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Viel Kluges und Weises ist in den letzten Wochen und Monaten über die Covid-19 Pandemie geschrieben worden.

Der Begriff der Krise ist dabei sehr präsent und besitzt eine hohe Erschließungskraft, um sich den Koordinaten der aktuellen Situation bewusster zu werden. Im Chinesischen wird Krise durch zwei Zeichen beschrieben, von denen das eine für Gefahr und das andere für Chance steht. In der westlichen Tradition stammt der Begriff aus der Medizin und wurde zuerst von Hippokrates entwickelt. Krise beschreibt demnach den Höhepunkt eines Krankheitsprozesses der bereits begonnen hat und sich in der Krise entweder zum Guten oder zum Schlechten wendet.

Vor diesem Hintergrund lassen sich viele der klugen Texte lesen die, z.B. von Charles Eisenstein, Thomas Hübel oder Otto Scharmer, zur Covind-19 Pandemie verfasst wurden. Diese Autoren beschreiben einfühlsam und präzise die von der aktuellen Situation ausgehenden Chancen und Gefahren und skizzieren dabei Ansätze, in denen über individuelles, kollektives und politisches Handeln Wege gefunden werden können, die nicht nur die akuten Schäden durch Covid-19 auf ein Mindestmaß begrenzen, sondern auch zu nachhaltigen gesellschaftlichen und sozialen Verbesserungen führen können.

Im Fahrwasser eines spirituell ausgerichteten und vom Gedanken einer evolutionären Bewusstseinsentwicklung getragenen Diskurses hat sich jedoch eine Unterströmung gebildet, welche mit der schwer erträglichen Ignoranz privilegierter Mittelständler das der Krise innenwohnende Potential um den Preis der Relativierung des verursachten Leids und Elends idealisiert.

Zwei in diesem Kontext beliebte Zuschreibungen bilden häufig den Ausgangpunkt dieser diskursiven Verkitschung. Einerseits die Rede vom Virus als Freund und der Mythos vom demokratischen Virus. So zum Beispiel in einem, auch in der integralen Szene viel geteilten YouTube Video mit dem Titel Virus Letter. In diesem Video wird das Virus selbst zum Erzähler erhoben und erhält dafür die sanfte und wohlklingende Stimme einer Italienerin. Diese beschreibt sich als Freundin der Menschheit und verkauft das Anhalten des Verkehrs von Personen und Waren sowie die Schließung von Schulen und Fabriken als einzigartigen Dienst für die Menschheit. Wir werden von ihr aufgefordert, in den sternenklaren Himmel zu schauen, einen Apfel vom Baum zu pflücken und die frische Luft zu genießen. Was das personifizierte Virus dabei zu vergessen scheint, ist, dass wir nicht alle die Pandemie in einem romantischen Landhaus im Piemont oder der Toskana aussitzen. Das sich weiterhin als Alliierte und Bote ausgebende Virus insistiert weiterhin, die Menschheit hätte nicht auf die Feuerstürme und andere Naturkatastrophen der letzten Jahre reagiert. Daher würde nun der Feuersturm in unseren Lungen uns endlich lehren, dass etwas grundsätzlich falsch läuft. Spätestens hier erweist sich die angebliche Stimme des Virus als Projektion einer selbstgefälligen und privilegierten, pseudo-spirituellen Gruppe, welche das Leiden der Kranken und Sterbenden als Weckruf willkommen heißt, um die eigenen überzogenen Lebensgewohnheiten zu hinterfragen. Für die Eliten, diejenigen die sich in Ruhe zurückziehen und ohne gesundheitliche oder finanzielle Nöte über ihre Lebensumstände kontemplieren können, mag die aktuelle Situation durchaus von Vorteil sein und ihr freundliches Gesicht in Form von Zeit zur inneren Einkehr, frischer Luft und werteorientierter Neuausrichtung zeigen. Aber deshalb das Virus als Freund zu beschreiben zeugt von einem Egozentrismus, der strukturell für einen großen Teil des weltweiten Leidens mitverantwortlich ist. Das beschriebene Video ist dabei nur ein anschauliches Beispiel für eine Vielzahl rhetorischer Verkitschungen und Verharmlosungen, die mir in den letzten Wochen begegnet sind. In Online-Kursen, Blogs, Sharing Circles und Artikeln ist die Rede vom Virus als Freund, Bote und Helfer inzwischen weit verbreitet. Bei einer großen Online-Versammlung spirituell ausgerichtete Social-Change Akteure, berichtet eine weiße, mit Silberschmuck und Federn behangene Frau mit großer Emphase, sie sehe ein Licht aus dem Virus scheinen und die Zukunft erhellen. Leider sieht die Corona-infizierte Zukunft für viele Menschen eher düster aus; insbesondere für die ohnehin weniger Privilegierten. Denn wie alle Pandemien der Geschichte, trifft auch Covid-19 besonders die Schwächeren und Schwächsten der Gesellschaft. Obwohl sich das Virus zunächst über Wohlstandstourismus und Geschäftsreisen ausbreitete und so einige Virologen zu der etwas zynischen Aussage verleitet, bei dem Virus handele es sich um das Ebola der Reichen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis das Virus in den Slums, den Lagern und allgemein in ökonomisch schwachen Regionen ohne belastbares Gesundheitssystem ankommt.

