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Die Begriffe der Mystik und der Einheit oder Vereinigung mit Gott (oder dem Göttlichen, wem das lieber ist) haben wohl für jeden spirituellen Menschen eine Bedeutung, und für jeden eine andere. Ich möchte hier mit meiner Erfahrung als junger Mensch vor bald vierzig Jahren anfangen, und zunächst versuchen, möglichst wenig Stereotypes darüber sagen, wer sich damals mit wem oder was „vereinigt“ hat.

Wie hat „es“ sich mir gezeigt? Meine Übung damals, mein Einstieg ins Meditieren, war eine Tief-Entspannung, letztlich nur liegen auf dem Teppichboden und aufmerksam sein, wie der Atem, der Bauch und die Glieder, die Haut, das Drücken des Körpers auf den Boden sich anfühlen. Man kann sich einen daliegenden Strumpf oder eine Katze vorstellen. Es konnte dann geschehen, dass ich mich über den Atem wie einschwang auf etwas ungeheuer Stilles und Dichtes, Lichtes und Weites, Friedliches und Freudiges. Das ist eine Erfahrung, die damals für mich keinen Raum mehr für Zweifel ließ, dass die Welt von Grund auf und als Ganzes nicht tote Materie, sondern Geist ist. Das trägt bei mir bis heute.

Seit diesen prägenden Erfahrungen musste ich oft meine ganze Kraft einsetzen, um spirituell und philosophisch ich selbst bleiben und werden „zu dürfen“, in unserer spätmodernistischen Art von Beziehungen und Rollen, Arbeitswelt und urbanem Leben. Der Rückzug, die Muße, die Ruhe und die Munterkeit, die eine Tiefentspannung braucht, waren meist nicht da. Müde und abgespannt verliert man sich in Tagträumen oder Halbschlaf.

Aber es gibt ja noch ein anderes Innewerden der Einheit, eine sehr andere Meditation als die im Liegen oder Sitzen. Mehr ein Stellen in meinen Körper und meine Persönlichkeit hinein, wie ich halt bin, in die Lebenssituation und Weltlage, wie sie halt sind, in meine Familie, Kollegenschaft und Schülerschar, wie sie halt sind, in mein spirituelles und philosophisches Umfeld, wie es halt ist, und in die Welt und den Gott, wie sie sich mir halt zeigen. So aufmerksam und einfach da und sorgfältig und gewissenhaft wie möglich umzugehen mit meinem Platz in alledem – das ist heute meine Praxis.

Noch einmal zu meiner meditativen Erfahrung als Jugendlicher. Den ganzen Streit der Philosophien und spirituellen Schulen, auch den Konkurrenzkampf der großen religiösen und spirituellen Egos – das kannte ich damals noch gar nicht und hätte es auch nicht verstanden. Es ging mir nicht darum, ein toller Meditierer zu sein, zu „erwachen“, oder mir dadurch, wie meditieren sich anfühlt, ein Gottesbild oder Nicht-Gottesbild quasi praktisch zu bestätigen. Dennoch ereigneten sich damals mit mir und für mich die erstaunlichsten Dinge. Zum ersten Mal seit Jahren fand ich Frieden „im Hier und Jetzt“, war bei mir und in Gott, dort wo ich einfach sein durfte und sein wollte. Ich war dort angekommen, hatte ein Zuhause, mein wahres Zuhause gefunden.

Was es gar nicht war – es war kein Weggehen irgendwohin jenseits meiner selbst, es war auch keine Auflösung meiner selbst, „meines Selbst“. Es war vielmehr immer mein Erlebnis, das Erleben des einen ganzen Geistes, der himmelweit über mich hinausreicht, aber auch durch genau diesen meinen lebenden Körper hindurchgeht. Da waren keine Reisen durch subtile Welten oder Kontakte mit subtilen Wesenheiten, da war kein Versinken oder Vergessen meiner selbst. Da war durchaus eine geschärfte Wahrnehmung und auch vertiefte Einblicke in Zusammenhänge in meinem Umfeld, in Kultur und Weltgeschehen, sogar Intuitionen über den tieferen Sinn und Zusammenhang des modernem Weltwissens – aber keine höheren Sphären, Hinterwelten, Himmel.

