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Psychologie: Zwischen Erkenntnishilfe und Verantwortungsabgabe

Wahrnehmungsraum und Erfahrungsraum bedingen einander.
Der Weite des Wahrnehmungsraumes unterliegt aber zunehmend einer Verzerrung. Was ihn weit erscheinen lässt, ist die Flut an Daten und Bildern, die wir täglich über Fernsehen und Internet aufnehmen. Wir müssen allerdings heute unterscheiden zwischen einem virtuellen Wahrnehmungsraum, der zusehends mehr Wahrnehmungskapazitäten einfordert, aber kaum Handlung und Antwort hervorrufen kann – und dem realen Wahrnehmungsraum, der unser konkretes Lebensumfeld mit all den damit verbundenen Handlungsmöglichkeiten umfasst.

Sei Du selbstWahrnehmungsräume können sich nun auf äußere Bedingungen beziehen (das reale soziale Netz, die Arbeit, die Stadt, in der man lebt) oder auf innere Phänomene (Ängste, Bedürfnisse, Wünsche, Träume).
Radikaler Humanismus macht uns zu Managern unserer selbst. Man denke an den verräterischen Begriff der „Ich-AG“ aus den späten 1990er Jahren unter Bundeskanzler Gerhard Schröder. Dieses Selbstmanagement schließt nicht nur die individuelle Bewältigung des gesellschaftlichen Lebens ein, sondern ebenso die Kontrolle über innerpsychische Dispositionen. Es ist ein seltsamer Widerspruch, dass der Radikale Humanismus einerseits diese innerpsychische Selbstkontrolle fordert, andererseits aber ebenso deren Verantwortungsabgabe an Therapie und Psychologie forciert. Psychologische und pseudopsychologische Begriffe und Deutungen haben längst den allgemeinen Kommunikationsraum erobert. Diese geben die Interpretationen des eigenen psychischen Soseins vor: depressiv, manisch, süchtig, ADHS, teamfähig oder nicht, soft skills, ichbezogen („nur das Ego“ – die Abwertung des Egos angesichts des hohen Wertes des Individualismus ist ein interessantes Paradoxon) und vieles mehr. Die nicht-pathologische Varianz psychischer Dispositionen ist durch einen stetig umfassender werdenden Katalog möglicher psychischer Störungen recht eng geworden. Es ist ein bemerkenswerter Widerspruch, dass angesichts der starken Betonung des Individualismus doch gleichzeitig der psychische Normierungsdruck des Menschen zugenommen hat. Was einst als schrullig oder etwas seltsam galt, findet heute in der Regel einen krankheitswertigen normierten Begriff.

Zwar obliegt die Verantwortung für unser Wohlergehen ganz uns – die Deutungshoheit aber über dieses beansprucht das kollektiv geteilte Weltbild des Radikalen Humanismus, gespeist aus Fragmenten von Psychoanalyse, Psychologie und Esoterik.

Sich selbst in die Hände der Psychologie zu legen, vorausgesetzt, man leidet nicht an einer ernsthaften psychischen Erkrankung, kommt einer Verantwortungsabgabe gleich. Die Folge ist eine Tendenz zur Entselbstung durch die Akzeptanz eines psychischen Phänomens als ein dämonisches Einsprengsel, das sich durch einen kleinen psycho-chirurgischen Eingriff entfernen ließe. In einigen Härtefällen mag das sinnvoll sein; dies aber als eine allgemeine Selbstverständlichkeit zu akzeptieren, hieße sich eines Großteils der Möglichkeiten seines Schicksals zu berauben. Wie, im antiken Sinne, ließe sich da noch das Meer des Lebens befahren, es also in einem übertragenen wie konkreten Sinne „erfahren“? Wie könnte man da noch der thymotischen Regung nach Selbstwürde folgen? Wenn doch die eigene Argo – namens Ich – mit unvollständiger Besatzung in See sticht?

