Logo Integrale PerspektivenDie Entwicklung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit

Wissen und Erkenntnis entwickeln sich, dies ist eine wesentliche Einsicht von Wissenschaft. Die Sonne dreht sich um die Erde, diese Erkenntnis bleibt phänomenologisch wahr. Wir können sie an jedem Sonnentag nachvollziehen, auch wenn wir mittlerweile durch die Einnahme einer umfassenderen Perspektive wissen, dass es anders ist und sich die Erde um die Sonne und Sonne und Erde miteinan­der um das Gravitationszentrum einer Galaxie bewegen. Auch die Newton'sche Physik hat nach wie vor ihre Geltung und Richtigkeit, auch wenn wir mittlerweile durch Quantenphysik und Relativitätsthe­orie ihre Erkenntnisse buchstäblich relativiert haben. Das gilt auch für die in der Bibel beschriebene geniale Einsicht, dass das, was wir als Splitter im Auge des anderen erkennen, oft eine Projektion eines für uns nicht sichtbaren Balkens im eigenen Auge ist. Diese Erkenntnis wurde durch die moderne psychoanalytische Forschung auf eindrucksvolle Weise bestätigt und durch den Mechanismus von Verdrängung und Projektion erklärt.

 

Das Wissen und die Weisheit der Menschheit werden mit uns nicht aufhören, und in einhundert Jahren werden wir - vorausgesetzt die Menschheit überlebt - noch mehr wissen und erkennen. Das Ord­nen von Wissen und Erkenntnis nach Zeit, Historie und Entwick­lung ist daher, neben der Ordnung nach Erkenntnisbereichen und Perspektiven, wie im vorigen Kapitel vorgestellt, ein weiteres wich­tiges Kriterium dafür, Wissenschaft im Zusammenhang zu sehen. Ausschlaggebend ist dabei die Erklärungskraft einer Theorie und eines Modells hinsichtlich vorliegender Daten und Erkenntnisse, einschließlich der Erklärung aller Vorläufermodelle - im Sinne von „transzendiere und bewahre". Und auch die nach derzeitigem Kenntnisstand letzte Wirklichkeit, das nicht-duale SEIN, entwickelt sich. Nicht der Teil, der nie geboren wurde und immer schon war und nicht von dieser Welt ist. Aber der Teil, der manifest geworden ist, die Welt der Form, der relative Bereich, der eins ist mit der Leere und dem Absoluten, entwickelt sich. Wohin und wie er sich entwickelt, hängt auch von uns ab, bewussten Menschen, die diese Welt der Form mitgestalten und zu einem immer vollkommeneren Ausdruck von Schönheit, Gerechtigkeit, Fürsorge und Wahrheit machen.

Aufwachen und Aufwachsen:
Die Versöhnung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit

Es geht im menschlichen Leben offenbar um beides, um das Erwa­chen oder Aufwachen zum Absoluten und zur letzten Wirklichkeit und um das Aufwachsen oder eine reife erwachsene Haltung zum Relativen. Sind wir nur zum Absoluten erwacht (,,alle Wesen sind ihrer Natur nach Buddha, so wie Eis seiner Natur nach Wasser ist", den Weg dazu weisen uns die Mystikerinnen und Philosophen der Jahrhunderte), dann können wir das „kosmische Spiel" zwar aus der Absolutheit heraus betrachten, wir werden es jedoch nicht verste­hen und vor allem nicht mitgestalten können. Wir sind dann zwar erwacht, aber gewissermaßen noch nicht erwachsen im Sinne von entwickelt. Wenn wir es verstehen wollen, müssen wir uns mit der relativen Seite der Manifestation beschäftigen. Von innen kommend tun wir dies über die Geisteswissenschaften, von außen kommend tun wir dies über die Naturwissenschaften. Leere und Form in ihrer wechselseitigen Durchdringung, die Nicht-Dualität allen Seins, wird so immer mehr erkennbar und erfahrbar. Die Formen haben eine Innen- und eine Außenseite und erscheinen miteinander individuell und kollektiv. Seins-Wirklichkeit, Weisheit und Wissen verbinden uns sowohl mit der Leere, dem Absoluten, als auch mit der Welt der Formen und werden miteinander versöhnt, wie auch wir Menschen uns dadurch versöhnen können mit dem kosmischen oder göttlichen Urgrund, mit uns selbst, unseren Mitmenschen und mit der Natur.

