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Die Integrale Theorie fasst verschiedene Entwicklungsmodelle der Psychologie und der Evolutionstheorie zu einer Metatheorie zusammen. Sie beschreibt Wachstums- und Entwicklungsstufen mit differenzierten kognitiven, emotionalen, körperlichen, sozialen, kulturellen sowie materiell-technischen Dimensionen, die alle Menschen im Laufe ihres Lebens durchlaufen bzw. durchlaufen können. Sie bietet so ein hybrides methodisches Verfahren der Entwicklungsdiagnostik einerseits und der Entwicklungsförderung andererseits.

Entwicklungslogik und Telos

Die Intergale Theorie basiert auf der Grundannahme, dass sich alles in Entwicklung befindet. Alles meint sowohl den unermesslichen Kosmos in seiner Gesamtheit als auch die darin enthaltenen Teile. Dabei stehen Ganzes und Teile in hierarchisch organisierten Verhältnissen, die Wilber in Anlehnung an Arthur Koestler mit dem Begriff Holon beschreibt. Als Holons bezeichnet man geschlossene Einheiten, die wiederum Bestandteil größerer Teileinheiten sind. Holons einer niederen Ebene organisieren sich zu einer neuen Ebene höherer Komplexität und diese wiederum zu weiteren höheren Niveaus. Als Beispiel für dieses holistische Evolutionsmodell beruft sich Wilber auf die Entwicklungsstufen von Teilhard de Chardin. Dieser hatte gezeigt, dass die Physiosphäre (Materie) die Grundlage der Biosphäre (Leben) ist und diese wiederum Basis für die Noosphäre (Geist/Bewusstsein), auf der die Theosphäre (GEIST) aufbaut. Diese Holarchie, d.h. die holistische Entwicklungslogik, besitzt folglich einen spezifischen Operationsmodus, nämlich die Steigerung von Komplexität. Diese läuft auf ein Ziel zu, also auf ein Telos im Sinne eines Endpunktes von Entwicklung – die Offenbarung des GEISTES in seiner höchsten Form der Leerheit, in der die Vielheit und Alleinheit des Seins transzendiert ist.

Wilber hat sich bereits in seinem Frühwerk „Halbzeit der Evolution“ kritisch mit der „Abschaffung teleologischen Denkens“ in den Geisteswissenschaften des 20. Jahrhunderts auseinandergesetzt und gezeigt, dass ohne die Grundannahme eines Telos einerseits Evolutionsprozesse nicht verständlich sind. Andererseits – und das ist viel zentraler für das aktuelle menschliche Selbstverständnis – wird ohne die Vorstellung eines Zieles sowohl die individuelle Persönlichkeitsentwicklung von Erwachsenen als auch die Evolution der Kultur blockiert. Das Nichtwissen von teleologischen Entwicklungsperspektiven und den entsprechenden Entwicklungswegen, deren systematische Ignoranz, ja deren diskursives Verbot innerhalb der rationalen Wissenschaftskultur der Gegenwart muss man als die wohl größte humane Entwicklungsbremse betrachten. Politische, ökonomische, ökologische und persönliche Krisen, wie sie aktuell gebündelt auftreten, können ohne Vorstellung von Entwicklungszielen nicht bewältigt werden. Der einzelne Mensch und ebenso die Menschheit als Ganzes sollten nicht nur wissen, woher sie kommen, sondern ebenso, wohin sie sich entwickeln, sonst ist Stagnation die bittere Konsequenz. Vor diesem Hintergrund kann man die Integrale Theorie als den wahrscheinlich wichtigsten Entwicklungsimpuls für das persönliche und kollektive Vorankommen in der Gegenwart betrachten.

Dreidimensionales Evolutionsmodell

Menschliche Entwicklung lässt sich nach Wilber nicht als eine einzige Einbahnstraße beschreiben; vielmehr existieren unterschiedliche Entwicklungslinien nebeneinander und beeinflussen sich gegenseitig. Auf der Grundlage des Quadrantenmodells, das die vier zentralen Persönlichkeitsdimensionen (Ich, Es, Wir, Sie bzw. psychisches, körperliches, kulturelles und materiell-technisches Subjekt) umfasst, hat er eine dreidimensionale Landkarte der menschlichen Evolution entworfen, in der die unterschiedlichen Grade der organisatorischen Komplexität der jeweiligen Dimension deutlich werden. Bei diesem Modell, das auf der Synthese unterschiedlichster psychologischer, biologischer und naturwissenschaftlicher, kultur- und geschichtswissenschaftlicher sowie theologischer und spiritueller Evolutionsmodelle beruht, können vier Grundlinien der Entwicklung unterschieden werden – der Evolution des Bewusstseins (Ich), der Evolution des menschlichen Organismus (Es), die Evolution der Kultur (Wir) und die Evolution von Natur und Gesellschaft (Sie = Plural ES).

