Logo Integrale Perspektiven

Einleitung

Religion, Philosophie und Spiritualität können ebenso sehr unsere Feinde sein wie unsere Freunde. Schließlich sind wir umgeben von gewalttätigen Religionen, belanglosen Philosophien und nichtssagenden Spiritualitäten. Und doch, wenn wir sehen, wie die Moderne um uns herum sich selbst zerstört, und wir tief in unserem Bauch spüren, dass wir dringend handeln müssen, dann wissen wir, dass wir zu den alten Fragen zurück müssen, auf der Suche nach neuen Antworten. Oberflächliche und eigennützige Antworten auf die Frage nach „dem Sinn des Lebens“ beherrschen den Markt der Ideen. Die Worte von W.B. Yeats in seinem Gedicht „The Second Coming“ sind heute wahrer als damals vor genau hundert Jahren, als er sie niederschrieb: „Den Besten fehlt es an Überzeugung, während die Schlechtesten / voll sind von leidenschaftlicher Intensität.“

Die Kontraste können sich beinahe unerträglich anfühlen: auf der einen Seite Religion, die sich zu einer ausgefeilten Kriegswaffe radikalisiert hat, und auf der anderen Seite Religion, die sich zu einer kaum verhüllten Rechtfertigung der bequemen Konsumismus-Welt trivialisiert hat, die wir geschaffen haben. Das Problem ist: In der Geschichte der Menschheit war Religion der Ort schlechthin, wo Sprachen für die letzten Dinge gepflegt und entwickelt wurden. Unsere Vorfahren verließen sich auf Darstellungen der Götter, um ihre heiligen Erzählungen über die ursprüngliche Quelle und die letzte Bestimmung der Menschheit zu formen. Diese heiligen Geschichten wurden zum Fundament für die tiefste Identität des Stammes, und aus dieser wurden die höchsten Verantwortlichkeiten des Einzelnen abgeleitet. Der machtvollste Aufruf zum Mitleid und die größten Opfer für die Gruppe als Ganze hatten ihren Ursprung in einer religiöser Letzten Wirklichkeit.

Wenn Religion uns nicht länger hilft, unser höheres Selbst zu finden, wenn sie aufhört, uns zu Mitgefühl aufzurufen und uns die Sprache zu geben, die wir brauchen, um zu erforschen, was wir letztlich sind – was wird uns dann über die abstumpfende Wirkung unseres Alltags hinaushelfen? Wenn wir kein Weltbild, keine Weltanschauung haben, wie können wir dann die Einsichten, die wir sammeln, zu einem sinnvollen Muster zusammenweben? Die Vielen im Einen, das heißt Zusammenhang; viele ohne Einheit, das bedeutet Zersplitterung.

Am beunruhigendsten ist, dass der Zusammenbruch einer einenden Sprache für die höchsten menschlichen Werte und für die grundlegendsten Glaubensinhalte genau zu derselben Zeit geschieht, wo wir mit einer eskalierenden globalen Krise konfrontiert sind. Die menschengemachte Destabilisierung des globalen Klimas ist nicht wie die Kriege der Vergangenheit, wo das Sterben der Menschen aufgehört hat, wenn die Soldaten aufhörten zu töten. Sie ist nicht einmal wie die Bedrohung eines globalen Atomkriegs, der entweder den Planeten verwüstet oder verhindert wird. Der Klimawandel ist, wie wenn man einen Lawinenhang hinuntergeht: Bei den ersten Schritten kann man noch umkehren, dann kommt ein point of no return, wo man den verheerenden Folgen nicht mehr entkommen kann. Leider sehen wir als Menschen wie ein kleines Kind aus, das oben an dem Lawinenhang entlangspaziert und nicht erkennt, wie unkontrollierbar die Dynamik der Rückkoppelungen ist. Alles fühlt sich sicher an, alles sieht aus wie immer … bis es nicht mehr so ist. Wenn der Konsens der Wissenschaftler zutrifft – und normalerweise tut er das – dann haben wir nur noch wenige Jahre, um aufzuhören mit der verrückten Zerstörung der Ökosysteme, von denen wir als biologische Art abhängen. Wenn wir damit nicht rechtzeitig aufhören, setzen wir eine globale Lawine in Gang, die einen großen Teil der Biosphäre des Planeten zerstören wird, mit katastrophalen Auswirkungen, die Hunderte, wenn nicht Tausende Jahre weiterwirken werden.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass wir als Menschheit an einem Kipppunkt steht, und die Ökosysteme unseres Planeten mit uns. Es gibt zwei Möglichkeiten. Wir können lernen, die Geschichte von der Evolution des Lebens anders zu erzählen, und zwar als einen Prozess biologischer und spiritueller Ko-Evolution, in dem alles miteinander verbunden ist und dadurch auch jedes seinen Wert in sich trägt – eine Kosmologie, in der alles heilig ist. Nur mit einer metaphysischen Weltanschauung, welche die „Geschichte vom Universum“ auf einem letzten Sinn und Wert irgendeiner Art aufbaut, werden wir auf eine organische Weise an allem, was ist, teilhaben können. [Im Titel des Essays steht auf englisch organic participation, was ich dort mit ganzheitliche Teilhabe über-setze, denn genau das ist gemeint, und organische Teilhabe bringt das, isoliert im Titel, auf deutsch nicht rüber. Wo immer sich das Organische im Sinn des Ganzheitlichen im Kontext erschließt, habe ich den Philip Clayton wichtigen Begriff jedoch mit organisch wiedergegeben; Anm. d. Hrsg.] Wenn wir jedoch in unserer Suche nach Einheit scheitern und es nicht schaffen, effektiv für das Wohl des Ganzen zu handeln, dann könnten wir mit der Titanic der modernen Zivilisation untergehen, dem Schiff, das wir gebaut haben und mit dem wir jetzt auf eine Katastrophe zusteuern, die einen Großteil der Biosphäre mit uns in die Tiefe reißen würde.

Es ist eine persönliche Suche … für jeden von uns

Ich habe mehrere Jahrzehnte über die Themen geforscht, gelehrt, Vorlesungen gehalten und geschrieben, von denen dieses Buch handelt. Und doch hätte ich das vorliegende Kapitel bis vor Kurzem nicht schreiben können – eigentlich sogar bis noch vor sehr kurzer Zeit. Ich kann Sie nicht mitnehmen in meine Vision von der Einheit in Vielfalt, die in den folgenden Seiten entstehen wird, ohne etwas darüber zu sagen, warum ich mich immer weiter von den klassischen Darstellungen von Gott und der Welt entferne.

Der Autor Brian McLaren hat in seiner provokanten Art so knapp es geht ausgedrückt, warum Menschen heute von einem klassischen christlichen Gottesbild und einem klassischen Modell christlicher Institutionen weg müssen, sich weiterentwickeln müssen: „Wenn du eine neue Welt hast, wirst du eine neue Kirche brauchen. Du hast eine neue Welt.“ Gilt das nicht offensichtlich auch für klassische Gottesbilder und eben auch klassische Metaphysik insgesamt?

Wir brauchen eine neue metaphysische Erzählung, und die meisten von uns werden sich über den Hauptgrund dafür einig sein: Die Welt hat sich geändert, anders als es jemand vorhergesehen hat und extrem schnell. Der jüdische Philosoph Emil Fackenheim prägte den Ausdruck „epochemachendes Ereignis“ für Veränderungen, die so maßgeblich sind, dass sie eine neue Epoche in der Weltgeschichte einläuten. Er beschrieb mit Recht damit die Shoah, den Holocaust, ein Ereignis, dass tatsächlich so einschneidend war.

In unserer Zeit nun türmen sich die epochemachenden Übergänge einer auf den anderen, und immer schneller. Der menschengemachte Klimawandel ist der wichtigste, weil er in zunehmendem Maße praktisch jeden Aspekt menschlichen Lebens auf diesem Planeten berühren wird. Wenn Sie darauf achten, dann werden Sie bemerken, dass auf eine Art dieses ganze Kapitel von Ökologie handelt. Aber lassen Sie uns auch über einige andere Themen reden, denen wir uns stellen müssen. Die Hunderten neuer Technologien, die unser Leben auf tausend Weisen umkrempeln. Das schnelle Schwinden von Religion, wie wir sie früher kannten. Die Aufgabe des „Kanons“ westlicher Literatur, und damit die Verwandlung der klassischen höheren Schulbildung. Der Zusammenbruch der Sippe oder Großfamilie, und mittlerweile die Risse auch in der Kernfamilie. Die Globalisierung der kapitalistischen Wirtschaft. Die Abnahme des Engagements und der Einbeziehung der Staatsbürger. Die Schwierigkeit, überhaupt Gemeinschaften von Gleichgesinnten zu finden, um am öffentlichen Leben teilzunehmen. All diese Faktoren haben die Hoffnungslosigkeit zu einem Hauptleiden unserer Zeit werden lassen.