Immer schon am Ausgangspunkt unserer Suche, dem Ursprung unseres Seins, angekommen, hat die Suche in einer sich entwickelnden Welt kein Ende. Auch eine integrale Aufklärung ist dabei lediglich eine Zwischenstation, die wir jedoch nicht verpassen dür­fen, wenn die Reise weitergehen soll.

Landkarten und Liebe

Das ist das, was Liebe tut. Das zusammenführen einzelner Wesen zu größeren Einheiten transzendiert das vereinzelte Sein und geht darüber hinaus. Es kommt zu einer Einheit mit anderen Individuen und letztlich zu einer Einheit mit allen empfindenden Wesen, ein strahlender, überströmender Fluss aus dem Herzen von Männern und Frauen in Richtung des gesamten Kosmos. Jedes Liebesempfinden oder Mitgefühl und Fürsorgegefühl ist ein Zugang zu dieser außerordentlichen Fähigkeit und Kraft der Liebe, diesem ganz außerordentlichen Antrieb des Universums, als einem GEIST, der zum GEIST zurück­ kehrt. Das ist das Wesen der Liebe.[1]

Ken Wilber

Ein immer wieder geäußerter Kommentar zu Landkarten wie den hier vorgestellten ist der, dass es sich dabei „nur" um Abstraktionen (meist von Männern) handelt, fern vom „wirklichen" Leben. Manch­ mal wird auch direkter gefragt: Wo ist die Liebe in diesem Modell? Es ist richtig, dass Modelle Abstraktionscharakter haben, dies liegt in ihrer Natur, doch das bedeutet nicht gleichzeitig Lieblosigkeit, im Gegenteil. Die Liebe steckt hier buchstäblich im Detail, in dem Versuch, Wirklichkeit so real wie möglich abzubilden, um damit ein bewussteres und verantwortlicheres Leben führen zu können. Viel Leid auf der Welt entsteht durch böse Absichten, das ist wahr, doch vielleicht ebenso viel Leid entsteht aus Unwissenheit. Wir tun uns und anderen weh, weil wir es nicht besser wissen. Liebe und beste Absichten alleine sind daher zu wenig, das zeigt das folgende Bei­ spiel: Bis etwa 1850 behandelten Mediziner ihre Patienten, ohne sich (wie wir es heute nennen) die Hände zu desinfizieren, und brachten damit viele ihrer Patientinnen um, vor allem Frauen, die gerade ein Kind zur Welt gebracht hatten (Kindbettfieber). Woher sollten sie es auch wissen, schließlich kann man die Krankheits­erreger an den eigenen Händen mit bloßem Auge nicht erkennen. Doch das Leiden ihrer Patientinnen ließ den Ärzten, die es sich ja zum Beruf gemacht hatten, Leiden zu lindern und zu heilen, keine Ruhe, und einer von ihnen, Ignaz Semmelweis, führte experimentelle Untersuchungen durch, um Erkrankungen wie dem Kindbettfieber auf den Grund zu gehen. Er wies seine Studenten an, nach Leichen­sektionen, wie sie an einer Universitätsklinik zur Ausbildung gehö­ren, die Hände und Instrumente mit Chlorkalk zu desinfizieren, und diese einfache Maßnahme führte zu einer erheblichen Reduktion der Sterblichkeitsrate. Man wusste dadurch immer noch nicht, was genau die Krankheit verursachte, die Krankheitserreger wurden erst durch das Mikroskop entdeckt. Aber man konnte Leiden verhindern, oder, anders ausgedrückt, man brachte die Patientinnen nicht mehr durch Unwissenheit um. Und darum geht es bei der Landkartener­stellung. Es geht um die Liebe zu den Menschen, angefangen bei sich selbst, zu den Mitgeschöpfen und zur Welt als Ganzes. Dieser Liebe kann am umfassendsten und am wirkungsvollsten Ausdruck verliehen werden, je besser wir wissen, wer wir sind, wer unsere Mitgeschöpfe sind und was die Welt ist. Die Weisheit der Landkarte und das mitfühlende Herz der Liebe gehen Hand in Hand.

