Großvater für unsere Untätigkeit verantwortlich gemacht wird? Warum können wir es nicht einfach in Ordnung bringen?

Ist es nur, weil die Probleme zu groß sind? Oder bringen die politischen Führungsetagen nicht den Willen auf, sich darum zu kümmern? Sind gierige finanzielle Interessen auf eine totale Zerstörung aus, im Dienste des Profitstrebens? Sind wir zu egoistisch, zeigen wir ein zu Straußenähnliches Verhalten, oder, noch schlimmer, verhalten wir uns wie Lemminge? Oder denken wir einfach nicht in der Weise darüber nach, wie es erforderlich wäre?

Eine globale Sackgasse braucht eine globale Lösung.

Als Antwort auf diese drängenden Fragen stellt dieses Buch vier zentrale Thesen auf.

Erstens die These, dass es nur ein einziges Hindernis gibt, dass uns daran hindert, all diese Probleme zu lösen: das Streben nach internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Wir zeigen, wie der Zwang aller Regierungen, ihre jeweilige nationale Wirtschaft für Unternehmen und Investoren attraktiv zu halten – die Notwendigkeit, international wettbewerbsfähig zu bleiben –, es für alle Nationen unmöglich macht, den ersten Schritt zu tun. Ob Klimawandel, faire Unternehmensbesteuerung, Armutsbekämpfung, Migration oder fast jedes andere globale Problem: Wir werden zeigen, dass es die Angst vor Wettbewerbsnachteilen ist, die Lösungen im Wege steht.

Wettbewerbsfähigkeit ist nicht nur eine Methode, Investitionen und Arbeitsplätze anzuziehen. Sie verfügt über eine selten bemerkte zerstörerische Seite, die wie ein Teufelskreis funktioniert, der Maßnahmen gegen globale und viele nationale Probleme verhindert. Das unermüdliche Streben nach Wettbewerbsfähigkeit – von dem uns gesagt wird, dass es unseren Wohlstand sichern wird – erweist sich als Falle, die uns langsam, aber sicher alle umbringt. Wir bezeichnen diesen Teufelskreis als „Destruktiven Globalen Wettbewerb" oder kurz DGW. Die Lösung, so argumentieren wir, liegt in einer neuen Form der globalen Zusammenarbeit.

Unsere zweite zentrale These ist, dass es einen Weg gibt, den Teufelskreis zu durchbrechen und eine globale Zusammenarbeit zu erreichen. Wir skizzieren eine globale Kampagne, die ein Mittel zur Überwindung des Problems bietet, dass Vorreiter von Wettbewerbsnachteilen eingebremst werden. Diese Kampagne nennen wir „Simultaneous Policy“, kurz Simpol, was so viel bedeutet wie „Kampagne zur gleichzeitigen Umsetzung politischer Richtlinien“.

Simpol basiert auf drei Prinzipien:

1. Gleichzeitige Umsetzung

Wenn alle oder nahezu alle Nationen dazu gebracht werden können, geeignete Richtlinien gleichzeitig umzusetzen, wird keine Nation, kein Unternehmen und kein Bürger einen Wettbewerbsnachteil erleiden. Alle Nationen gewinnen und der Teufelskreis des DGW ist gebrochen.

2. Eine Mehrthemen-Verknüpfung

Sich den Problemen isoliert zuzuwenden, eines nach dem anderen, wie es heute geschieht, kann wahrscheinlich nicht erfolgreich sein. Dies liegt daran, dass die Bearbeitung eines einzelnen Themas immer bedeutet, dass es Gewinner-Nationen und Verlierer-Nationen gibt, und die Verlierer haben keinen Anreiz zu kooperieren. Simpol bietet einen Rahmen für das Aushandeln zweier oder mehrerer Themen gleichzeitig, damit Nationen, die bei einem Thema verlieren, bei einem anderen gewinnen können. Dies wird nicht nur die Chancen erheblich verbessern, substanzielle Vereinbarungen zu treffen, sondern es führt dazu, dass das gemeinsame Handeln im unmittelbaren Interesse jeder Nation liegt. Es kann Nationen dazu bringen, jetzt handeln zu wollen.

