Anfänge und Grundlagen
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Ohne Fürsorge und Care-Arbeit gäbe es keinen von uns. Es gäbe keinen Privathaushalt, keine Arbeitskräfte, keine Wirtschaft – nichts davon. Und dennoch wird Fürsorge und Care-Arbeit in kaum einer der aktuellen Wirtschaftsdebatten auch nur erwähnt. Das ist auch deshalb befremdlich, weil der Begriff Ökonomie sich vom griechischen oikonomia herleitet, was Haushaltsführung bedeutet.

Riane Eisler

Das hier vorgestellte Buch wäre nicht das, was es ist, ohne seinen Vorläufer „Kelch und Schwert – Weibliches und männliches Prinzip in der Geschichte“. 1987 veröffentlichte Riane Eisler dieses großartiges Werk . Es wurde ein Weltbestseller und Riane Eisler damit berühmt. Es ist ein Grundlagenwerk in mehrfacher Hinsicht und spannend wie ein Psychogramm unserer Menschheit und Kulturentwicklung. Es nimmt uns nicht nur in die weibliche Geschichte mit, zu den Anfängen der Zivilisation (Paläolithikum, Neolithikum oder Altes Europa), sondern auch in heutige soziologische, psychologische, politische, ökonomische und kulturhistorische Bezugspunkte. Es ist ein integrales Buch und mich hat am meisten fasziniert, dass erstmals systemwissenschaftliches Denken mit dem Feminismus kombiniert wird. Eislers Vorgehen und Interaktion bezieht sich auch auf Werke und Visionen zahlreicher anderer bekannter Autorinnen und Autoren, sodass es wie ein Kompendium integraler Kulturentwicklung vom weiblichen und männlichen Prinzip gelesen wie verwendet werden kann.

Was das Buch so besonders macht sind der präzise, weite und beherzte Geist einer leidenschaftlichen wie komplexen Forscherin, die es wissen will und wenn ja, auf welchen Grundlagen und fragt: Können wir eine bessere und friedlichere Zukunft als Chaos, Krieg, Armut, Sexismus, Rassismus, Ungerechtigkeit, Artensterben und Gewalt hervorbringen? Ihre Antwort ist Ja! Es liegt an uns.

Was sie in Kelch und Schwert als Bifurkation, also als Weggabelung herausarbeitet und uns vor Augen führt, ist in aller Kürze ihre Aufforderung an uns, die Transformation zu vollenden – nämlich die Evolution von der Herrschaft zur Partnerschaft. Immer dann, wenn der weibliche Faktor (hier als „Gylanie“ beschrieben) von spezifischen Werten, Potenzialen und Kulturleistungen im Kommen war, hat sich das dominatorische männliche Muster von Herrschaft wieder in den Vordergrund gesetzt. Oft mit Gewalt und Diktatur. Dies verdeut-licht sie an zahlreichen Beispielen der Geschichte. „Frauenfragen sind Menschheitsfragen“ postuliert sie und beschreibt unsere Zukunft als Partnerschaftsmodell: für eine neue Wissenschaft, Spiritualität, Politik und Wirtschaft.

Und wenn die als weiblich bezeichneten Werte- und Zielvorstellungen voll in die gesellschaftspolitischen Richtlinien integriert werden, wird sich peu à peu auch ein politisch und ökonomisch gesundes und ausgeglichenes System herausbilden.

 

Die Zukunft unserer Sicht auf Ökonomie

Neben vielen weiteren Publikationen und Forschungen folgt 2007 die praktische Fortsetzung von Kelch und Schwert mit dem Originaltitel „The Real Wealth of Nations: Creating a Caring Economics“. Für diese Rezension liegt die deutsche Übersetzung seit einigen Tagen und aktualisiert in meinen Händen: „Die verkannten Grundlagen der Ökonomie“.

Schon im Vorwort zur deutschen Ausgabe formuliert Ernst Ulrich von Weizsäcker den Kern Eislers Denken:

Riane Eisler sieht die Gleichberechtigung nicht darin, dass Frauen möglichst viele derzeitige Positionen und Funktionen von Männern erobern. Ihr kommt es darauf an, dass die heute außerhalb des BIP blühenden gemeinschaftstragenden Fähigkeiten und Arbeiten gleichberechtigt werden, in der Anerkennung, im Status und auch monetär.