Die Entwicklungsforscherin Dr. Susanne Cook-Greuter stellt den Nut­zen guter Landkarten sinngemäß so dar: Alle Geschichten, Karten und Theorien, die aus dem menschlichen Bestreben resultieren, der Welt einen Sinn einzuhauchen, stellen nur einen Ausschnitt des Gesamtbildes dar, sie sind (relativ) kurzlebig und können sich mit der Zeit verändern oder weiterentwickeln bzw. unhaltbar und verworfen werden. Sie sind Annäherungen an die Realität, aber nicht die Realität selbst. Dennoch haben sie als Reiseführer durch den Dschungel des Lebens einen hohen Orientierungswert. Wegweisende Theorien sind einfach, elegant, stimmig und ausführlich, gleichzeitig flexibel, dynamisch und vielseitig anwendbar. Durch weiterreichende Erkenntnisse können sie falsifiziert oder als unzureichend erkannt werden. Eine gute Theorie oder auch Metatheorie reduziert die Menge der überwältigenden Informationen und bleibt dennoch flexibel, tiefgründig und realitätsnah.

So geht es für uns auf dem Weg zur Freiheit in der Welt und einem erfüllten Leben in der Welt zum einen darum, unsere Herzen immer mehr zu öffnen, auch angesichts des Schmerzes und Leidens, und gleichzeitig unseren Geist immer mehr zu erweitern, bis er die ganze Manifestation umfasst und berührt. Intellektfeindlichkeit und mangelndes Unterscheidungsvermögen sind damit nicht länger eine Entschuldigung für Spiritualität, jedenfalls nicht für eine „auf­ geklärte Spiritualität" des 21. Jahrhunderts. Das Gegenteil ist der Fall: Spiritualität und Intellekt gehören zusammen wie auch Herz und Verstand.

Jede Landkarte, auch wenn sie mit noch so liebevollen Absichten erstellt wurde, die wesentliche Aspekte unseres Seins, Wissens und Werdens auslässt, begünstigt die Fragmentierung unserer Innen­welt, unserer Mitwelt und der Außenwelt, fördert Einseitigkeiten und Fundamentalismen. Eine umfassende Theorie ist wie ein weites, warmes Licht, das alle Aspekte des Lebens durchscheint und erhellt, zugleich ist sie wie ein Brennstrahl, der jeden Einzelbereich durch konzentrierte Aufmerksamkeit fokussieren kann. Sie ist grundlegend dialogisch, weil sie den wertschätzenden Austausch zwischen den verschiedenen Erkenntnisdisziplinen fördert und so viele Sichtweisen wie möglich und nötig berücksichtigt.

Gute Landkarten sind wie ein Esperanto des Geistes, Geist kann sich mit Geist verständigen und würdigt dabei die Materie als dessen Form und Träger. Durch Geistesschöpfungen wie Demokratie, Mei­nungsfreiheit, Sprache und Schrift ermöglichen sie der Menschheit und dem einzelnen Menschen die Freiheit, sich selbst als den stau­nenden Autor und die staunende Autorin einer atemberaubenden Schöpfung im Werden zu erkennen.

Wie geht es weiter?

Hier im [Kölner] Dom, auf den Knien vor diesen Hunder­ten von Flämmchen im weichen Halbdunkel, fiel mir nur eines ein, was dem Leben einen Sinn zu geben vermag: anderen helfen, dienen. Spirituelle Entwicklung, Erleuch­tung und dergleichen, waren das nicht einfach Begriffe und Vorstellungen? Auch „volle Entfaltung des eigenen Potenzials" - irgendwie hohl und egozentrisch, falls es nicht, wie es häufig geschieht, zu Ideen und Taten führt, die zur Linderung des Leidens beitragen ... Menschliche Beziehungen, menschliche Verbundenheit, ja, gütige, liebevolle Verbundenheit mit allen Lebensformen, mit der gesamten Schöpfung, das allein erschien mir jetzt wich­tig. Mein Herz offen halten, immer die größte Schwierig­keit, alle Abwehrwaffen fallen lassen, für den Schmerz offen sein, damit auch Freude sich einstellen kann.[2]

Treya Wilber

Angenommen, es gäbe sie, die Integration von Seins-Wirklichkeit, Wissen und Weisheit, dargelegt am Beispiel einer „integralen Land­karte", mit der wir uns orientieren können: was fangen wir dann damit konkret an - persönlich und gesellschaftlich? Wie können wir Aufgeklärtheit in alle Bereiche unseres Seins, Wissens und Tuns bringen? Wie können wir dabei die Errungenschaften der Aufklärung von Beginn an würdigen, ohne deren Unzulänglichkeiten zu wieder­ holen? Wie können wir, mit anderen Worten, die Fackel der Auf­klärung weitertragen in diesem großartigen kosmischen Staffellauf und ihr Licht zum Wohle aller Menschen und Wesen immer heller erstrahlen lassen?