3. Ein neuer Weg, unsere Stimmen einzusetzen

Heute besteht für Politiker wenig Anreiz, internationale Abkommen abzuschließen oder einzuhalten. Wenn Verhandlungen scheitern, können sie immer „das nationale Interesse“ als legitime Entschuldigung anführen. Ein starker Anreiz mit Zuckerbrot und Peitsche ist erforderlich, um die Politiker zu produktiven Ergebnissen zu ermutigen.

Simpol leistet dies, indem es uns einlädt, unsere Stimmen auf völlig neue Weise einzusetzen und so die nationalen Regierungen auf das Ziel zuzubewegen. Wie wir zeigen werden, ist es so, als würden zwei Stimmen in eine gepackt: die Stimme, die Sie bereits haben, die auf nationaler Ebene wirkt, und eine neue, die global wirkt. Wir beweisen Ihnen, dass Sie beide bereits besitzen und dass beide funktionieren. In einer Zeit, in der viele von uns Wählen schon als vergeblich empfinden, verwandelt Simpol unsere Stimmen in die mächtigste Waffe für globale Lösungen.
Unsere dritte zentrale These ist, dass globale Zusammenarbeit, wie die oben beschriebene, nicht zustande kommen kann, bevor es eine innere Revolution der Art und Weise gibt, in der wir über die Welt denken und sie sehen. Im Mittelpunkt dieses Buches steht daher eine Neubewertung unserer gewohnheitsmäßigen Denkweisen. Denn wenn wir keinen Weg finden, unsere Weltsicht und unser Denken über die Welt und ihre Probleme zu ändern, werden wir auf globaler Ebene nicht in der Lage sein, effektiv zu handeln. Wir werden nicht einmal verstehen, warum es außer Kooperation keine sinnvolle zweite Option gibt.

Mit einem Satz, der Albert Einstein zugeschrieben wird, dem vielleicht größten Genie der Neuzeit, kann diese innere Revolution beschrieben werden. Geradezu weise sagte er, dass wir unsere Probleme nicht mit dem gleichen Denken lösen werden, das sie geschaffen hat. Wenn unsere Welt also keinen Weg findet, ein anderes Denken zu entwickeln, droht das Bild des kleinen Mädchens und ihres Großvaters allzu bald bittere Wirklichkeit zu werden.

Unsere Denkweise, unser Selbst- und Weltverständnis zu ändern, ist immer eine große Herausforderung. Und sie fragen sich vielleicht, ob diese Mühe wirklich überhaupt einen großen Unterschied machen kann. „Wie kann eine Handvoll Leute, die ein solches Buch liest, möglicherweise die Welt verändern?“

Unsere Antwort darauf ist zugleich unsere vierte zentrale These. Sie besagt, dass es gerade keine großen Menschenmassen braucht, um die Welt zu verändern. In der Tat war dies noch nie der Fall. Wir werden zeigen, wie viele wichtige Übergänge in der Geschichte der Menschheit von sehr kleinen Gruppen ins Rollen gebracht wurden. Und wir zeigen, wie auch Simpol in das Muster einer kleinen, aber potenziell weltverändernden Gruppe passt. Darum bist du wichtig!

Unsere vier Thesen führen uns zu drei Schritten:

  • Schritt 1 besteht darin, genau zu verstehen, wie festgefahren wir sind und was uns blockiert.
  • Schritt 2 besteht darin, die Notwendigkeit und den Wert globaler Zusammenarbeit zu verstehen.
  • Schritt 3 ist die Entwicklung einer neuen Sicht- und Denkweise, die es uns ermöglicht, schnell, angemessen und effektiv kooperatives globales Handeln auf den Weg zu bringen.

Wir laden Sie ein, mit uns auf eine Reise zu gehen, die tieferen Zusammenhänge hinter unseren Thesen zu erforschen und uns bei den drei genannten Schritten zu unterstützen. Um Ihnen eine genauere Vorstellung davon zu geben, wohin wir uns bewegen, finden Sie hier die von uns vorgeschlagene Route.

Den Destruktiven Globalen Wettbewerb (DGW) und die Notwendigkeit globaler Kooperation verstehen

Globale Probleme haben verschiedene Ursachen. Doch in Kapitel 1 erklären wir, weshalb der Teufelskreis des Destruktiven Globalen Standort-Wettbewerbs – DGW – das entscheidende Hindernis ist, fast alle Probleme zu lösen. Einzelpersonen, politische Parteien, Regierungen – selbst Unternehmen – unterliegen alle der Schreckensherrschaft des DGW, und doch scheint fast niemand diesen Mechanismus wahrzunehmen. Diese Blindheit, so zeigen wir auf, liegt darin, dass die Gesellschaft insgesamt nur die konstruktive Seite des Wettbewerbs sieht, während wir ihre verborgene, destruktive Seite offenlegen.