Penzel Abb1

Entwicklungslinien in den vier Quadranten (Quelle Wilber 2001 b, 80) – die diagonalen Pfeile sind als aufsteigende Linie zu verstehen, sodass dieses Diagramm eigentlich als Pyramide zu beschreiben ist.

  

In der hier gebotenen Kürze werden die vielfältigen Forschungsergebnisse der verschiedenen Wissensdisziplinen auf wenige Stichworte reduziert:

  • Die Evolution von Natur und Gesellschaft (Sie = äußerlich sozial) umfasst die Entwicklung der Materie von der Entstehung von Galaxien bis zur Organisation von Ökosystemen auf dem Planet Erde, außerdem die materielle Organisation menschlicher Gesellschaften, insbesondere der Produktionsmittel vom Faustkeil bis zum Internet und der kollektiven Organisation, angefangen bei Stammesgesellschaften bis zu nationalstaatlichen und transnationalen Demokratien der Gegenwart.
  • Die Evolution der Kultur (Wir = innerlich-sozial) beschreibt die Entwicklung der Kommunikationsfähigkeit, also das Vermögen von Lebewesen, Sinn auszutauschen und dabei die Welt zu deuten. Sie beginnt mit der reinen Reizübertragung und Signalkommunikation einfacher Organismen, reicht über die magische und mythische Weltdeutung früher Kulturen bis zum rational-wissenschaftlichen Weltbild und jener in der Gegenwart beginnenden, sogenannten zentaurischen Kultur. Diese kann als unterste Stufe einer integralen Kommunikation beschrieben werden, denn sie ermöglicht multiperspektivische Weltdeutungen und damit den Übergang von einer gültigen Wahrheit zu einer Vielfalt gleichberechtigter Wahrheiten.
  • Die Evolution des menschlichen Körpers (es = äußerlich-individuell) beginnt mit der Entwicklung von Atomen zu Molekülen und Zellverbänden, weiter zu Organen, Organsystemen und dem menschlichen Organismus. Sie wird in der Gegenwart fortgeführt durch eine weitere Differenzierung des Gehirns infolge einer zunehmend komplexeren Verschaltung von Hirn- und Nervenzellen (SF1 bis SF3). Diese ermöglichen konkret operationales und formal operationales Denken sowie die gegenwärtig sich entwickelnde niedere Schaulogik.
    • Die Evolution des Bewusstseins (Ich = innerlich-individuell) beginnt mit der einfachen Reizverarbeitung eines Säuglings, reicht von der Ausbildung von Empfindungen in der frühen Kindheit über die symbolische Kommunikation mittels Sprache und Bildern bis zum konkret operationalen und formal operationalen Denken im Erwachsenenalter, das eine differenzierte Selbst- und Weltreflexion gewährleistet. Die im aktuellen Bewusstseinshorizont taucht die niedere Schaulogik auf, die durch vielfältige Reflexionsoperationen eine multiperspektivische, pluralistische Weltsicht und damit eine Transzendierung des egoistischen Selbst ermöglicht.

Innerhalb dieses vierteiligen Evolutionsmodells müssen die einzelnen 13 Stufen jeweils als Zusammenhang verstanden werden, d.h. auf einer Stufe existieren zwischen den vier Quadranten spezifische Korrelationen. Auf Stufe 13 beispielsweise ermöglicht die Organisation immer komplexerer Nerven- und Hirnzellenverschaltungen die sogenannte niedere Schaulogik, die wiederum die Voraussetzung für eine mehrdimensionale Weltbetrachtung ist – und nur dadurch ist es möglich, dass Menschen in der Lage sind, transnationale Demokratien wie die Europäische Union überhaupt zu organisieren.