Persönliche Beiträge

Beginnen wir mit der persönlichen Betrachtung. Wir könnten konkret alle Dimensionen unseres Lebens und Seins erkunden, die relative Dimension unseres In-der-Welt-Seins und die absolute Dimension unseres Nicht-von-dieser-Welt-Seins. Wir könnten uns dabei auf alle genannten Methodiken stützen: die psychodynamischen und medi­tativen Methodiken für eine gesunde Entwicklung unseres Geistes und die Erkenntnis dessen, wer wir wirklich sind, die beziehungsori­entierten Möglichkeiten zur Entwicklung unseres Miteinanders und die auf unseren Körper und seine Energien abzielenden Methodiken für unsere materielle Lebensgrundlage.

Stellen wir uns eine Welt vor, in welcher sowohl die absolute als auch die relative Wirklichkeit gleichberechtigt gewürdigt werden und Zugang und Verständnis zu beidem gesucht und gefunden wird.

Stellen wir uns eine Welt vor, in der Menschen die Kunst des Umgangs mit den eigenen Bewusstseinsinhalten durch die Praxis von Meditation und Psychodynamik beherrschen wie die Technik des Zähneputzens. In dieser Welt müssen sie sich nicht mehr wechsel­seitig als Projektionsflächen betrachten für die Anteile ihrer eigenen Psyche, die sie bei sich selbst verdrängen und abspalten. Stattdessen kann der eigene Innenraum als ein Tempel des Kosmos oder der Schöpfung betrachtet werden.

Stellen wir uns eine Welt vor, in der die Menschen sich bewusst in der Kunst des Miteinanders üben und Gemeinschaft als eine natür­liche Quelle von Lebensfreude betrachten, gleichzeitig wissend, wie sich Gemeinschaften erfolgreich und zum Wohle aller entwickeln lassen. Und stellen wir uns vor, wie uns durch die Augen des oder der anderen das Antlitz der Gottheit entgegenschaut, sich selbst erkennend als das EINE, im göttlichen Spiel.

Stellen wir uns eine Medizin vor, die den innerlichen und äußerlichen wie den individuellen und kollektiven Aspekten unseres Seins Rech­nung tragen kann und so ganzheitlich zu unserer Heilung beiträgt - psychodynamisch/strukturell, körperlich/energetisch/verhaltens­orientiert, beziehungsorientiert/kulturell und ökologisch/systemisch. Stellen wir uns weiterhin vor, dass diese Medizin eine Entwicklungs­perspektive hat und dasjenige erkennt und heilt, was aus der Ver­gangenheit heraus in der Gegenwart leidvoll weiterwirkt.

Stellen wir uns eine Kunst vor, die dem Ausdruck des Wahren, Schö­nen und Guten verpflichtet ist, ohne das Unwahre, Unschöne und Ungute dabei auszugrenzen, sondern es zu umarmen. Stellen wir uns weiterhin eine Ästhetik vor, die Raum für alles hat und in allem den Ausdruck des Göttlichen erkennt, in den höchsten Visionen gleichermaßen wie in den gescheiterten Illusionen, in atemberau­benden Naturlandschaften und kunstvoll angelegten Gärten ebenso wie in den Müllhaufen und ökologischen Fehlentwicklungen - und dabei gleichzeitig in der Lage ist, das eine vom anderen zu unter­scheiden.