Der DGW hat deshalb eine so dominierende Macht, weil sich das Kapital frei und global bewegt und dorthin fließt, wo jeweils die besten Erträge erzielt werden. Da Kapital und Investitionen die Eckpfeiler einer gesunden Wirtschaft sind, müssen die Regierungen um ihre Anziehungskraft kämpfen. Deshalb muss es Politikern immer darum gehen, ihre Wirtschaft international wettbewerbsfähig zu halten. Wenn die zur Lösung globaler Probleme erforderlichen Maßnahmen Unternehmen und Nationen wettbewerbsfähiger machen würden, gäbe es kein Problem. Die erforderlichen Maßnahmen sind jedoch, lokal umgesetzt, für globale Märkte nicht attraktiv. Strengere Vorschriften und höhere Unternehmenssteuern erhöhen die Kosten und verringern die Wettbewerbsfähigkeit von Unternehmen und Nationen.

Die Regierungen stecken also fest. Keine Nation will sich zuerst bewegen. Der frühere Schatzkanzler von Großbritannien beispielsweise, George Osborne, redete nicht um den heißen Brei herum und betonte, dass es den Planeten auch nicht retten würde, wenn er sein Land in die Pleite treiben würde.1

Angesichts von Regierungen, die gezwungenermaßen zögern, notwendige Regulationen einzuführen, zeigen wir, wie auch der Wettbewerb zwischen Unternehmen destruktiv wird und Lösungen verhindert: Der Teufelskreis wirkt sich auf alle aus.

Schlimmer noch, er untergräbt sogar die Demokratie, denn:

Welche Partei auch immer an der Macht sein mag, alle sind zu einer strikten Agenda zur Erhaltung oder Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit gezwungen, die mit sozialer Gerechtigkeit oder ökologischer Nachhaltigkeit unvereinbar ist. Vom DGW gelähmt, bleibt uns das übrig, was in diesem Buch als „Pseudo-Demokratie“ bezeichnet wird. Kein Wunder, dass die politischen Parteien rhetorisch rotieren, die Wähler aber kaum noch Unterschiede zwischen ihnen sehen und politisch apathisch, zynisch oder angstgesteuert werden.

Wir behaupten nicht, dass Regierungen überhaupt gar keine Maßnahmen in Hinblick auf globale Probleme ergreifen können, sondern, dass der Maßstab des Spielraums viel zu gering ist. Anschaulicher gesagt: Stellen Sie sich einen Oldtimer vor, der gemächlich eine Autobahn entlangfährt. Für sein Alter mag er ganz gut vorankommen. Doch während wir ihm so zuschauen, übersehen wir einen modernen Sportwagen, der auf der Überholspur heranrast. Der Oldtimer steht für den gegenwärtigen Fortschritt der Regierungen und der Sportwagen für die Zuspitzung der globalen Probleme. Mit Blick auf beide Fahrzeuge ist klar, wer gewinnen wird.

Wir stehen vor einer einfachen, zwingenden Herausforderung: Findet einen Weg, global zu kooperieren, um dem Teufelskreis des Destruktiven Globalen Wettbewerbs zu entkommen. Ansonsten erwarten euch nie dagewesenes Chaos und Niedergang.

‚Mal wieder eine schöne Bescherung … ?’

So wie wir die zentrale Rolle des DGW immer klarer erkennen, erscheint unsere Situation zunächst hoffnungslos. Und doch ist unsere Aufgabe jetzt nicht mehr kompliziert:

Alle inhaltlichen Erfordernisse, was zu tun ist – Emissionen reduzieren, Wohlstand ausgleichen oder Finanzmärkte neu regulieren – werden vergleichsweise zweitrangig. Stattdessen geht es vor allem anderen darum, wie wir den DGW überwinden können. Die entscheidenden Fragen sind nicht „was“, sondern „wie“: Wie sind wir an den Punkt geraten, an dem wir stehen, und wie überwinden wir den DGW?