Die psychologische Botschaft aus allen ernstzunehmenden Therapie- und Selbsterkundungs-Forschungen lautete ganz einfach: Sei in Kontakt mit dir selbst! Paradoxerweise sind es die Paradigmen des Radikalen Humanismus, die uns dabei im Wege stehen. Es sind die impliziten Botschaften wertender Natur, die von Erwünschtem und Unerwünschtem sprechen.

In Kontakt mit sich selbst zu sein, heißt auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene zu einem innerseelischen Konsens zu finden.

In Kontakt mit sich selbst zu sein heißt, sich selbst wahrnehmungsfähig zu machen. Bin ich wahrnehmungsfähig in Bezug zu mir selbst, kann ich auch andere wahrnehmen.

Auf der Körperebene kann das beispielsweise heißen:
Man nehme an, ein Mann und Frau möchten miteinander schlafen. Doch aus welchen Gründen auch immer bekommt der Mann keine hinreichende Erektion. Statt nun seinen Selbstwert als Mann in Frage zu stellen, ließe sich das Phänomen auch als eine explizite Botschaft seines Körpers interpretieren, der mit klarer Geste sagt: Nein, mit dieser Frau wirst du nicht schlafen. Kontakt zu sich selbst hieße in diesem Fall, seinem Körper zu vertrauen. Natürlich gilt dieses Gleichnis auch umgekehrt für Frauen.

Auf der emotionalen Ebene ist es ganz ähnlich. Es gibt gesellschaftlich erwünschte und unerwünschte Emotionen.

Zorn zum Beispiel ist nicht gern gesehen. Und doch gibt es keine „schlechte“ Emotion. Zorn etwa ist zu verstehen als eine Energieaufwallung, die angesichts von Hindernissen vom Körper bereitgestellt wird. Ist man zornig, ist das immer ein Indiz dafür, dass der gesunden Entfaltung und Aktualisierung des Selbst ein ernstzunehmendes Hindernis entgegensteht. Dieses kann innerpsychisch oder äußerlich sein. Es könnte sich um interne Einstellungen handeln, die bestimmte Grundbedürfnisse verwehren, es könnten aber ebenso inakzeptable Verbote aus der Mitwelt sein. Wird der Zorn verboten, heißt das, es gibt einen konkreten Machtanspruch über uns. Insofern ist der Zorn eine Funktion des thymotischen Motivs, des Thymos, der von uns eine Haltung der Selbstwürde einfordert. Wer den Zorn unterdrückt, macht sich zum Sklaven.

Wer die Melancholie ignoriert, vermeidet den Blick auf die Mitwelt, die nur unvollständige Resonanzbeziehungen zur Verfügung stellt und einer Umjustierung aus eigener Entscheidung heraus bedarf.

Wer Depression für eine rein endogene Angelegenheit hält, ignoriert den Resonanzcharakter einer jeden menschlichen Reaktion. Es ist kein Zufall, dass in den westlichen Ländern die meisten Depressionsfälle zu finden sind, und dass in diesen überhaupt die Depression zu einer wahren psychischen Seuche werden konnte. Depressivität ist eine folgerichtige Reaktion des Menschen, der als vereinzeltes Individuum einem unüberschaubaren und übermächtigen Universum gegenübersteht. Depression ist eine unmittelbare Konsequenz aus der Radikalität eines Humanismus, der jede Einbindung a priori negiert und jede Schicksalhaftigkeit in die Hände des für sein Scheitern und Leisten eigenverantwortlichen, weil atomistisch gedachten Individuums legt. Die hohen Prävalenzen der Depression verweisen auf die systematische Überforderung des postmodernen Menschen der westlichen Welt, der innerhalb eines kurzen Erdenlebens das zu leisten hat, was man beim alttestamentarischen Gott Weltenschöpfung nennt.

