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Der Mensch ist ein Teil des Ganzen. … Er erlebt sich selbst, wie auch seine Gedanken und Gefühle, als etwas vom Rest Getrenntes – eine Art optische Täuschung seines Bewusstseins. Das Streben, sich von dieser Illusion zu befreien, ist die eine Frage der wahren Religion.   (Albert Einstein)

Eine Sternstunde integraler Politik

Ganzheit leben ZempWir spüren es. Viele Visionen und Utopien einer integralen Gesellschaft haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten dank der Mithilfe eines die Menschheit bedrohenden coronaren Virus von der Visionsphase hin zur Phase der beginnenden Realisierung zu wandeln begonnen. Dass zum Beispiel der Antrieb zum wirtschaftlichen Handeln nicht mehr – instinktgetrieben – durch die blinde Gier Einzelner nach mehr Geld und Macht gesteuert sein darf, sondern durch eine die Ressourcen schonende Allgemeinwohlwirtschaft ersetzt werden muss, ist offenkundig und mehrheitsfähig geworden. Ebenso offenkundig zeigt sich der Wandel im Bildungswesen. Das Ziel eines wissens- und leistungsgetriebenen, konsumorientierten Menschen wird ersetzt durch ein Lernangebot, das die Kreativität und die Stärkung der Empathiefähigkeit fördert. Die Welt ist in einem evolutionären Umbruch. Die Intuition als bis dahin unterschätzte Intelligenz nimmt gerade dem von der Ratio unterstützten Instinkt das Zepter aus der Hand. Das ist eine Sternstunde integraler Politik.

Und was tragen die Mitglieder der integralen Gemeinschaft zum evolutionären Umbruch bei? Ihre erste Aufgabe ist die ungehemmte und öffentliche Teilnahme am demokratischen politischen Prozess. Eine der Voraussetzungen dazu beschreibt Terry Patten in seinem Buch «Eine neue Republik des Herzens». Sie lautet: Die Ganzheit leben! Was aber bedeutet „Ganzheit“?

Einführung

Als „Ich“ bezeichnen wir unser Gefühl, unser Glaube und unsere rationale Vorstellung, dass wir getrennte Selbst in einer Welt sind, in der jeder gegen jeden ist. Diese Perspektive zeigt uns jedoch die Dinge nicht so, wie sie wirklich sind. Ihre fundamentale Realität ist die Ganzheit, die wir vor der Selbstkontraktion in die Getrenntheit wahrnehmen können. Diese Ganzheit ist von Natur aus glücklich und frei von Problemen, während die Getrenntheit begleitet ist von Gefühlen der Angst, Trauer, Wut, Lust, Gier und des Mangels.
Auf der Grundlage der Ganzheit zu leben erfordert Übung.

Ganzheit – eine Annäherung

Das Wort „ganz“ (whole) leitet sich von derselben etymologischen Wurzel ab wie die Worte „gesund“ (hale), „heilen“ (heal) und „heilig“ (holy). Ganzheit ist schwer fassbar. Man könnte vielleicht sagen, dass es die wesentlichste Natur der Realität ist. Aber auch diese Definition ist nicht ausreichend. Es ist nichts, was wir mit unserem Gehirn erfassen könnten. Eine allgemein verbreitete Idee ist, dass „das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile“. Das vermittelt einen Teil des Geschmacks der Ganzheit. Das Ganze ist unvorstellbar umfangreicher und mysteriöser und ehrfurchtgebietender als es sich unser Verstand vorstellen kann. Wir können es nicht kennen, aber wir können es wahrnehmen, und unsere Intuition von Ganzheit nimmt die Form von Ehrfurcht, Wunder oder Liebe an. Angst, Hass und Zwietracht sind die Produkte einer zwanghaften Fragmentierung.

Ganzheit ist eine dynamische Aktivität, sie ist immer ein Prozess.
Ganzheit hat eine Wirkungskraft: Die Dinge wollen sich in Richtung Ganzheit bewegen. Wir können uns Ganzheit in vielerlei Hinsicht vorstellen, und keine der Vorstellungen ist vollständig oder endgültig.
Wir können sie als grenzenlose Gesamtheit von allem betrachten, als «All-das-was-ist». Aber sie ist mehr als das.
Wir können sie auch als Quelle betrachten, aus der alles Leben, alles Sein entspringt oder als den letzten Omega-Punkt auf den alles zusteuert. Vielleicht ist Ganzheit paradoxerweise all das auf einmal!
Ganzheit ist ein radikales Mysterium, vielleicht nur intuitiv zu ergründen, wenn es zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten keinen Unterschied mehr gibt. Ganzheit will scheinbar mehr empfunden und gelebt als erkannt werden.