Meiner Meinung nach ist es die wichtigste Aufgabe einer einflussreichen Person heute, egal auf welchem Gebiet sie oder er andere anführt, dass sie Hoffnung gibt. Es gibt mehr als genug Anführer, die den Menschen falsche Hoffnungen und falsche Gewissheiten anbieten, und sie verleiten, ihre Zeit und ihr Geld so zu investieren, dass sie sich gut fühlen (und ihre Anführer Profit machen), und nicht in etwas, worauf es ankommt. Hoffnung zu bringen muss auch der Maßstab für die sein, die im Bereich der Ideen, Spiritualität und Metaphysik eingeschlossen, Menschen leiten.

Das ist ein anspruchsvollerer Maßstab, als Sie vielleicht glauben. Man muss dabei nämlich schon gegebene Antworten immer wieder verändern, nach neuen Formulierungen suchen, die auch wirklich Hoffnung geben. Ich denke hier an drei Ziele, die wir besonders im Auge haben sollten: postmodern geprägten Männern und Frauen zu helfen, nicht verletzend über Gott und andere Letzte Wirklichkeiten zu sprechen; konstruktiv auf die globale Krise zu reagieren; und ein mitmenschliches, sinnvolles Leben zu leben.

Dieses Kapitel versucht es vorzumachen. Ich muss jetzt zum ersten Mal Dinge sagen, die zu sagen ich mir noch vor wenigen Jahren nicht einmal hätte vorstellen können. Systembauende Philosophen wissen, warum sie nur ungern zugeben, dass wir manchmal tiefgreifend unsere Meinung ändern müssen. Doch der Maßstab der Hoffnung, den ich gerade formuliert habe, erfordert diese Ehrlichkeit. Als ein viel-einer Denker (wie Oliver uns gern beschreibt) habe ich manchmal Gott das einende Prinzip genannt und dabei dem menschlichen Geist oder Bewusstsein Vorrang eingeräumt. Hier aber werde ich mich diesem einenden Prinzip anders nähern.

Integrierte Körperlichkeit

Fangen wir an mit der Vielfalt des Physischen, Körperlichen, Physikalischen, Körperbetonten [das alles steckt im englischen Wort physicality; Anm. d. Hrsg.] in unserem normalen Leben. Es geht mir hier um einen philosophisch sehr grundlegenden Ausgangspunkt: Erkennen wir an, dass wir Lebewesen sind, welche in und durch unseren Körper leben [that we are embodied beings], welche die Welt um uns herum sehen, anfassen, spüren, erleben. Wir gehen hier also aus vom Physischen im Sinne des Körperlich-Physischen, nicht im Sinne des Physikalischen, und erst recht nicht des Physikalismus. Das bedeutet, wir reden nicht davon, dass es nur physikalische Dinge gibt, oder dass Physik der Maß aller Dinge ist.

Physicality [von mir ab jetzt übersetzt mit Körperlichkeit; Anm. d. Hrsg.] ist kein philosophischer Fachbegriff. Das ist gut, denn wir wollen die weiteren Bedeutungen und Konnotationen des Ausdrucks mitnehmen. Das Miriam-Webster Dictionary definiert es als eine „stark körperliche Ausrichtung“ [„intensely physical orientation“]. Noch besser ist die Definition des Cambridge Dictionary: „die Eigenschaft, voller Energie und Kraft zu sein: ‘Durante tanzt mit leidenschaftlicher Körperlichkeit’“ [„the quality of being full of energy and force: ‘Durante dances with an impassioned physicality’“].

Weil physicality, das Körperlich-Physische, von den Philosophen noch nicht domestiziert worden ist, kann es zahlreiche verschiedene Merkmale menschlicher Existenz herüberbringen: dass wir sozusagen aus unserem Körper heraus leben; dass wir körperliche Bedürfnisse und Wünsche haben; dass wir Tiere sind, die wechselseitig verbunden mit anderen Tieren und mit der Biosphäre dieses Planeten leben; dass wir die Sinnesempfindungen und Gefühle körperlicher Geschöpfe erleben. Unsere bewussten Gedanken und Erfahrungen – was auch immer sie sonst noch sind – werden von physischen Dingen bewirkt, die außerhalb unseres Körpers sind, wie Licht und Wärme und die Gegenstände, die wir berühren, und sie werden von physischen Dingen bewirkt, die Teil unseres Körpers sind, wie Neuronen und Hormonen und Neurotransmittern.

Das Adjektiv integriert bringt noch zwei weitere entscheidende Elemente mit ins Spiel. Zum Einen: Weil wir wissen, dass wir als Menschen Empfindungen und Erlebnisse und Gedanken vieler Art in uns integrieren, wissen wir auch, dass es viele verschiedene Arten von Dingen und Phänomenen geben muss. Physikalismus ist ein reduktiver Standpunkt – er führt die Vielen (Arten von Erscheinungen) zurück auf das Eine (Grundgesetze und Konstanten der Physik und die Materie/Energie, die diesen Gesetzen gehorcht). Das Körperlich-Physische ist demgegenüber verschwenderisch pluralistisch. Es sagt uns, dass wir als Wesen aus einem Körper heraus leben; denken Sie nur an die unglaubliche Fülle der Wirklichkeit um uns herum! Körperlichkeit feiert die Vielen.
Die erste Bedeutung von „integriert“ betont also die Vielen. Die zweite stellt die Frage nach dem Einen – jedoch nicht als Auftrag zu einer metaphysischen Festlegung, wie der Physikalismus eine ist. Vielmehr können Sie hier „integriert“ denken als zumindest den Versuch, die Dinge in Zusammenhang zu setzen. Das „Eine“ wird so zu einer Suche, ist nicht etwas Vorgegebenes. Das Streben nach Integration ist eine Suche nach Sinn.

Diese Suche kann man am besten erst einmal als ein Geschichtenerzählen verstehen. Eine erfundene Geschichte nimmt einen Haufen Ereignisse und versucht, sie in eine einzige zusammenhängende Erzählung einzupassen. Wir können das Ergebnis mögen oder nicht mögen; wir können es als gut oder schlecht beurteilen; aber unabhängig von unseren moralischen Urteilen erkennen wir das Ergebnis nur dann als sinnvoll, wenn es eine Menge von Stücken zu einem Ganzen integriert – zu einer Geschichte.

Genau so funktioniert eine sinnvolle Geschichte auch im wirklichen Leben. Hier haben wir statt mit fiktiven Charakteren und Situationen mit wirklichen Personen und Ereignissen zu arbeiten, mit den unklaren Stücken unseres eigenen Lebens. Eine „ordentliche“ Erzählung verläuft so, dass wir ihr eine Bedeutung beilegen können. Wir sind immer schon drin in einer Suche nach Integration, in dieser (manchmal vergeblichen) Aufgabe, Momente und Erlebnisse in Zusammenhang zu setzen, die nicht immer recht zusammenpassen wollen, wie ein nicht ganz sauber gearbeitetes Puzzle mit fehlenden Teilen und anderen Teilen, die in der Schachtel bleiben, weil sie eben nicht passen. Die Aufgabe bleibt auch offen, unvollendet. Wie warnte doch der griechische Historiker Herodot: „Möge kein Mann sich glücklich wähnen, eh er nicht sein Leben zu Ende gebracht hat, ohne Kummer zu leiden.“

Wilhelm Dilthey, der Philosoph des 19. Jahrhunderts, erkannte, dass die Unvollständigkeit der Erzählung nicht nur das Leben einer Person betrifft, sondern alle Teil-Ganzes-Beziehungen. Ein einzelnes Wort bekommt seine Bedeutung durch den Kontext eines Satzes, ein Satz im Kontext eines Absatzes, und ein Absatz im Kontext des Buchs. Ähnlich erhält auch jedes einzelne Ereignis, jeder Moment der Geschichte seine Bedeutung letztlich erst im Kontext der Geschichte als Ganzer.

Integration als Prozess und als Suche. Das ist eine schöne und starke Idee, weil sie die Frage nach dem Viel-Einen ganz neu stellt. Wir neigen dazu, uns das Viel-Eine mit statischen Bildern vorzustellen, etwa einem Glas voller Süßigkeiten. Die Idee des integrierten Körperlichen bringt uns zu zeitlichen Bildern – Bildern von Abläufen und Veränderungen. Unser Gehirn ist niemals im Ruhezustand, unser Körper antwortet immer auf äußere Reize, Zellen sterben ab und werden ersetzt. Womit eine Zwölfjährige zufrieden ist, reicht ihr mit neunzehn nicht mehr. Die Antwort von heute ist die Frage von morgen.