Die systematische Überforderung des Menschen durch die Diktate des Radikalen Humanismus äußert sich in einem weiteren Phänomen, das man gemeinhin Stress nennt. Sich unter Spannung zu setzen, bedarf eines feinen Gespürs dafür, wann diese Spannung zu großen Taten, und wann diese Spannung zu einer chronischen Belastung führt, die alle Energiereserven zur Vermeidung des Schlimmeren aufwenden muss. In diesem Fall wäre keine Rede mehr von großen Taten.

Was, müssen wir uns fragen, hat antike Heroen, neuzeitliche Entdecker und Helden und produktive Künstler davor bewahren können, an dieser Spannung zu zerreißen und sie stattdessen befähigt, große Taten leisten und Werke hervorbringen zu können? Die Gemeinsamkeit springt ins Auge: All jene fühlten sich eingebunden in ein Größeres. Einige nannten es Gott, andere Götter, wieder andere die Macht der Moiren, und wieder andere ein universelles göttliches Prinzip. Wie auch immer die Architektur ihres Weltbildes entworfen sein mochte, nie waren sie metaphysisch Vereinzelte. Vielleicht wäre sogar Achilles an der Frage verzweifelt, wie er sich denn selbst verwirklichen könne und wer er sei, wenn er doch der allein abrechnungspflichtige Architekt seines Erfolges und seines Scheiterns hätte sein müssen. Sein Größeres war das Schicksal, dem er sich nur fügen musste, um ganz er selbst zu sein. Die Geschichten, die er über sich selbst zu hören bekam, schon als Kind, woben sich als dieses Größere um ihn wie ein feines metaphysisches Spinnennetz, Geschichten von der göttlichen Mutter Thetis, vom Heldenvater Peleus, von der Unverwundbarkeit (außer an der berühmten Ferse) und von einer Prophezeiung, die ihm lediglich eine einzige Entscheidung abnötigte: ein geruhsames Leben bis ins hohe Alter zu führen oder als größter Held der Antike jung zu sterben. Eine Entscheidung! Postmoderne Menschen treffen nahezu tagtäglich neue Entscheidungen, die alle eine mehr oder weniger große Bedeutung für ihr weiteres Leben haben werden.
Die Psyche und damit das Selbstwirksamkeitsgefühl sind mit einer Handvoll wichtiger Entscheidungen im Leben vollkommen ausgelastet. Der Rest ist Umsetzung, und dem Erfolg dieser Umsetzungen entnimmt der Mensch sein Selbstwertgefühl, seine Selbstwirksamkeit, darin prüft er sich und seine Möglichkeiten. Es ist die Überzahl an gewichtigen Entscheidungen, die die Kraft eines Menschen zerfasern und ihn ins Uferlose treiben lassen. Es deutet vieles darauf hin, dass nicht das Arbeitspensum über chronische Stresszustände, Burnout-Syndrome und reaktive Depressionen entscheidet, sondern die nicht abreißende Unsicherheit immerwährender Entscheidungsnotstände.

Man hüte sich davor, seine emotionalen Reaktionen auf das Gegebene pathologisieren zu lassen. Man bleibe in wohlwollenden Kontakt mit sich selbst, man höre auf die eingeschriebenen Botschaften des Körpers und der Seele. Wehrt der Vereinzelung. Sucht lebendige Resonanzen, die euch leben lassen – so könnte die gesunde Botschaft einer von finanzstarken Lobbygruppen freien Psychologie lauten.

 

 

Über den Autor

Thiele MatthiasMatthias Thiele, geboren 1972, ist Psychologe und freier Autor. Nach mehreren Sachbüchern zu Psychologie und Kulturphilosophie ist „Und im Abgrund wohnt die Wahrheit“ sein erster Roman. 

 

 


 

 

 

Matthias Thiele
Taschenbuch: Sei! Du! Selbst!: Eine Kritik des Radikalen Humanismus
E-Book: Sei! Du! Selbst!: Eine Kritik des Radikalen Humanismus
Taschenbuch: 180 Seiten
Verlag: Phänomen-Verlag
ISBN-10: 8494985655
Überall im Buchhandel erhältlich

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