aus: Ken Wilber, Exzerpt D.

Eine der ersten und wichtigsten Änderungen, welche ich bei der Entwicklung einer Postmetaphysik vorschlage, ist, die Idee der Wahrnehmung durch jene der Perspektive zu ersetzen.

Die großen Weisheitstraditionen und Philosophen-Weisen (von Plotin zu Shankara zu Gautama Buddha zu Hegel zu Aurobindo zu Whitehead) haben ihren interpretativen Rahmen großteils auf dem Konzept der Wahrnehmung (Bewusstheit/Bewusstsein) aufgebaut: die Natur dieses Augenblicks erfasst verschiedene Phänomene oder nimmt sie wahr; diese Wahrnehmungen oder Augenblicke reiner Aufmerksamkeit sind die "Bausteine" einer bewussten, panpsychischen Welt; das daraus resultierende Netzwerk von Wahrnehmungen ist Indiras Netz gegenseitiger Wahrnehmung und von einander abhängiger Beziehungen.

Die Aussagekraft, Schönheit und der Nutzen dieser großen metaphysischen Systeme sind - so glaube ich - nicht zu leugnen.
Jedoch es gibt nirgendwo in der realen Welt Wahrnehmungen; es gibt nur Perspektiven. Ein Subjekt, welches ein Objekt wahrnimmt, ist immer schon in einer Beziehung der ersten, zweiten und dritten Person, wenn es um wahrgenommene Ereignisse geht.

Wenn die manifeste Welt wirklich panpsychisch ist - aufgebaut aus bewussten Wesen (bis ganz nach oben und bis ganz nach unten) - dann setzt sich die manifeste Welt aus Perspektiven zusammen, und nicht aus Wahrnehmungen.
Ein Wechsel von Wahrnehmungen zu Perspektiven ist der erste radikale Schritt in einer Bewegung von einer Metaphysik zu einer Postmetaphysik. Nirgendwo im Universum nehmen Subjekte Objekte wahr; sondern erste Personen nehmen zweite oder dritte Personen wahr: Wahrnehmung findet immer innerhalb konkreter Perspektiven statt. "Subjekt nimmt Objekt wahr" (oder "reine Aufmerksamkeit gegenüber den Dharmas") ist keine ursprüngliche Gegebenheit, sondern eine Abstraktion einer unteren Kategorie, welche das Gewebe des Kosmos schon so sehr zerreist, dass es sich nicht mehr so einfach reparieren lässt.

(Perspektive der "ersten Person" meint die Perspektive der Person, welche spricht - ich, singular oder wir, plural.
"Zweite Person" meint die Person, zu der gesprochen wird - du oder ihr.
"Dritte Person" meint die Person oder den Gegenstand über den gesprochen wird - er, sie, sie [Mehrzahl], ihnen, es, es [Mehrzahl]. Allgemeiner ausgedrückt ist eine erste Person jedes Holon mit Agenz oder Intentionalität; eine zweite Person jedes Holon, auf welches sich Intentionalität richtet; dritte Person jedes Holon, auf das sich bezogen wird.)

Selbst wenn wir - mit den Materialisten - sagen, dass die Welt aus nichts anderem als physikalischen Atomen zusammengesetzt ist, ist dennoch "Atom" bereits schon ein Symbol der dritten Person, welches von einem bewussten Wesen der ersten Person wahrgenommen wird. Und wenn wir uns ein konkretes Atom vorzustellen versuchen, ist das auch eine Einheit der dritten Person, wahrgenommen von einer ersten Person. Selbst ein "Atom" ist - mit anderen Worten - keine Einheit oder eine Wahrnehmung, sondern eine Perspektive, innerhalb derer die Wahrnehmung erscheint (d.h. alle Wahrnehmungen und Gefühle befinden sich immer schon innerhalb des Raumes einer konkreten Perspektive). Die Kritiker wenden hier bestimmt ein, dass wir uns dennoch eine Zeit vorstellen können, wo es noch keine Menschen sondern lediglich Atome gab, und Atome daher existierten, ohne innerhalb einer menschlichen Perspektive zu erscheinen. (Dies ist wieder bereits eine Vorstellung der dritten Person, eingenommen vom Bewusstsein einer ersten Person, aber stellen wir uns vor, dass wir uns eine Zeit ohne menschliche Perspektiven vorstellen können).

Es ist richtig, dass es eine Zeit gab bevor die Menschen erschienen. Aber wenn die Welt tatsächlich panpsychisch ist, dann hat jedes Atom ein rudimentäres Bewusstheit bzw. eine Proto-Erfahrung von anderen Atomen, und daher ist ein erstes Atom, das sich eines zweiten Atoms gewahr ist, bereits immer schon eine erste Person im Kontakt mit einer zweiten Person. Diese Perspektiven sind - mit anderen Worten - allen bewussten Wesen zu eigen; wenn es bewussten Wesen bis ganz nach unten gibt, dann gilt das auch für Perspektiven. Daher sind bewusste Wesen und Perspektiven - und nicht Bewusstsein und Phänomene - das "Zeug" aus dem der Kosmos gemacht ist.
Eine Wahrnehmung ist - wie wir gesagt haben - nicht wirklich eine Erfahrung, sondern eine Abstraktion, und dies ist einer der Gründe, warum die alten metaphysischen Systeme bei einer genaueren Untersuchung in sich zusammenfallen. Wahrnehmung privilegiert insgeheim abstrakte Objekte; Perspektiven privilegieren bewusste Wesen.