Alle Manifestation entwickelt sich, ein evolutionärer Impuls durch­ dringt unser Sein von Anbeginn an. Alles, was wir zu tun haben, ist, diesem Impuls nicht im Weg zu stehen, sondern ihn durch uns hindurch wirken zu lassen und zum Ausdruck zu bringen. Je mehr wir den Hindernissen unserer Entwicklung unsere Aufmerksamkeit schenken, desto mehr werden auch unsere Fähigkeiten, Intelli­genzen und Kompetenzen und die Vielfalt unserer Zugänge zur Welt zum Erblühen kommen. Wir können dann unseren Wirkungskreis über uns selbst hinaus erweitern und unsere persönlichen und Arbeitsbeziehungen bewusster gestalten. Und wir könnten immer weiter in die Welt hineinwirken über das, was wir tun, was wir wissen und was wir sind.

Damit gelangen auch gesellschaftliche Themen mehr und mehr in unser Blickfeld, und auch hier kann eine integrale und ganzheitliche Vorgehensweise umfassendere und gesündere Lösungen für kom­plexe Herausforderungen unserer Zeit bewirken.

Gesellschaftliche Beiträge

Stellen wir uns eine Politik vor, bei der die einzelnen Dimensionen von Wirklichkeit nicht mehr gegeneinander, sondern miteinander wirken und dabei so viele Menschen und Wesen wie möglich mit ein­ beziehen. Jeder Mensch erlebt sich als ein Ich, und daher braucht es eine in diesem Sinne liberale Politikrichtung, welche die Freiheit und die Rechte des Individuums stärkt und sie gegenüber zu großen Eingriffen der Kollektivität schützt. Weil es die subjektive Erlebnisdi­mension gibt, wird es immer auch liberale Politik geben und geben müssen. Jeder Mensch erlebt sich aber auch als ein Mitglied vieler Gemeinschaften und Wirs wie Beziehung, Familie, Gemeinde, Nation und Weltgemeinschaft, und daher wird es immer auch eine soziale und gemeinschaftsorientierte Politik geben und geben müssen, bei der die kollektiven Pflichten des Einzelnen gegenüber anderen im Vordergrund stehen. Weiterhin erlebt sich jeder Mensch als ein Es und als Mitglied in Systemen wie Gesellschaftssystemen, Finanzsys­temen, Ökosystemen, und daher wird es immer auch eine ökolo­gische Politik im weitesten Sinn geben und geben müssen, die unser systemisches Eingebundensein in äußerliche zusammenhänge wie zum Beispiel den Nahrungskreislauf konstruktiv gestaltet.

Stellen wir uns eine Erziehung und Bildung vor, bei der von Anfang an Menschen dazu angeleitet werden, die innerliche Welt, die zwi­schenmenschliche Welt und die äußerliche Welt gleichermaßen und miteinander zu entdecken und zu entwickeln und zugleich mit der Dimension unseres Seins in Berührung zu kommen, die „nicht von dieser Welt" ist. Wir würden so schon lernen, von Anfang an Mitge­fühl und Verantwortung für uns selbst, für andere, für die Natur und den ganzen Kosmos zu übernehmen.

Stellen wir uns eine Ökologie vor, die nicht nur das äußerlich Syste­ mische betont, sondern auch die innerliche Dimension allen Lebens und Seins und dessen Entwicklung. Es wäre eine lebendige, beseelte Okologie, in der wir uns nicht nur systemisch mit allen Wesen ver­bunden fühlen, sondern durch eine emphatische Resonanz Freude und Leid miteinander teilen. Wenn es in der Absolutheit nur ein Selbst gibt, einen - wie es von den Weisen beschrieben wird - „Singu­lar ohne Plural", dann teilen wir dieses Selbst mit allen Wesen in allen Welten. Mit zunehmender Entwicklung bedarf diese Einsicht keiner Anstrengung mehr, wir müssen uns dafür nichts vornehmen oder vorstellen, sondern das Erleben der Verbundenheit allen Daseins wird zu einer natürlichen und uns innewohnenden Erlebensqua­lität.

Stellen wir uns eine Wirtschaft vor, die nicht nur aus Güterverteilung, Finanzkreisläufen und Informationssystemen besteht, sondern aus den Interaktionen und dem Dialog empfindender Wesen, die auf unterschiedlichen Entwicklungsniveaus und mit unterschiedlichen Intentionen und Motiven heraus nach Wohlstand, Gerechtigkeit und Glück streben. Geben und Nehmen sind dann nicht nur mecha­nische Abläufe, sondern ein Ausdruck unseres gemeinsamen In­ der-Welt-Seins, ein Feiern des Miteinander-unterwegs-Seins, ein Erleben von Verbundenheit, Solidarität und Gerechtigkeit, auch an der Supermarktkasse. Wie viele Menschen haben durch ihre Aktivi­täten zum Inhalt unseres Einkaufkorbes beigetragen?