Mit Wilbers dreidimensionaler Landkarte der menschlichen Evolution ist sowohl das Entwicklungsniveau einer Gesellschaft als auch das eines einzelnen Menschen bestimmbar. Ein derartig entwicklungsorientiertes Identitätsmodell arbeitet mit qualitativen Abstufungen und ist somit hierarchisch strukturiert. Im Konzept eines pluralistischen Relativismus der Postmoderne werden qualitative Unterschiede zwischen einzelnen Menschen und Gesellschaften gern wegdiskutiert oder als Demonstration intellektueller Arroganz und als Machtgeste denunziert. De facto aber bestimmen Entwicklungsunterschiede die alltägliche Realität des privaten und des öffentlichen Alltags. So ist ein qualitativer Unterschied der moralischen und sozialen Kompetenz zwischen einem leidenschaftlichen Verfechter einer Weltdemokratie, wie ihn der Philosoph Jürgen Habermas verkörpert, und einem IS-Kämpfer, der alle Menschen anderen Glaubens exekutiert, nicht zu leugnen. Dabei handelt es sich um zwei Menschen der Niveaustufen 13 und 11, die zwar zur gleichen Zeit leben, aber doch in ganz unterschiedlichen Weltbildern beheimatet sind. Dieses Beispiel verdeutlicht die Schwierigkeiten bei der Beurteilung heutiger Weltprobleme und lässt ahnen, welches enorme Konfliktpotential die Kollision von Menschen unterschiedlicher Entwicklungsniveaus in sich birgt. Das betrifft nicht nur den politischen Bereich, sondern ebenso ökonomische, aber auch institutionelle und private, ja intime Austauschbeziehungen. Menschen auf unterschiedlichen Entwicklungsstufen kommunizieren mit jeweils anderen Strategien, der eine emotional, der andere rational, der eine eindimensional, der andere mehrdimensional, der eine mit den Möglichkeiten des Diskurses, der andere mit dem Maschinengewehr. Angesichts dieser jeden Menschen unmittelbar betreffenden Entwicklungsherausforderungen hat Wilber verschiedene weitere Differenzierungsmöglichkeiten dargestellt, die für einzelne Personen, für kollektive Prozesse und für professionelle Situationen (bspw. Therapeutische oder systemische Beratung) eine Orientierungshilfe darstellen.

Spektrum des Bewusstseins – Wellen bzw. Stufen der individueller Entwicklung

Während im oben erläuterten Quadrantenmodell vier Hauptachsen der menschlichen Evolution dargestellt sind, hat Wilber in Folgepublikationen (2001 a, 146 ff) unter Nutzung verschiedener psychologischer Forschungen für die Entwicklung des individuellen Bewusstseins (oberer linker Quadrant) ein spezielles Stufenmodell entworfen. Es umfasst zehn Ebenen bzw. Sphären, in denen Menschen in ihrem Wachstum für einen längeren Zeitraum beheimatet sind, um danach zur nächsten Ebene der Bewusstseinsentwicklung aufzusteigen. Entwicklung bedeutet, dass „jedes spätere Stadium die früheren einschließt und transzendiert, und damit bekommt man eine ganz natürliche, innere, zwangsläufige Stufenfolge, eine Stufenfolge von Ganzheit und Tiefe“ (Wilber 2001 a, 318). Das gesamte Spektrum des menschlichen Bewusstseinswachstums umfasst folgende Stufen bzw. Wellen (Wilber 2001 a, 146 ff):