In einem Satz: Eine Welt mit bewussten Wesen ist eine Welt, welche sich aus Perspektiven zusammensetzt - und nicht aus Gefühlen, Bewusstsein, Bewusstheit, Prozessen, Ereignissen - weil all dies bereits Perspektiven sind, bevor sie irgendetwas anderes sind.

Empfindende Holons und ihre Perspektiven: einige dieser wesenseigenen Perspektiven sind so grundlegend, dass diese zu der Zeit, als empfindende menschliche Holons evolvierten, in die natürlichen Sprachen eingebettet wurden, als Varianten von Perspektiven der ersten, zweiten und dritten Person - Sprachen, welche ihrerseits über die Jahre evolvierten, und diese ursprünglichen Anlagen in sich aufnahmen und ausdrückten.Einige dieser ursprünglichen Perspektiven sind schematisch in Abbildung 1 dargestellt.

Abb. 1: Acht ursprüngliche Hauptperspektiven

Diese Perspektiven sind in menschlichen Sprachen oft als Pronomen eingebettet; wie ich, du, er, sie, es, wir, unser, euer, ihr, mich, sie [plural], ihnen, uns, ihn: die reiche Vielfalt von Perspektiven, welche bewusste Wesen aufgrund ihrer Existenz in einer Welt zusammen mit anderen empfindenden Wesen besitzen. Abb. 1 repräsentiert vier der grundlegendsten Perspektiven des In-der-Welt-Seins (ich, wir, es, und es [plural]), welche wir die vier Quadranten nennen, zusammen mit einem Innen und Außen in jedem der Quadranten (was wir gleich erläutern werden), und so gelangen wir zu acht natürlichen Hauptperspektiven des In-der-Welt-Seins. Dies sind keinesfalls die einzigen Hauptperspektiven, sondern lediglich einige, die hervorzuheben sind.

Wenn Menschen verschiedene Untersuchungsmodi einsetzen, dann enthüllen, betonen und erhellen diese Modi verschiedene Typen von Phänomenen, bringen sie hervor und drücken sie aus - Phänomene, welche durch und von verschiedenen Perspektiven inszeniert werden. In diesen Exzerpten konzentrieren wir uns auf acht der wesenseigenen Hauptperspektiven, und die Methodologien, welche diese unterstützen. Wenn wir - im Lauf der Zeit - zu den Menschen gelangen, dann beginnen diese acht wesenseigenen Standpunkte des In-der-Welt-Seins sehr komplex zu werden. Aber der Lackmustest einer jeden integralen Post-Metaphysik besteht darin, ob diese wesenseigenen Perspektiven die bekannten Untersuchungsmodi - welche bereits schon von Menschen angewendet werden - generieren können. Die Antwort, glaube ich, ist Ja. Diese Methodologien werden in Abbildung 2 vorgestellt, welche diese acht wesenseigenen Perspektiven zeigt, und acht der Hauptmethodologien oder Paradigmen, die sie hervorgebracht haben.

(Ein Kuhn'sches "Paradigma" ist natürlich keine Theorie, sondern eine Praxis, ein Beispiel, eine Injunktion oder eine Methodologie, und wird hier in seiner richtigen Bedeutung verwendet).


Abb. 2: Acht Hauptparadigmen oder Methodologien

Worum es geht, ist einfach: um die Legitimität, jeder dieser Methodologien zu leugnen, muss gegen ihre ursprünglichen Perspektiven verstoßen werden, und damit auch gegen die empfindenden Wesen, welche diese einnehmen. Ein Integraler Methodologischer Pluralismus lehnt solche Verstöße ab. Ein Integraler Methodologischer Pluralismus versucht stattdessen - indem er den Leitlinien des Nichtausschließens, der Inszenierung und der Entfaltung folgt - einen Rahmen davon zu erstellen, was empfindende Wesen ohnedies bereits tun, in der Hoffnung, dass ein derartiger Rahmen - indem er Platz für dasjenige schafft, was der Kosmos ohnedies bereits ermöglicht - uns dabei helfen wird, unseren Weg in einer derart geräumigen Welt auf eine großzügigere Weise zu finden.