Vielleicht können sie jetzt eine meiner Sorgen wegen der traditionellen Weisen, über Gott zu sprechen, besser verstehen. Wenn man mit Gott anfängt, dann fängt man geradezu per definitionem mit einer Antwort an. Sogar Philosophien, die mit dem Geist oder der Seele anfangen, versprechen ihren Lesern damit bereits, dass sie das Wesen dessen kennen, was Sinn schafft. Wenn wir dagegen mit dem Physischen beginnen, mit unserer schieren Körperlichkeit als wahrnehmend-fühlend-denkende Wesen, dann beginnen wir mit einer Frage.

Der menschliche Ausgangspunkt ist eher wie die berühmte Floß-Metapher von Otto Neurath. Wenn wir bewusst werden, finden wir uns auf einem Meer treibend vor, ohne ein Ufer in Sicht, umgeben von Treibgut. Wir fangen an, die Stücke in Reichweite zu uns her zu ziehen und sie so gut es geht zu einem Floß zusammenzubinden, auf dem wir uns ausruhen können. Viele der Stücke, die wir in die Geschichten einbinden, die wir erzählen, finden wir um uns herum schon vor; sie kommen aus unserer Kultur, aus unserer Familie, aus unserer Erziehung und Bildung, und natürlich aus unseren Erlebnissen. So betrachtet sind die Dinge, die mit dem Physischen und uns als körperlichen Wesen zu tun haben, die Gegebenheiten und das Vorgegebene, mit dem wir arbeiten müssen, und der Vorgang des Geschichten-Erzählens wird zu einem Prozess des Uns-in-Sinn-hinein-Erzählens – zu einem Streben nach Integration, nach Einheit.

Kurz gesagt verweist der Ansatz der integrierten Körperlichkeit auch darauf, dass wir immer Personen im Prozess sind, Personen auf einer Suche. Es wird damit auch hervorgehoben, dass unser Sein und Denken immer unvollständig sind.

Über die Integration von Pluralitäten in Formen von Einheit

Der Begriff „Tiefen-Pluralismus“ wurde geprägt von dem visionären Denker John B. Cobb, Jr.. Die Wortschöpfung ist interessant, denn das „tief“ impliziert, dass es andere, seichte Pluralismen gibt. Der Seicht-Pluralismus, an den Cobb dachte, war die Position von John Hick, wonach es nur eine religiöse Letzte Wirklichkeit gibt, nämlich das in sich ununterschieden „Wirkliche“; alle anderen Aussagen über das Göttliche wären demnach Projektionen unserer eigenen persönlichen und kulturellen Konstrukte auf dieses Wirkliche. Bei allem Respekt gegenüber John Hick vertrat Cobb die kühne These, dass es in Wahrheit eine Vielfalt von religiösen Ur-Wirklichkeiten gibt. Er argumentierte, dass es drei davon gibt: eine Ur-Wirklichkeit mit persönlichen Merkmalen (Gott, Brahman); eine unpersönliche Ur-Wirklichkeit (Welt oder Kosmos); und die Schöpfungskraft selbst.

Es sind viele Arten von seichtem Pluralismus auf dem Markt. Eine davon ist die Art Relativismus, die ich von meinen Studienanfängern in Philosophie kenne. Normalerweise klingt das etwa so: „Meine Philosophie ist, dass alle Philosophien relativ sind.“ Meine College-Studenten sehen darin etwas moralisch Richtiges: es fühlt sich an wie ein Standpunkt, und sie brauchen dabei niemanden zu beurteilen. (Einige ihrer Versuche haben durchaus Tiefe, wie wenn gesagt wird: „Alles, was ich weiß, ist, dass ich weiter nichts weiß.“) Aber wenn das Ziel ist, eine Vermutung auszusprechen, die uns hilft, die Welt zu verstehen und zu deuten, dann sind sie noch nicht weit gekommen.

Cobbs Sicht der Dinge verleiht der Rede vom Einen und von den Vielen eine schöne Komplexität. Bedenken Sie zum Beispiel, wie viele verschiedene Arten von Pluralismus es gibt: den metaphysischen Pluralismus (Es gibt viele verschiedene Substanzen, oder Arten von Substanzen.), den ontologischen Pluralismus (viele verschiedene Seiende, oder Seinsweisen), den epistemischen Pluralismus (verschiedene Arten von Erkenntnis, die nicht voneinander abgeleitet werden können), den ethischen Pluralismus (verschiedene Arten von Dingen mit intrinsischem Wert). Eigentlich gibt es wohl so viele Arten von Pluralismus, wie es Pluralitäten gibt.

Daraus folgt nun etwas vielleicht ein bisschen Verstörendes: dass es auch verschiedene Arten von Einheit geben dürfte. Man findet (oder schafft) eine Einheit, indem man die Teile einer Pluralität vereint. In den schwächsten Fällen sprechen wir davon, dass „so etwas wie eine Einheit“ durch all die vielen Teile läuft – wie wenn man zwischen den Mitgliedern einer großen Sippschaft eine Familienähnlichkeit bemerkt. Es gibt zeitliche Arten von Einheit, wenn Dinge sich mit der Zeit zunehmend vereinen. Empirische Arten von Einheit. Logische Arten von Einheit. Sowie Arten der Einheit des Erlebens. Die extremste Art von Einheit ist, wenn Unterschiede sich auflösen und die Vielen buchstäblich Eins werden, restlos und unterschiedslos. Wenn man verschiedene Theologien oder verschiedene metaphysische Systeme in Ost und West genauer betrachtet, dann findet man tiefgreifende Unterschiede im Verständnis davon, was „Einheit“ bedeutet.

Ich werde vorschlagen, dass es tatsächlich für jede Art von Pluralität mindestens eine mögliche Einheit gibt. Wenn wir mehrere Arten von Einheit entdecken, dann wollen wir wissen, ob nicht auch sie sich miteinander zu einer weiterreichenden Einheit fügen könnten. Das führt uns am Ende zu der weitreichendsten metaphysischen Frage überhaupt: Gibt es eine Einheit hinter allen anderen Formen von Einheit – das Eine, wovon alles andere Teil ist, das Eine, an dem absolut alles, was es gibt, teilhat? Was ist dieses Eine, und was für eine Teil-Ganzes-Beziehung ist das? Wie beziehe ich mich als Teil auf das letzte, allesvereinigende Eine?

Ich hoffe, Sie werden diese Fragen im Hinterkopf behalten, wenn Sie sich Ihren Weg durch dieses Buch über „Einheit in Vielfalt“ erarbeiten. Wir können uns so leicht verirren zwischen den so verschiedenen Bedeutungen von „Einheit“. Eben deshalb habe ich den Fokus dieser Erkundung auf Integration gelegt. Integration ist ein auf Zeit bezogenes Wort; es steht für den Vorgang, sich vom Vielen (besser: von einem Vielen) zu einer Einheit zu bewegen. Ich deute „integral“, einen Terminus, den einige meiner Mitautoren verwenden, als Ausdruck für eine solche Integration. Leider wird „Einheit“ allzu oft in einer statischen, logischen Weise interpretiert, wie es in der griechischen Philosophie oder in Theologien von einem unveränderlichen Gott der Fall ist. Sogar Theorien von der Dynamik der Geschichte können zeitlos daherkommen, so als ob alles Andere sich verändert, während die Geschichtstheorie selbst zeitlos und unveränderlich darüber steht. Manchmal werden Hegels Theorien so interpretiert. Und auch integrale Philosophien sind nicht ganz immun gegen diese Versuchung gewesen.

Verbinden Sie Integration mit der Suche nach Sinn, wie ich es oben getan habe, und Sie werden erkennen können, warum ich die vielen Arten von Einheit so herausstelle: die Einheit Ihrer Einsichten in diesem Augenblick; die Einheit der Meinungen innerhalb einer Vielfalt von Personen; die Einheit meiner oder Ihrer Erfahrung über unser ganzes Leben hinweg; die Einheit aller bewussten Augenblicke; und – für die, die daran glauben – eine letzte göttliche Einheit, die alle Unterschiede zwischen nur endlichen Wesen in einem letzten Einen relativiert oder auslöscht. Wie anders wäre solch eine Einheit verglichen mit einer Einheit, die „in“ einer Vielfalt existiert!