  1. Sensomotorisch: Im Säuglingsalter ist die Identität auf den physischen Körper, die materielle Ebene, die Physioshäre beschränkt.
  2. Emotionell-sexuell: Die frühe und mittlere Kindheit bestimmen Triebe, Empfindungen, Wahrnehmungen und Gefühle, getragen von Lebensenergie (Elan vital, Libido, Prana, Bioenergie). Das Kind verfügt über einen rein emotionalen Zugang zur Welt und identifiziert sich vollständig mit seinen Gefühlen.
  3. Magisch: Die mittlere Kindheit ist geprägt von der Frühform des Geistes (bei Piaget präoperational), einer Stufe, auf der Subjekte und Objekte noch kaum differenziert sind. Ihre Kennzeichen sind Egoismus, Artifizialismus, Anthropozentrik und Wortmagie. Wegen dieser mangelnden Differenzierung werden physischen Objekten egoistische menschliche Antriebe unterstellt (bspw. „Der Stuhl hat mich gestoßen!“). Ebenso glaubt das narzistische Ich, dass es die Welt direkt und in magischer Weise beeinflussen könne. Das Ich fühlt sich als Zentrum der Welt und will über Menschen und Gegenstände bestimmen. Der Verhaltensmodus ist emotional impulsiv.
  4. Mythisch: Die späte Kindheit ist bestimmt von der Ausbildung eines konkret operationalen Bewusstseins (Piaget), in der die Rollenidentität ausgebildet wird. Dabei weitet sich der Fokus von der magischen Kraft des Ichs auf die „Heerscharen mythischer Göttinnen und Götter“ aus, die in Gestalt anderer Menschen bzw. medialer Helden ins eigene Leben treten. Die Helden, das können auch religiöse Institutionen mit ihren Dogmen sein, verfügen scheinbar über die Fähigkeit, Wunder zu bewirken, um positiv gestaltend in das eigene Leben einzugreifen. In der mythischen Sphäre herrscht die Logik von Gut und Böse, von Wir und die Fremden; sie ist getragen vom Pathos von Kampf und Sieg. Indem der Fokus der Identität vom magischen Ich auf ein mythisches Wir gelenkt wird, werden erste Formen der Selbstreflexion angeregt und Narzissmus verringert. Das Verhalten orientiert sich am Common Sense von sozialen Gruppen und Vorbildern; es ist konformistisch und regelbezogen.
  5. Rational: Am Ende der Kindheit und mit Beginn des Jugendalters setzt eine starke Differenzierung des Bewusstseins ein. Es beginnt die formal operationale Phase (Piaget), in der das Subjekt die konkret-buchstäblichen Mythen verwirft und stattdessen versucht, seine Bedürfnisse durch Prüfung des Augenscheins und durch Anwendung logischer Denkoperationen zu befriedigen. Die Welt wird als durchdrungen von Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten angesehen, die durch wissenschaftlich-rationale Verfahren erkannt und genutzt werden können. Es dominiert eine analytische Betrachtungsweise der Umwelt, in deren Folge wird der Narzissmus weiter abgeschwächt. Auf der Grundlage einer kritischen Reflexion der geltenden Lebensregeln entwickelt sich ein selbstbewusstes autonomes Verhalten, das vor allem die eigene Selbstverwirklichung zum Ziel hat und folglich egozentrisch orientiert ist.
  6. Schau-Logik: Im Erwachsenenalter sollte sich ein synthetisierender, vereinheitlichender Erkenntnismodus durchsetzen. Schau-Logik ist die Grundlage für eine integral-aperspektivische Weltbetrachtung, die vielfältige Sichtweisen toleriert und die somit von der Geltung einer Wahrheit zur Akzeptanz verschiedener Wahrheiten gelangt. Als Prinzip der Welteinheit wird deren Vielfalt und Wandelbarkeit erkannt. In ihren Alltagshandlungen berücksichtigen Personen dieser Stufe auch die Interessen, Wertvorstellungen und Wünsche anderer Menschen. Das Verhalten ist also solidarisch und soziozentrisch (gemeint sind alle Gruppen und Kollektive) ausgerichtet. Die Identität wächst vom Ich zum Wir.
  7. Psychisch: Dabei handelt es sich um die erste Stufe des transpersonalen, überindividuellen oder spirituellen Daseins. Diese Ebene ist durch eine intensive mystische Vereinigung mit dem ganzen grobstofflichen Reich gekennzeichnet, dem Reich der Natur, der oft mit dem griechischen Begriff Gaia für Erdmutter zusammengefasst wird. Hier ist Naturmystik, meist auf der Grundlage sogenannter individueller Gipfelerfahrungen, beheimatet. Das Ego erlebt sich als Teil des größeren Weltzusammenhangs; es erkennt im Vergleich mit anderen Lebewesen seine Relativität und schätzt zugleich die Ökosphäre als schützenswerte Grundlage jeden Lebens. Im psychischen Bewusstsein kommt der Natur eine gottesähnliche Stellung zu. Das Ich fühlt sich als Mitglied im großen Bund aller Naturwesen (bspw. hat dann eine Mücke denselben Lebenswert wie das eigene Ich). Das solidarische und verantwortungsvolle Empfinden und Verhalten weitet sich von den Mitmenschen auf alle Lebewesen der Erde aus, es ist weltzentrisch orientiert.
  8. Subtil: Auf dieser Stufe werden transzendentale Wahrnehmungsformen und Praktiken wie Meditation, Yoga, mystisches Gewahren und feinstoffliche Visionen praktiziert, mit der Strukturen und Wesenheiten der nichtmanifesten Welt erkannt werden. Hier beginnt echte Gottheitsmystik, wie sie Schamanen, Yogi oder sogenannte Seher praktizieren. Das empfundene Mitgefühl betrifft nun auch Wesen, Formen und Strukturen der nichtmanifesten Welt.
  9. Kausal: Auf dieser Stufe offenbart sich das formlose Nichtmanifeste, Nirvikalpa, Nirvana, reine Leerheit, der Abgrund, Ayn. Hierbei ist jede Identifikation mit dem egoistischen (niederen) Selbst aufgegeben. Das kausale Bewusstsein entspricht einer reinen Zeugenschaft allen Geschehens, aller sowohl im Äußeren (rechte Quadranten) als auch im Inneren (linke Quadranten) auftauchenden Ereignisse. Dies ist das Reich der formlosen Mystik.
  10. Nichtdual: Dies ist sowohl das höchste Ziel aller Stufen als auch der allgegenwärtige Urgrund aller Stufen. Im Bereich der integralen oder nichtdualen Mystik wird die Einheit von Leerheit und Form, von GEIST und Welt, von Nirvana und Samsara erlebt und innerhalb der eigenen Lebenspraxis aufrechterhalten.