Ganzheit in Philosophie und Mystik

Ganzheit ist das zentrale Prinzip der ältesten Weisheitstraditionen der Menschheit auf das viele Namen hinweisen, z.B. das «unaussprechliche Tao» im alten China oder das «unteilbare Brahman-Atman» der indischen Veden. Westliche Mystiker nannten die Ganzheit das «Göttliche» oder «Gott» und verstanden sie transpersonal und nicht als anthropomorphe mythische Gottheit.
Im neunzehnten Jahrhundert entstanden durch idealistische Philosophen wie Fichte, Schelling und Hegel erste wissenschaftliche Beschreibungen von Ganzheit.
Heute gibt es Studiengänge wie transpersonale Psychologie oder integrale Philosophie, die ein transrationales Bewusstsein voraussetzen, also eine Intelligenz nutzen, welche die Vernunft transzendiert. Diese Intelligenz wird im Herzen verortet. Sie wird Herzintelligenz genannt. Mit ihr spüren wir subjektiv Ganzheit. Wir erfahren sie als Gefühlsimpulse wie Wertschätzung, Wohlbefinden, Zuneigung, Stärke und Grosszügigkeit. Die Erfahrung der Ganzheit liegt «vor» der Erfahrung des Getrenntseins, das als Subjekt-Objekt- Bewusstsein erscheint. Ganzheit hat viele verschiedene Namen: «Buddhanatur», «das wahre Selbst», «Bewusstsein» oder «Geist» oder «Gott» oder «Liebe».

Ganzheit und Fragmentierung

Obwohl unsere grundlegendste Natur der Realität Ganzheit ist, ist die vorherrschende Erfahrung des Menschen eine der Getrenntheit. Der Mensch trennt sich selbst von der Ganzheit ab, indem er zu einem «Ego» wird, d.h. indem er die Position eines separaten Selbsts in einer Welt getrennter Wesen und Prozesse annimmt. So wird die Ganzheit ständig fragmentiert.
Die Ganzheit, welche die Natur und Form der Realität ist, neigt jedoch dazu, sich selbst immer wieder zu behaupten, sich wieder aufzufrischen oder zu verstärken. Diese Tendenz wird vom Individuum als Wunsch nach Gesundheit oder nach Bewusstheit oder nach Liebe erlebt, eine Tendenz, die im Gegensatz steht zur Tendenz zur Fragmentierung, der dualistischen Teilung in «ich und das andere». Ganzheit aus der Perspektive des Getrenntseins zu suchen und wiederzufinden funktioniert hingegen nicht. Wir können nur aus dem Traum des Getrenntseins erwachen und intuitiv erkennen, dass es nicht wahr ist und es nie war.

Das Leben als Übungsfeld

Das Leben ist ein hartnäckiger Lehrer. Es liefert inhaltlich immer wieder die gleichen Lektionen in immer verschiedenen Formen an, bis wir die Lektion wirklich verstanden und sie fürs Leben gelernt haben. Als Schüler besteht unser Beitrag darin, anzuerkennen, dass die Lektionen sich immer auf den unmittelbaren Augenblick beziehen. Es geht ausschliesslich darum, tiefer in die Realität dieses Augenblicks einzutauchen. Der zweite Beitrag besteht darin, dass wir in jedem Moment die Verantwortung dafür übernehmen, der Ganzheit, dem Bewusstsein, dem Leben und der Liebe zu dienen.