Jetzt verstehen Sie vielleicht, warum ich darauf beharre, über die Körperlichkeit an diese klassischen metaphysischen Fragen heranzugehen, einschließlich der Frage nach Gott. Wir sind im Prozess, in einem Vorgang, und wir können nicht von dessen Ausgang reden, ohne über den Prozess selbst zu sprechen – ja ohne ihn zu durchleben. Wörter wie „zukunftsoffen“ und „unvollständig“ sind bisher unter westlichen Philosophen nicht beliebt gewesen, besonders in der Metaphysik. Das sollten sie aber. Wenn es auf jede und jeden Einzelne(n) ankommt, sogar bezogen auf die Letzte Wirklichkeit, dann muss es auch auf den Prozess unseres Werdens ankommen.

Vom Physikalismus zum Emergenz-Denken

Dieser nächste Schritt baut auf natürliche Weise auf dem letzten Abschnitt auf. Denn es zeigt sich, dass es bei der Evolution gerade um das Integrieren von Pluralitäten zu Einheiten geht. Wir brauchen dabei nicht streng zu trennen zwischen der Evolution des physikalischen Universums, der Evolution der Biosphäre, der sozialen und kulturellen Evolution und der spirituellen Evolution.

Diese Bereiche scharf zu unterscheiden hieße ja geradezu des-integrieren, nicht zu integrieren. Das Weltbild, wonach alles auf Physik zurückzuführen ist, der Physikalismus, ist eine solche desintegrierende Position. Darin liegt eine Ironie: Diese Physikalisten promoten ihren Ansatz als einen vereinenden Standpunkt, in den 50er Jahren wurde er als das unity of science movement bezeichnet. Aber es vereinte auf die Art, wie Kolonialismus vereint. Eine Kolonialmacht „vereint“ ein Land – aber um den Preis, lokale Kulturen und lokales Wissen seiner dominierenden Macht unterzuordnen.

Es wird uns nicht gelingen, Einheit in Vielfalt zu greifen zu bekommen, bevor wir nicht den Unterschied begreifen zwischen integrieren und gleichmachen. Der Ausdruck Physikalismus gehört viel eher in die Kategorie des Gleichmachens. Dem Wortsinn nach sollte er bedeuten: „was zur Physik gehört“. Aber viel öfter wird er verwendet um auszudrücken, die physikalische Welt sei das Einzige, was es gibt; es gebe keine Wirklichkeiten jenseits der Physik – keinen Gott oder Brahman oder sonst eine nichtphysikalische Letzte Wirklichkeit.

Unter Philosophen nennt man das oft eine „deflationäre“ Sichtweise [wörtlich „die Luft herauslassend“; von englischsprachigen materialistischen Philosophen etwas abfällig als Gegenposition zu Philosophien gemeint, die sie für aufgeblasen („inflated“) halten, weil sie dem Geist und Geistigen eine angeblich zu große Bedeutung oder Eigenständigkeit beimessen; Anm. d. Hrsg.]. Francis Crick punktet bei manchen mit einer besonders ansteckenden derartigen „Deflation“ unseres geistigen Lebens:

Die erstaunliche Hypothese ist, dass „Sie“, Ihre Freuden und Ihre Sorgen, Ihre Erinnerungen und Ihre Ambitionen, Ihr Sinn für personale Identität und Willensfreiheit, in Wirklichkeit nicht mehr sind als das Verhalten einer riesigen Ansammlung von Nervenzellen und der beteiligten Moleküle. Oder wie Lewis Carrolls Alice es ausgedrückt haben könnte: ‘Sie sind nur ein Haufen Neuronen.’ Diese Hypothese ist den Vorstellungen der meisten Leute heutzutage so fremd, dass sie wahrhaft erstaunlich genannt werden kann.

Ja, das ist in der Tat erstaunlich.

Auch der Philosoph Daniel Dennett ist bekannt für das Argument, dass es unnötig sei anzunehmen, dass es ein Selbst gibt. Die Neurowissenschaften, so Dennett, sagen uns, was existiert, und sie reichen aus, um die Handlungen und Erfahrungen des Menschen zu erklären. Und dann sei da natürlich das Problem, dass man das Selbst nicht lokalisieren kann:

Sie betreten durch das Auge das Gehirn, gehen den Sehnerv hinauf, in der Großhirnrinde umher, sehen hinter jedem Neuron nach, und dann, ehe Sie sich versehen, kommen Sie schon wieder ans Tageslicht auf der Spitze eines Nervenimpulses, während Sie sich den Kopf kratzen und fragen, wo das Selbst ist.

Wenn ich offen sein darf, umfasst für mich der Physikalismus alles, was in der Metaphysik falsch läuft. Er betreibt Metaphysik in Stil „Die ganze Wirklichkeit ist genau dies.“ und „Dies ist definitiv nicht das.“ Francis Crick hat Ihnen gerade erklärt, dass Sie „nichts als“ ein Haufen Neuronen sind. Die Wirklichkeit ist nicht subjektiv, sondern objektiv, nicht werthaft, sondern wertfrei. Die Naturwissenschaft ist der letzte Schiedsrichter über die Wahrheit. Und damit die Leserin, der Leser nicht meint, dass ich hier nur meine religiösen vorgefassten Meinungen reflektiere, lassen Sie mich hinzufügen, dass auch ich kritisch dem Übernatürlichen gegenüberstehe, das dogmatisch und ausschließend in die entgegengesetzte Richtung sein kann – wenn zum Beispiel eine Gruppe unter den Theisten behauptet, dass Gott das Einzige ist, was wirklich oder eigentlich existiert, und dass alle anderen Dinge im Universum nur ein zweitrangige oder abgeleitete Existenz besitzen.

Es ist wesentlich, sich klar zu machen, dass die Naturphilosophie einer emergenten Evolution in eine ganz andere Richtung führt als der Physikalismus. Das Emergenz-Denken vertritt nämlich eine integrierende Weltanschauung. Wir können den metaphysischen Diskussionen heute, und ganz besonders dem kontroversen Begriff Gott, nur gerecht werden, wenn wir deflationäre Theorien der natürlichen Welt überwinden, und der Weite und Fülle des Körperlich-Physischen den breiten Raum geben, den es verdient.

Bevor wir von hier aus weitergehen, lassen Sie mich rasch das Gesagte zusammenfassen: Die Welten der Biosphäre, des Sozialen und Kulturellen, die reichen Welten der Spiritualität sind emergent [d.h. entstehen spontan und individuell, wenn auch auf Grundlage einer natürlichen Ordnung und Geschichte; Anm. d. Hrsg.]. Die Zukunft jedes dieser Bereiche ist noch nicht klar, weil sie noch nicht bestimmt sind; jeder davon befindet sich im Prozess radikalen Werdens. Werden, nicht Feststehen ist das Wesen der Wirklichkeit. Systeme und Arten des Denkens, die diese Wirklichkeit zu erfassen suchen, müssen selbst im Prozess, im Werden sein. Wir brauchen offene Denksysteme, welche auf organisch-ganzheitliche Weise auf die immer neuen Daten der emergierenden, das heißt immer neu und weiter werdenden Wirklichkeit eingehen. Wir versuchen hier nicht, die Vielen abzuschaffen, um das Eine zu bekommen, sondern wir streben danach, sinnvolle, emergente Formen der Einheit auszudrücken und zu verwirklichen, die zugleich das sich entwickelnde, sich immer wandelnde Viele ehren.

Biologische und kulturelle Evolution

Ich habe zu Beginn gefordert, dass wir von dem integrierten Körperlichen ausgehen, vom Leben in und durch den Körper [embodiment], weil es unser ganzes Erleben umfasst. Das ist ein Ja-all-das-Begriff, statt einem Nichts-als-Begriff. Beachten Sie, dass mit der Emergenz noch etwas Zusätzliches ins Spiel kommt: die Tatsache nämlich, dass das Leben und Sein des Menschen (ja, die Existenz aller Lebewesen), individuell und als Gruppe, darauf beruht, dass ständig neue Dinge entstehen, emergieren. Wie in der Geschichte der Evolution selbst, so dreht sich auch beim Menschen alles um Neuartigkeit, Unvorhersehbarkeit, Überraschendes.