Innerhalb seiner Untersuchungen hat Wilber auf einige zentrale Probleme dieses Entwicklungsspektrums des menschlichen Bewusstseins hingewiesen:

  • Wir leben in einer Welt, in der Menschen aller Entwicklungsniveaus gleichzeitig nebeneinander existieren. Das erklärt die enorme Heterogenität von Identitätskonzepten nicht nur in globaler Perspektive, sondern auch von Leuten, die sich nahe stehen, die zur selben Zeit am selben Ort leben und sich wundern, dass sie aneinander vorbeireden.
  • Die meisten Menschen erreichen heute im Idealfall die Stufen des rationalen Bewusstseins und der Schau-Logik. Dort stagniert die Entwicklung meist, da es nur sehr wenige anerkannte Institutionen gibt, die breitenwirksam die weiteren Entwicklungsperspektiven aufzeigen und die erforderlichen Wissensbestände und Praktiken für das transpersonale persönliche Wachstum vermitteln.
  • Innerhalb der öffentlichen Diskussion dominiert das rationale Bewusstsein (Wissenschaftslogik) und dieses neigt dazu, alle transrationalen Entwicklungsstufen mit prärationalen, insbesondere mit magischen und mystischen Stufen gleichzusetzen und diese zu diskreditieren. So werden bspw. bis heute subtile Erkenntnisse des Anthroposophen Rudolf Steiner oder des Geomanten Marko Pogacnik mit Phantasterei und kindlich naiven Weltvorstellungen gleichgesetzt. Es ist Wilbers großes Verdienst, diese Verwechslung von prä- und transrational im öffentlichen Diskurs erkannt und im Kontext des Integralen Entwicklungsmodells verortet zu haben.
  • Ein einzelner Mensch ist in seinem Lebensalltag nicht beständig in einer Entwicklungsstufe verankert, sondern wechselt oft in Anhängigkeit des jeweils aktuellen sozialen Kontextes zwischen verschiedenen Niveaus. So kann jemand im professionalen Umfeld auf Ebene 5 agieren, in der Intimbeziehung auf Ebene 4 oder gar 3 zurückrutschen und in seiner Meditationsgruppe Ebene 7 oder 8 erreichen. Erst wenn die unteren Ebenen in die höheren vollständig integriert sind, zum Teil mittels therapeutischer Hilfe, zum Teil mittels einer geistigen Lehrperson, ist ein Entwicklungsabschnitt wirklich abgeschlossen.

Vor dem Hintergrund dieser lebenspraktischen Aspekte hat Wilber 2007 das Spektrum des Bewusstseins durch eine neue theoretische Perspektive ergänzt – das Integrale Psychogramm.