Kapitel 2 erklärt, was uns in den heutigen gefährlichen Zustand hineingeführt hat. Der DGW erweist sich weniger als Ergebnis einer bösen Verschwörung, als dass sich der Kontext der Welt unwiderruflich verändert hat. Dieser Kontext ist nicht mehr national oder gar europäisch, asiatisch, afrikanisch oder amerikanisch. Er ist irreversibel global. Unsere Welt muss jedoch die Auswirkungen noch vollständig verstehen.
Es ist, als würden wir einfach noch nicht weit genug sehen. Jeder weiß, dass man einen Hügel hinaufsteigen muss, um die beste Aussicht zu haben. Aber wir schauen immer noch in der flachen Ebene auf unsere Probleme. Was wir deutlich von der Spitze des Hügels aus sehen, ist, dass wir in einen, wie wir es nennen „neuen Kontext für Governance“ (Regulierung, Verwaltung, Steuerung) eingetreten sind, und wir müssen uns entsprechend neu organisieren.

Das Verständnis dieses neuen Kontextes ist von entscheidender Bedeutung. Dabei sind veränderte Kontexte Teil an sich nichts Neues, sie sind einer alten Geschichte. Neue Kontexte, wie wir sie derzeit unter der Globalisierung erleben, sind unvermeidlich und gehören zur sich entwickelnden Geschichte der menschlichen Evolution. Die von ihnen verursachten Krisen werden immer durch zunehmende Komplexität, Kooperation und Governance gelöst. Wir sehen jetzt, dass unsere Lage nicht so sehr ein Unglück ist, sondern die Notwendigkeit der Menschheit, erwachsen zu werden. Wir müssen jetzt lernen, zu kooperieren und uns als Menschheit bewusst selbst zu regulieren. Ähnlich wie ein Jugendlicher, der sein Zuhause nicht mit echter Autonomie verlassen kann, solange er diese Fähigkeiten nicht entwickelt hat.

„ … und es ist alles deine Schuld!“

Aber hier ist das Problem. Wie jeder, der erwachsen werden muss, widersetzen wir uns.

Nicht nur das Umdenken ist die Herausforderung, sondern wir müssen auch Verantwortung übernehmen. Stattdessen bleiben wir in Schuldzuschreibungen stecken: Wir beschuldigen Politiker, Unternehmen, Einwanderer oder machen ‚das System‘ für unseren Zustand verantwortlich. Wie unreife Gedanken uns festhalten, ist das Thema, mit dem wir uns in Kapitel 3 und 4 beschäftigen.

Obwohl das Denken von entscheidender Bedeutung ist, konzentrieren sich die meisten Bücher zur Globalisierung auf das, was wir als ihre äußeren Merkmale bezeichnen – Handel, Technologie, Kommunikation, Umwelt, Finanzmärkte und so weiter. Dieses Buch verfolgt einen völlig neuen Ansatz, indem es sich auf die inneren Aspekte der Globalisierung konzentriert – auf die Art und Weise, wie wir als Individuum und Kultur darüber denken und fühlen, und wie das unsere Fähigkeit behindert, globale Probleme zu lösen.

Das klingt auf den ersten Blick vielleicht einfach. Aber die Art, wie wir denken, ist ein integraler und sehr emotionaler Teil unserer Identität, und eine Änderung auf dieser Ebene kann sehr viel schwieriger sein, als wir uns vorstellen. Es geht darum, den Schrecken auszuhalten, den wir fühlen, wenn wir unser gesamtes Weltbild aufgeben. Dies ist umso schwieriger, als wir dabei anfangs noch keine klare Lösung sehen können. „Wie“, könnten Sie fragen, „kann ich von einem Boot springen, bevor Sie mir ein besseres gezeigt haben, auf das ich springen kann?“

Das Problem ist, dass das Anwenden eines neuen Denkens bedeutet, unsere bestehenden Denkmuster erst einmal zu lockern und loszulassen, und dies bedeutet einen erschreckenden Übergang.

Ähnlich wie der mythologische Vogel Phönix, der zuerst sterben und in Asche verwandelt werden musste, bevor er wiedergeboren wird, kann neues Leben nur entstehen, wenn etwas losgelassen wird. Wir müssen einen Trauerprozess durchlaufen und um das, was wir verlieren, trauern, ähnlich dem Prozess, den wir erleben könnten, wenn jemand in unserer Nähe stirbt.