Die Evolution des Lebens basiert auf dem Prinzip von Komplexitäten, die weitere Komplexitäten anstoßen, in einer sich immer weiter hoch schraubenden Spirale. Ich habe oft über die Schönheiten lebender Systeme geschrieben. Mehr oder weniger zufällige Variationen in der Fortpflanzung und den Ökosystemen bringen eine ungeheure Vielfalt von Organismen („Phänotypen“) hervor, die sich in ihren Umwelten vermehren, oder denen das nicht gelingt („differenzielle Selektion“). Einzeller schwimmen in einem See oder Meer. Einige von ihnen entwickeln einen kleinen chemischen Motor, ein Flagellum, das sie zu Nährstoffen bringen kann … oder zu Giften. Hier entstehen Agieren und Bewerten. Worauf sich der Organismus zubewegt entscheidet für ihn über Leben und Tod. Sich auf das Gift zu zu bewegen ist eine schlechte Entscheidung, weil es den Organismus tötet.

Lebewesen fangen an, Sensoren und ein rudimentäres Nervensystem zu entwickeln, so dass sie „sich richtig entscheiden“ können, wo sie sich aufhalten sollten. Einige entwickeln sich zu Landlebewesen, einige entwickeln primitive Gehirne. Einige dieser Tieren mit Gehirn entwickeln sich so weiter, dass sie an einem Punkt der Evolution lernen, zu „entscheiden“, welche Aktionen ihnen wahrscheinlich helfen beziehungsweise ihnen schaden werden, bevor sie wirklich in Aktion treten. Einige dieser Arten (weit mehr von ihnen übrigens, als wir einmal dachten) entwickeln angepasste kulturellen Praktiken, die sie an ihre Nachkommenschaft weitergeben, was ihre Überlebenschancen stark erhöht. Evolutionswissenschaftler benutzen heute das übergeordnete Konzept der Ko-Evolution, um das Zusammenspiel von biologischer und kultureller Evolution zu untersuchen.

In einem Fall entwickelte sich mit Homo sapiens eine Art mit einem weit komplexeren Gehirn als alle anderen Konkurrenten. Das hat sich als eine gute Investition erwiesen (zumindest für Homo sapiens selbst, wenn auch vielleicht nicht für den Rest der Biosphäre!), und diese Spezies wurde zur dominierenden Art auf ihrem Planeten. Wir haben Religionen und die Schrift entwickelt, komplexe Zivilisationen und die Künste, und vor kurzer Zeit erst komplexe Technologien. Unser Überleben hing immer weniger von der biologischen Weiterentwicklung ab, die uns so weit gebracht hat, und immer mehr von unserer Fähigkeit, die Welt zu formen. Als die Menschheit weltweit die Vorherrschaft errungen hatte, verwandelten die Reichen das Angesicht des Planeten, um besitzen und konsumieren und sich Genuss verschaffen zu können, wie sie wollten. Eines Tages vergaßen wir dabei, dass wir weiterhin abhängen von der Biosphäre der Erde insgesamt. Gerade jetzt, in diesem Moment in der Geschichte des Planeten, stehen wir vor dem Kollaps vieler Ökosysteme. Aber unser Gehirn – oder ist es unser Geist? – scheint sich nicht weit genug entwickelt zu haben, damit wir unseren Fehler erkennen und unseren Konsum auf ein Niveau bringen können, von dem uns die Wissenschaft sagt, dass es für unser Überleben notwendig ist.

Integrierte Körperlichkeit und das Geistige

Innerhalb der koevolutionären Denkweise werden körperliche wie geistige Erfahrungen als vollkommen wirklich anerkannt – und als eng ineinander integriert. Was Sie denken und fühlen, jetzt wo Sie gerade diese Worte lesen, hat ganz viel damit zu tun, ob Sie – zum Beispiel – heute Morgen sieben Kilometer gejoggt sind, oder heute Nacht nicht geschlafen haben, oder ob Sie zum Mittagessen drei Tassen Kaffee oder drei Glas Wein zu sich genommen haben, oder ob – drastischer – Sie gerade einen Schlaganfall oder einen epileptischen Anfall hatten, oder psychedelische Pilze gegessen haben.

Und das gilt in beide Richtungen. Wenn Sie tief verzweifelt sind, ist Ihr Immunsystem wahrscheinlich schwächer beim Bekämpfen einer Bakterieninfektion, als wenn Sie sich zuversichtlich fühlen. Wenn Sie fest entschlossen sind, einen Marathon zu Ende zu laufen, dann werden Sie wahrscheinlich die Erschöpfung Ihres Körpers eher überwinden können und Ihr Ziel erreichen.

Körper und Geist auszubalancieren ist zwar nicht die schwierigste Aufgabe für das viel-eine Denken heute. Aber es gibt eben die Tendenz in der professionellen Philosophie, das Physikalische überzubewerten, wie es in den Zitaten von Crick und Dennett weiter oben zum Ausdruck kommt. Als Reaktion darauf wurde ich vor einigen Jahren einer der Hauptvertreter der so genannten „starken Emergenz“ [stark bedeutet hier, dass das Neuartige, Individuelle, das in der kosmischen Evolution aus und auf Früherem emergiert, relativ eigenständig und kreativ und initiativ gegenüber diesen Ursprüngen und Bestandteilen sein kann; die Philosophie der schwachen Emergenz bestreitet genau das, und sieht im Emergenten, speziell im Geistigen, letztlich nur abgeleitete Randphänomene; Anm. d. Hrsg.]. In vieler Hinsicht war das der richtige Weg, angesichts des riesigen Einflusses des Physikalismus auf die Leser, die ich erreichen wollte. Aber meine Kritiker haben auch einige Gefahren erkannt, die darin stecken. Die starke Emergenz hat die Tendenz, den Geist gegenüber dem Körper zu bevorzugen, also zu unterschätzen, wie sehr unsere menschliche Existenz vom Physisch-Körperlichen durchdrungen ist.

Sie stellt uns auch theologisch vor Probleme. Wenn man Gottes Wirken so darstellt, dass sich sein Einfluss auf unseren Geist und unsere Seele beschränkt, dann liegt es nahe, dass Gott im Universum gar nichts Anderes tun kann. In diesem Fall würde Gott zum Einen bei der Schöpfung die Gesetze der Physik einrichten, und zum Anderen mit irgendeiner Art Lockruf auf den menschlichen Geist oder seine Seele einwirken. Es blieben dann 13,71 Mio. Jahre übrig, in denen Gott nicht an Gottes Schöpfung teilhat – eine wirklich merkwürdige Passivität, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit Billionen und Aberbillionen von Lebewesen gelebt haben, sich entwickelt haben, gestorben sind. Hier droht die Lehre der starken Emergenz, entgegen dem, was sie eigentlich will, in eine Art von Dualismus hineinzugeraten. Als weitere Konsequenz droht eine Art unbeabsichtigter Sexismus, wenn nämlich Frauen mit dem Körper, und Männer mit dem Geist in Verbindung gebracht werden.

Ein weit weniger dualistischer Ansatz wäre, dass Gott „in, mit und unter“ jedem Moment der emergenten Evolution des Kosmos mitgewirkt hat. Deshalb setze ich in der Sicht der Dinge, wie ich sie hier entwickle, den Schwerpunkt anders. Die emergente Evolution als Ganzes soll nun der Leitgedanke sein, nicht nur die Emergenz des Geistes. Die Idee der integrierten Körperlichkeit hilft dabei, dualistische Tendenzen zu korrigieren. Zum Beispiel werden Sinnlichkeit und Sexualität oft als niedrigere Ebenen der Erfahrung angesehen, und deren Ausdruck als Gedanke als höherstehend. Vom Standpunkt integrierter Körperlichkeit aus betrachtet kann die sexuelle Verbindung eines Paars ihre konkreten sinnlichen Erfahrungen, ihre emotionale Verbundenheit, die Gedanken und Worte, die sie teilen, sowie die spirituelle Einheit, die sie erleben, zusammenbringen. Man braucht nicht das Körperliche unterzuordnen oder die Berührungen weniger wichtig zu finden, um von Liebe zu sprechen oder den spirituellen Sinn darin zu finden. Vielmehr ist das Erlebnis insgesamt, mit all seinen Dimensionen gleichermaßen, Teil eines einzigen integrierten menschlichen Ganzen.

Entsprechendes gilt allgemeiner für Geist und Körper. Über Hunderttausende von Jahren haben Lebewesen auf diesem Planeten nach und nach geistiges Leben entwickelt. Erst in den letzten Jahrtausenden sind Zivilisationen mit geschriebenen Sprachen und komplexen kulturellen Strukturen entstanden, das Zeitalter der Wissenschaft ist erst einige Jahrhunderte alt, und das „Informationszeitalter“ hat sich erst in letzten paar Jahrzehnten explosionsartig entfaltet. Aber wenn wir dieses nicht tiefer mit unserem Körper und den Ökosystemen zu integrieren lernen, dann gelingt es uns nicht, uns als die körperlich-geistigen Wesen zu verstehen, die wir sind. Die ökologische Krise ist eine direkte Folge dieses Misslingens.