Integrales Psychogramm – Parallele Entwicklungslinien

Seit Mitte der 1990er Jahre wurde in unterschiedlichen Forschungsansätzen deutlich, dass die gesamte Entwicklungspsychologie ausschließlich auf kognitive Prozesse beschränkt war und somit nur die Bewusstseinsentwicklung erfassen konnte. Andere personale Kompetenzen wurden hier nicht untersucht. Seither hat sich das Konzept der „multiplen Intelligenz“ (Gardner 1983) durchgesetzt. Es wird nun nicht mehr nur eine Entwicklungslinie fokussiert und verabsolutiert, sondern es werden verschiedene parallel verlaufende Ströme beobachtet. Menschen verfügen über gut ein Dutzend unterschiedliche Entwicklungsbereiche, darunter kognitive, moralische, zwischenmenschliche, emotionale, psycho-sexuelle, ästhetische, spirituelle u.a. Diese verschiedenen Linien existieren tatsächlich relativ unabhängig voneinander. „Wir können also bei ein und derselben Person eine hohe Entwicklung in einigen Linien (z.B. der kognitiven) nachweisen, eine mäßige Entwicklung in anderen (z.B. der zwischenmenschlichen) und in wieder anderen eine schwache Entwicklung (z.B. moralisch).“ (Wilber 2007, 91) Für die Gesamteinschätzung der Entwicklung einer Person schlägt Wilber daher die Erstellung eines integralen Psychogramms vor, das die erreichten Niveaus in den verschiedenen Hauptlinien abbildet:

Penzel Abb2

Ken Wilber: Integrales Psychogramm (Quelle: Wilber 2007, 91)

  

„Diese Linien repräsentieren verschiedene Typen von Antworten auf Fragen, die uns das Leben selbst stellt.“ (Wilber 2007, 92) Dazu einige Beispiele und Forscher (ebenda 93):

LinieLebensfrageTypische Forscher
kognitiv Was nehme ich bewusst wahr? Piagt, Kegan
Selbst Wer bin ich? Loevinger
Werte Was ist für mich wichtig? Graves, Spiral Dynamics
moralisch Was soll ich tun? Kohlberg
zwischenmenschlich      Wie sollen wir uns begegnen? Selman, Perry
spirituell Was ist mein höchstes Anliegen?      Fowler
emotional Welche Gefühle habe ich? Goleman
ästhetisch Was finde ich schön? Housen
       

In jeder dieser Linien existieren verschiedene Entwicklungsstufen, die in den einschlägigen Forschungsansätzen detailliert beschrieben werden. So läuft beispielsweise die moralische Entwicklungslinie über folgende Stufen:

  • präkonventionell: Was ich möchte, ist richtig. (egozentrisch)
  • konventionell: Was die Gruppe möchte, ist richtig. (soziozentrisch)
  • postkonventionell: Richtig ist, was für alle Menschen ohne Ansehen von Rasse, Geschlecht und Glauben akzeptabel ist. (weltzentrisch)

Im integralen Psychogramm entsteht ein Gesamtbild einer Persönlichkeit, das Stärken und Schwächen deutlich macht und dadurch gezielte Entwicklungsimpulse für den einzelnen Menschen bietet. „Während man sagen kann, dass viele dieser Entwicklungslinien die Wellen in Stufenschritten durchlaufen (…), gilt dies für die Selbstentwicklung insgesamt nicht, weil das Selbst die Summe all dieser unterschiedlichen Linien ist und die Zahl der Permutationen und Kombinationen praktisch unbegrenzt ist. Mit anderen Worten, das individuelle Wachstum gehorcht im Ganzen keiner festgelegten Abfolge.“ (Wilber 2001 a, 362 f). Das integrale Psychogramm bietet als diagnostisches Mittel sowohl die Grundlage für die Integrale Psychologie als auch für die Integrale Lebenspraxis (dazu gesonderte Einführungstexte).