Einige Haupt-Ereignishorizonte

Es gibt (mindestens) 4 Hauptperspektiven des In-der-Welt-Seins, welche wir die vier Quadranten nennen - ich, wir, es, es [plural] - von denen jede von ihrer eigenen Innenseite oder Außenseite betrachtet werden kann, was uns acht Perspektiven zur Verfügung stellt, welche empfindenden Wesen intrinsisch sind. (siehe Abb. 1). Jede dieser Perspektiven hat eine natürliche Methodologie oder Untersuchungsmethode, Weisen, wie empfindende Wesen andere empfindende Wesen berühren (siehe Abb. 2).
Diese acht natürlichen oder ursprünglichen Perspektiven sind das Innen und das Außen von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten im Singular und im Plural - ein bisschen viel auf einmal, aber, was wir einfach nur damit sagen wollen, ist, dass wir auf das Innen und das Außen eines "ich", eines "wir", eines "es" und eines "es" [plural] schauen können. In Exzerpt C betrachteten wir das Innere eines "ich" und das Innere eines "wir"; in diesem Exzerpt [D] betrachten wir das Äußere eines "ich" und das Äußere eines "wir" (und in den noch folgenden Exzerpten das Innere und das Äußere eines "es" und eines "es" [plural].

Abb. 3: 4 Hauptzonen

Jede dieser acht Betrachtungsweisen ist in Wirklichkeit ein "Ereignishorizont" oder eine phänomenologische Welt, welche innerhalb dieser Perspektive inszeniert und hervorgebracht wird. Wir haben sie Ereignishorizonte, oder Horizonte [hori-zones] oder einfach Zonen genannt. Alle acht Perspektiven erzeugen phänomenologische Zonen bzw. Ereignishorizonte. Wir werden die wichtigsten von ihnen betrachten, welche in Abb. 3 nummeriert sind. Diese vier Zonen sind nicht dasselbe wie die vier Quadranten, sondern repräsentieren einfach einen weiteren nützlichen Weg zur Gruppierung der acht wesenseigenen Perspektiven (und zwar das Innen und das Außen von Innerlichkeiten und Äußerlichkeiten). Diese Zonen lassen sich wie folgt beschreiben (in einer abstrakten, vielleicht auch langweiligen Form; nachfolgende Beispiele werden hoffentlich verständlicher sein, aber was nun folgt, sind die technischen Einzelheiten für eine Bezugnahme):

Zone Nr. 1: Innerliche Holons (ein "Ich" oder "Wir") werden innerhalb ihrer eigenen Grenzen betrachtet. Dies ist ein Ansatz der ersten Person gegenüber Wirklichkeiten der ersten Person (1p x 1p), sowohl im Singular als auch im Plural. Die Singular-Form ist das Innen eines "Ich" (klassische Paradigmen oder Injunktionen, welche diese Dimensionen der ersten Person singular des In-der-Welt-Seins hervorbringen, inszenieren und enthüllen, sind Phänomenologie, Introspektion, Meditation). Die Plural-Form ist das Innen eines "Wir" (welches durch Methodologien wie Hermeneutik, gemeinschaftliche Untersuchungen und partizipatorische Epistemologie hervorgebracht, inszeniert und enthüllt werden kann).

Zone Nr.. 2: Innerliche Holons (ein "Ich" oder "Wir") werden von außerhalb ihrer eigenen Grenzen betrachtet. Dies ist ein Ansatz der dritten Person gegenüber Wirklichkeiten der ersten Person (3p x 1p), sowohl im Singular als auch im Plural. Die Singular-Form ist das Außen eines "Ich" (dem man sich durch Methodologien wie dem Entwicklungsstrukturalismus nähern kann). Die Plural-Form ist das Außen eines "Wir" (dem man sich durch Methodologien wie beispielsweise kultureller Anthropologie, Neostrukturalismus, Archäologie und Genealogie nähern kann).

Zone Nr. 3: Äußerliche Holons (ein "Es" oder "Es" [plural]) werden innerhalb ihrer eigenen Grenzen betrachtet. Dies ist ein Ansatz der ersten Person auf Wirklichkeiten der dritten Person (1p x 3p), sowohl im Singular als auch im Plural. Die Singular-Form ist das Innen eines "Es" (dem man sich durch Methodologien, wie beispielsweise biologischer Phänomenologie und Autopoiesis, nähern kann). Die Plural-Form ist das Innen eines "Es" [plural] (dem man sich durch Methodologien, wie beispielsweise der sozialen Autopoiesis, nähern kann).

Zone Nr. 4: Äußerliche Holons (ein "Es" oder "Es" [plural]) werden von außerhalb ihrer eigenen Grenzen aus betrachtet. Dies ist ein Ansatz der dritten Person auf Wirklichkeiten der dritten Person (3p x 3p), sowohl im Singular als auch im Plural. Die Singular-Form ist das Außen eines "Es" (dem man sich durch Methodologien wie beispielsweise Behaviorismus, Positivismus und Empirismus nähern kann). Die Plural-Form ist das Außen eines "Es" [plural] (dem man sich durch Methodologien, wie beispielsweise der Systemtheorie und der Chaos- und Komplexitätstheorie, annähern kann).

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