Kurz gesagt, man wird dieser Emergenz-Erzählung nicht gerecht, wenn man beim Geistig-Mentalen als dem letzten einenden Prinzip anfängt. Um Einheit in Vielfalt zu erfassen, muss man den Geist als ein aus dem Körperlich-Physischen hervortretendes Merkmal des Menschen entdecken, nicht als im Voraus schon existierende Wurzel aller Dinge.

So viel hängt davon ab, womit Sie anfangen. Wenn Sie anfangen wollen mit einem unendlichen, reinen Geist, der den Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat, dann müssen Sie sagen, dass wir im tiefsten Grunde Geist [Spirit] sind, und nur nachrangig Wesen in und durch einen Körper [embodied]. Unser Geist scheint durch, trotz der Begrenzungen unserer Materie, aber eines Tages werden wir befreit von der Bürde dieses Körpers als reiner Geist zu Gott zurückkommen. Ich fange an mit Menschen als körperlichen Wesen, die immer schon in einen geschichtlichen und kulturellen Zusammenhang eingebettet sind. Wenn wir im Laufe des Aufwachsens und „Erwachsens“ nach und nach immer mehr bewusst werden, dann leben wir ja bereits in einer Muttersprache, in einem System von Werten und Erwartungen, in der Musik und Kunst unserer Kultur, und in Geschichten, die beanspruchen zu erklären, warum diese ganze Welt von Natur und Kultur letztgültig sinnvoll ist. Einige dieser Geschichten umfassen Wörter wie „Gott“, „Geist“ oder „Unsterblichkeit“. Aber andere hängen von Begriffen wie „Big Bang“ oder „Wärmetod des Universums“ ab. Wieder andere drücken die Suche nach Sinn in ethischer und moralischer Sprache aus: „hart arbeiten“, „integer leben“, „Streben nach Mitgefühl“. Natürlich kann man mit Menschen als körperlichen Wesen beginnen und weiterhin irgendwann auch von dem Geist [Spirit] sprechen. Aber eine solche Sprache des Geistigen bezieht dann auch das soziale, ethische, intellektuell-geistige und künstlerische Leben der Menschen mit ein – integriert eben all das.

Das Körperlich-Physische mit dem Spirituellen integrieren

Es ist ungeheuer befreiend, wenn man anfängt, Spiritualität im Zusammenhang einer integrierten Körperlichkeit zu sehen. Allzu oft hat man den Wert der Evolution nur in der Emergenz, dem Hervortreten des Geistes im Menschen finden können, der als alleinige Heimat von Vernunft, Moral und Selbstbewusstsein angesehen wurde. Auf Englisch wie in den meisten westlichen Sprachen verweist uns die Herkunft des Wortes „spirituality“ auf „of or pertaining to Spirit“ [geistig bzw. was mit dem Geist zu tun hat; Anm. d. Hrsg.] In der westlichen Philosophie gibt es keinen Gegensatz, der stärker wäre als der zwischen Geist und Leib, Geist und Körper, dem Transzendenten und dem Immanenten, Gott und der Welt.

Lassen Sie uns also die Sprache der Spiritualität nicht nur für jenen Moment in der Geschichte des Kosmos verwenden, seit Menschen der zentrale Brennpunkt sind – also die Zeit, seitdem die heiligen Schriften der Welt geschrieben und die großen Werke von Musik und Kunst geschaffen worden sind – sondern von Anfang an. Lassen Sie uns Wert nicht nur in der Zeit finden, seitdem das Geistige emergiert, sondern über die ganze Spanne kosmischer Geschichte hinweg. Lernen wir, das Spirituelle in den Gesetzen der Physik zu sehen, wie auch in jeder Art von Emergenz: in Quantenenergien, in der ersten sich selbstreproduzierenden Zelle. Im Biberschwanz, im Gefieder des Pfaus, im laichenden Lachs, in der sich öffnenden Blüte einer Blume, im der sexuellen Umarmung, im Fötus, der in Fruchtwasser gebadet aus dem Geburtskanal auftaucht.

Diese Art von Spiritualität braucht eine passende Weltanschauung, welche den menschlichen Geist oder die Psyche „demokratisiert“, deren Gegenwart nicht nur in raren, ausgesuchten Fällen, sondern überall erkennt. Diese Weltanschauung gibt es bereits. Sie war schon in Glaubensüberzeugungen und Praktiken der indigenen Völker da, und ist erkennbar in vielen der großen Weisheitstraditionen der Welt. Es ist der Panpsychismus, die Ansicht, dass Psyche – Geist, Bewusstsein oder Erleben – in absolut Allem ist, was es gibt. Es gibt nichts, was rein physikalisch ist; alles hat eine Art von Tun und Kreativität in sich.

Berufsphilosophen haben in den letzten Jahren den Panpsychismus ins Rampenlicht gerückt, und ausgeklügelte neue Spielarten davon sind entwickelt und diskutiert worden. Ich selbst habe zusammen mit verschiedenen Verbündeten eine Version vertreten, die sich emergentistischer (oder auch Proto-) Panpsychismus nennt, und die dem Prozess, der Verwandlung, dem Werden einen Platz einräumt, wie ich ihn oben skizziert habe. Die Evolution des Kosmos zeigt uns komplexe Beispiele für Übergänge von potentiell zu wirklich bewusstem Leben – in Einzelwesen, in Gruppen, Gesellschaften und Zivilisationen, sowie im kosmischen Prozess insgesamt.

Das Herz dieser spirituellen Sicht der Evolution ist das, was ich tiefe Teilhabe an sich entfaltenden Formen von Einheit nennen möchte. Wir sind werdende Einheiten, physisch-mental-spirituell zugleich. Als Einzelne existieren wir in einem wichtigen Sinn noch gar nicht, wir sind unser eigenes Entstehen. Zugleich sind wir immer schon eingebettet in Beziehungen mit anderen Menschen in ähnlichen Prozessen des Werdens. Gruppen von sich entfaltenden Menschen sind wiederum Teil von Gemeinschaften und Gesellschaften und Kulturen, die ihrerseits im Werden sind. Der Ausdruck „tiefe Teilhabe“ bringt zum Ausdruck, dass wir unser Sein diesem Prozess verdanken.

Unser Sein oder unsere menschliche Natur ist nicht wie ein Behälter, der verschiedene Wesensmerkmale beinhaltet, wie Aristoteles es an manchen Stellen dachte. Vielmehr liegt unser Sein im Werden. Das bedeutet, dass in diesem Universum „Einheit“ ein wesentlich zeitliches Prinzip ist. Formen der Einheit sind nicht vorgegeben, sie sind im Werden.

An diesem Punkt treffen sich das Körperliche, das Psychisch-Mentale im Werden, und die Spiritualität. Die spirituelle Evolution ist in dieser Dynamik des Werdens schon enthalten. Der Prozess der kosmischen Evolution muss als ein von Beginn an spiritueller Vorgang verstanden werden. Die Alternative dazu wäre: Warte, bis eine besondere Idee auftaucht, sagen wir der Glaube an einen Gott, und das nennst du dann „spirituell“. Aber Spiritualität auf diese Weise zu isolieren macht eben Integration unmöglich. Wenn man einmal zulässt, dass eine solche Dualität zwischen dem „bloß“ Physikalischen und Physisch-Körperlichen und dem „echt“ Spirituellen Platz greift, dann kommt man davon nicht mehr weg. Die Verachtung des Körpers, die Entwertung unserer eigenen Sexualität, das Stellen der Rationalität über die Intuition, das alles nimmt in diesem Ungleichgewicht seinen Anfang.

Hier wird sichtbar, warum eine integrierte Körperlichkeit zu einer revolutionär verwandelten Spiritualität führt, zu einer Spiritualität jenseits von „Geist“ [Spirit] und „Materie“. Bedenken Sie nur einige der Konsequenzen:

  1. Die Gleichung „Spiritualität = Geist“ suggeriert, dass spirituelle Praktiken geeignet sein müssen, den Körper zu transzendieren, um zum Geist zu gelangen. Aber echte Spiritualität dreht sich um Integration – einschließlich der von Körper und Seele oder Geist.
  2. Viele der größten spirituellen Traditionen umfassen körperbezogene Praktiken. Denken Sie an Yoga und Tantra in den hinduistischen Traditionen, an „sitzendes Zen“ (zazen) im Zen-Buddhismus, und an das „Schockeln“ (das Hin- und Herschaukeln und laute Beten) in der jüdischen Gebetspraxis. Man betet (und betet an) mit seinem ganzen Körper.
  3. Hinduistisches Ayurveda, traditionelle chinesische Medizin, Fasten im Islam und anderen Traditionen, und zahllose Ernährungsvorschriften in indigenen Traditionen, das alles sind Beispiele dafür, wie spirituelle Zustände beeinflusst werden durch das, was man zu sich nimmt. Psychedelische Pflanzen, von Peyote und heiligen Pilzen bis zu Ayahuasca haben immer eine wichtige Rolle gespielt in den spirituellen Reisen der Menschen, und tun es immer noch. Zu viel geht verloren, wenn man Spiritualität auf Dinge einengt, die durch den menschlichen Geist bewirkt werden.