Intuitive Erfahrungen der Ganzheit machen wir Menschen am direktesten in der Meditation. Meditative Intuitionen sind nondual und viel intensiver als duale kognitive Erkenntnisse. Sie werden immer als wahr und frei von Zweifeln empfunden. Wir können dabei das Mysterium Ganzheit, das ja bereits die Natur unserer Realität ist, erkennen.
Solche Einsichten sind begleitet von Gefühlen des Glücks und der Freiheit von Problemen. Diese intuitiven Erfahrungen geben uns den Mut und die Sicherheit unseren Alltag auf die Grundlage von Ganzheit zu stellen. Natürlich ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Tägliches Üben durch Meditation und bewusster Akzeptanz von Lektionen des Lehrers Leben gehört zur alltäglichen Praxis. Aber wir haben den Schleier gelüftet und wir können uns die liebenswerte Realität der radikalen, nicht getrennten Ganzheit vorstellen und fühlen. Diese Intuition leitet unsere Entscheidungen im Alltag.
Unser Herz hat sich geöffnet und wir haben erkannt, dass wir nicht von allem getrennt sind. Wir wissen, dass wir eins sind mit aller Existenz, eins mit der Liebe selbst. Dieses Feeling von Ganzheit wird uns zum Leitstern des Lebens.

Vom Suchen zum Üben

Suchende streben nach etwas, das sie nicht haben. Sie streben danach ganzheitlicher, gesünder und integrierter zu sein. Sie wollen weiser, glücklicher, weniger gestresst sein. Das Problem ist, dass das Suchen das Glück aktiv verhindert, das es zu finden sich vorstellt. Der Akt des Suchens selbst setzt einen zugrunde liegenden Mangel voraus. Es gibt eine angenommene Trennung von der Lebensquelle, von der sich die Suchenden vorstellen, dass sie «woanders» ist. Wie immer wir auf unseren Glauben an diesen Mangel reagieren, wir verstärken ihn! Fazit: Das Suchen selbst muss ein Ende haben. Die Suchenden bedürfen eines Wandels ihrer eigenen Motivation – von einem Gefühl des
Mangels zur soliden Verankerung in der zugrunde liegenden Realität. Sie müssen zu Übenden werden.
Urvertrauen in das Leben selbst oder in die eigene Existenz ist die beste Voraussetzung dazu. Es kann aber auch eine Intuition wundersamer Gnade sein, die einen Zustand der Dankbarkeit für das Leben hervorruft.
Es geht also beim Üben nicht darum, etwas zu suchen oder zu erreichen, es geht darum, sich an die gesunde Ganzheit oder an das Wohlbefinden oder an die Heiligkeit zu erinnern, sie zu erleben und daran teilzunehmen. Die bevorstehenden grossen gesellschaftlichen Veränderungen erfordern von uns paradoxerweise ein tiefes Vertrauen in das, was ist – eine tiefe Hingabe an eine Quelle, die wir nicht benennen können. Dieses Vertrauen, diese Hingabe ist die Essenz des wahren Übenden und es ist das, was dem Suchenden fehlt. Das Anerkennen und Bestätigen von Ganzheit, Heiligkeit und Güte neigt dazu, das Erwachen in die Realität zu erleben, das begleitet wird von einem dauerhaften und starken Gefühl der Freude.

Ganzheit und Herzintelligenz

Ganzheit wird im Herzen intuitiv wahrgenommen. Um auf der Grundlage von Ganzheit zu leben, müssen wir in der Lage sein zu erkennen und zu vertrauen, dass Ganzheit unser eigentlicher Wesenszustand ist. Das ist keine rein kognitive Erkenntnis, sondern ein Wissen, das im Herzen zu spüren ist. Die Wissenschaft bestätigt zunehmend, dass das Herz ein vitales Intelligenzzentrum im menschlichen Körpersystem ist. Es hat eine integrative Funktion. Die Herzintelligenz integriert die gesamte Intelligenz des Wesens.
Ganzheit ist die primärste Qualität der Existenz und das Herz ist der Ort, wo sie intuitiv wahrgenommen wird, – und Liebe ist ihr Ausdruck. Unsere mentale Intelligenz, die im Kopf zentriert ist und unsere visuelle Intelligenz, die im Darm zentriert ist, müssen mittels der Herzintelligenz integriert werden, um die Ganzheit zu erkennen. Schon Saint-Exupery schrieb in «Der kleine Prinz»: „Hier ist mein Geheimnis. Es ist ganz einfach: man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Es ist also unser Herz, das uns ermöglicht, aus dem Traum des Getrenntseins zur Ganzheit zu erwachen.

 

Gary Zemp Im April 2020
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