Voll in der Welt, frei von der Welt

Unvorstellbar lange Zeiträume sind vergangen, bevor Materie lebendig wurde. Unvorstellbare Zeiträume sind vergangen, bevor Lebendiges sich seiner selbst bewusst zu werden begann. In einem historisch nur ganz kurzen Augenblick von wenigen Jahrhunderten beschleunigt sich diese Bewusstwerdung auf dem Planeten Erde enorm, zu immer mehr Schönheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Liebe. Gleichzeitig wächst die Bedrohung einer zumindest teilweise selbst verursachten Zerstörung des Planeten durch uns Menschen, also der Art, in der sich diese Selbstbewusstwerdung manifestiert. Es ist wie bei einem Pferderennen, mal hat das eine Pferd die Nase vorn, mal das andere. Noch ist das Rennen nicht gelaufen und der Ausgang ungewiss. Wir sind dabei nicht nur interessierte Beobach­ter und Beobachterinnen dieses Geschehens, sondern engagierte Akteure und Mitgestalterinnen. Es ist unser Spiel, wir haben es vor unvorstellbar langer Zeit begonnen, führen es fort und erleben es tagtäglich neu: staunend, ehrfürchtig, frustriert, begeistert, leidend, glücklich ... Die Aufklärung oder der aufklärerische Impuls in seinem ursprünglichen Geist des Wissens und Werdens ist die lebendige Kraft, die die Manifestation von Anfang an vorantreibt. Und all dies geschieht vor dem Hintergrund der unveränderlichen Absolutheit, die immer war, ist und sein wird.

Hören wir, als einen von unzähligen authentischen Berichten über eine Einheitserfahrung, welche die Identität von Mensch und Gott oder Selbst und (höherem) SELBST beschreibt, die Mystikerin Teresa von Avila[3]:

„Die Vereinigung gleicht zwei Wachskerzen, die man so dicht anein­anderhält, dass beider Flamme ein einziges Licht bildet; und sie ist jener Einheit ähnlich, zu der der Docht, das Licht und das Wachs verschmelzen. Danach aber kann man leicht eine Kerze von der anderen trennen, so dass es wieder zwei Kerzen sind, und ebenso lässt sich der Docht vom Wachs lösen. Hier jedoch ist es, wie wenn Wasser vom Himmel in einen Fluss oder eine Quelle fällt, wo alles nichts als Wasser ist, so dass man weder teilen noch sondern kann, was nun das Wasser des Flusses ist und was das Wasser, das vom Himmel gefallen; oder es ist, wie wenn ein kleines Rinnsal ins Meer fließt, von dem es durch kein Mittel mehr zu scheiden ist; oder aber wie in einem Zimmer mit zwei Fenstern, durch die ein starkes Licht einfällt: dringt es auch getrennt ein, so wird doch alles zu einem Licht."

Diese Art von Erleuchtung zu erfahren, ist das Geburtsrecht eines jeden Menschen, es ist das Erwachen zur Freiheit des Seins und zur Absolutheit von allem, was war, ist und immer sein wird. Es ist Großartigkeit, Wunder und Bedeutung menschlicher Existenz, dies verwirklichen zu können. Doch wir sind und bleiben dabei auch Men­schen, und daher brauchen wir auch eine Aufklärung über unser Menschsein in Zeit und Raum. Wir sind und bleiben einzigartige Individuen, die das Absolute auf ihre je besondere Weise verwirkli­chen und so zur Vielfalt und Fülle der Manifestation beitragen. Das Absolute verwirklicht sich durch uns und alle empfindenden Wesen. Es schaut durch unsere Augen und hört durch unsere Ohren in und auf die Welt, als ein einzigartiges SELBST, das gleich ist in allen Wesen und sein SEIN in all unseren einzigartigen Fähigkeiten und Talenten zum Ausdruck bringt. Diese Einzigartigkeit ist kein letzter Rest von Anhaftung auf dem Weg zur Erleuchtung, den es auch noch loszulassen gilt, sondern das wunderbare Geschenk individu­eller Begabungen und Fähigkeiten, welche erwachte Menschen in die Welt bringen, Geschenke, die unsere Welt dringend benötigt. Erst in der Vereinigung und Versöhnung von Wissen und Weisheit, Erleuchtung und Aufklärung, Freiheit und Fülle, Sein und Werden liegt, nach heutigem Erkenntnisstand, die Wahrhaftigkeit und Würde des ganzen Menschen.