Von zentraler Bedeutung für Juden und Christen ist die Verkündung des Sch’ma Jisrael, das so beginnt: „Höre, Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ (4. Mose, 6, 4-5). Diese Passage passt zur Idee der Integration; man könnte sagen, dass es ein Aufruf zur Vereinigung von Körperlichkeit, Bewusstsein und Spiritualität in einem einzigen Prozess der Werdens ist – das Eine in den Vielen, und die Vielen im Einen.

Integrierte Körperlichkeit und das Göttliche

Wir kommen nun zu einer der schwierigsten Wegscheiden auf unserer Reise: Kann man noch das „G-Wort“ verwenden? Bedeutet „Gott“ unvermeidlich die Art von zeitloser, körperloser Einheit, auf die ich mich nicht mehr einlassen wollte? Oder gibt es eine Art, das Göttliche zu verstehen, die der Vorstellung, die sich in diesem Text entwickelt hat, nämlich der Vielfalt sich entfaltender Arten von Einheit-in-Einheit, noch mehr Tiefe verleiht? Zum Abschluss dieses Essays möchte ich ein Gottesbild erforschen, das radikal genug ist, um das spirituell-evolutionäre Weltbild für unsere Zeit zu ergänzen, und relevant genug, etwas von Belang über die globale ökologische Krise zu sagen zu haben.

Das Ziel, das Telos eines Prozesses ist in gewisser Weise während des ganzen Vorgangs gegenwärtig – zwar nicht als vorhandenes, fertiges Produkt, das darauf wartet, als Werkzeug benutzt zu werden, aber in potentia, als ein Lockruf, der unsere Aufmerksamkeit auf noch unverwirklichte Möglichkeiten zieht, oder als ein Traum, der unsere Vorstellungen in seinen Bann zieht. Viele der Streitigkeiten heute sind Kämpfe über das Ziel und wie wir es nennen wollen. Das Ergebnis der ökologischen Krise zum Beispiel hängt wohl davon ab, ob wir unsere Gedanken und Taten darauf richten, eine wirklich ökologische Zivilisation zu schaffen, oder ob wir weiter die totale Konsumgesellschaft mit ihrer Vergnügungen und Befriedigungen anstreben.

Ich glaube, der Prozess der spirituellen Evolution hin zu tiefer Integration und tiefer Teilhabe ist nicht nur in unserem Geist, nicht nur ein Konstrukt unserer Hoffnungen und Wunschträume. Es wurzelt in etwas Tieferem, etwas Wirklichem, so schwer es auch zu benennen ist.

In den verschiedenen Weltreligionen werden dem letzten Grund verschiedene Namen gegeben: Brahman, Tao, die wechselseitig bedingte Entstehung [co-dependent origination], Allah, Jahwe, Gott. Der Schnittpunkt dieser verschiedenen Ausdrücke ist, dass alle sich einig sind, dass wir alle in etwas gegründet sind. Fast alle Traditionen glauben, dass der letzte Grund eins ist; es ist die All-Einheit oder das hen kai pan, das Eine und Alles, wie Philosophen und Mystiker in der Tradition von Plotin and Spinoza es genannt haben. Fast alle sagen, dass spirituelle Praxis nötig ist, damit wir den Grund erkennen können, und dass wir Mitgefühl und die Pflicht zum Mitgefühl erleben, wenn wir ihn erkennen.

Die Meinungsverschiedenheiten entstehen, wenn man versucht, das Eine zu benennen, seine Teile zu bestimmen und die Stufen zu skizzieren, die zur Einheit führen: zu der Einheit des Einzelnen mit sich selbst, zu der Einheit der Gemeinschaften untereinander, zur Einheit der Menschen mit der Erde. Der klassische Gott der abrahamitischen Religionsgemeinschaften ist nicht auf der Höhe der Zeit, und viele Sucher wenden sich weniger dualistischen Gottesbildern zu. Die integrale und die Prozessmetaphysik sind daraus entstanden. Leider haben ungelöste Streitfragen das „Integrale“, das als Integration gemeint war, für manchen Leser zu einer Quelle der Spaltung werden lassen, zu einer Des-Integration. Der Ruf nach Mitgefühl und Integration bleibt.

Die Suche nach einem Göttlichen, das in der Welt und in uns selbst hervortritt, verändert den weltanschaulichen Rahmen radikal. Wie ich im vorigen Abschnitt zu zeigen versucht habe, verbindet eine Spiritualität, die im Zusammenhang einer voll integrierten Körperlichkeit verstanden wird, körperliche mit spiritueller Praxis, und schafft in der Person Einheit statt Spaltung. Dabei müssen wir darauf achten, wie wir von Spiritualität und vom Göttlichen reden. Man kann keine integrierte Spiritualität haben und gleichzeitig eine gespaltene Beziehung zwischen Gott und der Welt.

Das ist, wie ich meine, die Hauptaufgabe einer Theologie, die heute zeitgemäß sein will. Die Rede vom Göttlichen ist nur sinnvoll – das heißt, ist mehr als bloß das alte Gottesbild im neuen Gewand – falls sie Denken und Praxis vereinen kann. Die Idee eines voll integrierten Göttlichen führt zusammen und zerstört nicht. Haben wir uns einmal vom zornigen Vater befreit, dann erkennen wir, dass wir immer schon im Göttlichen sind. [Dieses Gottesbild nennt man Panentheismus; er besagt, dass Welt und Mensch in Gott sind, und gleichzeitig, dass Gott in der Welt und im Menschen ist; Anm. d. Hrsg.]. Unsere spirituelle Aufgabe ist demnach, diese Wahrheit anzuerkennen und anzunehmen – sozusagen unseren Ort in der Einheit zu praktizieren – und zu lernen, in und mit dem Göttlichen zu leben, wie Fische in und mit der Strömung schwimmen, oder als Knoten in einem lebenden, atmenden Netzwerk.

Die beiden Formulierungen im Titel dieses Essays – spirituelle Evolution und ganzheitliche Teilhabe – sprechen sich gegen Dualismen aus, die dem Geist (dem menschlichen Geist, dem männlichen Prinzip usw.) die Erde, den Körper, das Weibliche entgegensetzen. Es gibt nicht drei getrennte Arten der Evolution, eine biologische, eine geistig-mentale und eine spirituelle. Es gibt nur die eine Wirklichkeit kosmischer Evolution, als ein fortlaufender Prozess, der immer neue Eigenschaften und Dynamiken hervorbringt. Das Göttliche allein reicht nicht aus für tiefe Teilhabe, dazu gehört auch die volle Teilhabe an der ganzen lebenden, pulsierenden, wachsenden Biosphäre um uns herum und in uns.

Das alles kann sich nicht zu Einem zusammenfügen, solange wir aus Gott eine statische Einheit machen. Die Puzzle-Teile haben wir schon in den Händen, wir müssen nur den Mut haben, mit ihnen nicht nur die Evolution des Kosmos zu denken, sondern auch das Göttliche selbst. Wenn wir das wagen, dann beginnen wir, Gott als eine werdende Einheit zu erkennen, nicht als eine vorgegebene. Wie wir selbst, so sind auch Teile des Göttlichen schon Wirklichkeit, andere Teile sind noch in der Entfaltung. (Whiteheadianer sprechen gern von den beiden „Polen“ oder Dimensionen Gottes, dem so genannten antezedenten Gott und dem konsequenten Gott.)

Den Vorgang der Entfaltung des Universums und aller Individuen kann man letztlich nicht vom Prozess der Entfaltung Gottes trennen. Whitehead hat gezeigt, wie innig die beiden Prozesse verknüpft sind:

Die religiöse Einsicht ist ein Fassen dieser Wahrheit: dass die Ordnung der Welt, die Tiefe der Wirklichkeit der Welt, der Wert der Welt, in ihrem Ganzen und in ihren Teilen, die Schönheit der Welt, die Freuden des Lebens, der Frieden des Lebens und die Überwindung des Bösen alle miteinander verbunden sind – nicht zufällig, sondern durch diese Wahrheit: dass das Universum eine Kreativität mit unendlicher Freiheit an den Tag legt und ein Reich von Formen mit unendlichen Möglichkeiten hervorbringt; aber dass die Kreativität und diese Formen zusammen nicht die Macht besitzen, Wirklichkeit zu erlangen unabhängig von der vollendeten idealen Harmonie, die Gott ist.