Eisler geht von einem Strukturfehler in unserer derzeitigen Wirtschaftsordnung aus, welcher im „Dominanzmodus der Herrschaftshierarchie“ künstliche Knappheiten, Oligopole, Arbeitslosigkeit, Armut, Hunger, Konkurse, Gewalt und zahlreiche weitere Symptome von Zusammenbrüchen sowohl in der Wirtschaft als auch in der sozialen Gesellschaft hervorruft.
Sie nennt als Wurzel einer dysfunktionalen und ausbeuterischen Ökonomie, die Ungleichheit und Zerstörung produziert, eine Gesellschaft, die Frauen und die ihnen überantwortete Care-Arbeit abwertet.

Ihr Kontrastprogramm dazu ist die Partnerschaftsökonomie, der „Partnerismus“, auf der Grundlage einer Gleichwertigkeit der Geschlechter, die vom Herrschaftsdenken zum allgemeinen Prinzip von Partnerschaft und Respekt in allen Bereichen der Gesellschaft gefunden hat, vor allem in Beziehungen und Institutionen.

Sie bricht auf mit dem, was wir bisher für „Ökonomie“ gehalten haben und formuliert ihre Kategorien von nachhaltiger Wirtschaft und integraler Kulturtransformation. Deutlich macht sie aus meiner Sicht den größten blinden Fleck im patriarchalen Modus, der einem Tabubruch gleich kommt: „sowohl Adam Smith als auch Karl Marx haben die überlebensnotwendigen Haushalts-, Familien-, Pflege- und Versorgungsarbeiten von Kindern oder Kranken oder die Führung eines Haushaltes für ihren Befreiungskampf als zu vernachlässigende Arbeiten der Reproduktion betrachtet. Diese Tätigkeiten waren für beide kein Thema oder revolutionierender Wert ihrer Argumentation. Dies hat sich bis heute in vielen anderen Bereichen kaum verändert.

Genau diese „Reproduktionssphäre“ in eine schlüssige, nachvollziehbare Argumentation und systemische Neuordnung innerhalb der Wirtschaft zu bringen ist die Herausforderung, der sich Eisler unermüdlich seit vielen Jahren stellt. Da wird und muss an allen Strängen von Geschichte, Gefühlen, Geschlechterrollen (Doppelstandard nennt sie diese, im Sinne einer Bewertung von Stärken und Schwächen und damit positiven oder negativen Bewertungen der Geschlechter), wirtschaftlichen Zusammenhängen, steuerrechtlichen Fragen, Lebensmodellen, anderen Kategorien, Werten und ihrer Anerkennung wie Integration gezogen und gefeilt werden.

Auch im deutschsprachigen Raum wird seit vielen Jahren unter der Überschrift „Care-Revolution“ über die Anerkennung und monetäre Vergütung dieser umfangreichen Fürsorgetätigkeiten geforscht, gesprochen, gestritten und verhandelt. Es gibt mittlerweile fundierte Ansätze und Veröffentlichungen und Netzwerke, von denen einige unten genannt werden.

Eisler kritisiert an einigen Stellen, dass auch progressive- und nachhaltige neue Ökonomie, wie die Postwachstumsökonomie oder die Gemeinwohlökonomie, die Bereiche der Fürsorge-Arbeit ebenfalls zu wenig mitdenken und integrieren.

Hierfür macht sie konkrete Vorschläge in Form eines Ausgangspunktes, von dem aus wir andere Fragen stellen und unser Denken öffnen können:

  1. Welchen Eigenschaften, Tätigkeiten, Dienstleistungen und Produkten wollen wir einen hohen bzw. einen niedrigen wirtschaftlichen Wert zuerkennen?
  2. Können wir tatsächlich eine soziale und umweltfreundliche Wirtschaftspolitik und –Praxis erwarten, solange Fürsorge nicht gesellschaftlich wertgeschätzt und finanziell anerkannt wird?
  3. Welche wirtschaftlichen Konstrukte sind nötig, um ein Wirtschaftssystem zu schaffen, das stärker auf Fürsorge basiert und effektiver, innovativer und nachhaltiger ist als unser aktuelles?