Man kann es sich als eine schwierige Reise vorstellen – schmerzhaft, aber notwendig.

On the road again

Um diese Reise zu unternehmen, müssen wir uns für einen emotional bewegenden Weg entscheiden, denn um einen neuen Bezugsrahmen zu internalisieren, muss man mit vielen schwierigen Gefühlen umgehen. Unser vertrautes, polarisiertes Denken wird nicht lange Bestand haben. Die Straße wird für einige besonders unbequem sein: zum Beispiel für diejenigen, die sich noch mehr Wettbewerb als die Antwort vorstellen, aber ebenso für Umweltschützer und Aktivisten, die natürlich davon ausgehen, dass sie bereits über alle erforderlichen Antworten verfügen.
Auf diesem Weg stoßen wir auf die psychologischen Widerstände gegen das Annehmen eines neuen Denkens als erkennbare Wegmarken entlang der Straße: Leugnung, Ärger, Verhandlungen, Depressionen und schließlich Akzeptanz. Zunächst betrachten wir in Kapitel 3 die Rolle der Leugnung: wie wir die Realität des DGW vor uns selbst verbergen, wie die Gesellschaft ihr den Anschein von Normalität gibt, wie wir ihre Wahrnehmung durch Aufspaltung und Kompensation vermeiden. In Kapitel 4 wenden wir uns dem Ärger zu: Wie wir unsere Frustration in polarisierter Politik, Protest und Apathie auslassen. Dann schauen wir uns an, wie wir hilflos versuchen, mit dem DGW-Monster zu verhandeln, bevor wir endlich anerkennen, dass gegenwärtige Ansätze zur Lösung globaler Probleme nicht funktionieren können, dass wir deprimiert, traurig und voller Zukunftsängste sind.

Unsere schwierige Reise endet im Annehmen, in der Akzeptanz. Keine Akzeptanz der Hoffnungslosigkeit, sondern eine Akzeptanz, dass uns unsere vertraute, nationalzentrische Denkweise nicht mehr dienlich ist und wir es loslassen können. Akzeptanz ist also keine Kapitulation, sondern eine Befreiung: Wir lernen uns selbst und die Welt mit neuen, weltzentrischen Augen zu sehen. Wir akzeptieren die Realität des DGW und verzichten auf Schuldzuweisungen. Jetzt sind wir eher bereit, innovative Lösungen in Betracht zu ziehen.

Eine neue Plattform des Denkens

Bevor wir mit praktischen Maßnahmen beginnen können, müssen wir verstehen, wie Menschen und Kulturen denken und wie sich neues Denken entwickelt oder blockiert wird. In Kapitel 6 machen wir dies, indem wir ein umfassendes Modell von Denkplattformen vorstellen, das während des letzten Jahrzehnts von Sozialwissenschaftlern entwickeltet wurde. Dieses Modell, hier zum ersten Mal auf die Probleme der Globalisierung angewandt, kategorisiert verschiedene Denkebenen. Es erklärt, warum Menschen die Welt auf unterschiedliche Weise sehen und wie diese unterschiedlichen Perspektiven interagieren. Dieses Verständnis hilft uns, besser zu verstehen, warum es so viele Konflikte in der Welt gibt und wohin unser Denken als nächstes gehen muss.

Es zeigt auch, wie das menschliche Denken den gleichen natürlichen Evolutionsprozessen unterliegt wie der Rest des Lebens – unterschiedliche und sich entwickelnde Ebenen des Denkens sind Teil unseres universellen Erbes. Mit so unterschiedlichen Disziplinen wie Evolutionsbiologie und Psychohistorie zeigen wir, warum überholte Weltanschauungen immer so lange herrschen, bis ein ausreichender Druck vorhanden ist, um die Menschen dazu zu bringen, eine neu aufkommende Perspektive zu akzeptieren, und wir zeigen, dass diese Übergänge oft von relativ wenigen Menschen angestoßen und befeuert werden.

Die Welt auf diese Weise zu sehen ist wie ein Hauch frischer Luft; es ist ein wesentlicher Bestandteil der neuen weltzentrischen Denkebene, die unser Modell einführt.

Wir hoffen, dass auch Sie an diesem Punkt des Buches die Welt auf diese Weise sehen werden, denn auf dieser Ebene konnten wir die globalen Phänomene des DGW und der Pseudo-Demokratie identifizieren. Diese Ebene öffnet die Tür nicht nur zum Verständnis globaler Probleme, sondern auch zu neuen Lösungsansätzen.