Traditionell orientiert sich der oder die Erleuchtungsuchende nach innen. Doch je mehr man sich nach innen wendet, in einem meta­ physischen Bestreben, alles hinter sich zu lassen, desto offen­ sichtlicher wird, wie sehr dieses Innen auch vom Außen abhängt. Umgekehrt begann der Weg der Aufklärung bei der Untersuchung des Außen. Doch je mehr man sich nach außen wendet, so objektiv und unbeeinflusst wie nur irgend möglich, desto mehr stößt man überall auf Innerliches und auf Geist. Selbst so scheinbar ungeistige Dinge wie Steine verhalten sich nach Gesetzmäßigkeiten, wenn sie sich bewegen oder bewegt werden. Woher wissen die Steine, wie sie sich zu bewegen haben?

In einem Aufsatz aus dem Jahr 1846 „Über das höchste Gut" schreibt Gustav Theodor Fechner[4] einer der Begründer einer modernen Psychologie, über die „Lust oder Glückseligkeit" als dasjenige Schöpfungsprinzip, das die Schöpfung von Anfang an vorantreibt und das es im persönlichen Leben und auch im Miteinander anzustreben gilt. Im Jahr 1920 erscheint von Sigmund Freud der Beitrag „Jenseits des Lustprinzips"[5], in dem dieser von der Ablösung des Lustprinzips durch das Realitätsprinzip spricht, ohne Ersteres jedoch dabei aufzugeben. Dies ist in einem Satz, wenn man so will, die Agenda der Aufklärung. Vor aller Schöpfung - reine Glückseligkeit jenseits aller Glückseligkeit, formlos und zeitlos, für sich bleibend und in sich seiend. Dann erfolgte der Beginn eines erstaunlichen Versteckspiels, das EINE, der GEIST verliert sich (oder versteckt sich) in den Vielen, um sich dort wiederzufinden, zu sich zu erwachen, sich am Werdensprozess der Vielen zu erfreuen und das Spiel immer mehr zu vollenden. Die Motivation dahinter ist Lebenslust und Freude, oder, wie es Ken Wilber einmal salopp formulierte: „Es macht keinen Spaß, alleine zu essen."

Ausgehend von einer sehr persönlichen Lust und Bedürfnisbefriedi­gung, dem Kennzeichen der Prämoderne, welches die eigene Lust auf Kosten anderer anstrebte, erweiterte sich der Kreis der Fürsorge immer mehr auf andere Menschen und Wesen als ein Realitätsprin­zip des Miteinander-in-der-Welt-Seins, wo geteiltes Leid halbes Leid und geteilte Freude doppelte Freude ist. Auch unsere modernen oder postmodernen Krisen wie die Finanzkrise oder die ökologische Krise sind ganz überwiegend noch vom Geist der Prämoderne geprägt, wo eine egoistische Lust („Ich nehme mir, was ich brauche") an ihre Grenzen kommt, sowohl was den eigenen ethischen Horizont wie auch was die Ressourcen eines begrenzten Planeten betrifft. Was wir, auch als ein Ergebnis der Aufklärung, mehr und mehr einse­hen, ist, dass Rücksichtnahme und Nachhaltigkeit zu sehr viel mehr Freude und „Lust" beitragen als Rücksichtslosigkeit und Raubbau. Doch um dies konkret in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft umzu­setzen, braucht es neben guten Absichten auch gute, sich mit dem Wissenszuwachs weiterentwickelnde Landkarten. Sie sollten die Wirklichkeit unter allen Aspekten bestmöglich abbilden und so das Erbe der Aufklärung mit ihren Vorläufern und kritischen Nachfolgern auf dem aktuellen Stand zur Verfügung halten, für die bestmöglichen Antworten auf die Fragen:

Wer bin ich?
Wer bist du und wer sind wir?
Was ist es?

  

Und die Frage aller Fragen: 

Warum ist überhaupt irgendetwas und nicht einfach nur nichts?