Daran anknüpfend erlaubt mir noch ein paar Worte als Philosoph. Trügerisch und – ja – vermessen finde ich Versuche einiger spiritueller Traditionen und neuer Bewegungen, eine sozusagen gänzlich weltanschauungsfreie, „unverkopfte“ unio mystica für sich zu beanspruchen. Das Wort „mystisch“ kommt von altgriechisch myein: die Lippen zusammenpressen, den Mund halten, nichts sagen. Seit jeher ist denn auch Mystik eine eher unphilosophische und unkirchliche Spiritualität gewesen, bei der einzelne für sich sitzen und „es“ in sich erspüren. Und falls das so Erlebte (mit-)geteilt wird, dann wird es vor allem angedeutet in Rätseln, in Reimen und in Aussagen, was und wie das Mysterium nicht ist. Die Grundaussage ist: Mach dir keine Gedanken, mach dir keine Vorstellung, tu das alles weg, setz dich einfach hin und lass es sich zeigen, wenn es will und wann es will und wie es will.

Es ist selbstwidersprüchlich, aus dieser Meditationsanweisung eine sogenannte apophatische Weltanschauung zu machen, sie konsequent durchzuhalten im Meinungsaustausch und in der Lehre. Was man als kosmisch und menschlich allumfassend vorschlägt, das muss man ja auch sprachlich, verständlich, sinnvoll rechtfertigen gegenüber Ansätzen, die anders mystisch sind und das Mystische anders mit ihrer sonstigen Sicht der wichtigen und letzten Dinge verbinden. In der modernen, post-autoritären Welt müssen sich Spiritualitäten und Religionen und Weltanschauungen miteinander brüderlich messen, sie können sich nicht mehr wie früher nur an den eigenen Maßstäben messen, müssen sich vielmehr miteinander vergleichen nach den verfügbaren Bezugssystemen: der großen Vielfalt der Weltanschaungen, der Geistesgeschichte der Menschheit, dem Sinnreichtum im weltanschaulichen Grundwortschatz, welcher nicht etwa irgendeiner spirituellen Richtung gehört, sondern (in unserem Fall) der deutschen Sprachgemeinschaft.

Das sit down, shut up, stop thinking and see what happens, als Weltanschaung oder Weltnichtanschaung, läuft definitiv Gefahr, eine Einengung und Abschottung der Mystik von all dem anderen Grundlegenden in der Welt zu werden, von dem das Mystische aber nicht zu trennen ist. Auch Mystik hat ihren Kontext, ihren Platz im großen Zusammenhang unserer Erde, unserer Zivilisation, unserer Person und unserer Weltanschauung. Über diesen Platz muss man oft einfach schweigen und meditieren, schauen und staunen, manchmal aber auch diskutieren und schreiben. Und der mystische sound of silence sagt mir etwas – ich höre ihn mich aufrufen, ich selbst zu werden und ... aktiv zu werden.

Denken wir an den heutigen Krieg der Kulturen und Krieg gegen die Natur, beides Krieg gegen unsere eigene Zivilisation und Humanität und Zukunft. Ich fühle die kosmische Einheit, die Gegenwart, das Mysterium nicht so, dass „es“ will, ich solle nur in „ihm“ schwelgen und ruhen, passiv bleiben. Von mir will „es“, dass ich, so weit ich kann, mir meines Platzes in der Evolution der Menschheit bewusst werde und danach handle, privat, mitmenschlich, auch politisch im weiten Sinn: show up, wie es bei Ken Wilber so schön heißt. Als ein Philosoph, den besonders die Einheit in Vielfalt des Integralen nach Wilber gemeinsam mit anderen verwandten post-postmodernen Richtungen interessiert, würde ich mir davon in Zukunft mehr wünschen.

Nur zusammen, glaube ich, haben wir eine Chance, beim ökologisch-solidarischen Umbau des Westens in der westlichen Öffentlichkeit eine Rolle zu spielen – dort, wo der Platz einer großen spirituellen Weltanschauung, besser: Familie von Weltanschauungen sicher auch wäre.

 

Oliver Griebel ist Philosoph.
Seine Anthologie „Wir Vielen in dieser einen Welt“ mit Beiträgen integraler und post-postmoderner spiritueller Denker ist im Phänomen Verlag erschienen.

  

Oliver Griebel (Hrsg.)
Wir Vielen in dieser einen Welt: Unsere Weltanschauung weiterentwickeln für den nachhaltigen Umbau unserer Zivilisation. Ein philosophisch-spirituelles Lesebuch
mit Beiträgen von John Heron, Philip Clayton, Steve McIntosh, Tilmann Haberer, Jorge N. Ferrer, Oliver Griebel, Bruce Alderman, Thomas Steininger & Eizabeth Debold
Taschenbuch: 340 Seiten
Verlag: Phänomen-Verlag (18. November 2019)
ISBN-13: 978-8494985676  

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