Dass Pandemien im historischen Verlauf immer die schwächsten Gruppen einer Gesellschaft am stärksten treffen, hat der Yale Historiker Frank Snowden in seinem Buch “Epidemics and Society” ausführlich dargestellt. Covid-19 wird hier keine Ausnahme machen.

Die hektische diskursive Produktivität auch in der spirituellen und integralen Szene scheint in vielen Fällen ein Machtkampf um die hermeneutische Deutungshoheit zu sein, bei der es darum geht, die eigenen Positionen und Wahrheiten in der Katastrophe bestätigt zu sehen. Der Kulturwissenschaftler Joseph Vogl zeigte sich in einem kürzlich veröffentlichten Interview bestürzt über die “Buntheit der menschlichen Intelligenz in der Produktion des Grotesken“ und nimmt Bezug auf die Hamsterkäufe von Toilettenpapier und billigen Lebensmitteln, aber auch auf die Schlangen vor den Waffengeschäften in den USA, die Anrufung des Gotteszorns der Evangelikalen oder auf skurrile politische Ratschläge wie die des Präsidenten Serbiens, der Schnapstrinken gegen Covid-19 empfahl oder des turkmenischen Präsidenten, einem dichtenden Zahnarzt, der das öffentliche Aussprechen des Wortes Corona verbieten will.

Ein weiter Verkitschungsmythos ist, Covid-19 sei demokratisch und behandle alle Menschen gleich. Besonders skurril vorgetragen z.B. in einem Instagram Video der Kabbala und Yoga Jüngerin Madonna. Die Pop-Urgroßmutter sitzt in dem kurzen Video in einem pompösen Milchbad, umgeben von Kerzen und Rosenblättern und sinniert ”It doesn’t care about how rich you are, how famous you are, how funny you are, how smart you are, where you live, how old you are, what amazing stories you can tell (…) It’s the great equaliser. (…) What’s terrible about it is that it’s made us all equal in many ways, and what’s wonderful about it is that it’s made us all equal in many ways.” Wer Madonnas Entwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten verfolgt hat, wird allerdings kaum überrascht sein, dass es eine globale Pandemie braucht, um ihr in Erinnerung zu rufen, dass wir alle, und besonders sie selbst, krankheitsanfällige, alternde und sterbliche Körper besitzen.

Die Wahrheit der Pandemie verhält sich jedoch diametral zu Madonnas vernebelten Reflektionen aus der Wanne. Sie lässt gerade die schwerwiegende Ungerechtigkeit der Ressourcenverteilung, die unsere Lebensweise verursacht, mit unabweislicher Deutlichkeit sichtbar werden. Wie naheliegend, feige uns selbstgerecht, diese unangenehme Einsicht mit dem Lied der angeblichen Gleichheit vor dem Virus zu übertönen. Dabei werde, so stellt es auch Joseph Vogl klar, “ökonomische und soziale Ungleichheit, Vermögensverteilung, Einkommensdifferenzen nicht nur über die Erträglichkeit von Ausnahmesituationen, sondern über Leben und Tod entscheiden. Längst folgt das Gesundheitssystem Marktlogiken, die sich dann eben im Wettbewerb der Schwerkranken um Intensivbetten und Restlebenszeiten fortsetzen. Noch im letzten Jahr hat die Bertelsmann Stiftung die Schließung von 600 Krankenhäusern in Deutschland empfohlen, aus Kosten- und Effizienzgründen. Und jetzt diskutieren Medizinethiker über Triage, über den Umgang mit "begrenzten Ressourcen", über die "Erfolgsaussichten" dieser oder jener Patienten oder die "Zuteilung" knapper medizinischer Hilfe.“

Zur selbstgerechten Verktischung der Krise trägt außerdem die plötzliche Heroisierung von Menschen in sogenannten systemrelevanten Berufen in breiten Schichten der Gesellschaft bei. Viele, die aktuelle Krankenpflegern, Kassierern und co. zujubeln, haben durch ihre Lebensweise und ihr Wahlverhalten seit Jahrzehnten zur systematischen Prekarisierung dieser Menschen beigetragen. Wer in den letzten 20 Jahren eine der Regierungsparteien gewählt hat, muss schon einige Winkelzüge der Selbstrechtfertigung vollführen um sein Gesicht zu wahren, wenn er abends zum Klatschen auf den Balkon tritt, genau wie all diejenigen, die noch ein überdurchschnittliches Gehalt beziehen und dieses nicht wenigstens teilweise zur Minderung der sozialen Verwerfungen die Krise einsetzt. Der Krankenpfleger und Autor Frederic Valin beschrieb seine Wahrnehmung der Balkonklatscher kürzlich in der TAZ:

Ich weiß auch, was die Glückwünsche heißen: „Schön, dass du diese Arbeit machst, ich könnte das nicht. Zum Glück muss ich mich da nicht drum kümmern.“ In dem Lob versteckt sich immer eine satte Prise Abwehr: Ich werde gelobt, damit sich niemand mit den Bewohner*innen auseinandersetzen muss, also jenen Menschen, die im Falle der Triage dann als Erste dem Tod überlassen werden, weil die halt keinen jucken. Den Klatschenden möchte ich folgende Dinge sagen, erstens: Hört auf, den Pflegenden die Wange zu tätscheln, und kümmert euch um die alten, kranken, vulnerablen Menschen. Ja, auch die, die Europa gerade in Moria verrecken lässt; ein besonderer Platz in der Hölle ist für jene reserviert, die abends angesichts dieser Katastrophe im Ernst die Europahymne von den Balkonen singen. Zweitens: Der Applaus schmeckt schal. Seit Jahrzehnten hat man unsere Forderungen, die der Pflegenden, ignoriert, weggedrückt, abgetan. Dass die Zustände immer schlechter werden, dass die Arbeitsbedingungen beschissen sind, ist bekannt – und das schon seit unfassbar langer Zeit. Aber wen kümmerte es? Es ist aber völlig klar: Ihr beklatscht euch selbst, und ihr tut das öffentlich, damit jede*r von eurer Großherzigkeit erfährt. Davon, dass ihr euch besser fühlt, wird nichts gut, es macht euch nur unempfindlicher gegenüber dem Leid der anderen.

Noch abgründiger als das Balkonklatschen und an Vermessenheit kaum noch zu überbieten ist die Einlassung von Amerikaners Jeff Vander Clute, seines Zeichens Coach für Clarity and Guidance for World-Changing Times und in der integralen Szene gut vernetzt. Vander Clute behauptet auf seiner Website, höchst selbst eine Nachricht vom Virus für die gesamte Menschheit erhalten zu haben. Nehmen wir für einen kurzen Moment an, dass die von Vander Clute protokollierte Nachricht tatsächlich direkt von Covid-19 stammt. In diesem Falle wäre das Virus selbst an Zynismus, Vermessenheit und Selbstüberschätzung kaum zu übertreffen und garantiert weder demokratisch gesinnt, noch ein Freund der Menschheit. Wenn dem nicht so ist, trifft dies lediglich auf Vander Clute selbst zu. In der Nachricht heißt es: ”These tests are normal. I repeat: These tests are normal. For those who can hear this message and embrace me easily, you already know that fear is a much more lethal poison. For those who will not be comforted by these words, one day you will know that I come as an act of love. The gifts of the virus are (…) Spreading helpful DNA, Upgrading humanity’s immune system (…)”

Wer als privilegiertes Individuum, das potentiell massenhafte Sterben der Armen und Benachteiligten als Akt der Liebe bezeichnet, erweist sich nicht nur als verblendet, sondern als brandgefährlich. Wem der Körper der Menschheit als gestärkt erscheint, wenn er von ökonomisch und körperlich schwachen, älteren und chronisch kranken Menschen befreit ist, vertritt einen spirituell verkleideten Sozialdarwinismus der schlimmsten Sorte.

Die beschriebenen Positionen der Verkitschung der globalen Katastrophe verbindet dabei die allgegenwärtige De-Politisierung der Krise und ihrer Folgen insbesondere in der spirituellen Szene. Die Gruppe selbstverliebter Sonntagsprediger, Klatscher und Virusfreunde reklamiert dabei die Eigentümerschaft an einer umfassenden Metaperspektive für sich, welche das Leiden der vom System Benachteiligten gerne als evolutionären Motor und ihre eigenen kleinen Opfer als himmlische Chance zur Persönlichkeitswachstum preist. Wachstum und Entwicklung beginnt allerdings dann, wenn wir uns selbst in Bezug zum komplexen Gefüge unsere Lebenswelt zu reflektieren beginnen. Ein scharfer Blick für unsere Privilegien und die Folgen unseres Lebenswandels sind dafür unabdingbar. An der aktuellen Situation wachsen zu können ist unser Privileg und unsere überfällige Verantwortung. Im Angesicht dessen verbietet sich eine Verkitschung der globalen Katastrophe aus tiefem Respekt und Mitgefühl vor denen, die es, durch unseren Lebenswandel verschuldet, am härtesten trifft.

  

Baller JJulian Baller studierte Kulturwissenschaft und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er arbeitete am Lehr- und Forschungsbereich für Kulturtheorie und kulturwissenschaftliche Ästhetik und am Lehr- und Forschungsbereich für Kulturgeschichte wo er seit 2016 promoviert. 2017 war er Junior Fellow am Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften in Wien und 2018/19 Visiting Scholar an der Columbia University NY. Seit 2018 ist er Managing Director bei Co-Creating Europe.

 

  

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