  

Erst in dieser Versöhnung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit, Aufklärung und Erleuchtung, von Aufwachsen und Aufwachen, kön­nen wir wirklich und wahrhaft das einlösen, was uns vor langer Zeit als ein „Erkenne dich selbst" mit auf den Weg gegeben wurde.

Abbildung 22 Habecker Student 

Abbildung 22: Lebe dein endliches Selbst und ruhe in der Unendlichkeit

  

[1] Ken Wilber: Love and Evolution, http://integrallife.com/ node/76038

[2] Ken Wilber (1992): Mut und Gnade, Scherz, Bern, S. 361

[3] a.a.O., S. 196

[4] Gustav Theodor Fechner (1925): Über das höchste Gut, Diesterweg, Frankfurt am Main

[5] Sigmund Freund (1987): Gesammelte Werke, Bd. 13, Jenseits des Lustprinzips. Massenpsychologie und Ich-Analyse. Das Ich und das Es, S. Fischer, Frankfurt am Main, 9. Aufl.

  

  

Über die Autoren

Habecker Michael

Michael Habecker, *1953, Gitarrenpädagoge, Musiker, Autor, Heilpraktiker und Seminarleiter. Beschäftigt sich seit 1985 mit dem Werk von Ken Wilber. Mitübersetzer von Wilbers „Integrale Psychologie“, Autor von „Ken Wilber – eine integrale ( R )EVOLUTION“ sowie von zahlreichen Artikeln zu Wilbers Werk.

Student Sonja

Sonja Student, *1953, Journalistin, Kommunikationsberaterin und Sozialaktivistin. Engagiert sich für Kinderrechte und Demokratie. Beschäftigt sich seit 1996 mit dem Werk von Ken Wilber, Co-Gründerin und Vorstandsmitglied der DIA – Die Integrale Akademie.
  

Illustrationen: Uwe Schramm www.schramms.de 

   

Veröffentlichungen (Buchauszüge) aus „Wissen, Weisheit, Wirklichkeit: Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität”:

  

  

Wissen Weiheit WirklichkeitMichael Habecker und Sonja Student:
Wissen, Weisheit, Wirklichkeit: Perspektiven einer aufgeklärten Spiritualität
Gebundene Ausgabe, 208 Seiten
Verlag: Kamphausen Media GmbH
ISBN-10: 3899013514
ISBN-13: 978-3899013511

  

Inhaltsverzeichnis:

Stimmen zum Buch
Vorwort

Einleitung: Die Aufklärung ist besser als ihr Ruf

Absolute und relative Fragen
Aufklärung und Erleuchtung: Warum wir beides brauchen

Vor der Aufklärung: Glauben statt Fragen, Forschen und Wissen
Was ist Wissenschaft?
Was ist Objektivität?
Das dreifache kostbare Erbe des mystisch-kontemplativen Wegs
Was ist ein Bewusstseinsinhalt?
Die „Besetzung" mystischer Erfahrungen durch Kirche, Mythos und Dogma

Aufklärung: Etwas Ungeheuerliches
Fallende Steine – die Entdeckung der äußeren Welt und deren Gesetzmäßigkeiten
Was ist ein Mensch – von außen betrachtet?
Was ist ein Mensch – von innen betrachtet?
Bewusstsein hat Phänomene
Bewusstsein hat Strukturen
Bewusstsein hat Dynamik – Psychodynamik
Die Postmoderne und das Wir
Entwicklung: äußere und innere Evolution
Wie hängt das alles zusammen?
Da stehen wir nun

Integrale Aufklärung
Unser lebendiges Erbe
Die Karten auf den Tisch legen
Negative und positive Philosophie 
Die Ordnung der Dinge 
Ken Wilbers Integraler Methodologischer Pluralismus (IMP)
Perspektiven als persönliche Praxis
Die Entwicklung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit
Aufwachen und Aufwachsen: Die Versöhnung von Wissen, Weisheit und Wirklichkeit
Landkarten und Liebe

Wie geht es weiter?
Persönliche Beiträge
Gesellschaftliche Beiträge
Voll in der Welt, frei von der Welt

Über die Autoren

Anhang: Quellen- und Literaturhinweise zu Ken Wilbers Integralem Methodologischen Pluralismus (IMP)

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