Literatur
  • GARDNER, HOWARD (1991): Abschied vom IQ. Die Rahmentheorie der vielfachen Intelligenzen. Stuttgart (engl. Orig.: Frames of Mind. The theory of multiple intelligences, New York 1983)
  • PATTEN, TERRY u.a. (Hrsg.) (2010): Integrale Lebenspraxis, München
  • PENZEL, JOACHIM (2010): Gestalten als ganzheitliche Bildung. Perspektiven einer integralen methodologischen Pluralität eines neuen Unterrichtsfachs, in: PENZEL, JOACHIM und MEINEL, FRITHJOF (Hrsg.): Gestalten und Bilden. Methodendiskurs als Impuls für den Unterricht, München, S. 17-35
  • WILBER, KEN (1996): Halbzeit der Evolution. Der Mensch auf dem Weg vom animalischen zum kosmischen Bewusstsein, Frankfurt am Main (engl. Original: Up From Eden: A Transpersonal View of Human Evolution, Boston1981)
  • DERS. (1996): Eros. Kosmos. Logos, Frankfurt (engl. Orig.: Sex. Ecology. Spirituality, Boston 1995)
  • DERS. (2001 a): Einfach „Das“.. Geist. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres. Frankfurt am Main (engl. Orig.: One Taste. The Journals of Ken Wilber, Boston 1999)
  • DERS. (2001 b): Integrale Psychologie. Geist. Bewußtsein. Psychologie. Therapie, Freiamt (engl. Orig.: Integral Psychology, Boston 2000)
  • DERS. (2007): Intergrale Spiritualität, München (engl. Orig.: Integral Spirituality, Boston 2006)

 

Über den Autur

Penzel Joachim

Dr. phil. Joachim Penzel: Kunstpädagoge, Kunstwissenschaftler und Ausstellungskurator; Bereichsleiter für das Fach Kunst/Gestalten an Grund- und Förderschulen an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg; Referent am Landesinstitut für Schulqualität und Lehrerbildung Sachsen-Anhalt [Lisa] in den berufsbegleitenden Studiengängen Kunst und den Wahlpflichtkurs „Kultur und Künste“ für Sekundarschulen

Joachim Penzel beschreitet einen labyrinthischen Lebensweg, der sich erst in der Rückschau zur Einheit schließt. Nach dem Studium in den gestalterischen Bereichen Industriedesign und Malerei/Grafik schlossen sich theoretische Fächer wie Kunstwissenschaft, Geschichte und Soziologie an. Nach einer Arbeitsphase als freier Kurator für Kunstmuseen folgte eine Zeit der kulturwissenschaftlichen Forschung mit Promotion. Die künstlerische Projektarbeit in verschiedenen Schulen eröffnete den Einstieg in die Ausbildung von Lehrenden der Fächer Kunst und Gestalten zunächst an der Kunsthochschule Halle Burg Giebichenstein, danach an der Bauhaus Universität Weimar und aktuell an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

Während einer Ausbildung in der Geomantie bei Dr. Gregor Arzt auf dem Undinenhof in Barnewitz Märkisch Luch wurde eine fundamentale Identitätskrise ausgelöst. Die in der schamanistischen Meditation erlebte Verbindung mit der Vielfalt der geistigen Welt war mit dem rationalen Weltbild eines Kunstwissenschaftlers und Kunstpädagogen nicht vereinbar. Als dadurch wieder einmal die Frage einer beruflichen Neuorientierung anstand, schenkte ihm ein Kunststudent Ken Wilbers „Eros. Kosmos. Logos“ mit dem Hinweis, dass sich damit jede Krise lösen lässt. Mit der Lektüre stellte sich zum ersten Mal das Gefühl ein, ein ganzer Mensch zu sein, der die Möglichkeiten seines irdischen Daseins erkennt.

Dieser integrale Impuls änderte die berufliche Arbeitsweise. Ab dem Jahr 2014 begann der Aufbau der Internetseite www.integrale-kunstpaedagogik.de, in der das ganzheitliche Denken die Grundlage bildet, die Fachlandschaft der Kunstpädagogik zu ordnen. Nach vielen äußeren Widerständen hat sich diese Webseite, an der mittlerweile ca. 100 Lehrende, Kunstschaffende und Studierende mitwirken, zur meistgenutzten kunstpädagogischen Fachplattform im deutschsprachigen Raum entwickelt. Hier erhalten Studierende eine Orientierung in den theoretischen Grundlagen, Lehrende in den Schulen praktische Unterrichtsanregungen und alle Kunstbegeisterten Impulse für die eigene ästhetische Entwicklung.

 

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