Für Whitehead ist diese „ideale Harmonie, die Gott ist“ eben gerade noch nicht vollendet. Das Ideale existiert, beziehungsweise Gott existiert als das Ideale; und doch finden wir uns als Teile eines allumfassenden Prozesses kosmischer spiritueller Evolution vor, der auf dieses Ideale hinzielt.

Das alles funktioniert philosophisch freilich nur, wenn die göttliche Einheit entsprechend den anderen Formen der Einheit gedacht wird, die wir schon betrachtet haben. Alle Formen der Einheit sind nur partiell, alle sind sie im Werden, alle bleiben sie abhängig vom Werden der Einheiten, die sie in sich tragen. Das Werden meines Selbst und meines Körpers sind nicht voneinander zu trennen. Beide werden beeinflusst von meiner fortwährenden Suche, meinem Streben danach, zu lernen, neue Erfahrungen in mein Selbstbild zu integrieren, und Sinn zu finden in einer Welt in dauernder Veränderung. Gott „steht nicht drüber“ über den Dingen. Das göttliche Werden darf dem Unseren nicht ganz unähnlich sein.

Warum nicht? Weil jede andere Antwort katastrophale Folgen hätte. Einen statischen Gott, einen Gott vollendeter, fertiger Einheit zu behaupten hieße behaupten, dass die Bestimmung unseres Universums und unserer selbst schon feststeht. Das so genannte Problem des Bösen ergibt sich dann automatisch, denn Gott wäre dann voll verantwortlich für das Ergebnis aller Ereignisse und damit auch für das Ausmaß an Leid und Bösem, das wir um uns herum sehen. Unsere Freiheit verschwindet dann, weil Gott die Einheit, die „er“ darstellt, zu Stande bringen muss, ob wir es wollen oder nicht. Unser Handlungsspielraum wird begrenzt, denn unsere Macht, das Handeln anderer zu beeinflussen, wird sehr klein, wenn Gott der Allmächtige ist.

Eine feststehende, statische Einheit, aus der sich das Endergebnis der Geschichte schon ergibt, grenzt den Prozess des kosmischen Werdens ein und verneint ihn letztlich. Dann wäre Gott, wie Wolfhart Pannenberg es einst vertreten hat, die alles bestimmende Wirklichkeit, und wir wären die voll bestimmten Teile seines All-Determinismus.

Auf diesen Seiten bin ich für die Vielen eingetreten, und für das Streben, aus den Vielen das Eine zu machen. Nichts davon beweist aber, dass die letzte Einheit erreicht werden wird, oder dass die letzte göttliche Einheit vor dem gesamten Prozess „vorausexistiert“. Wenn wir Teil eines offenen Prozesses des Werdens sind, dann ist auch die göttliche Einheit erst im Werden. Und wir? Wir sind dann Teil eines ganzheitlich-organischen Prozesses, in einer Beziehung wechselseitiger Abhängigkeit mit dem Göttlichen, mit ihm gemeinsam sind wir Mit-Schöpfer [co-creators] der Welt um uns herum. Auch wir helfen die entstehende Einheit in Vielfalt mitbestimmen.

Aufruf zum Handeln

Viele Autoren schreiben über die geistig-intellektuelle, die spirituelle und die politische Krise unserer Zeit, die Krise von Fundamentalismus und Gewalt, die Krise von Nihilismus und Sinnleere. Doch keine Uhr tickt schneller als die Uhr der Klimakrise, die innerhalb von Jahrzehnten den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kollaps herbeizuführen droht, wenn nicht früher. Die wachsende Disharmonie und Des-Integration betrifft nicht länger nur die Art Homo sapiens … als hätte sie je nur uns betroffen. Fakt ist, dass wir schon angefangen haben, Hunderttausende von Arten zu Grunde zu richten.

Was wir den Ökosystemen antun, in denen wir leben, wird auf uns zurückschlagen, bis wir lernen, die Welt und uns selbst zu hegen und pflegen, und das heißt, uns spirituell weiterzuentwickeln. „Integration“ ist nur ein leeres Wort, es sei denn, es bedeutet volle Teilhabe an Gaia, dem gemeinsamen Prinzip alles Lebens auf diesem Planeten.

Jesus beendete seine berühmteste Geschichte, das Gleichnis vom barmherzigen Samariter, mit den Worten: „Dann geh und handle du genauso.“ (Lukas 10,37) Viele Menschen zucken zusammen bei der Abstraktheit von Ausdrücken wie „Einheit“ und „Vielfalt“. Doch werden abstrakte Debatten wichtig, wenn sie beeinflussen, wie wir in der Welt leben. Uns selbst zu erkennen als organisch in einen emergenten evolutionären Prozesses eingefügte Teile … anzunehmen, dass wir nicht isolierte Individuen sind, sondern Teile untereinander abhängiger Systeme, und dass unser Werden zum Werden anderer einen Beitrag leistet (oder es blockiert) … zu wissen, dass der ganze Prozess offen ist und dass wir das Göttliche mitbilden, so wie es uns mitbildet – jede dieser Einsichten verwandelt unsere Weise, in der Welt zu sein.

In diesem Sinn sind Ökologie und Theologie nicht voneinander zu trennen. Eine schlechte Theologie von einem fertigen, allbestimmenden Gott verschlechtert ernsthaft die Chancen der Menschheit, umzukehren, mit der Zerstörung der Ökosysteme dieses Planeten aufzuhören und anzufangen, eine ökologische Zivilisation aufzubauen. Im Gegensatz dazu bringt eine Theologie der integrierten Körperlichkeit und des Werdens in wechselseitiger Abhängigkeit mit dem Göttlichen eine wirklich neue Art hervor, in der Welt zu sein: ein organisches Zusammen-Sein mit dem Kosmos und den lebenden System um uns herum.

 

Prof. Philip Clayton wurde 1956 in Berkeley, Kalifornien, USA geboren. Aus einem atheistisch-bildungsbürgerlichen Elternhaus stammend, wandte er sich als Jugendlicher einige Zeit den Evangelikalen zu. Von diesem erzkonservativen Ausgangspunkt aus entwickelte er sich zu einem immer progressiveren Christen und Theologen. Eine kleine Auswahl der vielen Stationen: Er studierte Philosophie und Theologie unter Anderem in Yale und München. Von 1991 an hat er an der Sonoma State University und seit 2003 an der Claremont School of Theology und der Claremont Graduate University (nahe Los Angeles) gelehrt. Gastprofessuren und Vortragsreisen führten und führen ihn in viele Länder. Nicht zuletzt bei Aufenthalten in Indien und Japan hat er wichtige östliche spirituelle Impulse erfahren. Auch sein ökologisches und politisches Engagement macht ihn aus, unter Anderem als Präsident des Institute for the Postmodern Development of China, und als Präsident des noch jungen Institute for Ecological Civilization (kurz EcoCiv). Auch mit Unterstützung der John Templeton Foundation hat Clayton ab etwa Mitte der 90er Jahre intensiv über die Verbindung und Verständigung von Religion, Naturphilosophie und Naturwissenschaften geschrieben. Ergebnisse waren unter Anderem die Anthologie „In Whom We Live And Have Our Being“ (2004) als Mitherausgeber, sowie „Mind and Emergence“ (2004). Drei weitere seiner vielen Bücher: „The Predicament Of Belief“ (2011, mit Steven Knapp), „Organic Marxism“ (2014, mit Justin Heinzekehr), und „What is Ecological Civilization? Crisis, Hope, and the Future of the Planet “ (2019, mit Andrew Schwartz).

  

Oliver Griebel (Hrsg.)
Wir Vielen in dieser einen Welt: Unsere Weltanschauung weiterentwickeln für den nachhaltigen Umbau unserer Zivilisation. Ein philosophisch-spirituelles Lesebuch
mit Beiträgen von John Heron, Philip Clayton, Steve McIntosh, Tilmann Haberer, Jorge N. Ferrer, Oliver Griebel, Bruce Alderman, Thomas Steininger & Eizabeth Debold
Taschenbuch: 340 Seiten
Verlag: Phänomen-Verlag (18. November 2019)
ISBN-13: 978-8494985676  

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