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„Ästhetik” bedeutet, da ich den Begriff im weitesten Sinn verwende, die direkte Auffassung der Form, und zwar in jedem Bereich. In diesem weiten Sinn ähnelt er ziemlich dem Empirizismus im weiten Sinn: sensorischer Empirizismus, mentaler Empirizismus, spiritueller Empirizismus. Mit der Differenzierung der Moderne entschied sich die westliche Philosophie in der Nachfolge Kants dafür, Spiritualität zum größten Teil zu einem Gegenstand intersubjektiver Moral zu machen (Unten Links), anstatt zu sehen, dass authentische Spiritualität auch Gegenstand unmittelbarer persönlicher Erfahrung eines radikalen Empirizismus, unmittelbarer Phänomenologie und – in jeder dieser Bedeutungen – der ästhetischen Auffassung (Oben Links) ist.

Für die großen kontemplativen Traditionen ist spirituelle Erfahrung eine direkte „innere” Auffassung unmittelbarer Formen im Bewusstsein, die sich von grobstofflichen Formen zu subtilen Formen entfalten, die schließlich in kausale Formlosigkeit übergehen, zu Formen also, die immer sublimer (ästhetisch) werden. Zu Spiritualität gehört auch das intersubjektive Teilen dieser Formen in Moral, Ethik, Sangha und Diskurs, aber sie kann nicht (anders als für Kant) auf reine moralische Gebote reduziert werden.

Enger (und traditioneller) benutze ich „Ästhetik” auch in der Bedeutung der Auffassung von Formen, die als angenehm, schön, sublim beurteilt werden; als die subjektiven Urteile, um die es geht, wenn man Formen als schön bezeichnet; und die ganze Sphäre der Kunst, des künstlerischen Schaffens und der Kunstkritik. Schönheit ist die Tiefe eines Holons oder eine Transparenz für den GEIST. Kunst ist alles mit einem Rahmen drumherum.

Ken Wilber (aus: Integrale Psychologie, Arbor Verlag 2001, S. 281)

Liebe Freunde und Leser der Integralen Perspektiven,

Ikebana, Russisches Roulette, Musik, Kunstbetrachtung, Feng Shui und Architektur – was haben diese Themen gemeinsam? Ken Wilber beschreibt es so: "Wenden wir uns der Frage zu, was Kunst letztlich ist. Wenn man zum Beispiel ein großes Werk von van Gogh betrachtet, gewahrt man, was aller großen Kunst gemeinsam ist:

Die Fähigkeit, uns den Atem zu nehmen, uns ganz buchstäblich innerlich den Atem anhalten zu lassen, zumindest während der ersten Sekunden, in denen man es gewahrt oder es, um genauer zu sein, in unser Wesen eindringt... In diesem Zustand der Betrachtung will man nichts von diesem Objekt; man möchte es einfach betrachten, man möchte, dass dies niemals aufhört. Man möchte es nicht essen, es nicht besitzen, nicht vor ihm davonlaufen und es nicht ändern: Man möchte einfach schauen, betrachten, es niemals zu Ende gehen lassen...

Dabei kommt es nicht auf den tatsächlichen Inhalt des Kunstwerks an. Große Kunst ergreift uns gegen unseren Willen und hebt diesen Willen auf. Man wird auf eine stille Lichtung geleitet, frei von Begehren, frei von Ergreifenwollen, frei vom Ich, frei von Selbstbezogenheit ... "

Mit dieser Ausgabe widmen wir uns dem Begriff "Integrale Ästhetik" und beleuchten dabei Ausdrucksformen in Kunst, Musik, Raum- und Zeit und Architektur mit spannenden Beiträgen unserer Autoren.

Lesen Sie in dieser letzten Ausgabe des Jahres Beiträge von Claudia Nelgen, Andrea Hoffnung, Daniela Borschel, Joachim Penzel, Julian Baller, Silke Nierfeld, Wulf-Mirko Weinreich, Wolfgang-Andreas Schultz, Ken Wilber und im Podcast hören Sie Matthias Ruff im Gespräch mit Tom Amarque.

Integrale Kunst ist ein jedes Kunstwerk, das von einem integralen Bewusstsein produziert wird. Durch diese Art von Definition vermeiden wir es, integrale Kunst über bestimmte Elemente, Bestandteile oder Merkmale zu definieren. Es gibt so viele Variationen und Komponenten, aus denen ein Kunstwerk bestehen kann, so dass es vielleicht nur in sehr seltenen Fällen möglich ist, ein Kunstwerk allein von seinen Komponenten her zu charakterisieren. Es gibt Ausnahmen wie die Landschaftskunst, die sich auf natürliche Landschaften bezieht. Doch wenn wir von integraler Kunst reden, gibt es eine integrale Art und Weise Landschaften zu betrachten und eine nicht-integrale Art und Weise. Es gibt eine integrale Art und Weise und eine nicht-integrale Weise Spiritualität zu betrachten. Es gibt eine integrale Art und Weise den Geist zu betrachten, seine Inhalte und Vorstellungen, und eine nicht-integrale Weise dies zu tun. Keine dieser Merkmale und Komponenten an sich definiert daher integrale Kunst. Das Entscheidende dabei ist das Bewusstsein, welches das Kunstwerk erschafft. Dieses Bewusstsein muss im Augenblick der Erschaffung integral sein, wenn es sich um integrale Kunst handeln soll. Der Künstler oder die Künstlerin „sieht“ [hört] das Kunstwerk dabei durch integrale Augen [oder Ohren]. Dabei kann es sich um Phänomene aus dem sensorischen Bereich handeln, oder aus dem mentalen Bereich, oder aus dem spirituellen Bereich – wenn wir von integraler Kunst reden, dann wird diese durch integrale „Augen“ des Künstlers oder der Künstlerin erschaffen und gesehen. Derartige Kunst werden wir mehr und mehr sehen, so wie auch das integrale Bewusstsein sich weiter verbreitet (und damit auch andere Disziplinen wie integrale Ökonomie, integrale Geschichtsbetrachtung, integrale Bildung und Erziehung, integrale Politik usw.)."

Ken Wilber

  
In dem Sinne wünschen wir Ihnen mit dieser Ausgabe unterhaltsame und besinnliche Lektüre!

Herzlichst

Ihre Cordula Frei und Ihr Martin Heil

 

 

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