In „Fünf Minuten“ die Welt verändern

Der 1879 geborene Einstein hatte nicht den Vorteil der Tiefenpsychologie oder der Psychohistorie, die ebenso radikale Werkzeuge zum Studium des menschlichen Denkens und der Organisation von Gesellschaften sind, wie es die Quantentheorie für das Studium der Physik ist.
Der weise Mann wusste dennoch das eine oder andere. Er wurde einmal gefragt, wie er seine Zeit einsetzen würde, wenn er eine Stunde Zeit hätte, um ein schwieriges Problem zu lösen.

Seine Antwort war, dass er fünfundfünfzig Minuten damit verbringen würde, das Problem zu definieren und fünf Minuten, um es zu lösen.
In den letzten „fünf Minuten“ unseres Buches diskutieren wir zuerst die Kriterien, die eine neue weltzentrische Form der Politik erfüllen müsste (Kapitel 7). Wir erklären, warum bestehende globale Institutionen wie die Vereinten Nationen nicht dazu in der Lage sind. In Kapitel 8 führen wir dann die Kampagne für simultane Richtlinien/Policy (Simpol) ein und zeigen, dass sie die erforderlichen Kriterien erfüllt.

Simpol erzielt bereits in früher Vorbereitungsphase ermutigende Ergebnisse:

Angesichts der geringen Anzahl der Beteiligten ist die Unterstützung bemerkenswert, die Simpol unter Politikern bereits erlangt hat. Dies ist, wie wir zeigen werden, kein Zufall, sondern das Ergebnis des starken doppelten Anreizes aus Zuckerbrot und Peitsche, den Simpol vertritt und den seine Unterstützer mittragen. Ein bisschen wie bei der Geschichte vom Hundertsten Affen – in der sich eine neue Idee rasch verbreitet, sobald sich eine kritische Anzahl von Individuen dafür einsetzt – beweisen sie unsere vierte These: es braucht nicht viele Menschen, um die Welt zu verändern.

Ist Simpol die Lösung für globale Probleme? Das zu entscheiden wird an Ihnen und anderen sein. Unser Ziel ist es nicht, eine Sichtweise vorzugeben, sondern ein pragmatisches Beispiel für die Art von Initiative zu geben, zu der uns das weltzentrische Denken führt.
Zum Abschluss betrachten wir wissenschaftliche Disziplinen wie Evolutionsbiologie und Neurowissenschaften, um zu zeigen, wie Simpol die Art und Weise nachahmt, in der die biologische Evolution ihre natürlich vorkommenden Krisen selbst löst. Und es stellt sich heraus, dass unser aktuelles Dilemma Teil eines tieferen evolutionären Prozesses ist, an dem auch wir beteiligt sind. Wir finden, dass die aktuelle Herausforderung der Menschheit nicht eine beliebige bevorstehende Katastrophe ist, sondern die Art der Evolution, die Menschheit zu einem Reifungsprozess aufzurufen. Jenseits des Überlebenstriebs ist unsere Herausforderung eine Chance, unsere evolutionäre Bestimmung zu erfüllen: unsere Chance, im tiefsten Sinne zu dem zu kommen, was wir wirklich sind.

Wir hoffen, dass Sie sich nach dem Lesen dieses Buches befreit fühlen von Hilflosigkeit und politischer Apathie. Dass Sie ungeduldig sein werden, sich mit einer größeren, inklusiveren Perspektive wieder politisch zu engagieren, ausgestattet mit neuen, mächtigeren politischen Instrumenten. Die Kampagne, die wir skizzieren, erkennt an, dass Leitfiguren nach wie vor gebraucht werden, betont jedoch die Zuversicht, dass eine wirkliche Veränderung eintritt, wenn eine kritische Anzahl von uns die Denkweise ändert und neue Wege zu einem gemeinsamen Handeln findet, die das reflektieren. In unseren Herzen wissen wir alle, dass uns nichts aufhalten kann, wenn sich genügend von uns auf ein Ziel fokussieren.

 

 

 

John Bunzl, Nick Duffell
Nationales Denken, globale Krise
Taschenbuch: 290 Seiten
Phänomen-Verlag (15. März 2019)
ISBN-10: 8494985620

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