Wir brauchen also eine Analyse, die konsequente Quantifizierung der Care-Arbeit (Daten für die Schweiz oder Deutschland liegen dazu vor) und ein neues Narrativ zum Übergang in eine Fürsorgewirtschaft. Ganz sicher nicht, dass Frauen immerzu selbstlos für andere sorgen wollen. 2020 sind wir bereits weiter als 2007. Wir kommen an im postindustriellen Kommunikationszeitalter und in der Gesundheitsgesellschaft, wo uns beispielsweise das Framing von Selbstoptimierung, Humankapital, Potenzialentfaltung, Klimawandel oder KI immer vertrauter wird. Auch ist ein Paradigmenwechsel in der Übernahme von hohen politischen Positionen durch Frauen zu beobachten und viel mehr Einflussnahme kreativer Frauen und Vorbilder.

In diesem Zusammenhang erwähnt Eisler das integrale Bezugssystem, auszugehen von einer Evolution zu mehr Bewusstheit, Kreativität, Wissen, Agilität und persönlicher Entwicklung. Sie betont, dass diese zunehmende Komplexität unserer Gesellschaft neue Bedürfnisse, Fähigkeiten, Möglichkeiten und Antriebe hervorbringt, wenn wir Wirtschaft anders denken. Diese und besonders die weiblichen Beiträge zu ermöglichen und zu fördern ist das alte Patriarchat als Herrschaftshierarchie nicht fähig, da dieses eher die kontrollierenden menschlichen Verhaltensweisen stärkt und männliche Beiträge.

Auch Ken Wilber hat sich in „Eros, Kosmos, Logos“ auf Eisler bezogen, wenn er „vom Fortschreiten von niederen zu höheren Funktionsniveaus spricht und damit „Verwirklichungshierarchien“ meint, also solche, die das Potenzial des Organismus vergrößern und Züge von Mitgefühl und Empathie erlauben.

Verwirklichungshierarchie ist Rangordnung von Graden von Befähigung zur Ganzheitlichkeit.

(Ken Wilber und Riane Eisler)

Die Careökonomie auf einem anderen wirtschaftlichen Level ist aus meiner Sicht fortschreitende Ganzheitlichkeit und sehr komplex und anspruchsvoll.

Eisler appelliert am Schluss des Buches, „dass unser menschliches Abenteuer auf dieser Erde uns zu einem Scheideweg geführt hat. Wir können weiterhin >>Business as usual<< betreiben, im Wissen um seine evolutionäre Sackgasse oder wir können die evolutionär in uns angelegten großartigen Gaben nutzen, um eine neue Wirtschaftsgeschichte und eine neue ökonomische Realität zu schaffen – eine auf Partnerismus beruhende Caring Economy, die sowohl das Überleben der Menschheit sichert, als auch die Weiterentwicklung und Selbstverwirklichung der Menschen.“

  

Kurzvita Regina Hunschock, Jg. 1961

Hunschock ReginaDiplompädagogin, Philosophin, Systemische Aufstellerin und integraler Coach. Schreibende, mal poetisch, mal akademisch, meist zu feministischen Themen. Auf dem Pfad weiblicher Weisheit und Gründerin der FEMINASOPHIE. Politisch ambitioniert für die Care-Revolution und Fürsorgeökonomie. Freischaffende und öffentlicher Dienst als Leiterin eines Bürgerzentrums.
Kontakt: www.regina-hunschock.de und www.feminasophie.org
eMail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

„Feminasophie” mit Regina Hunschock – Podcast aus der Spotify-Reihe „Creativity for Future” von Ute Maria Lerner.

 

 

Erwähnte Literatur
  • Riane Eisler: Kelch und Schwert. Weibliches und männliches Prinzip, Freiamt 2005
  • Riane Eisler: Die verkannten Grundlagen der Ökonomie. Wege zu einer Caring Economy. Aus dem Amerikanischen übertragen von Ulrike Brandenhorst und illustriert von Christina S. Zhu, Marburg 2020
Weitere Quellen zur Care-Ökonomie

 

Riane Eisler (Autor), Christina S. Zhu (Illustrator), Ernst Ulrich von Weizsäcker (Vorwort), Ulrike Brandhorst (Übersetzer)
Die verkannten Grundlagen der Ökonomie: Wege zu einer Caring Economy
240 Seiten
ASIN : B08KY9XD5L
Büchner-Verlag; 1. Edition (14. Oktober 2020)

 

 

 

 

 

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