Dennis Wittrock

Wohin wir auch schauen, ob nach innen oder nach außen, vieles von dem was wir wahrnehmen hat eine Entwicklungsgeschichte hinter sich, und auch  eine Entwicklungszukunft vor sich.

Unser eigenes Ich-Erleben hat sich entwickelt, ebenso wie unsere Fähigkeit uns auf andere Menschen zu beziehen, sowie auch unsere Wahrnehmungsfähigkeit (oder Kognition). Auch die Gemeinschaften in denen wir leben haben sich entwickelt, ebenso wie die Kultur in der wir aufgewachsen sind eine lange Geschichte hinter sich hat. In der äußeren Welt begegnet uns das Thema Entwicklung in den Dingen die uns umgeben. Der Computer an dem wir arbeiten ist ebenso ein Entwicklungsergebnis wie das Essgeschirr das wir benutzen, die Materialen der Dinge unseres Lebens sind ebenso über lange Zeiträume gewachsen und geworden wie die staatliche Infrastruktur innerhalb der wir uns bewegen. 

Diese unterschiedlichen Arten und Linien von Entwicklung zu kennen und zu verstehen ist ein wesentliches Anliegen eines integralen Ansatzes.

Linien der Entwicklung

Ausgehend von der Entdeckung, dass sich der Mensch nicht nur in kognitiver Hinsicht weiterentwickelt, sondern auch andere "Intelligenzen" im Laufe seines Lebens hervorbringt, taucht im Werk von Ken Wilber seit den Büchern der Phase III die Idee auf, dass es mehrere Linien der Entwicklung gibt.

Daniel Goleman hat diese Erkenntnis mit seinem Bestseller "EQ - Emotionale Intelligenz" populär gemacht. Howard Gardner spricht von "multiplen Intelligenzen". Einfach gesprochen umkreisen alle diese Konzepte die Alltags-Einsicht: "In manchen Dingen bin ich gut, in anderen nicht so sehr."

Entwicklungspsychologen haben etwa zwei dutzend dieser Linien dokumentiert, indem sie Menschen über mehrere Jahre hinweg immer die selben Fragen gestellt haben. Aus den Antworten ergaben sich Gruppen von wiederkehrenden Antworten, wobei diese Gruppen von wiederkehrenden Antworten stets ein bestimmte Sequenz aufweisen - die Sequenz der Entwicklung in der jeweiligen Linien.

Wichtige Linien der Entwicklung (im oberen linken Quadranten) sind:

  • Die kognitive Linie (Gewahrsein dessen, was ist)
  • Die moralische Linie ( Gewahrsein dessen, was sein sollte)
  • Die emotionale oder affektive Linie (das gesamte Spektrum der Emotionen)
  • Die interpersonelle Linie (wie ich mich in sozialer Hinsicht auf andere beziehe)
  • Die Linie der Bedürfnisse (wie Maslows Bedürfnispyramide)
  • Die Linie der Selbstidentität (oder "Wer bin ich"?, wie Loevingers Ego-Entwicklung)
  • Die ästhetische Linie (oder die Linie des Selbstausdrucks, der Schönheit, Kunst)
  • Die psychosexuelle Linie, die im weitesten Sinne das gesamte Spektrum des Eros umfasst (von grobstofflich zu subtil zu kausal)
  • Die spirituelle Linie (z.B. wie bei James Fowler)
  • Die Linie der Werte (oder was eine Person als am bedeutsamsten betrachtet, eine Linie, die von Clare Graves untersucht und von Spiral Dynamics popularisiert wurde)


Die Missachtung der Diversität zahlreicher Module, Intelligenzen, bzw. Linien der Entwicklung nennt Wilber "Linien-Absolutismus", d.h. die Ansicht, eine spezielle Linie sei die einzig wahre Linie, von der die anderen Linien lediglich Derivate - und somit zu vernachlässigen seien.

Die Linien der Entwicklung entfalten sich relativ unabhängig voneinander. Einige Linien basieren allerdings auf den Fähigkeiten anderer Linien, wodurch diese niemals überholt werden können. Die kognitive Linie der Entwicklung, bzw. das Gewahrsein dessen was ist, liefert gewissermaßen das "Roh-Material" für die Entfaltung aller anderen Linien, denn man kann sich moralisch, ästhetisch, werte- oder bedürfnismäßig nur zu Dingen verhalten deren man sich überhaupt gewahr ist. Kognitive Entwicklung ist somit notwendig, aber nicht hinreichend für die Entwicklung der Fähigkeiten der anderen Linien.
Das individuelle Entwicklungsprofil eines Menschen kann in ein Psychogramm eingetragen werden. Wilber deutet an, dass man die Linien eines soziokulturellen Holons, einer Gruppe, einer Nation, etc. ebenfalls in ein Psychogramm (U.L. Quadrant) eintragen kann. In der Integralen Lebenspraxis (ILP) geht es für Individuen nicht darum, alle Linien bis zur höchsten Entwicklungsstufe zu treiben. Vielmehr hilft ein individuelles Psychogramm dabei, Schwachstellen und Problemzonen der eigenen Entwicklung zu identifizieren, sich ihrer gewahr zu sein (?integral informiert? sein) und sie ggf. gezielt zu adressieren.

Wilber weist explizit, dass es in jedem der vier Quadranten verschiedenste Linien der Entwicklung gibt. In seinem Werk beschränkt er sich allerdings zumeist darauf, die Linien der Entwicklung im oberen linken Quadranten (innerlich-individuell), wie sie sich im Menschen zeigen, zu beschreiben. (Eine gute Beschreibung der Linien in den anderen Quadranten findet sich in der AQAL Übersicht von Sean Esbjörn Hargens)


Podcast

Die ersten Folgen unseres kostenlosen Audio-Podcasts geben ebenfalls einen guten Einstieg in die Grundlagen der integralen Theorie und Praxis. Hören Sie doch mal rein




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